Der Zauber meiner Kindheit

IMG_3140Am 7. November 1989 stürzte ich mit meinem Fahrrad und erlitt eine Gehirnerschütterung. Meine Freundin, die dabei war, erklärte den anhaltenden Erwachsenen, wo ich wohnte und dort brachten sie mich hin. Daheim fragte ich meine Mutter in Dauerschleife, was passiert sei und warum meine Jacke so blutverschmiert ist. Stellte ihr Fragen, die sie selbst nicht beantworten konnte. Die ihr selbst Angst machten. In Ermangelung eines Telefons ging sie mit mir zum nächsten Ärztehaus, von wo aus ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Am 9. November durfte ich das erste Mal wieder allein aufstehen und auf das WC am Gang spazieren. Mein erster Ausflug. Eine Art wieder gewonnene Freiheit. Auf dem alten WC war das Fenster leicht geöffnet. Ich schob den Flügel noch ein Stück zur Seite und schaute auf die Hauptverkehrsstraße von Wernigerode. Dem Ort meiner Kindheit. Der Anblick, der sich mir bot, hat sich so in meinen Kopf eingebrannt, wie für viele die Übertragungen aus Berlin. Die Straße, sonst leer und ruhig, war vollgestopft mit Autos. In beide Richtung schlängelten sich die Karossen. Doch nicht nur Trabant, Lada und Wartburg. Vielmehr waren es glänzende, mir unbekannte Wagen von drüben. Drüben, das nur wenige Kilometer weit weg bisher unerreichbar und fremd war. Das ich nur aus der kunterbunten Werbung der verbotenen Fernsehkanäle kannte. Die Grenznähe schickte uns diese Signale, von denen ich nicht verraten durfte, dass wir sie erhielten. So wuchs ich auf mit Fernsehsendungen von drüben und dem Radioprogramm eines fremden Landes, das sich nur sprachlich unserem ähnelte. Ich lauschte Verkehrsmeldungen von Straßen und Orten, die ich nie sah und nie befahren hatte.

Was wirklich in diesen Tagen geschah, begriff ich nur kindlich verwundert. Jetzt war offen. Dieses offen, von dem in den letzten Tagen und Wochen so viel geredet wurde. Und man hatte Sorge, ob es so bleiben würde. Ob wir nun immer nach drüben könnten. Und die von drüben zu uns. Die kamen wie Besucher im Zoo, um zu sehen, wie es wirklich war. Wie wir da lebten hinter der Mauer. In unserer grauen eingesperrten Welt. Ohne Bananen und Kinderschokolade.

Und mit diesem Wandel wandelte ich mit. Ich spazierte durch ein sich stetig wandelndes Schuljahr, wechselte nicht nur das Gebäude, sondern auch das System darin. Statt Polytechnischer Oberschule nun ins Gymnasium. Statt Thälmannpionier nun… nichts weiter als eine Schülerin der Oberstufe. Freunde gingen. Manche nach drüben, aus Angst, sie würden wieder zumachen. Und manche auf andere Schulen. Weil keiner wusste was Realschule und Gymnasium war und werden würde. Auch die Lehrer nicht.

Statt Russisch lernten wir Englisch. Statt Staatsbürgerkunde kam Religion. Die Naturwissenschaften hatten es gut. An der Mathematik oder Biologie konnte auch die Wende nichts rütteln. Nur die Schulbücher. Die wurden bunter und schwerer.

Und so wurde aus mir Ossikind ein deutscher Teenager. Ein Gesamtdeutscher? Wohl nicht. Im Osten änderte sich viel, aber innerlich blieb ich Ossi. Und bin es heute noch. Und irgendwie bin ich da sogar ein wenig stolz drauf. Denn meine Kindheit im Osten, die war schön und zauberhaft. Die war frei und offen. Statt Murmeln und Lego hatte ich die Wäscheklammern und Knopfkisten meiner Oma. Statt Trampolin, Schaukel und Rutsche im Garten hatte ich vom Nachbar selbstgebaute Stelzen, auf denen ich stundenlang die Welt erkundete. Das Spielzeug, das mich umgab war oft von Generationen her weiter gereicht. Und hat gereicht. Ich vermisste nichts. Und manchmal doch so viel. Denn ich sah die Werbung im Fernsehen. Sah im schwarz-weißen Bildschirm die kunterbunt glitzernde Welt des Westens in Grautönen flimmern. Ich wünschte mir dieses und jenes und wusste, es nie haben zu können.
Von einem Ausflug nach drüben brachte meine Großtante mir eine Barbiepuppe mit. Die blieb jedoch auch nach der Wende die einzige dieser Art, die ich besaß. Denn meine eigene Puppe war groß und ging im Puppenwagen nicht verloren. Ich konnte sie wickeln und ihre Haare mit einer echten Bürste kämmen. Ich konnte sie halten wie ein Baby. Die Barbie war nur schön. Und nicht einmal das.

Der Zauber dessen, was es gab und nicht gab, was ich mir wünschte und nicht haben konnte, was ich bekam und hütete wie kleine Schätze, ist das, was meine Kindheitserinnerungen bunt bekleckst. Es war kein elender Verzicht, kein Verlangen wie die Zigarette eines Nichtmehrrauchers. Es war ein Bewundern und Bestaunen einer anderen Welt. Ein Träumen und Wünschen.

Einen Sommer standen wir in brütender Hitze an für Wassermelonen. Mein Bruder, mein Cousin und ich. Pro Person gab es nur eine, so kamen wir dennoch auf 3 Stück, die wir unter uns teilen konnten. Wir schleppten die schweren Kugeln heim und mein Cousin ließ seine im Stiegenhaus der Platte, in der wir wohnten, fallen. Die Rechnung für zu viel auf einmal wollen. Selbst darüber haben wir gelacht. Und tun es heute noch.

Von denen drüben wurden wir belächelt für das ewige Anstehen um Bananen. Dass heute Menschen vor den Applegeschäften zelten wegen einem Smartphone, dass es morgen, übermorgen und in 1 Jahr immernoch gibt, belächelt niemand?

Früher war nicht alles besser. Aber auch nicht alles so schlecht und schlimm, wie es häufig dargestellt wird. Jedenfalls nicht für die Generation Kind.

Manchmal bekamen wir Geschenke von Verwandten, die ich gar nicht kannte. Bunte Kaugummikugeln, die wir heilig sammelten und einteilten, als wären sie Goldschätze. Noch heute haben diese bunten Kugeln, wenn ich sie im Supermarkt hängen sehe, einen zauberhaften Schein für mich. Aber nur, wenn ich alles glitzerbunte rundherum ausblende. Und dann frage ich mich, was für meine Kinder so besonders sein wird. In einer Welt, in der es alles gibt. In der ich bei jedem Einkauf erklären muss, warum es heute dieses Spielzeug und diese Süssigkeiten nicht gibt. Wo wir doch selbstverständlich Brot, Butter und Käse dort kaufen. Wieso nicht auch die Gummibären oder das eine Spielzeugauto? Wenn etwas kaputt geht, sagt Herr Klein “Müssen wir ein neues kaufen.” Gibt es ja schließlich überall. Das andere ist ja auch nur irgendwo gekauft. Nichts besonderes. Nichts einzigartiges.

Ich möchte meinen Kindern gern diesen Zauber schenken. Den Zauber, den ich erlebt habe als ein Kind im Osten. Den sicher auch viele Kinder drüben erlebt haben. Aber das ist wohl das Zauberhafte an meiner Kindheit. Dass sie stattgefunden hat in einer Welt, die es nicht mehr gibt. Die nur noch existiert in meiner Erinnerung und dem, was sich über die Jahre an Staub und Nebel darüber gelegt hat.
Aber es ist nicht leicht meinen Kindern diesen Zauber zu schenken. Wir sind im Alltag so mittendrin, schwimmen mit und geben hier oder dort nach. Wir können uns manche Dinge recht einfach leisten und dann kommt ein trotziges “Dann will ich mir das jetzt auch mal leisten!” in mir hoch. Vielleicht ist das die Seite, die jahrelang geschwiegen und mit großen Augen gestaunt hat.

Und so bin ich dankbar für die Kindheit im Osten, die ich hatte. Für den Zauber und unzählige bunte Erinnerungen aus einer Welt, nur nach außen farblos und blass erschien. Und dankbar für mein jetziges Leben hier draußen. In der Welt, die mir manchmal ein Stück zu bunt ist. Zu laut. Zu wild. Aber immer das bietet, was ich mir vielleicht doch ganz heimlich hier und da gönnen will.

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Comments

  1. telesabbie says

    so toll formuliert!
    so vieles erkenne ich wieder, von damals und von heute. und dazu denke ich an die seltenen riegel kinderschokolade oder yogurette, die ehrfürchtig in 3 oder 4 teile geschnitten und als etwas besonderes genossen wurden. welchem kind will man das heute noch erklären?

  2. nelll says

    als stille leserin möchte ich dir total beipflichten. meine familie ist 1989 als aussiedler von russland hierher gekommen. ich wurde einen monat später sieben und wurde eingeschult.
    an die zeit in russland in einem kleinen dorf komplett mit russlandsdeutschen in der tiefsten pampa kann ich mich noch sehr gut erinnern. wir hatten quasi nichts, noch um einiges weniger als im osten (schmunzel), haben uns selbst versorgt, aber trotzdem war meine kindheit von soviel freiheit und fantasie, jenseits von konsumdenken geprägt. das möchte ich niemals missen. sicher war es für meine eltern viel schwerer und ich bin sehr dankbar hier in deutschland ein zuhause gefunden zu haben, aber manchmal wünsche ich mir für meine zwei kinder, dass sie das auch erleben könnten.

    liebe grüße
    nelll

  3. Hille says

    Mal wieder ein so gelungener Beitrag!!
    Was braucht ein Mensch/ ein Kind um zufrieden sein zu können? Sind es im Kapitalismus die materiellen Dinge? Können wir uns von der ewigen Sucht nach immer teurer, immer besser und immer mehr überhaupt noch distanzieren? Unser Wirtschaftssystem profitiert von unserer Kauflust ….
    Und wir? Wir identifizieren uns über bestimmte Autofabrikate, unsere Urlaubsziele, ganz bestimmte Modelabels und, und und…..

  4. JELA says

    Danke für diesen sehr schönen Beitrag. Genau so habe auch ich vieles in Erinnerung. Und genau so wird auch ein Teil von mir immer Ossi bleiben. Und das ist okay. :-)

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