Radtour zu fünft :: Entschleunigung per pedales

Seitdem wir Kinder haben – halleluja also seit 8 Jahren – träumen wir davon mit ihnen gemeinsam so zu reisen, wie wir es lieben: mit dem Rad. Und Zelt. So richtig down to Earth und einfach. Aber bisher war das nicht zu schaffen. Ich war schwanger, das kleinste Kind zu klein oder das Wetter passte nicht. Denn im Hochsommer, während der Feriensaison, ist es eindeutig zu heiß für solche Touren. 

Doch heuer wollten wir es schaffen. Der Mai bietet unzählige lange Wochenenden und Pfingsten bot sich an. Bis kurz vor Abreise war es jedoch unklar, ob wir es wirklich schaffen würden, denn hier war ständig eines von Dreien krank. Wir hatten immer noch München als Alternative, denn die Haustauschfamilie, mit der wir dort nun jährlich einmal tauschen, hatte sich schon auf unsere Wohnung gefreut. Wir mussten also raus hier. Fest entschlossen und vorfreudig begannen wir am Donnerstag zu packen. Ich bin ja kein packfreudiger Mensch, aber wenns ums Radeln geht, werde ich ganz euphorisch. Da geht es nämlich ums Eingemachte. Da darf nur das wirklich wirklich wirklich Essentielle mit. Prinzipiell kein Problem. Aber bei 5 Isomatten, 5 Schlafsäcken und Zelt ist da schon mal einiges an Packtaschen belegt. Doch Freitag stellten wir fest: Dank dem Anhänger, den wir ja für Miniklein mitnehmen mussten, ging sich alles Pi, Pa und Po aus. Sogar unsere Campingküche, die kleine feine. Und sogar ein paar Gabeln und Löffel hurra!

Am Samstag ging es also los. 4 Fahrräder, ein Anhänger, 5 Personen und Gepäck. Beim Radladen des Vertrauens noch schnell mit neuen Flaschenhaltern ausgestattet, damit die Menge an Trinkflaschen Platz hat. Dann fuhren der Liepste mit Rad und Anhänger und Herr Klein mit Rad zum Bahnhof. Ich nahm mit Frau Klein die U-Bahn mit ihrem und meinem Rad, denn der Weg dahin durch die Stadt ist für sie und somit auch uns schon recht stressig. Am Hauptbahnhof trafen wir uns und alle anderen Wiener Familien, die ähnliche Pläne hatten. Das Wetter versprach nur Gutes, also wollten alle an den Neusiedler See. Der Zug war jedoch gerüstet und mit Geschiebe und Gedränge und guter Stimmung quetschten wir uns alle hinein und fuhren auf die kleine große Reise.

Von Purbach aus wollten wir bis nach Rust, laut Liepstem eine Etappe von 10km, laut Realität waren es 20km. Nun gut, für uns kein Problem, Frau Klein hatte sowieso immer die Option in den Anhänger zu wechseln, ihr Rad oben drauf. Und Herr Klein strampelte alles fröhlich und mit genügend Pausen mit uns mit. Wichtig war uns immer, dass sie Freude dabei haben. Dass wir ihnen das Ganze nicht beim ersten Versuch verleiden. Also hielten wir die Etappen gering und überschaubar. Tja und am Neusiedler See gibt es sowieso keine wirklichen Höhenunterschiede, da rostet die Gangschaltung müde ein. Von Wind getrieben bekam Frau Klein am Rad sogar richtige Lachanfälle und quietschte fröhlich umher. Ich musste mich an neue Geschwindigkeiten gewöhnen, da ich früher eher schnell unterwegs war. Aber auch das gefiel mir mit der Zeit immer besser, es entschleunigte und ich nahm die Umgebung viel besser wahr.

Am Zeltplatz waren sie natürlich total überdreht. Alles neu, alles aufregend. Zelt aufbauen, gleich hineinkriechen, um die Schlafsäcke prügeln, Isomatten hin- und herschieben. Da muss man seine eigenen Ansprüche an gemütliches Zelten und Entspannen gleich mal runterschrauben. Na gut, das sind wir ja gewohnt. Und wenn man ihnen kleine Aufträge erteilt, dann sind sie ja gleich ganz begeistert bei der Sache.

 

Am nächsten Tag nahmen wir die Fähre über den See und fuhren zum Zicksee. Der war zwar nicht mehr als eine Lacke (zu deutsch Pfütze), aber der Zeltplatz war schön gelegen und es gab großartige Spielplätze. Spielzeug hatten wir ja keines dabei, aber das Campinggeschirr eignet sich auch hervorragend zum Spielen und Mutter Natur ist ja sowieso der größte Spielplatz.

Und mit jedem Kilometer stellte sich immer mehr Entschleunigung ein. Immer mehr weg von der Realität und dem Alltag. Immer mehr hinaus in die Welt der absoluten Reduktion. Und nebenher die Welt der Dauercamper und Mobilheimbewohner, an der wir am Zeltplatz vorbeischlichen. Für mich eine absolut absurde und skurrile Welt.

Schön ist es immer auf Familien zu treffen, die ähnlich ticken. Mit denen man sich über die Optimierung von Gewicht bei Isomatten und Schlafsäcken unterhalten kann. Touren und Vorstellungen und natürlich Begeisterung und Euphorie teilen kann.

Das Schlafen im Zelt war gemütlich, nach so einem Tag draußen schlafen die Kinder ja erstaunlich gut und sogar recht lange. Und der Liepste und ich waren beglückt, wie gut all das funktioniert hat. Anstrengung gab es natürlich, aber im Grunde nicht mehr als im ganz normalen Wahnsinn hier daheim. Drei Kinder sind drei Kinder und viel Arbeit. Aber sie sind auch lustig und viel Spaß. Sie sind Energiefresser und Kraftquelle zugleich.

Einige Jahre werden wir nun noch in diesen einfachen und flachen Gefilden reisen müssen, denn Miniklein und Frau Klein werden noch lange keine großen oder schwierigen Distanzen schaffen. Aber wir freuen uns, dass es möglich ist. Die Schlafsäcke und Isomatten wandern vorerst in den Keller, aber sicher nicht wieder für 8 Jahre.

Hier noch ein kleiner Einblick in unseren Packstatus, der natürlich noch verbesserungswürdig ist:

Was wir zu viel mit hatten:

  • Regenjacken (das lag aber auch an der unsicheren Wetterlage vorab)
  • Isomatten (da reichen im Zelt 4 für uns alle 5, wenn man sie gut auslegt)
  • Feuchttücher (was blöd ist, wenn man zu wenig Windeln mitschleppt)
  • Notizbuch und Kindle (hab ich letztendlich nie hinein geschrieben bzw. geschaut)
  • Socken (überhaupt ist das ja auch Radltour alles überbewertet mit den frischen Klamotten)

Was wir zu wenig mit hatten:

  • Zahnbürsten (Herrn Kleins schlichtweg vergessen)
  • Windeln (na gut, am Ende hatten wir dank Sparsamkeit sogar zwei über)
  • Löffel (wer hat die Gabeln eingepackt? Wer braucht Gabeln unterwegs???)

 

 

 

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