Erkenntnisse der Woche – drüberfoahn

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In letzter Zeit habe ich immer wieder erleben und beobachten müssen, was ich schon längst weiß:: dass es Menschen gibt, die weniger einfühlsam sind, denen es an Empathievermögen mangelt, die über Gefühle, Befindlichkeiten und Bedürfnisse anderer wortwörtlich drüberfoahn.

Für mich als Hochsensible ist das oft mehrfach schwer. Wenn es mich betrifft natürlich, weil ich dann das „Opfer“ bin. Allerdings habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, damit umzugehen und das gelingt mir auch. Mal mehr, mal weniger.
Schwieriger ist es manchmal, das Drüberfoahn zu beobachten. Empfindungen wahrzunehmen, entsetzt die unsensiblen Reaktionen zu beobachten und dann in den Betroffenen die enttäuschten Gefühle wiederum zu sehen. Besonders schwer fällt mir das sowohl bei alten Menschen, als auch bei Kindern.

Bei Kindern erlebe ich das fast täglich. Weil ich ihnen mehr begegne im Alltag, und weil ich natürlich besonders darauf sensibilisiert bin. Durch meine Kinder und meine Arbeit. Und hier macht mich dieses Drüberfoahn, das Wegwischen und Zunichtemachen von kleinsten Empfindungen regelrecht wütend. Denn Kinder wissen oft selbst nicht, warum sie so fühlen. Sie können es schwer greifen. Noch schwerer, wenn sie das Gefühl vermittelt bekommen: Du bist nicht normal. Stell Dich nicht so an. Reiß Dich zamm. Is doch nichts passiert. Musst nicht weinen. Sei doch nicht so.

NEIN, verdammt nochmal. Sie sind so. Und sie können besser damit umgehen, wenn wir das akzeptieren. Wenn wir sie so annehmen. Und sie können nur dann zu empathischen Großen werden, wenn sie als Kleine empathisch behandelt werden. Und dadurch lernen, was Empathie bedeutet.

Es ist nicht immer leicht, und auch ich schaffe es nicht immer. Aber ich weiß, dass alles andere, das Gegenrudern, das Drüberfoahn, die Versuche Abzulenken über kurz oder lang in die falsche Richtung wirken. Dass Kinder immer „sturer“, „bockiger“, „trotziger“, „jammeriger“ oder „weinerlicher“ werden. Weil sie sich immer unverstandener fühlen. Und somit immer unrunder, was zu eben jenen Verhalten und Emotionsäußerungen führt. Und ich erwarte ja kein stetsständiges Einfühlen in jede Empfindung. Aber stetsständiges Drüberfoahn macht mich wirklich rasend.

Und auch wenn wir es nicht schaffen, jede Regung ernst- und wahrzunehmen, dann sollten wir zumindest eines behelligen: Jede Gefühlsregung, egal wie laut, wild, körperlich aktiv, tränenreich oder ruhig, stumm und verschlossen, ist ein Zeichen von innerer Aufruhr, die wir nicht ignorieren, Schönreden oder überspielen sollten, sondern versuchen zu erkennen. Nicht jede einzelne Regung, aber die Summe der Reaktionen auf gewisse Äußerungen.
Das führt nicht nur dazu, dass unser Kind sich besser verstanden fühlt. Es führt auch dazu, dass wir unser Kind besser als eigenständige Person mit eigenen Charakterzügen kennenlernen. Und schlussendlich führt es dazu, dass unser Kind lernt Emotionen wahrzunehmen, zu erkennen und zu akzeptieren, entsprechend zu reagieren. Und DAS lässt empathischere, einfühlsamere Menschen heranwachsen, und nicht so scheinbar emotionslose Gestalten, die uns teilweise verletzen durch ihr (Un)verhalten, mit dem sie uns begegnen. Punkt.

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Comments

  1. genauso ist es. respekt haben vor dem gegenüber, auch und gerade, wenn es kleiner, älter oder sonstwie anders ist. meiner erfahrung nach sind solche drüberbügler menschen, die selbst als kind keinen wirklichen respekt erleben durften und ihn sich jetzt auch als erwachsene nicht erlauben. aufgewachsen bei menschen, denen es seinerzeit genauso ging. eine endlosspirale, wenn man sie nicht unterbricht. und es geht mir da wie dir, es am eigenen leib zu erfahren, kann ich inzwischen einordnen und wegstecken. bei einem kind zu beobachten schmerzt ungleich stärker. ich bin dann hin- und hergerissen, inweit einmischung erfolgen darf. dem kind aufmunternd zuzwinkern? was sagen? gute energie schicken? wie hälst du es damit?

  2. Hallo :-)

    Ein ganz wunderbarer und verständnisvoller Artikel für alle hochsensiblen Kinder dieser Welt – danke dir vielmals!

    Ich musste beim Lesen allerdings die ganze Zeit an meinen Papa denken – der ist auch hochsensibel, musste sich aber sein ganzes Leben lang anpassen und hat nie zu sich selbst gefunden. Geendet hat dies in einer Depression – aus der er zwar rausgekommen ist – aber ich befürchte, wenn sein So-Sein weiterhin so überfahren wird, dass er demnächst in die nächste Depression rauscht.

    Nichts ist schlimmer für hochsensible Menschen in ihrem So-Sein nicht angenommen zu werden.

    Da fällt mir Anatole mit seinem Topf ein – für jeden Hochsensiblen ein Geschenk:
    http://cinema.arte.tv/de/der-kleine-topf-von-anatole

    Weiter so mit deinem sehr wertvollen und informativen Blog!

    Alles Liebe,
    Julia

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