vorbereitete Umgebung

Das kommt davon

Sie flitzt mit ihrem Laufrad den Weg entlang. Irgendwo hinten hört man ihre Mutter nach ihr rufen. Sie lacht. Radelt schneller, weiter davon. Sie flitzt so schnell, sie lacht, will sich umdrehen, das Laufrad gerät ins Strudeln, sie wackelt noch ein paar Mal hin und her und stürzt. Schreien. Die Mutter kommt angelaufen. “Das kommt davon, wenn Du der Mama davonfährst.”

Klar, wäre sie nicht davongeflitzt sondern brav bei Mama geblieben, wäre sie nicht gestürzt. Hätte sich nicht die Hände aufgeschürft. Hätte sich nicht geschreckt, nicht geweint. Dennoch ist das Davonradeln nicht Schuld am Sturz, ist der Sturz keine Strafe fürs Weglaufen. Der Sturz ist ein Sturz und tut weh. Er bringt Schrecken, Schmerzen und den Wunsch nach Trost und Nähe. Tränen rufen die Mutter, treffen aber nur auf Vorwürfe. Auf körperlichen Schmerz trifft hier seelischer.

Stellen wir uns vor wir laufen dem Bus nach. Wir stolpern, stürzen, zerren uns eine Sehne, haben Schmerzen, können ewig nicht richtig laufen (mir passiert in der Schwangerschaft). Hätte mir jemand gesagt “Das kommt davon, wenn Du dem Bus nachläufst. Kommt doch eh bald der nächste.” Vermutlich wäre ich sehr bösartig geworden. Denn oft ist es nicht nur der Schmerz, der da tief sitzt, sondern selbst der eigene Ärger. Klar habe ich mich damals geärgert warum ich hochschwanger bitte auf die Idee komme einem Bus nachzulaufen. Andererseits war es Dezember und kalt. Es gibt nichts schlimmeres, als wenn wir uns ärgern und jemand noch eins draufgibt, in dem er sagt: “Naja, aber da bist Du ja selbst Schuld!”

Abgesehen davon, dass ein Sturz immer ernst zu nehmen ist, egal ob sichtliche Verletzungen da sind oder nicht – wenn das Kind weint dann werden wir gebraucht. Unsere Nähe, unsere Zuneigung, unsere warmen Worte, unser Arm. Und auch wenn “nichts passiert” ist, so ist doch etwas passiert gerade: Du bist gestürzt. Du bist da auf den Arm, die Hand, den Bauch, das Knie gefallen. Du hast Dich geschreckt. Es gibt unzählige Sätze, die hier hilfreich sind. Und manchmal da hilft auch einfach Schweigen. Vor allem wenn uns Sätze wie “Das kommt davon.” über die Lippen kommen wollen. Sowas kommt ja nicht selten automatisiert aus uns heraus. Weil unsere Eltern das auch immer gesagt haben und solche Reaktionen tief ins uns stecken. Das gute ist aber: Wir haben es in der Hand daran etwas zu ändern.

Auch ich habe Herrn Klein schon Sätze wie “Ja, weil Du immer…” an den Kopf geworfen, wenn er verärgert war weil etwas nicht so lief wie er wollte. Weil ich genervt war, weil er immer… Aber das ist gewollte Erziehung und hat nichts mit Begleitung, mit Beziehung zum Kind zu tun. Auf meine Reaktion hin hat er dann meist auch nur laut geschrien. Vor Wut. Wut über mich und meine unliebsame Antwort. Aber vor allem Wut über sich selbst. Weil er wusste, dass ich recht hatte, ihm das aber in dem Moment einfach nicht weitergeholfen hat. Was bleibt ist nicht die Erkenntnis “Ach ja, wenn ich immer mein Fahrradschloss auf den Boden werfe, dann landet es irgendwo und ich komme nicht gut hin zwischen den anderen Rädern.” sondern die Wut. Die Wut und das Gefühl des unsagbaren Ärgers. Und irgendwann, da würde er nicht mehr kommen mit seinem Ärger, da würde er ihn für sich behalten und für sich wüten. Ich fände das sehr schade. Denn erstens kann ich ihm in Ruhe im Nachhinein sagen: “Naja weißt Du, vielleicht magst lieber das Fahrradschloß hier hinhängen, dann findest es auch und kommst besser hin, wenn Du es brauchst.” und zweitens bleibt so das Gefühl von “Aha, ja stimmt.”, das Gefühl von Verständnis und letztendlich liebevoller Kontakt zwischen uns.

Und wenn das Kind stürzt, so kann man es trösten und wenn es sich beruhigt hat kann man sagen: “Und jetzt möchte ich, dass Du bei mit mir mitkommst, es ist Zeit zu gehen. Ich mag es nicht, wenn Du wegläufst, wenn ich Dich rufe.” Dann hat man seine Botschaft auch angebracht. Und ist dennoch in liebevoller Beziehung zum Kind geblieben.

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Das Bedürfnis zu verstehen

IMG_6454Als ich an meinem Online Kurs “Paar sein und Bleiben” schrieb, spürte ich, wie ich immer wieder versuchte zu begründen, warum es nicht wichtig sei, die Wünschen und Bedürfnissen nur zu erfüllen , sondern ihn in diesen verstehen zu wollen und ernst zu nehmen. Es geht nicht darum, ihn glücklich zu machen, sondern zu verstehen, warum er das gerade (nicht) ist. Ich sah plötzlich, dass das nicht nur wichtig war, sondern dass das – dieses Respektieren, Interessieren und Verstehen wollen – womöglich der wesentliche Schlüssel zu einer guten Beziehung ist. 

Denn letztendlich ist das genau das Stück Fundament, auf dem alles aufbaut. Wenn ich mir nicht einmal die Mühe gebe, meinen Partner verstehen zu wollen, was liegt mir dann an ihm? Wie kann ich dann versuchen seinen Wünschen oder Bedürfnissen nachzugehen? Es geht ja nicht darum, ihn verstehen zu müssen, das ist nicht immer leicht, aber das Bedürfnis zu haben, es zu wollen, zu hinterfragen und nachzuhaken, Interesse zu zeigen und alle Aussagen möglichst ernst zu nehmen – das ist die Grundlage, auf der eine gute, gleichwertige Beziehung basieren kann.

Und dann dachte ich weiter – denn nicht nur in der Beziehung zum Partner ist das so. Auch in der zum eigenen Kind. Wenn ich immer meine zu wissen, was mit dem Kind los ist, was es “jetzt wieder will”, warum es etwas tut oder will (uns manipulieren?) dann fahre ich über die eigentlichen Bedürfnisse des Kindes womöglich (ziemlich sicher) hinweg. Wenn ich mein Kind nicht ausreden lasse, sondern seine Wünsche scheinbar erahne und auch gleich beurteile, wenn ich die Liebe zu meinem Kind an Bedingungen knüpfe (“Wenn du brav bist, dann…”), wenn ich es zu einer Person versuche zu erziehen, die es nicht ist, wenn ich ihm nicht zutraue, was es kann und Dinge verlange, zu denen es noch nicht bereit ist, wenn ich ihm nicht vertraue, dann kann ich mein Kind auch nicht verstehen, dann kenne ich es nicht und kann es auch nicht kennenerlernen. Und dann wird es mir immer schwerer fallen es zu verstehen. Und dann kann auch keine Beziehung zu ihm gelingen.

Es ist ein Zeichen von Respekt unseren Mitmenschen mit dem Wunsch nach Verständnis zu begegnen. Dieser Respekt gebührt nicht nur allen Menschen, er allein ermöglicht uns ein gutes Miteinander. Ohne Respekt fühlen wir uns nicht gesehen, nicht gehört und nicht wahrgenommen. Wir können nicht miteinander agieren, sondern haben das Gefühl, nebeneinander zu sein. Dann sind wir ein einziges Nebeneinander.

Dieser Respekt, dieses Verstehen wollen der anderen ist nun auch das, was all die Menschen von uns brauchen, die in unsere Länder geflüchtet kommen, weil bei ihnen Krieg herrscht. Wir sehen, was geschieht, wenn wir keinerlei Interesse an ihnen haben, wenn wir uns nicht bemühen zu verstehen, was sie bewogen hat zu fliehen. Wir hassen, wir fürchten unseren eigenen Stand, wir sind “besorgt” – um uns natürlich, nicht um die anderen. Das ist es, was geschieht, wenn wir unseren Kindern nicht mit Respekt und Verständnis begegnen – wir begleiten Menschen ins Leben, denen das auch nicht möglich ist. Wir können diese Menschen leider schwer ändern. Aber wir können denen, die es gerade dringender brauchen, respektvoll begegnen und mit ihnen kommunizieren um zu verstehen, was sie wirklich benötigen. Denn nein, sie wollen kein Reis mit Schweinespeck, auch wenn es sonst nichts gibt, sie wollen keine Tampons, weil sie nicht wissen, was sie damit tun sollen, sie brauchen keine Latexunterwäsche oder Badeanzüge, keine Flip Flops. Sie sind nicht undankbar, wenn sie das nicht annehmen. Wir sind ignorant, wenn wir uns nicht darum bemühen, sie verstehen zu wollen.

Oft sind wir heutzutage mit uns selbst beschäftigt, tragen unsere Gedanken und Sorgen mit uns herum und haben wenig Zeit und Energie, letztendlich wenig Willen, uns ernsthaft für unseren Gegenüber zu interessieren. Wir fragen “Wie geht’s?” und hören der Antwort längst nicht mehr zu. Wir lesen Nachrichten und bewerten diese. 140 Zeichen sind zu wenig für wahres Miteinander. Wir verlieren uns und kämpfen allein. Aber all das muss nicht sein, wenn ich bei meinen engsten Mitmenschen beginne. Wenn ich wieder mehr versuche sie zu verstehen. Mehr aus meiner eigenen Blase trete und mich umschaue. Und dann werde ich merken, dass es gar nicht so schwer ist, andere Menschen zu verstehen. Ich muss nur einmal den Schleier aus Ich und Selbst beiseite schieben.

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Wieder einmal – Flashback from Hell

Vor einem Monat hatte sich Herr Klein den rechten Arm gebrochen. Vorgestern bekam er den Gips ab. Wir waren erleichtert. Sehr. Heute fiel Herr Klein im Kindergarten von einer Holzbank. Auf besagten Arm. Schon am Telefon sagte mir die Leiterin: “Das sieht gebrochen aus.”

Herr Groß eilte schnellstens in den Kindergarten. Dort riefen sie dann die Rettung und fuhren ins Unfallkrankenhaus, wo man ihm vorgestern den Gips abnahm. Das Röntgenergebnis: Gebrochen. Aber komplexer als vorher und mit einem einfachen Gips nicht heilbar. Überweisung in die Unfallchirurgie eines Krankenhauses mit Kinderstation. Nun machte auch ich mich mit Frau Klein auf den Weg, denn updates des verunfallten Kindes per SMS oder sporadisch per Telefon zu bekommen ist für eine Mutter… Ihr könnt es Euch hoffentlich nicht vorstellen, wie das ist.

Als ich im SMZ Ost ankam, waren die beiden schon im OP-Bereich verschwunden und ich folgte ihnen. Herr Groß schaute mich an, faselte was von Vollnarkose und OP und ich sah, dass er mit sich zu kämpfen hatte. Der Flashback von vor 3 Jahren schlug uns um die Ohren. Beiden von uns. Dann ging er hinaus zu Frau Klein und ich übernahm meinen kleinen weinerlichen Sohn. In wenigen Minuten versuchte ich zu begreifen, wo ich war. Und was – wieder einmal – bevorstand. Wir warteten auf das Freiwerden des OPs. Und auf die Anästhesisten. Wieder einmal unterschrieb ich einen Wisch und erinnerte mich an das OP-Vorbereitungsgespräch von vor 3 Jahren. Natürlich war dieser Eingriff hier nichts im Vergleich zu einer Herz OP. Aber was diese damals aus Herrn Klein und seiner Beziehung zu Ärzten und Krankenhäusern gemacht hatte, stellte uns hier erneut vor eine wahnsinnige Herausforderung.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit bekam Herr Klein einen Beruhigungssaft, den er erstaunlich bereitwillig trank. Daraufhin tänzelten die Anästhesisten um uns herum und warteten, dass Herr Klein immer ruhiger und bereitwilliger wurde. Aber als er allein das Ausziehen seiner Schuhe verweigerte, merkte ich, dass es mehr bräuchte, als einen kleinen Becher roten Saft. Doch die Option gab es nicht. Als der Arzt auftauchte, sollte die Sache losgehen. Und irgendwie wollte ich das ja auch. Das Warten war nicht auszuhalten. Der Arzt nahm mir Herrn Klein aus dem Arm, was er, wohl doch etwas ruhig gestellt, mit sich machen ließ. Bis er begriff und begann zu schreien. Ich konnte nur noch hilflos zusehen, wie sie ihn davontrugen. Und er schrie und sich wand.

Die Schwester sah meine Tränen und kam sofort zu mir. “Wissen Sie, das macht er ja nur, weil er verärgert ist. Das ist nur Zorn darüber, dass das jetzt nicht so geht, wie er sich das vorgestellt.” Ich wollte nur raus und schüttelte sie ab. Sie versicherte mir aber noch schnell: “An all das hier wird er sich nicht erinnern können. Das Beruhigungsmittel hat dafür gesorgt. Ganz sicher.”

Draußen fiel ich Herrn Groß in die Arme. Und nahm dann mein hungriges Baby zu mir. Und während ich stillte, ging mir erst auf, was die Schwester da gesagt hatte.

Ich möchte vorab betonen, dass die Menschen, denen wir heute im Krankenhaus begegnet sind, alle wesentlich freundlicher und einfühlsamer waren, als im AKH, wo Herr Kleins Ärztephobie seinen Ursprung hat.

Aber zu behaupten, dass ein Kind, das sich zum zweiten Mal in 5 Wochen den Arm gebrochen hat, zum zweiten Mal mit der Rettung ins Krankenhaus gedüst ist, das vor einer OP steht und keine Ahnung hat, was das bedeutet, das aus dem Arm seiner Mutter genommen wird, zornig ist oder verärgert, weil es hier seinen Willen nicht bekommt, finde ich äußerst… Ich weiß gar nicht, wie ich das finde.

Und ich weiß, dass die Schwester nur freundlich und unterstützend sein wollte. Das weiß ich auch – nach meiner Erfahrung im AKH – sehr zu schätzen. Aber was mich erschreckte, war – wieder einmal – zu spüren, was die weit verbreitete Ansicht über ein tobendes, sich windendes und schreiendes Kind ist.

Und dann noch zu behaupten, dass das Kind sich an diesen Moment nicht erinnern kann, zeugt davon, wie wenig Kinder wirklich verstanden werden. Denn auch wenn sie sich vielleicht nicht bewusst an diesen Moment erinnern, weil sie vielleicht wirklich schon ein wenig neben sich waren, so bleibt im Unterbewusstsein eine Narbe. So, wie Herr Klein schon eine Narbe hat von einer früheren OP-Übergabe. Sicher kann er sich bewusst nicht daran erinnern, wie 4 Personen in grün ihn mir damals aus dem Arm nahmen. Aber wer kann 100%ig sagen, dass wirklich nichts davon irgendwo hängenbleibt? Dass nichts davon hochkommt, sobald er dem Geruch von Krankenhaus ausgesetzt ist. Sobald ihm jemand körperlich zu nahe kommt. Sobald jemand ihn auch nur genauer “anschauen” will.  Das kann mir keiner sagen. So wie mir keiner sagt, was mit ihm geschehen ist, die beiden Male, nachdem sie ihn mir aus dem Arm genommen haben. Nachdem sie ihn davongetragen haben und er außer Hör- und Reichweite war. Wie haben sie es geschafft ihm den Venflon zu setzen? Was war zwischen Übergabe und Narkose? Achso, egal, er kann sich ja eh nicht erinnern.

Nein? Die Untersuchungen im AKH, die wir regelmässig haben, sind nicht wirklich traumatisch. Die verliefen vollkommen problemlos. Bis zur Herz OP damals. Danach war alles anders. Danach war er panisch. Verängstigt. Schreckhaft. Und er ist es bis heute. Und nein, an nichts davon, weder die OP, noch die Intensivstation oder die Horrortage auf Normalstation kann er sich bewusst erinnern. Wohl auch nicht an – was auch immer – mit ihm passiert ist, als sie ihn mir aus dem Arm nahmen und davontrugen. Weil es viel tiefer sitzt. Viel viel tiefer.

Nein, mein Kind war nicht zornig oder verärgert heute. Er war – wieder einmal – panisch. Verängstigt. Und es liegt an uns, uns allein, das wieder zu richten. Denn der nächste Arzt, den er – wieder einmal – anschreit, der sieht nur wieder ein tobendes, ein unkooperatives Kind. Weil das die Ansicht ist. Die leichter zu ertragende. Aber ich habe keine Lust mehr, keine Kraft mehr daran zu arbeiten sein Vertrauen wieder herzustellen. Vertrauen zu  Menschen, die keins in ihn haben. Die ihm nichts zutrauen. Die ihn nicht ernst nehmen. Schreien darf er. Und toben. So dass wenigstens seine Seele von Zeit zu Zeit befreit und gereinigt wird. Und an meiner – an der arbeite ich später.

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