HerzOP

Fünf Minuten

Als ich vor 10 Jahren mit Yoga anfing, hieß es im Anfängerkurs: Auch wenn du nur deine Matte ausrollst, machst du Yoga. Was sie damit meinten war klar: Es ist besser, du machst täglich einen Bruchteil, als niemals viel. Denn wir fürchten uns oft vor dem Vielen. Dem Gesamtprogramm. Es kostet Zeit, es kostet Überwindung, Kraft und Energie. Also fangen wir gar nicht erst an. Wenn wir aber unsere Matte ausrollen und schon einmal dort stehen, dann machen wir auch etwas darauf. Und sei es nur ein Sonnengruß. 

In der Meditation ist es das Gleiche. Wenn ich 5 Minuten am Tag meditiere, mache ich mehr, als wenn ich mir jeden Tag sage: Ich habe keine Stunde zum meditieren und deshalb gar nicht meditiere.

Im Alltag mit Kindern ist das nicht anders. Aber wir Eltern glauben oft, wir müssten uns rund um die Uhr mit den Kindern beschäftigen und uns um sie kümmern. Wir tun das dann, aber oft halbherzig. Weil wir eigentlich müde sind, eigentlich erschöpft sind, eigentlich gern mal in Ruhe einen Kaffee trinken wollen oder Duschen. Ein paar Seiten lesen. Nein, die Kinder fordern uns und brauchen uns und wir geben und geben. Was nach absoluter Bedürfniserfüllung aussieht, ist Bedürfnisignoranz auf anderer Seite. Wir lassen unsere Bedürfnisse außer acht. Dabei sind wir dann aber nicht mehr wirklich voll und ganz präsent für unsere Kinder. Irgendwann landen wir vielleicht auch auf der ganz anderen Seite. Da sind wir dann nie mehr präsent, weil wir dauernd denken: Nein ich muss jetzt auch mal … telefonieren / Emails lesen / ein bisschen im Netz surfen. Das gelingt uns dann auch nur halbherzig, was uns frustriert und dann machen wir irgendwie beides aber nichts so richtig.

Nehmen wir einmal das Abholen vom Kindergarten oder Schule. Wie viele Eltern haben hier das Handy parat. Telefonieren beim Rausgehen, checken Nachrichten und schreiben Status updates. Wenn wir beim Abholen nur einmal 5 Minuten voll und ganz präsent fürs Kind sind, ihm volle Aufmerksamkeit schenken, ihm zuhören, ihm zeigen: „Ich freue mich dich zu sehen.“ dann können wir danach, wenn wir daheim sind oder am Spielplatz, auch einmal sagen: „Jetzt brauch ich mal kurz Zeit für mich. Jetzt will ich mal… einen Kaffee trinken / ein paar Seiten lesen / Löcher in die Luft gucken.“ Denn wenn das Kind 5 volle Minuten aufgetankt hat, dann kann es sich besser aufs eigene Spiel einlassen, als wenn es 50 Minuten halbe Aufmerksamkeit bekommen hat. Dann sind diese lausigen 5 Minuten mehr Wert, als 50 wohl gemeinte aber nicht geschenkte.

Manchmal, da verausgaben wir uns an der falschen Stelle. Da geben wir und tun und treiben uns selbst an, können längst nicht mehr und wollen einfach mal… aber die Kinder… Dabei würde es auch hier helfen einfach mal 5 Minuten Ich-Zeit einzufordern und dann können wir auch wieder 50 Minuten geben. Ich versuche zum Beispiel zur Zeit mir abends 5 Minuten Ruhe auf dem Bett oder Sofa zu nehmen, bevor ich das Abendprogramm starte, was mindestens eine Stunde dauert und meine Aufmerksamkeit braucht. Aber die kann ich besser geben, wenn ich wenigstens kurz für mich sein konnte.

Und wenn Ihr einfach mal schweigt und 5 Minuten den Geräuschen um Euch herum lauscht, 5 Minuten in Stille sitzt und nichts tut, 5 Minuten auf Euren Atem achtet oder in die Wolken schaut, dann werdet Ihr sehen, dass 5 Minuten auch gar nicht so wenig sind. Sie werden nur immer weniger, je voller wir sie stopfen.

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Genieße den Tag rückwärts

Sonntag. Ich habe Sonntage noch nie gemocht. Sie suggerieren uns: Heute ist frei. Heute ist Zeit. Genieße sie. Genieße diesen einen freien Tag ohne Arbeit. Carpe diem, denn morgen ist Montag und das Rad des Alltages rattert fröhlich weiter. 

Leider funktioniert das bei mir so nicht. Wenn ich mir morgens vornehme: Genieße den Tag! Dann ist vermutlich das Frühstück schon chaotisch. Da fliegt mir vielleicht die Kaffeetasse um. Da fällt mir die Zahnbürste samt Zahnpasta ins Waschbecken. Da sind die Kinder unausgeschlafen gelaunt. Und dann ärgert mich das doppelt. Zum einen, weil mich das sowieso ärgert. Und zum anderen, weil ich doch diesen Tag genießen wollte, und nun macht der Tag einfach nicht mit.

Also immer davon ausgehen, dass das ein mieser Tag werden wird? Damit dann alles glatt läuft? Nein, ich glaube auch das funktioniert nicht. Weil eigentlich das Leben weder in die eine, noch in die andere Richtung funktioniert. Das Leben geht einfach dahin. Natürlich können wir wahnsinnig unzufrieden und schlecht gelaunt sein, immer nur jammern und dann wird meist das Leben auch nicht wirklich bunt und schön. Denn wenn wir das Bunte und Schöne nicht einladen in unser Leben, dann will es dort auch nicht sein. Denn dann programmieren wir uns auf das Schlechte und auf die Wahrnehmung dessen. Überlegt doch mal, warum Menschen, die immer nur schimpfen und jammern, auch immer nur unglaubliche Dinge passieren, über die sie weiter schimpfen und jammern müssen. Genau.

Nun jedenfalls funktioniert das aber auch nicht, dass ich mich auf einen guten Tag einstelle. Was also tun, damit diese Sonntage dennoch gute Tage werden? Damit aber auch ein Montag ein guter Tag werden kann?

Wieder einmal hilft mir die Achtsamkeitspraxis sehr. Ich gehe nicht zwingend davon aus, dass der Tag gut wird (aber auch nicht, dass er schlecht wird). Ich gehe einfach offen in den Tag und mache mir die guten Momente bewusst. Im Moment sammle ich täglich auf Instagram einen guten Moment. Aber nur einen dort, denn ich will nicht alle fotografisch festhalten. Weil mich das ja oft aus dem Moment holt und wegbringt in den Social Media Wahnsinn. Ich überlege nun oft am Abend: Was war schön. Was war angenehm? Im MBSR Kurs letzte Woche sollten wir jeden Tag einen angenehmen Moment aufschreiben. Vor allem das Wort angenehm statt schön oder fröhlich hat mich dabei angesprochen. Denn angenehm kann so vieles sein. So unaufregend, so klein. Natürlich kann so ein Moment lustig sein, bereichernd, aber auch berührend oder einfach wohlig und warm. Und damit wird manchmal ein Tag, der eigentlich gar nicht so großartig erschien, im Nachhinein doch sehr wertvoll und erinnerungswürdig. Und dann genieße ich den Tag. Rückwärts eben.

Wichtig ist doch nicht, dass ich mir jeden Tag vornehme, ich würde ihn genießen als wäre er der letzte. Wichtiger ist doch, dass ich auch an dunklen Tagen kleinen Momente finde, die angenehm waren. Und dass somit auch ein Montag, ein Mittwoch ein guter Tag werden kann. Wenn auch erst zum Mittag, oder am Abend. Carpe diem rückwärts ist doch auch ein Carpe diem. Oder nicht?

Jetzt ist ein bisschen Druck gefallen vom Sonntag. Jetzt muss der nicht mehr toll werden. Einzigartig und schön. Jetzt darf der einfach sein. Ruhig auch mal ein bisschen grau. Aber mit Glitzer dabei.

 

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Donnerstagsrealitäten :: Grenzüberschreitungen

Gestern im mbsr Kurs ging es um das Thema Grenzen. Körperliche Grenzen aber auch empfundene Grenzen. Wann tut etwas weh, wann tut mir etwas nicht gut? Wann stresst mich etwas und wie gehe ich damit um?

Mir ist dabei aufgefallen, dass ich sehr häufig erst dann zufrieden bin, wenn ich über meine Grenzen hinausgehe. Yoga muss in allen Körperteilen ziehen. Laufen muss totale Erschöpfung und Muskelkater mit sich bringen. Und ein Tag war ein guter Tag, wenn ich 67 ToDos abgehakt habe. Das alles hat mich sehr erschreckt, denn hier überschreite ich Grenzen, die ich mir selbst auferlege. Das ist fatal. Denn immerhin haben wir vor allem als Mutter sehr viele Grenzüberschreitungen im Alltag. Wir können nicht immer sofort aufs WC, wenn wir müssen. Und wenn, dann nicht immer allein. Wir können nicht in Ruhe duschen, wenn uns danach ist, sondern wenn es sich einrichten lässt. Wir können nicht in Ruhe essen, wenn daneben immer wieder jemand nach uns verlangt. Wenn wir stillen geben wir viel von uns, aber das auch selbst wieder aufzutanken, dazu kommen wir nicht immer ausreichend. Wir vergessen zu trinken, vom Schlafmangel ganz zu schweigen. Wir arbeiten abends noch weit über unsere Müdigkeitsgrenze hinaus. Und körperliche Nähe wird oft auch mehr eingefordert, als wir geben wollen würden. Weil auch das seine Grenzen hat – mir zumindest geht das oft so.

Und dann gehe ich dann, wenn es meine eigene Entscheidung ist, auch noch über meine Grenze hinaus. Eigentlich ziemlich blöd. Und deshalb möchte ich da nun mehr drauf achten. Heute habe ich gemerkt, wie schwierig das ist. Denn so ein Tag nimmt schnell seinen Lauf und schubst uns ganz unbewusst hier und da über unsere Grenzen hinaus.

Nach dem Kindergarten waren wir auf dem Spielplatz, dort tauchte dann auch Herr Klein auf mit seiner Klasse. Praktisch, ersparte mir den Weg zur Schule. Also blieben wir dort hängen. Irgendwann merkte ich, dass ein WC bald mal praktisch wäre, also erklärte ich den Kindern, wir müssten gehen. Sie waren mässig begeistert. Als wir vom Spielplatz wegkamen, merkte ich, wie sehr mich der Lärm dort angestrengt hatte. Der Weg geht dann kurz eine große Straße entlang und der Straßenlärm kam mir heute unerträglich vor. Ich war definitiv zu lange am Spielplatz, meine Nerven waren dünn und angespannt. Also nichts wie heim. Leider musste ich noch zum Supermarkt, eine Einkaufstour begleitet von Fluchen und Schimpfen. Die Gänge zu eng, man findet nichts, an der Kassa zu viel los und überall steht lästige Werbung und Süßkram, den die Kinder wollen. Halleluja. Die Kinder waren selbst auch total durch, jammerten und konnten nicht mehr gehen. Auch ihre Grenzen sind oft überschritten, wenn sie nach einer Kindergarten- und Schulwoche noch so viel mit anderen Kindern am Spielplatz umhertoben. Ruhepausen sind wichtig. Genau die sind hier im Hause rar. Kaum daheim warten schon die ersten Spielgefährten und klopfen an die Tür. Herr Klein sagte mir, er wolle heute mit niemandem spielen. Aber das schafft er nicht, wenn die Freunde dann vor der Tür stehen. Und so geht auch er regelmässig über seine Grenzen hinaus. Da braucht es noch etwas Führung von uns, deshalb habe ich das Abendprogramm früher eingeläutet und alle Kinder etwas zeitiger heimgeschickt.

Miniklein ist dann am Esstisch schon halb eingeschlafen – auch seine Grenze weit überschritten durch die Umstellung von zwei auf einen Tagschlaf.

Nun sitzen wir noch auf dem Sofa herum, Herr Klein malt, Frau Klein schaut Bücher an. Entspannungspause, bevor Zähneputzen und Umziehen anstehen. Ich spüre obendrein den Drang aufzuräumen, denn unordnungsmässig ist auch meine Grenze mal wieder überschritten. Ach und getrunken habe ich natürlich auch viel zu wenig heute. Und das bei 28Grad Außentemperatur.

Ich will nun versuchen am Abend öfter mal meinen Umgang mit meinen Grenzen zu reflektieren. Denn es hat mich wirklich erschreckt, wie ich bisher damit umgegangen bin. Und wie oft ich sie automatisch einfach so überschreite.

Schön, was dieser mbsr Kurs alles so bewirkt und beleuchtet.

Wie geht es Euch mit Euren Grenzen? Überschreitet Ihr sie sehr oft? Spürt Ihr das, oder passiert das auch so unbewusst? Wie geht Ihr damit um?

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