Treiben lassen – meine Auszeit in Budapest

Eigentlich war meine Auszeit ganz anders geplant. An einem stillen Ort in einem Workshop abgeschieden von der Welt. Aber der Workshop wurde abgesagt und so musste wollte ich kurzfristig umdisponieren. Ich wollte weg. Raus aus Wien, ein wenig Zeit für mich allein. Irgendwo. Und da fiel mir Budapest ein. Da wollte ich schon immer mal hin, also los. 

So fuhr ich Freitag Früh mit dem Zug durch den Regen in die ungarische Hauptstadt. Der Laptop blieb daheim, dafür begleiteten mich Notizbücher, Stifte, Bücher und Häkelzeug. Gegen Mittag kam ich in Budapest an und machte mich auf den Weg ins Hotel. Wie fremd man sich fühlt in einer Stadt, in der man nichts weiß, die Sprache nicht spricht, sich nicht auskennt. Doch kaum hatte ich das Gepäck abgeladen, den Stadtplan studiert und ein Tagesticket für Metro und Co in der Tasche, fühlte ich mich schon gleich viel besser. Ich hatte keinen Plan, was ich sehen sollte oder wollte. Treiben lassen war mein Motto. Das Wetter war eigentlich ungemütlich, so suchte ich nach Programmkinos, wo es vielleicht englische Filme gab.

Dabei stieß ich auf ein skandinavisches Filmfestival im Art+Cinema, wo ich mich eine Stunde später einfand und eine Kurzfilmparade schaute. In einem Raum mit Stühlen und Sitzsäcken ließ ich mich vom wie immer umwerfenden skandinavischen Film mitreißen und berühren. Als ich danach auf die Straße trat, war ich irgendwo zwischen Schweden, Ungarn und Wien mit dem Kopf. Es wurde dunkel, ich fuhr auf zum Bahnhof Keleti, wo ich mir in abenteuerlicher Mission mein Rückfahrticket mit Reservierung kaufte, weil der Zug hierher so überraschend voll gewesen war.

Danach wollte ich ins Hotel. Das Nachtleben Budapests interessierte mich nicht. Allein in Bars – das hatte ich früher gemacht. In Schottland war das kein Problem, da kam man immer sofort mit Menschen auf nette Art ins Gespräch, aber wie das in Budapest sein würde, da war ich mir nicht so sicher. Und außerdem wollte ich ja während meiner Auszeit auch eines: Mit mir allein sein, und nicht Fremde kennenlernen.

Ich packte meine Notizbücher aus, ich las und schrieb etwas, arbeitete an einigen Kursen und empfand all das nicht als Arbeiten, sondern als ruhige entspannte Zeit allein. Ich spielte mich mit meinen Kalligrafiestiften und tat einfach nur das, wozu ich Lust hatte. Später ließ ich mich vom Fernsehprogramm berieseln, häkelte mich, bis mir die Arme schwer und die Augen klein wurden und schlief zufrieden ein.

Am Samstag hastete ich mich durchs Frühstücksbuffet, denn draußen lockte die Sonne. Ich fuhr zur Donau und noch vor dem großen Touristenansturm mit der lustigen Bahn hinauf zum Schloß. Dort oben genoß ich die Aussicht, rümpfte die Nase gegen den Wind und fuhr allein wieder hinunter. Sightseeing habe ich noch nie sehr intensiv betrieben, lieber lasse ich mich durch eine Stadt treiben und schaue, wo es mich hinschwimmt. Unten angekommen setzte ich mich in einen Bus und fuhr so lange, bis jemand anderer den Knopf drückte und ausstieg. Ein Blick auf den Stadtplan sagte mir, dass ich mich nahe der Kunsthalle befand, die ich sowieso schon angedacht hatte. Also sollte ich da wohl hinein. Wenig später befand ich mich in einer skurrilen aber beeindruckenden Ausstellung von Jozef Suchoza und dann in der Fotoausstellung Genesis von Sebastiao Salgado. Zufrieden ließ ich mich wieder in einen Sitzsack fallen und die Eindrücke Revue passieren, bevor ich mich aufmachte um mir ein Mittagessen zu suchen.

Ich fand ein Lokal mit exzellenter Thai Küche (ungarische Küche suchte ich nicht unbedingt) und ließ mich dann in ein Kaffeehaus treiben. Im Vinyl and Wood gab es zum Kaffee gute Musik und für mich Zeit und Ruhe um ein wenig zu schreiben.

Als ich beschloss zu gehen, schüttete es draußen, so dass ich in der nächsten Straße das nächstbeste Kaffeehaus suchte, was ich im Massolit Bookstore & Coffee auch fand.

Perfekt. Umgeben von Büchern und dem Duft von Kaffee genoß ich eine Tasse heißen Tee und genoß, dass ich nicht das Gefühl haben musste, etwas anderes zu sollen als einfach nur hier zu sein. Das war mein Wochenende. Es gab kein müsste oder sollte sondern nur das, was mich gerade anzog. Es trieb mich weiter zur Oper, in die ich kurz mein Nase steckte, in ein klassisches Kaffeehaus, wo ich Kuchen genoss und später in eine Hummusbar, in der ich zu Abend aß.

Und dann hatte ich genug und freute mich auf eine Tasse Tee im warmen Hotelzimmer. Wieder schrieb ich, arbeitete an ein paar Projekten, freute mich darüber in Ruhe meinen Gedanken nachhängen zu können und häkelte mich unterhalten von 3Sat Dokumentationen wieder in die tiefe Müdigkeit.

Heute schüttete es schon frühmorgens, so dass ich genüsslich das Frühstück genoss, im Hotelzimmer noch meditierte, bevor ich mich in die Pfützen und Tropfen hinaus wagte. Wieder ins Kaffeehaus, ein paar Seiten schreiben, wieder zum Thai Mittag und auf zum Bahnhof. Dort wartete ich eine Stunde auf meinen verspäteten Zug, der mich zurück in meinen Mamawelt brachte.

Nun bin ich wieder zu Hause, aber runder und zufriedener. Das Wochenende hat mich wieder etwas mehr mit mir selbst in Verbindung gebracht. Einfach zu tun, wonach mir ist, zu sehen, was mich beglückt und beeindruckt, das hat mich etwas bei mir ankommen lassen. Das kleine Kino als Leidenschaft hatte ich so in Vergessenheit geraten lassen. Dabei hat mich das früher schon so erfreut. Das Schreiben, die Wahl der Lokale, die mir gezeigt hat, dass ich doch noch der Mensch bin, der ich vor den Kindern war. Der Genuss einfach nur selbstbestimmt durch den Tag gehen zu können. Traumhaft.

Gestärkt davon lasse ich mich nun noch durch ein paar Ferientage mit den Kindern treiben. Da wird mich der Alltag schnell wieder einholen.

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