Wieder einmal – Flashback from Hell

Vor einem Monat hatte sich Herr Klein den rechten Arm gebrochen. Vorgestern bekam er den Gips ab. Wir waren erleichtert. Sehr. Heute fiel Herr Klein im Kindergarten von einer Holzbank. Auf besagten Arm. Schon am Telefon sagte mir die Leiterin: „Das sieht gebrochen aus.“

Herr Groß eilte schnellstens in den Kindergarten. Dort riefen sie dann die Rettung und fuhren ins Unfallkrankenhaus, wo man ihm vorgestern den Gips abnahm. Das Röntgenergebnis: Gebrochen. Aber komplexer als vorher und mit einem einfachen Gips nicht heilbar. Überweisung in die Unfallchirurgie eines Krankenhauses mit Kinderstation. Nun machte auch ich mich mit Frau Klein auf den Weg, denn updates des verunfallten Kindes per SMS oder sporadisch per Telefon zu bekommen ist für eine Mutter… Ihr könnt es Euch hoffentlich nicht vorstellen, wie das ist.

Als ich im SMZ Ost ankam, waren die beiden schon im OP-Bereich verschwunden und ich folgte ihnen. Herr Groß schaute mich an, faselte was von Vollnarkose und OP und ich sah, dass er mit sich zu kämpfen hatte. Der Flashback von vor 3 Jahren schlug uns um die Ohren. Beiden von uns. Dann ging er hinaus zu Frau Klein und ich übernahm meinen kleinen weinerlichen Sohn. In wenigen Minuten versuchte ich zu begreifen, wo ich war. Und was – wieder einmal – bevorstand. Wir warteten auf das Freiwerden des OPs. Und auf die Anästhesisten. Wieder einmal unterschrieb ich einen Wisch und erinnerte mich an das OP-Vorbereitungsgespräch von vor 3 Jahren. Natürlich war dieser Eingriff hier nichts im Vergleich zu einer Herz OP. Aber was diese damals aus Herrn Klein und seiner Beziehung zu Ärzten und Krankenhäusern gemacht hatte, stellte uns hier erneut vor eine wahnsinnige Herausforderung.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit bekam Herr Klein einen Beruhigungssaft, den er erstaunlich bereitwillig trank. Daraufhin tänzelten die Anästhesisten um uns herum und warteten, dass Herr Klein immer ruhiger und bereitwilliger wurde. Aber als er allein das Ausziehen seiner Schuhe verweigerte, merkte ich, dass es mehr bräuchte, als einen kleinen Becher roten Saft. Doch die Option gab es nicht. Als der Arzt auftauchte, sollte die Sache losgehen. Und irgendwie wollte ich das ja auch. Das Warten war nicht auszuhalten. Der Arzt nahm mir Herrn Klein aus dem Arm, was er, wohl doch etwas ruhig gestellt, mit sich machen ließ. Bis er begriff und begann zu schreien. Ich konnte nur noch hilflos zusehen, wie sie ihn davontrugen. Und er schrie und sich wand.

Die Schwester sah meine Tränen und kam sofort zu mir. „Wissen Sie, das macht er ja nur, weil er verärgert ist. Das ist nur Zorn darüber, dass das jetzt nicht so geht, wie er sich das vorgestellt.“ Ich wollte nur raus und schüttelte sie ab. Sie versicherte mir aber noch schnell: „An all das hier wird er sich nicht erinnern können. Das Beruhigungsmittel hat dafür gesorgt. Ganz sicher.“

Draußen fiel ich Herrn Groß in die Arme. Und nahm dann mein hungriges Baby zu mir. Und während ich stillte, ging mir erst auf, was die Schwester da gesagt hatte.

Ich möchte vorab betonen, dass die Menschen, denen wir heute im Krankenhaus begegnet sind, alle wesentlich freundlicher und einfühlsamer waren, als im AKH, wo Herr Kleins Ärztephobie seinen Ursprung hat.

Aber zu behaupten, dass ein Kind, das sich zum zweiten Mal in 5 Wochen den Arm gebrochen hat, zum zweiten Mal mit der Rettung ins Krankenhaus gedüst ist, das vor einer OP steht und keine Ahnung hat, was das bedeutet, das aus dem Arm seiner Mutter genommen wird, zornig ist oder verärgert, weil es hier seinen Willen nicht bekommt, finde ich äußerst… Ich weiß gar nicht, wie ich das finde.

Und ich weiß, dass die Schwester nur freundlich und unterstützend sein wollte. Das weiß ich auch – nach meiner Erfahrung im AKH – sehr zu schätzen. Aber was mich erschreckte, war – wieder einmal – zu spüren, was die weit verbreitete Ansicht über ein tobendes, sich windendes und schreiendes Kind ist.

Und dann noch zu behaupten, dass das Kind sich an diesen Moment nicht erinnern kann, zeugt davon, wie wenig Kinder wirklich verstanden werden. Denn auch wenn sie sich vielleicht nicht bewusst an diesen Moment erinnern, weil sie vielleicht wirklich schon ein wenig neben sich waren, so bleibt im Unterbewusstsein eine Narbe. So, wie Herr Klein schon eine Narbe hat von einer früheren OP-Übergabe. Sicher kann er sich bewusst nicht daran erinnern, wie 4 Personen in grün ihn mir damals aus dem Arm nahmen. Aber wer kann 100%ig sagen, dass wirklich nichts davon irgendwo hängenbleibt? Dass nichts davon hochkommt, sobald er dem Geruch von Krankenhaus ausgesetzt ist. Sobald ihm jemand körperlich zu nahe kommt. Sobald jemand ihn auch nur genauer „anschauen“ will.  Das kann mir keiner sagen. So wie mir keiner sagt, was mit ihm geschehen ist, die beiden Male, nachdem sie ihn mir aus dem Arm genommen haben. Nachdem sie ihn davongetragen haben und er außer Hör- und Reichweite war. Wie haben sie es geschafft ihm den Venflon zu setzen? Was war zwischen Übergabe und Narkose? Achso, egal, er kann sich ja eh nicht erinnern.

Nein? Die Untersuchungen im AKH, die wir regelmässig haben, sind nicht wirklich traumatisch. Die verliefen vollkommen problemlos. Bis zur Herz OP damals. Danach war alles anders. Danach war er panisch. Verängstigt. Schreckhaft. Und er ist es bis heute. Und nein, an nichts davon, weder die OP, noch die Intensivstation oder die Horrortage auf Normalstation kann er sich bewusst erinnern. Wohl auch nicht an – was auch immer – mit ihm passiert ist, als sie ihn mir aus dem Arm nahmen und davontrugen. Weil es viel tiefer sitzt. Viel viel tiefer.

Nein, mein Kind war nicht zornig oder verärgert heute. Er war – wieder einmal – panisch. Verängstigt. Und es liegt an uns, uns allein, das wieder zu richten. Denn der nächste Arzt, den er – wieder einmal – anschreit, der sieht nur wieder ein tobendes, ein unkooperatives Kind. Weil das die Ansicht ist. Die leichter zu ertragende. Aber ich habe keine Lust mehr, keine Kraft mehr daran zu arbeiten sein Vertrauen wieder herzustellen. Vertrauen zu  Menschen, die keins in ihn haben. Die ihm nichts zutrauen. Die ihn nicht ernst nehmen. Schreien darf er. Und toben. So dass wenigstens seine Seele von Zeit zu Zeit befreit und gereinigt wird. Und an meiner – an der arbeite ich später.

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Comments

  1. Liebe Nadine,

    der Beruhigungssaft hat bei meinen Kindern auch nicht gewirkt. Null. Ich hatte 2 Mal bei Kind 1 das „Vergnügen“, und auch mit Kind 3, ein schreiendes, widerstrebendes Bündel Mensch in den OP abzugeben, und es auch elend wiederzubekommen. Vom Legen des Zugangs in die Blutbahn wollen wir mal gar nicht reden. Furchtbar ist das.

    Ich könnte noch viel erzählen. Aber hauptsächlich will ich dir sagen, dass mir das furchtbar leidtut, für den Sohn, dich, und die ganze Famlie. Da ist auch nichts Gutes drin zu vermuten. Es ist einfach Mist.

    Alles Liebe, Christine

    • Ja genau. Großer Mist. Danke. Ich hab immer geglaubt, wenn andere Kinder anderer Eltern OPs hatten wie Mandeln oder Polypen oder sowas, dass das ja nix is. Nein. Nix im Vergleich zu ner Herz OP. Aber im Vorfeld spielt sich immer das gleiche Drama ab. Wirklich furchtbar.

  2. Mein Mamaherz blutet. Ich finde es schon bei meinem Baby furchtbar, dass bei Impfungen oder ähnlichem alle sagen „die erinnert sich da eh nicht dran“.
    Kinder sind kleine Menschen und müssen ernst genommen werden.
    Ich wünsche euch alles Gute und dass diese Narbe schnell verheilt.

    • Danke. Ja, das ist ein dummer Spruch. Denn selbst wenn sie sich nicht erinnern – wir wollen doch auch jeden Arztbesuch so angenehm wie möglich haben. Auch wenn nicht jeder im Gedächtnis bleibt. Es geht ja nicht immer nur ums erinnern, sondern auch einfach um das Hier und Jetzt. Aber daran denken viele nicht. Leider.

  3. Au weia … der Armbruch bei meinem Herzchen ging gottseidank glimpflich aus, aber ich ahne, was in dir vorgegangen ist. Sollte meine Jüngste in den OP müssen…. wobei wir im Herzkinderzentrum nur gute Erfahrungen gemacht haben und jetzt nach 5 Jahren scheinbar auch nichts grosses seelisch geblieben ist. Gleich fahren wir zum Frühstück der Herzkindergruppe …. ich werde aber weiter an Euch denken und wünsch Euch ein gutes Gelingen, dass die kleine Seele schnell heilen kann. Das Verhalten der Schwester ist aus ihrer Sicht ok … sie kennt die Vorgeschichte nicht, aber dennoch ist da noch viel an Elternarbeit zu leisten, damit die im Glauben Gutes zu tun nicht weiter verletzen.
    Liebe Grüsse aus der Mitte Deutschlands.
    Martina

    • Danke Martina,
      ja, ich glaube ja auch, dass die Schwester es nur gut gemeint hat. Aber wie heißt es so schön – das Gegenteil von gut ist gut gemeint – stimmt hier wohl mal wieder.
      Ich denke dass solche Herzkinderzentren doch schon weiter sind. Das ist hier in Österreich in Linz auch so. In Wien ist man da einfach nur eine Nummer. Die Unterschiede sind ein Wahnsinn. Leider wusste ich das vorher nicht, sonst hätte ich Herrn Klein in Linz operieren lassen.
      Nunja, nun sind wir da, wo wir sind und wie wir sind. Und werden es irgendwie schaffen. Hoffe ich. Aber eine OP steht uns nun noch bevor, weil die Metallstifte aus dem Arm wieder entfernt werden müssen. Das machts grad alles etwas grauer.
      Liebe Grüße aus Wien,
      nadine

  4. Liebe Du!

    So viel möcht ich dir zu dieser geschichte sagen – aber eins vor allem – du bist eine ganz ganz tolle Mutter und ich bewundere wie sehr du all das schaffst, spürst, siehst, schreibst. Niemand, der das nicht so durchgemacht hat kann es wirklich nachfühlen und viele Menschen reagieren aus eigenen Ängsten usw. heraus.

    Dein Blog hat mit bisher immer sooo gut getan – ich finde mich in so vielem wieder. Kurz gesagt – ich hab immer geglaubt viel über Kinder zu wissen ( arbeite ja auch am Jugendamt) … bis ich meinen Sohn bekam und ja, nun lerne lerne lerne.

    Ich möchte dir danken – aus ganzem Herzen, dass du immer so offen schreibst – danke dir!!!

    Ich wünsche euch allen viel Kraft in dieser Zeit!

    Heidi

    • Vielen dank für Deine Worte. Es tut gut zu hören, dass das Geschriebene nicht im luftleeren Raum verschwindet. Stattdessen ankommt, berührt.
      Danke !

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