Eine der für mich eindringlichsten Übungen in der Achtsamkeitspraxis ist die Verrichtung der Dinge in Ruhe und Langsamkeit. Im Moment. Ganz präsent. Aber wie so oft gelingt mir das nicht immer, schon gar nicht im Alltag. Und schon gar nicht, wenn ich mal wieder alles auf einmal will, meine Bedürfnisse mit denen der anderen kollidieren und ich mich selbst verliere.

Im Winterurlaub darf ich das nun mal wieder besonders deutlich erfahren.

Gestern waren wir mit den Kindern im Schneegestöber auf dem Weissensee eislaufen. Auf der anderen Seite vom See ist eine kleine Skipiste, daneben kann man rodeln. Während die Kinder dort lustig mit ihrem Papa rodelten, lief ich eine Runde um den See. Dann hatte ich eigentlich genug und wäre gern zurück ins Haus um dort in Ruhe Mittagessen zu kochen und Pause zu machen. Gleichzeitig sah ich, welchen Spaß die Kinder hatten und ich fragte mich einmal mehr, warum ich nicht die lustige Rodelmama sein kann. Ich wechselte am Seeufer die Schuhe und ging zu ihnen.

“Mama, gehst du mit mir rodeln?” fragte mich der große Le. Ich zögerte kurz. Aber Rodeln hat ja früher auch Spaß gemacht, und oft kommt der Spaß im Tun. Also stand ich auf und sagte: “Ja, komm!” Wir marschierten den Berg hinauf. Auf halber Strecke merkte ich, wie der Le mit dem Schlitten kämpfte. Also nahm ich ihm die Schnur ab und zog das Holzgestell hinter mir her. Dabei achtete ich nicht mehr auf meine Schritte. Es hatte am Vortag geregnet, jetzt geschneit. Unter dem Schnee war eine glatte Eisschicht und genau die zog mir nun die Füße weg. und ich krachte mit voller Wucht zu Boden, direkt auf meine Rippen. Einen Moment blieb mir die Luft weg, dann hörte ich den Le: “Mama?” Ich spürte seine besorgte Stimme und stöhnte auf. “Autsch.” sagte ich, mehr ging nicht.

“Komm, setz dich auf den Schlitten, ich fahr dich runter.” sagte er mit unsicherer Stimme. “Nein”, sagte ich. “Fahr du runter, ich muss langsam machen.” Dann fuhr er runter und mir liefen die Tränen. Vor Schmerz. Und vor Verzweiflung, denn ich wusste jetzt wirklich nicht, wie ich da eigentlich runterkommen sollte.

Irgendwie schaffte ich es. Langsam und schwer atmend. Eine Stunde später wurde ich im Krankenhaus geröntgt. Vermutlich sind die Rippen geprellt, aber den Organen darunter geht es gut. Mit einer Packung Schmerzmittel fuhr ich zurück.

Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mache einen Umweg.

aus Japan

Und nun geht alles nur sehr sehr langsam. Das Atmen. Das Aufstehen. Das Hinsetzen. Das Nase putzen. Alles. Es schmerzt bei jeder Bewegung, mal mehr, mal weniger. Dennoch spüre ich, dass pures Liegen oder Sitzen nicht gut sind. Was ich nun brauche ist eine gute Balance aus Tun und Ruhe. Genau das, was ich schon immer suche. Was wir alle viel mehr brauchen. Ein gesundes Maß.

Nun tue ich alles wieder bewusst. Langsam und ruhig. Achtsam eben. Und irgendwie tut mir das sehr gut. Es ist, als wäre es genau das, was ich gebraucht habe. Weil ich in letzter Zeit schon wieder zu viel Gas gegeben habe. Schade, dass es manchmal so schmerzhafte Erinnerungen braucht. Es muss ja nicht immer eine Rippenprellung sein. Manchmal hilft auch schon eine Erkältung oder wir vergessen einen wichtigen Termin. Aber meistens sind es einfache Erinnerungen an die Langsamkeit, die wir wieder entdecken dürfen.

Danke!



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