„Mama, wie macht man eigentlich Babies?“

Heute früh saß ich mit meinem großen Kugelbauch in der Garderobe und kämpfte damit, mir die Schuhe anzuziehen. Herr Klein saß vor mir, schlüpfte in seine Schuhe und fragte ganz nebenbei: „Mama, wie macht man eigentlich Babies?“ Ich bin morgens nicht sehr redselig und schon gar nicht in der Laune eines Erklärbären, aber diese Frage schien mir ob unserer Situation und der baldigen Ankunft eben eines solchen Babies doch recht wichtig. Und ich war unglaublich froh und dankbar für das Buch „Peter, Ida und Minimum“, das ich zu Beginn dieser Schwangerschaft gekauft habe.

Denn ehrlich: Was antwortet man einem fast 6-Jährigen auf diese Frage? Wie genau bin ich? Was kann ich ihm zumuten, zutrauen und was ist wichtig zu wissen? Früher wäre mir ein 6-jähriger zu klein vorgekommen für die Aufklärung, ich hätte mich womöglich gefragt, was davon ihn überfordert und mit kindlichen Worten die Frage mit in meine Schuhe eingeschnürt. Doch heute plauderte ich ganz offen von Samenzellen, Eizellen, dem Geschlechtsverkehr und den Geschlechtsteilen von Mann und Frau. Es war nicht ganz so einfach, wie es jetzt klingt. Vor allem, weil ich selbst es nicht gewohnt bin, so offen darüber zu reden. Weil auch mit mir niemals so offen darüber geredet wurde. Weil ich irgendwo zwischen Biologieunterricht mit 14 und den ersten Bravo-Ausgaben nach der Wende aufgeklärt wurde. Weil ich von Sex keine Ahnung hatte bis zu meinem ersten Freund, der so fasziniert von dem Thema war, dass es mich komplett überforderte. Weil ich jahrelang keinen guten Bezug zu meinem eigenen Körper, meinen sexuellen Empfindungen hatte.

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Als wir im Sommerurlaub den Kindern erzählten, dass sie noch ein Geschwisterchen bekommen, schenkten wir ihnen dazu das Buch „Peter, Ida und Minimum“. Ich hatte es im Hinterkopf als Aufklärungsbuch, fand es aber nun schon passend und wir begannen zu lesen. Und während des Lesens war ich immer wieder erfüllt von „Wow, und das soll er jetzt alles schon wissen?“ Aber Herr Klein lauschte. Frau Klein saß wie immer daneben und hörte zu oder schaute in ihr Buch und plauderte vor sich hin. Wir lasen das Buch einmal komplett durch und dann verschwand es für eine Weile von der Bildfläche. Irgendwann zog er es wieder hervor und wollte es wieder lesen. Und genau so ließen wir es geschehen. Es war immer seine Entscheidung, das war mir wichtig.

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Fakt ist, dass das Buch uns selbst sehr geholfen hat, weil es uns eine Sprache verliehen hat für ein Thema, das für viele von uns einfach zu verschlossen ist. Das so sehr  – vor allem vor den Kindern – tabuisiert wird.
Aber auch Herrn Klein gibt es ein wenig ein Verständnis von dem, was los ist. Es geht ja nicht nur um Sex, es geht auch um das Kind, das im Bauch wächst, geboren wird in eine Familie hinein. Eine Situation, die er kennt, aber die nun doch noch einmal auf ihn zukommt und trotz dieser Wiederholung auch wieder anders sein wird. An seinen Reaktionen erkennen wir das Interesse, aber auch die Unsicherheit, die Fragezeichen im Kopf, die Ungeduld, das kindliche Unverständnis. Und doch versteht er mehr, als wir glauben.

Und noch einen Vorteil hat das Buch und die frühe Aufklärung in diesem Alter. Vor einem Jahr fuhr hier im Park vor unserem Haus ein Mann umher, der mit seinem Genital die Kinder in Kindergarten und Schule oder auch im und um den Park belästigte. Er berührte sie nie, soweit kam es zum Glück nie, aber er war da und präsentierte sich. Die Kinder erzählten das und wir riefen die Polizei. Mehrmals. Durch eine rechtzeitige Aufklärung spüren und erfahren Kinder, was richtig und was falsch ist. Was sein darf und was nicht. Denn es geht ja nicht nur darum zu erklären, wie Sex funktioniert und was dort geschieht, sondern auch, was die Rahmenbedingungen dafür sind. Liebe, Nähe, Zuneigung und die Bereitschaft von beiden beteiligten Personen. Und plötzlich wusste ich, dass diese frühe Aufklärung nicht unbedingt überfordernd, sondern wirklich hilfreich und schützend sein kann. Wir müssen es den Kindern gar nicht unbedingt sagen, warum wir dieses Buch gekauft haben oder ein großes Thema daraus machen. Wenn wir es einfach ins Regal stellen und den Kindern überlassen, wann sie es nehmen und anschauen, dann können sie so durch einen ganz natürlichen Zugang auch viel gelassener und in ihrem Tempo dieses Thema erforschen. Und das ist es doch, was wir ihnen als Eltern wünschen sollten.

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Im Moment ist natürlich die Tatsache, dass hier bald ein Baby bei uns einzieht, der Hauptgrund für solche Fragen. Und dass er diese Frage stellte, obwohl wir das Buch schon einige Male angeschaut haben, zeigt mir, wie sehr es ihn beschäftigt. Und wie wichtig es ihm auch scheint von uns zu hören und nicht nur durch die Worte anderer auf Papier. Wie sehr er versucht zu verstehen.

Und ich bin froh, dass ich ehrliche Antworten habe und kann allen dieses Buch nur sehr empfehlen.

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Comments

  1. Liebe „Buntraum“,
    Bei uns ist es auch Thema. Klar, durch das Geschwisterchen (zur Vorbereitung auf Purzelinas Hausgeburt bzw. Nachbereitung von Lüttes hatten wir die Bücher „Runas Geburt“ und „Fisch und Schokolade“), aber auch mir ist das Thema gerade in Vorbereitung auf die Schule wichtig (dieser „schreckliche“, aufregende, neue Lebensabschnitt mit seinen neuen „Gefahren“, der kommenden neuen Selbstständigkeit von Lütte, wenn sie dann mal den Schulweg alleine geht) (ich überspitze hier ein wenig, aber rabäää! mein Baby!!! Und Schule!!! Und alleine!!!).
    BeimLesen deines Textes dachte ich erst „oh maan, da macht sie sich aber Gedanken drum, ist doch was ganz natürliches, das sollte doch nicht so schwer sein“, aber dann beschriebst du ja deine eigenen (Nicht-)Erfahrungen mit dem Thema. Und dann kam ich ins Überlegen: ich war früher auch eher so, dass ich nicht über solche Themen gerne redete, aber dann kam die lange (Leidens-)Zeit des unerfüllten Kinderwunsches und -peng!- schon MUSS man sich mit allem was mit Sexualität, Körper, Biologie, Zyklus, Spermagramm etc. zu tun hat beschäftigen! Dabei lernte ich wohl eine gewisse Gelassenheit zum Reden über diese Themen. Auch weil ich merkte, dass ich mit meinem Wissen darum, andere Menschen helfen konnte (eine Kinderwunsch-Freundin weihte ich z.B. in das Thema „Natürliche Familienplanung“ ein, inklusive Zyklusphasen- und Zervixschleimerkundung etc. und daraufhin wurde sie nach kurzer Zeit tatsächlich schwanger! Ja, über sogenannte „Tabuthemen“ zu reden, kann wunderbar helfen!) Zum anderen hat mich auch meine Entscheidung für eine Menstruationstasse (Mooncup) offener werden lassen mit solchen „Tabuthemen“!
    Ich möchte meine Töchter ohne Tabus aufwachsen lassen. Wir „Pädagogen“ wissen ja, dass Kinder jeden Alters immer viel mehr mitkriegen, als wir eigentlich annehmen (oder manche Erwachsenen sich wünschen), daher bringen manche Tabus nichts.
    So rede ich mit meiner auch fast Sechsjährigen offen über meine Menstruation und auch dass Oma, deren Gebärmutter herausoperiert wurde, keine mehr hat.
    Auch habe ich – nachdem wir neulich bei Oma nachm Mittagessen dieses Thema hatten und erst ich, dann Lütte Zeichnungen dazu gemalt hatten – ihr ein Buch für sie im Wohnzimmer sichtbar hingelegt (eines meiner absoluten Lieblingsbücher, welches mich in meiner Kiwu-Zeit nochmal verbessert aufklärte, mit 27 Jahren!): „Was ist los mit meinem Körper?“ Bisher hat sie noch nicht danach gefragt, dass wir es zusammen lesen, aber ich glaube sie hat schon mal hineingespickt.
    Zum Thema Resilienz gegen Missbrauch hat sich durch das Geschwisterchen eine gute Gelegenheit zum „Lernen“ ergeben: Lütte ist immer so wild gegenüber Purzelina. Sie möchte sie immer gerne auf dem Schoß nehmen, hoch nehmen, knuddeln, abknutschen und Purzelina? Schreit! Diese Situation ist eine wunderbare Chance Lütte zu zeigen, wer über seinen eigenen Körper entscheiden darf (und wer nicht) und das ein „Nein!“ (Und auch wenn es nur ein Aufschrei, hehe, ist) reichen muss, damit ein anderer aufhört mit dem was er gerade tut und vorhat. Da bei Lütte Worte und Erklärungen nicht ausreichten, mussten wir zu einer Maßnahme greifen, die ein wenig dann doch das macht, was nicht sein sollte, was wir zu erklären versuchen: Nachdem Lütte mehrmals auf Purzelinas Quäcken, Wegschubsen, Schreien und auch auf unsere Worte „Lass sie!“ „Lass Purzelina in Ruhe, sie möchte das nicht!“ nicht reagierte, haben wir angefangen, Lütte so zu umgreifen wie sie es bei Purzelina tut, sie festgehalten mit zum Beispiel den Worten: „kann du es spüren, wie das ist? So fühlt man sich wenn einer mit einem Kuscheln mag und man selbst nicht. Kannst du das fühlen, wie sich das anfühlt? Bitte denk daran! Der Körper gehört dir! Keiner hat das Recht etwas zu tun was du nicht magst! Und wem gehört Purzelinas Körper? Wer darf entscheiden, was mit ihrem Körper passiert? Ja genau, nur sie alleine!“ (Hört sich jetzt als geschriebene Worte viel härter an, ich hoffe man versteht, wie das gehandhabt wird.) (Selbstverständlich erklärte ich Lütte aber dazu, dass es in der Familie Ausnahmen gibt, nämlich wenn Purzelina dann doch mal Stuhlgang in der Windel hat und sie nicht gewickelt/gesäubert werden möchte, darf sie dies äußern, wird aber von mir trotzdem -so nett und sanft wie möglich- gesäubert/gewickelt.)
    Ich hoffe, sie so wirklich gut resilent gegenüber Angriffen jeglicher Art zu machen!
    Liebe Grüße, ich denke ganz oft an dich/euch und die bevorstehende Geburt!

  2. ich hab mal, weiss nicht mehr woher, folgenden tipp bekommen: wenn ein kind etwas fragt und man sich nicht sicher ist, welcher detailgrad, welches niveau die antwort haben soll, dann hilft es, zum einstieg zurückzufragen: was glaubst du denn? oder hast du eine idee dazu? an der antwort des kindes erkennt man dann gut den bisherigen wissensstand und kann kann die antwort entsprechend anpassen. funktioniert bestens :-) alles gute für euch, andrea

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