Wenn am Wickeltisch die Welt still steht – aus der Sicht eines Vaters

Eigentlich hat man’s beim zweiten Kind ja einfach, als Vater seinen Platz zu finden – der ist recht klar vorgegeben. Wo es beim ersten Kind noch einige Zeit brauchte, bis mann (der ja keine Brüste hat) sich klar ist, was man mit dem neuen kleinen Wesen eigentlich anfangen kann, ist es beim zweiten Kind doch recht eindeutig: der Frau (und dem Neuankömmling) den Rücken freihalten, während die beiden die ersten Schritte in die neue Zweisamkeit machen – indem mann sich um so intensiver mit dem Erstgeborenen befasst. Gemeinsame Ausfüge auf den Spielplatz, Zoobesuche, bei denen man am Eingang schon mit Namen begrüsst wird (man ist ja fast jede Woche da), Radtouren – alles, um Mutter und Baby erst mal Zeit zu geben, indem man Kind 1 aus der Sache mal raushält, bis sich die Wogen geglättet haben.

Spätestens aber, wenn man zum wiederholten male beim Heimkommen nach einem langen Arbeitstag Frau und Kind 1 herzlich begrüßt und von der Frau darauf hingewiesen werden muss, dass da ja noch jemand ist, wird einem aber dann doch klar: moment mal, da war doch noch was. Vor lauter Konzentration darauf, dass Mutter und Baby auch bloss ihre Ruhe bekommen und Kind 1 gut versorgt ist, kann es schon mal passieren, dass mann vergisst, dass es wohl auch etwas Arbeit bedarf, eine Beziehung zu „der Neuen“ hier aufzubauen, die da ja eigentlich eh meist zufrieden und relativ anspruchslos vor sich hingluckst, ab und zu an die Brust geführt wird und dort mit leisen Schmatzgeräuschen ihr vorsichtig geäussertes “ähm, wenns nicht zu viel Mühe macht bittesehr, ich hätte da mal Hunger”-Bedürfnis zu stillen.

Wenn da nicht das Wickeln wäre. Eine einmalige Chance, dem fremden Wesen näherzukommen, ohne dafür gewisse physiologische Voraussetzungen erfüllen zu müssen, die mann nun mal beim besten Willen nicht erfüllen kann, egal was die Motivationspsychologen sagen. Um ein Baby zu wickeln, braucht man eigentlich nur 2 Hände, eine Windel, und ein paar Feuchttücher. Sounds like something I can do!

Was hat aber wickeln jetzt bitte mit Beziehung zu tun? Wie komme ich meiner Tochter näher, wenn ich ihr den Po abwische?
Es gibt eben wickeln – und es gibt wickeln. Das eine ist ein (meist widerwilliges) durchführen einer notwendigen Tätigkeit, man versucht hier, das ganze so schnell wie möglich abzuwickeln und hinter sich zu bringen. Das andere ist eine intensive Zeit der Begegnung, ein Miteinander, eine Auszeit vom Alltag.
Nur Du und ich
Hier ist eine Situation, in der die Welt rundherum stillsteht: Es gibt nur mich und dich. Im besten Fall habe ich deine vollste Aufmerksamkeit und kann mit dir gemeinsam einige schöne Momente gestalten. Ich erkläre dir genau, was ich mit dir vorhabe, erkläre dir meine Handgriffe, bevor ich dich anfasse. Ich schaue Dir in die Augen dabei.
Wenn du andere Dinge im Kopf hast und mit mir spielen willst, dann spiele ich eine Zeit lang mit dir – hole dich aber dann wieder zurück in die Situation, wegen der wir uns hier getroffen haben. Das wichtigste ist aber, dass ich es schaffe, wirklich in der Situation bei dir zu sein. Und zu bleiben. Dass ich es schaffe, den laufenden Kommentar in meinem Kopf abzustellen, die Gedanken an die Arbeit, die Freunde, mit denen ich mich schon zu lange nicht getroffen habe, oder auch die Küche, die eigentlich aufgeräumt werden sollte. All diese Dinge haben in diesem Moment keinen Platz – dieser Moment gehört nur uns. Wenn ich das schaffe, dann sind wir auf dem besten Weg, uns über diese Pflegesituation eine Beziehung aufzubauen, uns genau kennenzulernen. Du lernst die Abläufe kennen, weisst genau, wann ich was tun werde, und hilfst mir dabei. Ich kenne deine Scherze schon. Und Du meine. Ich weiss, was du mir sagen willst, verstehe, was du mir mit deinen deine Gesten (und später auch Worten) sagen willst. Ich gehe auf dein Spiel ein, bis ich merke, dass wir zu weit abdriften – dann hole ich dich und mich in die Situation zurück. 
 
Und wenn wir uns so kennenlernen, dann stehen die Chancen, dass ich dich, wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme, nicht übersehe, sondern begrüße – auf ganz individuelle Weise.
(Danke an Herrn Groß, für diesen Post, diese Worte.)

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