Unsere Kinder sehen

In den letzten Wochen hat uns Frau Klein mal wieder sehr beschäftigt in ihrem Sein. Sie schien etwas aus ihrer Mitte geraten, suchte (mal wieder) ihren Platz hier in diesem oft wahnsinnigen Alltag zu fünft. Sie schwebte verloren herum oder schoss überdreht durch die Gegend. Während sie den kleinen Bruder durch ihre Vorstellungen von Spiel kommandierte, konnte sie mit dem großen Bruder keine fünf Minuten im selben Raum sein ohne zu streiten. Und mir fehlte zu oft die Geduld.

Da war viel Chaos, weil sie nicht ins Spiel fand, stattdessen Dinge herauszog und wahllos verteilte. Da war Frust über ihren Daumen, den sie Anfang September selbst aufgeben wollte und nun wieder unentwegt brauchte. Da war viel Unverständnis über ihre scheinbar plötzlichen Emotionsentladungen. War sie nicht auf dem Weg 6 zu werden. Sollte das nicht alles einfacher werden jetzt? Und mit dem willensstarken Miniklein im Haus, fehlte mir einfach oft die Geduld für ihr Sein.

Also versuchte ich, ihr etwas mehr von dem zu geben, was sie scheinbar suchte. Aufmerksamkeit für sich. Doch da blockte sie ab. Wie so oft. Vorlesen? Nein danke. Sie „liest“ ihre Bücher lieber selbst. Auf ihre Art. Dabei erfindet sie Geschichten, die ungefähr mit denen im Buch, aber auch mit ihrer realen Welt verstrickt sind. Ich wollte mit ihr gemeinsam ihre Steinebox für den Kindergarten gestalten. Die hat sie bis heute nicht, das interessiert sie nicht. Auch nicht, dass alle Kinder eine haben, nur sie nicht. Ich hab so oft es ging versucht mit ihr in Ruhe zu sein und zu kuscheln. Da stand sie auf und vertiefte sich ins Spiel mit ihrem kleinen Bruder, kuschelte mit ihm. Weil das alles nicht das war, was sie suchte, was sie wirklich brauchte.

Was ich bei all dem vergaß und übersah, war sie so zu sehen, wie sie eigentlich war. Wer sie eigentlich war. Denn genau das, versucht sie mit ihren zarten 5 Jahren selbst herauszufinden. Sie sucht nicht nur ihren Platz hier, sie sucht auch sich selbst. Sie spielt gern mit anderen und zieht sich dann zurück. Sie braucht laut und dann wieder ganz leise. Sie hat Phantasie und eine kunterbunte Welt, in die sie flüchtet, wenn ihr diese hier nicht gefällt. Sie ist sensibel und zart, gleichzeitig frech, wild und wunderbar. Und sie braucht im Moment keine extra Aufmerksamkeit, keine besondere Zuwendung, nicht noch mehr Zeit, die ich nicht habe. Sie braucht eine Rückmeldung für ihr Sein, die ihr dabei half sich selbst zu verstehen. Einfache Sätze wie „Du kümmerst Dich sehr liebevoll um Deinen kleinen Bruder.“ oder ein „Du bist traurig, weil Dein großer Bruder kaum noch mit Dir spielt, hm?“ Es braucht kein „Oh ein tolles Bild!“ – es reicht ein „Du malst wirklich gern. Deine Bilder erzählen ganze Geschichten.“

Wir tendieren dazu uns in der negativen Spirale zu verlieren. Wir sehen das, was anstrengend ist und schwierig, wir erwarten das, es wird bestätigt und wir werden noch frustrierter. Und unsere Kinder wissen gar nicht so genau, was los ist. Denn sie lernen ja selbst erst noch. Über sich und über unser Wir hier. Wir sehen dann nicht mehr, was unsere Kinder ausmacht, was sie besonders gut können, welche Eigenschaften sie so einzigartig machen in ihrem Wesen. Eben nicht die, die uns in den Wahnsinn treiben, sondern die anderen. Die, die uns erstaunen lassen. Und wenn wir das nicht sehen, können wir ihnen das auch nicht vermitteln. Dabei steckt hier ganz viel Beziehung drin. Hier können wir immer wieder zeigen: Ich sehe Dich in Deinem Ganzen Wesen. Ich nehme Dich wahr, auch wenn ich nicht immer voll und ganz aufmerksam bin. Ich schätze Deine Fähigkeiten und ich habe tiefstes Vertrauen, dass in Dir ein wundervoller Mensch steckt mit endlos Entfaltungspotenzial. Das müssen wir unseren Kindern eben nicht immer dann sagen, wenn sie ein tolles Bild malen oder gute Noten aus der Schule mitbringen. Das können wir ihnen zeigen im Miteinander. Dafür braucht es nur immer wieder wachsame Augen, die vom holprigen Pfad durch den Wald aufblicken und über das Tal schauen hinweg schauen. Nach da hinten, wo die Sonne bereits durchschimmert.

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Comments

  1. Auch von mir – die erstaunte Feststellung: da schau ich wieder mal spontan in den Buntraum: und wieder mal!! … Als ob du aus unserem Familienalltag schreiben würdest! :-) Das tut gut, und freut … und hilft! Merci!!

  2. Spickelst du bei uns zur Türe rein? vielen lieben Dank für diese Zeilen.

    Hier kämpft ein 6-jährige um ihren Platz.
    Zwischen 2 Brüdern, seit September in der Schule, Mama seit Oktober mehr teilzeitarbeitend … alles neu, anstrengend und manchmal einfach nur zu viel von allem ;-) Daher gibts bei uns immer wieder Nesttage wie Susanne von geborgen wachsen es so schön nennt.

    Viele liebe Grüße

  3. Danke für deine Beiträge. Ich lese sie sehr gern und finde sie immer wieder erhellend. Oder sie zeigen mir etwas auf, dass ich aus den Augen verloren habe.

    Danke
    Eva

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