Hoch, höher, zu hoch – Wenn Kindern über ihre Grenzen „geholfen“ wird

Es ist ein typisches Bild am Spielplatz. Kleine Kinder wollen auf Klettertürme und Klettergerüste, die Eltern helfen ihnen, halten beschützend die Hände hinter sie, schieben sie Sprosse um Sprosse nach oben oder stellen sie ganz hinauf. Nur um dann von unten zu rufen „Pass auf!“ „Sei vorsichtig!“ „Gib acht!“ 

Dass Kinder von Natur aus vorsichtig und achtsam sind, wollen die wenigsten glauben. „Nein, meiner war schon immer ein Frühstarter.“ heißt es oft. „Den konnte man keine Sekunde aus den Augen lassen, der war immer sofort überall oben.“

Oft sind das aber auch die Eltern, die eben ihre Kinder von Anfang an in ihrer körperlichen Entwicklung sehr „unterstützt“ haben. Die nachgeholfen haben.

Emmi Pikler beschreibt in ihrem Buch Lasst mir Zeit: Die freie Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen * genau und detailliert, wie wichtig es ist, dass Kinder sich auf ihre Art und in ihrem Tempo entwickeln. Dass wir sie nicht auf den Bauch legen, bevor sie das selbst können, dass wir sie nicht aufsetzen und sie nicht an den Händen herumführen, bevor sie selbständig frei gehen können. Denn genau hier beginnt die Entdeckung von eigenen Grenzen. Kinder spüren: so weit komme ich, das schaffe ich schon und das will ich schaffen. Sie lernen dabei ihren Körper genau kennen, weil sie ihn beim stetigen Üben und Üben und Üben sehr viel spüren. Sich selbst gut spüren. Und dieses Spüren führt dazu, dass sie ihre Grenzen gut einschätzen können und wissen, was sie sich zutrauen können und was nicht.

Was passiert, wenn wir ein Kind auf ein Klettergerüst hinauf „begleiten“ mit Händen und Worten wie „Halt Dich gut fest.“ und „Pass auf!“ ? Wir bringen es über seine eigenen Grenzen hinauf und hinaus. Wir helfen ihm weiter zu gehen, als es allein fähig und sicher wäre.

Was ich im Spielraum immer wieder erlebe ist, dass Kinder, die sich frei bewegen können, genau so weit gehen, wie sie es sich selbst zutrauen und sich sicher fühlen.

Am Dreiecksständer probieren sich die Kinder in sicherer Höhe aus. Die, deren Eltern ihnen von ihrem Platz aus zusehen, gehen meist ein paar Sprossen hinauf, verweilen dort und gehen meist wieder hinunter. Die, deren Eltern sofort dazukommen und sich neben sie setzen, die Arme ausbreiten, bereit sie jeden Moment aufzufangen, gehen oft über die oberste Sprosse drüber. Unsicher, wacklig. Oder rutschen mit den Füßen von den Sprossen.

Im letzten Spielraum sind zwei Kinder auf die Sprossenwand geklettert. Man konnte den sprungbereiten Blick der Eltern sehen. Ich hielt mich in sicherer Distanz und beobachtete, ahnend, dass sie nicht ganz hinauf gehen würden. In der Tat gingen sie 2-3 Sprossen hinauf, sie beobachteten ihr eigenes Tun und das des anderen Kindes. Wagten noch eine weitere Sprosse, dann hielten sie inne. Sie schauten sich noch um, genossen die Aussicht und kletterten dann ganz sicher wieder hinunter. Das ist das kennen der eigenen Grenzen.

Wenn Kinder ihre Eltern in ihrer Nähe wissen, wagen sie manchmal mehr, weil sie sich auf den Schutz der Eltern verlassen. Wir tun ihnen mit diesem Schutz nichts Gutes, denn es kommt der Moment, in dem wir nicht neben ihnen stehen, wenn sie klettern. Wenn sie sich selbständig über den Spielplatz bewegen zum Beispiel.

Kinder, die ihre eigenen Grenzen nicht kennen oder denen darüber hinaus geholfen wird, werden

  • unsicher
  • anfälliger für Unfälle
  • hektischer

Sie werden aber auch später womöglich Dinge wagen, von denen sie vielleicht ahnen, dass sie ihnen zu unsicher sind, aber gewohnt sind, dieses Gefühl zu übergehen. Und das kann irgendwann ganz gefährlich werden. Abgesehen davon nehmen wir ihnen die große Freude, wenn sie selbst irgendwo hinauf gekommen sind. Wenn sie selbst etwas Neues probieren und es von sich aus schaffen. Das Bild eines Kindes auf dem Kletterturm, dass da ganz allein nach langen Versuchen hinauf gekommen ist, ist unbezahlbar.

Wenn wir die Grenzen unserer Kinder schützen wollen, viel mehr wenn wir wollen, dass sie selbst ihre Grenzen kennen und wahren, dann ist es wichtig, dass wir ihnen nicht helfen, sondern sie in ihrem Tun und ihren Interessen begleiten. Die meisten Spielgeräte auf Spielplätzen haben oft die Sprossen exakt so angeordnet, dass nur Kinder, die den Höhen gewachsen sind, hinauf können. Da stehen dann oft die Kleineren, schauen den Größeren nach und wollen auch hinauf. Sie strecken die Arme nach oben und schauen uns an, rufen und schimpfen. Kein Grund das Kind hinauf zu heben. Viel wichtiger ist es hier zu sagen: „Du willst da unbedingt hinauf!“ Ich muss das gar nicht abwehren und betonen wie zu klein unser Kind noch ist. Sondern ich kann einfach den Wunsch sehen und wahrnehmen. „Die Sprosse ist so weit oben, ja.“ Wenn wir aushalten, dass sie dort schimpfen und jammern, dann tun wir ihnen damit etwas Gutes. Dann beschützen wir sie, ohne Hände und Füße einzusetzen. Und natürlich trösten wir sie und nehmen war, dass sie sich dabei ärgern. Und das ist auch okay. Das gehört dazu.

Das heißt aber auch, dass wir ihnen vertrauen und ihnen zutrauen, dass sie ihre Grenzen gut kennen. Dass wir nicht gleich aufspringen, wenn sie etwas wagen. Als ich selbst mit Herrn Klein damals im Spielraum war, wurde uns geraten, dass wir uns als Eltern dann einfach selbst bestätigend vormurmeln „Du achtest gut auf Dich. Du achtest gut auf Dich.“ Das war häufig mein Mantra, wenn die Kinder sich hinauf wagen in Höhen, die mir unheimlich wurden. Natürlich gilt hier abzuwägen, was sicher ist und was nicht. Es heißt nicht, dass ich sie überall einfach hinauf lasse. Es heißt, dass ich sie in ihrer eigenen Beobachtung und in ihrem Tun immer wieder genau betrachte und lese. Wir können da oft schon ihre eigenen Zweifel oder ihren festen Willen sehen. Und wenn wir das immer wieder tun und unsere Kinder gut kennen, dann können wir einschätzen, ob wir einschreiten sollen oder sie einfach tun lassen sollen. Irgendwann ist es auch besser wegzuschauen, als mit ängstlichem Blick Katastrophen herbeizuahnen.

Deshalb ist eine gute Beobachtung der Kinder immer hilfreich. Daheim, auf Spielplätzen und unterwegs. Weil wir sie so auch besser einschätzen können. Das ist es, was ich im Spielraum versuche zu vermitteln.

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