800x400-images-stories-news3-man-on-wire-robert-zemeckis-soll-spielfilm-drehen5091-jpgEr lässt seine Bausteine fallen und flitzt los. Als wäre ihm ganz plötzlich etwas eingefallen. Die Tür zum Badezimmer kriegt er schon allein auf, auch wenn er den Arm weit strecken muss. Schnell schiebt er die Hose runter. Das geht schon. Doch die Windel hängt fest. “Mamaaa!” ruft er. Mama kommt und hilft ihm. Er setzt sich auf den Topf und schaut sich Bücher an. Eins. Zwei. Dann nochmal das erste. Am Ende ist eine kleine Pfütze im Topf, die er stolz ins Klo trägt.
Er liebt den Topf. Es macht ihm Freude, da drauf zu sitzen und Bücher anzuschauen. ‘So wie die Großen!’ denkt er. Und am Ende leert er den Inhalt ins Klo und drückt, dass es rauscht. Manchmal fühlt es sich komisch an im Bauch. Das Gefühl ist weg, wenn er am Topf war. Aber manchmal mag er nicht aufhören zu spielen. Dann ist die Windel da. Sein sicherer Hafen.
Am Morgen hält seine Mama ihm eine Unterhose vor die Nase. “Schau, die ziehen wir heute an. Du brauchst ja keine Windel mehr. Du bist ja schon groß und gehst auf den Topf.” Er ist überrascht. Überrumpelt. Nickt ungläubig und lässt sich die Unterhose anziehen. Mama scheint überzeugt. Also versucht er das auch. Sie bringt ihn in den Kindergarten und gibt ihm einen Kuss. Alles wie immer. Nur die Unterhose fühlt sich komisch an. Leer. Irgendetwas fehlt. Die Hose rutscht ein wenig. Das irritiert. Während dem Frühstück im Kindergarten spürt er das komische Gefühl im Bauch. Soll er jetzt auf den Topf gehen? Geht das mit dieser Unterhose auch so? Er ist unsicher. Und noch während er überlegt und zögert, merkt er schon, wie es nass wird. Die Hose. Die Unterhose und sogar die Socken. Er ist außer sich. Weint. Ist verunsichert und auch traurig. Wo ist sein sicherer Hafen hin?

Sie isst gern und viel. Sie probiert alles, was auf dem Tisch steht. Was ihr nicht schmeckt, spuckt sie wieder aus. Aber das ist nicht viel. Sie mag Süßes und Saures, fest oder breiig. Äpfel, Bananen oder Käse. Sie nimmt den Löffel oder die Hand. Was schneller geht, wenn sie Hunger hat. Manchmal holt sie sich zum Nachtisch noch eine kleine Portion süßer Muttermilch aus Mamas Brust. Vor allem abends. Zum Einschlafen und Einkuscheln. Mit diesem Tropfen warmer Süße im Bauch schläft sie zufrieden in ihre Decke gekuschelt ein und reist in ferne Traumwelten.
Am Abend badet sie. Macht Faxen auf dem Wickeltisch und genießt die Zeit mit ihrer Mama. Sie plaudert und singt. Mama legt sie ins Bett und liest ihr eine Geschichte vor. Alles ist wie immer. Dann gibt die Mama ihr einen Kuss und steht auf. ‘Was ist da los? Warum gehst Du, Mama?’ denkt sie und weint vor Schreck. “Du kannst auch ohne mich einschlafen. Du brauchst die Brust ja nicht mehr. Du isst ja genug und bist gut satt.” Sie ist verwirrt. Verunsichert. Traurig. Und weint.

Als sie einen Seiltänzer sah, der auf einem Seil Geige spielend Einrad fuhr, war sie fasziniert. Sie konnte keine Geige spielen, aber das Seiltanzen oder das Einradfahren, das ließ sich lernen. Vielleicht sogar beides. So begann sie das Zirkustraining in der Stadt. Erst auf niedrigen Seilen, dann immer höher. Ihre Balance wurde immer besser. Ihr Gefühl für sich selbst wuchs. Erst ging sie vorsichtig übers Seil. Schritt für Schritt. Dann tanzte sie und irgendwann jonglierte sie Bälle dort oben in der Höhe. Dabei lächelte sie. Es machte ihr Freude, es begeisterte und belebte sie. Sie war glücklich, wenn sie auf der anderen Seite ankam. Zufrieden und erfüllt.
Am Freitag kam sie zum Training und stand am Rande des Seils. Es war alles wie immer. Aber irgend etwas war anders. Sie zögerte. Tat keinen Schritt. Ihr Trainer kam herein. “Ich habe heute die Matten unten weggelassen. Die brauchst Du ja nicht mehr. Du bist so sicher und super, wir versuchen das heut ohne. Wenn Du wirklich irgendwann bei uns mit auftreten willst, dann hast Du auch keine Matten mehr unten liegen.” Sie spürte eine Welle von Angst über sie hereinbrechen. Ihr Herz raste. Schweiß umhüllte sie wie ein nasser Vorhang. Der Spaß war gewichen. Da war Druck. Panik. Stress. Unten der Blick ihres Trainers. Erwartungsvoll. Auffordernd. Hatte er Recht? War sie bereit? Vielleicht. Überrascht und überrumpelt wagte sie wacklig einen ersten Schritt. Das Seil schwankte. Sie schwankte. Ließ sich fallen und griff mit beiden Händen nach dem Seil. Tränen schossen ihr in die Augen. Statt Seil zu tanzen wollte sie sich nun am liebsten Wegzaubern. Zerplatzen, wie eine Seifenblase. Plopp.

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