Sonne und Wolken

FullSizeRender

Der letzte Kindergartentag. Der erste letzte von dreien dieser Art. Und der erste von womöglich vielen Abschieden und neuen Abschnitten. Bei drei Kindern hat man da einiges mitzumachen. Und das, wo mir so etwas so besonders schwer fällt. Weil die Sensibilität mein Herz zerquetscht, zu schnell Tränen drückt und mir dennoch diese in der Öffentlichkeit nicht erlaubt. Unangenehm ist es mir, unwohl fühle ich mich. Schon seit Tagen. Und gleichzeitig bin ich vorfreudig, denn das, was kommt, wird spannend. 

Herr Klein war die ganze Woche sehr eigenartig. Er schien mir etwas neben sich, ebenfalls zerrissen zwischen alt und neu, zwischen groß und klein. Ganz begreifen wird er die Veränderung noch nicht. Was bedeutet es, seine Freunde nicht mehr täglich zu sehen? In einem Alter, in dem man recht schnell und einfach noch neue trifft. Und mit dem Urlaub stehen zwischen Abschied und Neuanfang noch so viele Tage und Wochen, dass es unwirklich ist. Und das Neue so unklar. Auch für uns.

Deshalb lasse ich das Neue noch undeutlich und blass in der Ferne schweben und konzentriere mich heute auf das, was es ist: Ein Abschied. 5 Jahre Kindergarten liegen hinter uns. Ja, Herr Klein ging schon mit einem Jahr in die Krippe, spazierte dort hinein, als wäre es nichts besonderes und das, was er gesucht hätte. Im Kindergarten tat er sich bald schwerer, der Wechsel mit 3 Jahren in den Neuen fiel ihm schwer. Doch dann kamen Freundschaften und er wuchs und wuchs und manchmal kam ich selbst mit seiner Entwicklung nicht hinterher. Vor allem im letzten Jahr ist er zu einem großen, starken und fröhlichen Menschen geworden, den ich in ihm immer vermisst hatte. Er ist leichter geworden und überrascht uns immer wieder.

Die Kindergartenzeit hat aber auch uns geprägt. Schließlich haben auch wir hier vieles lernen müssen. Das Loslassen von Vorstellungen und Erwartungen. Auch wenn mir das nicht immer gelungen ist, es ist leichter geworden. Vieles kritisiere ich noch immer, aber nicht nur an diesem Kindergarten, sondern an allen Montessorieinrichtungen, die ich in den letzten 5 Jahren kennengelernt habe. Doch ich habe gelernt, dass vor allem eines zählt: Der Blick auf das eigene Kind, statt auf die Pägagogin. Habe ich ein Problem mit der Art und Weise, oder hat das Kind es? Wem muss es hier gut gehen, dem Kind, oder mir? Wie geht es dem Kind also? Immer mehr habe ich dadurch gesehen: Herrn Klein geht es gut. Dann kann es auch mir gut gehen.

Auch Vertrauen haben wir lernen müssen. Vertrauen darin, dass Herr Klein ohne uns gut zurecht kommt. Dass andere gut für ihn sorgen werden. Dass er bekommt, was er braucht, aber auch lernt, danach zu fragen. Und auch Vertrauen in ihn. Dass er uns sagt, wenn ihm etwas nicht gefällt oder passt. Ohne ihn danach auszuquetschen. Ich habe Herrn Klein selten gefragt, wie sein Tag war. Weil er darauf nicht geantwortet hat. Aber wenn ihm etwas wichtig war, hat er mir das erzählt. Nicht gleich, aber am Abend oder ein paar Tage später. Wenn wir unseren Kindern vertrauen und ihnen das Gefühl schenken, dass wir für sie da sind und ihnen zuhören, dann kommen sie und erzählen.

Geduld haben wir gelernt und lernen wir noch immer. Zu oft haben wir geglaubt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Dass es ihm nicht gut geht. Und meistens hat sich dann alles einfach aufgelöst. Geduld zu haben und die Entwicklung eines Kindes seinem selbstbestimmten Tempo zu überlassen ist wohl eine große Schwierigkeit für uns Eltern. Vor allem, weil wir umgeben sind von anderen und stetig vergleichen. Bewusst oder unbewusst. Herr Klein hat nun eben das Los des Ältesten und an ihm wird viel herumgedoktort. Er ist unser Versuchskaninchen. An ihm sehen wir, was wie gut oder nicht gut funktioniert. Das tut mir etwas leid für ihn, aber immerhin haben wir gelernt ihn geduldig zu betrachten und kennenzulernen. Und wir werden besser darin.

Wohlgesonnenheit den PädagogInnen gegenüber,  damit tue ich – die sich so viel mit Pädagogik und Entwicklung beschäftigt – mir natürlich besonders schwer. Aber ich habe eben gesehen, dass es nicht der erste und auch nicht immer der zweite Eindruck ist, der etwas über eine Person aussagt. Eigentlich weiß ich das, aber es ist nicht leicht, das abzustellen. Schon gar nicht, wenn es um unsere Kinder geht. Aber auch hier gilt: Wie kommt mein Kind mit dieser Person zurecht? Und welche Macken kann ich ignorieren, weil sie irrelevant sind (und weil ich selbst ja schließlich auch genug habe)? Ich bin dankbar, dass Herr Klein mit allen PädagogInnen ganz gut zurecht gekommen ist.

Ach ja, diese Dankbarkeit. Die ist wichtig. Vor allem, wenn wir tendieren dazu nur das, was nicht so gut läuft, zu sehen. Das Non Plus Ultra gibt es beim Kindergarten nicht. Irgendwas ist immer. Und deshalb ist es wichtig, dass man sich auf das fokussiert, wofür man dankbar ist. Dankbar war ich dort für viele Freiräume. Es gab keine Zwänge, Herr Klein musste nicht mitsingen oder zu bestimmten Festen basteln. Er musste nicht vor den Fotografen und auch beim Sommerfest nicht mitagieren. Ich bin dankbar dafür, dass er immer so akzeptiert wurde, wie er war. Und ich bin dankbar, dass heute aus diesem Kindergarten ein fröhliches Kind spaziert, dass dort Freundschaften finden konnte, sich dort frei entwickeln durfte, vieles gelernt hat auch ohne es immer als Lernen zu erkennen, dem Werte und Regeln wichtig sind und der dort immer gern hinein- und auch wieder herausgehüpft ist. Ein Kind, das immer gesehen wurde, nie übersehen und nie übergangen.

IMG_1062

Heute scheint die Sonne zwischen Wolken. Heute schwanken wir zwischen Aufregung und Abschied. Zwischen Wehmut und Neugier. Heute weinen wir lachend und tragen ein Chaos im Herzen, das irgendwann, aber nicht heute, zu einem gut sortierten Neuanfang beitragen wird.

Friday Fives

FullSizeRender

Rasant geht’s dahin mitten in den Sommer rein. Die vorletzte normale Woche ist geschafft, aber ich hab zumindest das Gefühl dass ich mit ihr gemeinsam dahingeflogen bin, Tempo gehalten habe und viel geschafft habe. Und dafür war ich dankbar:

1 – Zuverlässigkeit. Ich bin enorm dankbar, dass Herr Klein ein wirklicher verlässlicher Gesell ist. Wenn ich ihn um etwas bitte, kann ich mich gut auf ihn verlassen. Gerade hier im Haus hat er schon viele Freiheiten und sein Freiraum wird immer größer. Schritt für Schritt erweitern wir den und ich bin froh, dass ich mich dabei so gut auf ihn verlassen kann.

2 – Verhandlungsspielraum. Mit drei Kindern stehen hier die Bedürfnisse manchmal Kopf. Aber immer öfter können wir alle miteinander verhandeln, die Kinder beharren nicht mehr soooo sehr auf ihren Vorstellungen sondern sind zu Kompromissen bereit, wenn sie sich dabei gehört fühlen. Das tut gut und ist im Moment wirklich wichtig für uns alle.

3 – nordischer Urlaubsort. Der Sommer kommt und wird immer heißer. Umso dankbarer bin ich, dass wir heuer Schweden als Urlaubsziel gewählt haben. Die Aussicht auf zwei Wochen normale Temperaturen machen mir die momentane Hitze so viel erträglicher.

4 – Zweizeit. Am Sonntag war ich mit Herrn Klein allein im Kino. Ich genieße es mit jedem einzelnen Kind mal Zeit allein zu haben und bin dankbar, dass das trotz Baby bereits wieder möglich ist.

5 – heile Welt. Ich bin diese Woche mal wieder sehr dankbar für diese heile Welt, in der wir hier leben. Unsere syrische Flüchtlingsfamilie hat uns am Mittwoch zum Ramadanfest eingeladen. Für sie ist das ein großes Fest, eigentlich das größte im Jahreskreis und dass sie das nicht mit ihrer eigenen Familie feiern können, hat sie sehr traurig gestimmt. Da ist mir wieder bewusst geworden wie gut es uns geht hier. Und ich bin unendlich dankbar dafür, denn das ist einfach nicht selbstverständlich.

Nicht mittendrin aber dabei

FullSizeRender3

Ich bin keine Mutter, die auf dem Spielplatz mit in der Sandkiste hockt und Kuchen formend hurra schreit. Ich schiebe keine Autos über den Autoteppich der Kinder und ich spiele nicht mit ihnen verstecken. Miniklein wird so wie die anderen beiden auch keine Fingerspiele und Kniereiter von mir hören und sehen. Ich bin die Mutter, die nachmittags am liebsten strickend im Wohnzimmer sitzt und beseelt ist, wenn die Kinder lieber mit sich als mit mir spielen.

Das kommt vielen Eltern vielleicht etwas rabenmütterisch vor. Aber das bin ich. Mit Playmobilfiguren Ritterkämpfe austragen – das bin einfach nicht ich selbst und wenn ich nicht ich selbst bin, bin ich keine gute Mutter. Was ich jedoch mache: Ich verbringe Zeit mit meinen Kindern. Und ich interessiere mich für sie. Und beides halte ich für sehr viel wertvoller als das gemeinsame Backen von Sandkuchen.

Vor einiger Zeit noch habe ich mir die Dinge, die ich vormittags nicht fertig gebracht habe, einfach auf den Nachmittag verschoben. Da habe ich aber die Kinder daheim und nicht selten bin ich dann einfach nicht in Ruhe zu den Dingen gekommen, die noch auf meiner Agenda standen. Dann wurde ich genervt, gestresst und gereizt. Und die Nachmittage liefen aus dem Ruder. Bis ich begriffen habe: Die beste Agenda ist keine Agenda. Meine To Dos für den Vormittag sind so gewählt, dass sie schaffbar sind. Für den Nachmittag hebe ich mir nur “Eventualaufgaben” auf, solche, die ich mache, wenn es schaffbar ist, die aber auch nicht stressen, wenn ich nicht dazu komme. Keine Erwartung ist die beste Erwartung. Somit gehört der Nachmittag viel mehr den Kindern als mir. Meist bleibt der Laptop aus und ich sitze gemütlich im Wohnzimmer oder auf dem Balkon, im Hof oder im Salon vorm Haus, während sie spielen. Ich bin anwesend und da, wenn sie mich brauchen. Wenn sie mir etwas zeigen wollen, kann ich mich dafür interessieren, ohne dabei Aufgaben fallen lassen zu müssen und deshalb genervt zu sein. Ich bin einfach da.

Seitdem verbringe ich eine viel entspanntere und gelassenere Zeit mit meinen Kindern. Ich flippe viel weniger aus und wir haben es lustiger. Und erstaunlicherweise spielen die Kinder viel entspannter mit sich selbst, wenn ich es am wenigsten von ihnen erwarte. Und dann geht sich manchmal eben doch eine kleine schnelle Aufgabe, eine Email oder ein paar Seiten Geschriebenes aus. Dann flitze ich eben doch noch in den Keller und schmeiße eine Ladung Wäsche in die Maschine und Herr Klein ruft: “Aber lass doch Miniklein hier, ich passe so lange auf ihn auf.” Und ich könnte die Kinder knutschen und wir haben es einfach bunt.

Ach und im Übrigen liegt das Handy oft irgendwo. Seitdem ich keine Twitter oder Facebook Apps und keine Emails mehr darauf installiert habe, ist es nur mehr Fotoapparat oder Sprachrohr für die Absprache mit Nachbar*innen zwecks Nachmittagstreffen oder dem Liepsten zwecks Abendplanung. Und so versinke ich nicht mehr in den tiefen Weiten des Netzes, bin nicht gestresst von arbeitswütigen Emails, die am Abend auch noch da sind und kann dennoch hin und wieder mal einen Artikel lesen, wenn die Kinder vertieft im Spiel sind.

Die Kinder profitieren sehr davon, dass ich mehr da bin, mehr anwesend. Sie können viel besser ins Spiel versinken, wenn sie die Gewissheit haben, dass ich da bin und immer ansprechbar, auch wenn ich nicht mit ihnen im Kinderzimmer auf dem Boden hocke und böse Piraten abschieße. Und ich genieße meine Kinder wieder viel mehr, weil ich so viel mehr bei ihnen, als anderswo bin. Wenn ich geistig viel abwesend bin, fordern sie mich körperlich viel mehr ein, wollen viel mehr kuscheln und bitten, dass ich mit ihnen spiele. Wenn ich geistig mehr anwesend bin, kann ich körperlich etwas wegrücken und werde weniger eingefordert.
In Beziehung sein heißt nicht stets miteinander spielen. Es heißt präsent sein, anwesend, interessiert. Ich erwarte vom Liepsten auch nicht, dass er den ganzen Abend neben mir auf dem Sofa sitzt und mich streichelt. Aber ich wünsche mir, dass er ansprechbar ist und reagiert, wenn ich mit ihm etwas besprechen möchte.

Wenn uns stets und ständig unsere eigene Agenda so beschäftigt, dass wir nie ganz da sind, wo wir eigentlich sind, dann sollten wir dringend diese Agenda überdenken. Es hilft hier nicht nur umzuschlichten, sondern wo möglich auch zu reduzieren. In der Achtsamkeit redet man viel von “Im Moment sein”. Das ist nicht immer einfach und ich möchte das auch gar nicht so vehement predigen. Wir sind Menschen, wir schaffen es nicht jeden Moment als einzigartig zu betrachten und wahrzunehmen. Aber wir können uns selbst helfen mehr da zu sein. Anwesend. Indem wir uns mit Dingen befassen, die unseren Geist nicht so wegbeamen, dass wir das Umunsherum nicht mehr wahrnehmen oder genervt sind, wenn es uns einholt. Indem wir unsere Agenda so gestalten, dass Zeit für Miteinander ist. Zeit für Kontakt und Beziehung. Wir sind eine Familie nicht nur fürs Wochenende oder die Mahlzeiten. Und wenn, dann ist es höchste Zeit unsere Definition von Familie zu überdenken.