Leben 2.0

Mitfühlen statt Mitleiden – ein schmaler Pfad

Das gesamte Wochenende spielte Herr Klein mit seinen Freunden. Meist saßen sie dabei in seinem Zimmer, hörten „Die drei ??? Kids“ hoch und runter und bauten Legowelten. Hin und wieder muss man da mal reinschauen wieviele Kinder eigentlich da sind. Irgendeines muss ja immer mal wieder essen gehen, was holen, auf leidige Ausflüge mit den Eltern etc. Aber dafür kommen dann andere. Ein kleiner Bahnhof hier manchmal. 

Gegen späten Nachmittag tauchte dann plötzlich ein weiteres Nachbarskind auf. Eines, mit dem Herr Klein nicht so gern spielt, mit dem er sich nicht so gut versteht. Der hatte aber ein ferngesteuertes Auto unter dem Arm und wollte es den anderen zeigen. Die waren gleich dabei und liefen mit ihm quasi davon. Herr Klein blieb zurück. Und war traurig, weil plötzlich alle einfach so weg waren. Und er allein.

Und da war es – das Praxisbeispiel für die Frage, die mich schon länger beschäftigt. Wo genau liegt der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl?

Mitgefühl ist ja in aller Munde. Mitfühlend sein. Man schickt sich Mitgefühl, wenn jemand eine schwere Situation meistern muss. „Mein tiefes Mitgefühl.“ schreibt man. Aber für mich klingt das oft ähnlich hohl wie ein „Herzliches Beileid“, das man Trauernden über die Schultern legt. Was genau ist das aber, dieses Mitgefühl?

Ich bin ja eine von diesen Menschen, die so sehr mitgehen mit den Emotionen anderer. Ich kann mich sehr freuen, wenn da ein Olympiasieger aufs oberste Treppchen steigt und die Goldmedaille bekommt. Da schlucke ich schon mal mit, auch wenn Diskuswerfen vielleicht gar nicht so mein Ding ist. Es ist die Emotion, die überschwappt. So geht es mir aber leider auch in die andere Richtung, wenn ich von schicksalhaften Momenten anderer Menschen höre oder lese. Wenn ich im Forum für Eltern von Herzkindern lese, wie dort wieder Familien lange Zeit stationär aufgenommen werden müssen, weitere OPs notwendig sind, der Ausgang ungewiss… Da kommen in mir die blanken Nerven und die pure Panik hoch, die ich selbst einmal gespürt habe. Ist das dann Mitgefühl oder Mitleid? Denn letztendlich leide ich ja mit. Teilweise muss ich den Computer ausschalten, meine Kinder umarmen und tief Luft holen. Und dankbar sein. Endlos dankbar. Aber das ist doch kein Mitgefühl. Oder?

Heute also, als Herr Klein traurig auf dem Sofa saß, da spürte ich ansatzweise, wo der Unterschied liegt. Da setzte ich mich zu ihm und sagte „Du bist jetzt enttäuscht, weil sie alle auf einmal weg waren.“ Er nickte und begann noch bitterlicher zu weinen. „Das verstehe ich.“ sagte ich. Mehr nicht. Ich nahm die Emotionen aber auch nicht auf. Ich war nicht wütend auf die Kinder. Sie leben im Moment und tun, was ihnen gerade gefällt. Und es ist nicht meine Aufgabe da zu vermitteln. Das sind für sie wesentliche Lernprozesse. Ich kann nur da sein und Mitgefühl schenken. Indem ich mich in Herrn Klein hineinversetze, ohne seine Emotionen auf mich zu nehmen, ohne sie selbst für mich in den Vordergrund zu rücken. Ohne mich hineinzusteigern und auch ohne ihn als armen kleinen Herrn Klein abzutun, der jetzt ganz arm und traurig ist.

Und vielleicht ist das auch im Fall der Herzkindereltern so. Ihnen zu sagen „Das ist sicher total nervraubend und ich wünsche Euch baldige Klarheit und Besserung.“ ist vermutlich Mitgefühl. Mich endlos in meiner eigenen Vergangenheit zu wälzen ist unnötig. Fast schon Selbstmitleid. Gleichzeitig sind es aber Emotionen, die auftauchen. Und die zu verdrängen ist ebenfalls ungesund. So sagen es zumindest die Bücher, die ich gerade über Selbstmitgefühl lese (Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden* und Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl: Wie man sich von destruktiven Gedanken und Gefühlen befreit*). Da nicht ins Selbstmitleid abzurutschen ist gar nicht so leicht. Und den Weg zu finden, die eigenen Gefühle zu erkennen, sie zu akzeptieren und anzunehmen, ist ein holpriger, an dessen Anfang ich gerade stehe. Denn angeblich ist er der, der zu mehr Selbstmitgefühl führt. Das Wort Selbstmitgefühl steht da für mich wie auf einem großen Berg als Gipfelkreuz geschrieben und ich wage mich langsam an den Aufstieg. Aber hier unten schon scheiterte ich an der Frage, was Mitgefühl und was Mitleid wirklich ist.

Denn sagt mir nicht, Ihr wüsstet das so einfach. Ich glaube nämlich, dass sich diese zwei Dinge in der Realität häufig vermischen. Und ich denke, dass wir mit diesen Worten recht unbedacht umgehen. Dass sie schnell zu Phrasen werden, die wir lose in den Raum werfen. Weil wir nicht anders wissen. Und vielleicht auch, weil wir uns ein wenig davor fürchten uns intensiver damit zu befassen in der jeweiligen Situation.

Letztendlich glaube ich auch, dass ein Großteil der Definition darin liegt, zu unterschieden was meine Gefühle und was die der anderen sind. Versuchen zu verstehen, was sie fühlen, während ich womöglich ganz anders empfinde. Meine bei mir zu behalten und die anderen anzunehmen ohne sie zu übernehmen. Überhaupt meine auszuschalten und ganz bei den anderen zu sein. Wäre das nicht achtsames Mitgefühl?

Und diese Emotionen der anderen nicht auflösen zu wollen. Sie so im Raum unangetastet stehen lassen. Das ist ein häufiges Problem, das uns Eltern widerfährt.

Wir wollen so gern die Tränen der Kinder wegwischen und mit ihnen die Gefühle und den Schmerz. Diesen auszuhalten, aufzufangen und ein Stück mitzutragen, das halte ich für äußerst wertvoll. Und das ist in meinen Augen echtes Mitgefühl. Wenn wir den Kindern das schenken können, dann müssen sie sich womöglich eines Tages die Frage nach Mitleid und Mitgefühl gar nicht stellen. Zumindest würde ich mir das wünschen.


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Mütter für Mütter

Neulich saß ich am Spielplatz. Lange habe ich dort nicht mehr gesessen. Der Winter war lang. Der Frühling wagt sich erst seit kurzem wirklich heraus. Und die Sandkiste lockt. Mehr Miniklein, als die anderen beiden. Herr Klein sowieso schon längst auf Abwegen.

Miniklein kostete den Sand, beobachtete das Treiben um ihn herum, saugte durch den sandigen Daumen die Eindrücke in seinen kleinen Körper. Ich saß hinter ihm auf einer Bank. Gegenüber der Sandkiste auf der anderen Seite saß eine andere Mutter. Wieder und wieder versuchte sie ihrer Tochter zu vermitteln: Komm von der Rutsche unten runter, andere Kinder wollen rutschen. Immer und immer wieder legte diese sich unten ans Ende der Rutsche. Die Mutter genervt und genervter. Das Kind scheinbar müde und müder. Und irgendwann, nachdem ich schon eine Weile nicht mehr zugesehen hatte, sammelte sie wirsch ihr Zeug zusammen, rief einem anderen Buben, der unter der Rutsche saß, zu, er solle alles einpacken, sie würden gehen. Die Tochter in Tränen. Es zog sich wie sich so ein Abgang vom Spielplatz manchmal zieht. Sätze wie „Wo ist denn der andere Eimer?“ und „Hast du jetzt alles?“ fielen fad aus ihrem Mund.

Als ich wieder schaute, war sie bereits auf dem Weg. Den Sack mit den Sandspielsachen über der müden Schulter. In der Hand ein quietschrosa Laufrad. Der Bub ein paar Meter vor ihr, die Tochter unwillig noch immer am Spielplatz. „Komm jetzt, ich will gehen.“ rief sie. Sie sah mich an, ich sah sie an. Ich versuchte irgendeine Art von Zeichen zu geben, das ihr vermittelte: Oh ja, ich verstehe dich. Doch ich wusste nicht wie. Ich sah ihr nach, ihren langen Arm, an dessen Ende das Laufrad baumelte. Ihr träger Gang und ihre unwillige Tochter, die ihr dann doch irgendwann missmutig folgte.

So oft sitzen wir am Spielplatz oder irgendwo und beobachten die anderen Eltern. Bewerten, was sie sagen oder tun. Werden beobachtet und bewertet. Möchten uns davonbeamen. In dem Moment wollte ich nur eines: Ein großes Schild, auf dem steht: „Ich wünsche dir baldige Ruhe.“ oder „Halte durch, der Abend naht!“

Ich bin keine Mutter, die andere einfach so anspricht. Ich möchte auch nur selten von anderen angesprochen werden. Deshalb wünsche ich mir stumme Zeichen. Ein verständnisvolles Nicken. Ein Lächeln, das sagt: „Ich kenne das.“ Eine gehobene Hand als symbolischer Schulterklopfer. Denn wir Mütter, wir sollten uns positiv unterstützen da draußen. An windigen und stürmischen Tagen. Aber auch an den bunten, an denen wir sehen: „Cool, deinen Humor hätte ich auch gern.“ oder „Hut ab vor deiner Gelassenheit.“

Wertschätzung und Zustimmung, das wünsche ich mir untereinander mehr als Vergleiche, Neid und Bewertungen. Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe das oft gemacht, aber ich merke, wie viel besser es mir tut, wenn ich mich einfühle und offen bin für die Situation.

Mütter für Mütter am Muttertag.

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Ich höre Dich.

Am Montag erzählte mir Herr Klein am Heimweg vom Kindergarten, dass der D. ihn beim Polizeipuzzle nicht mitmachen ließ. „Der hat gesagt: Nein! Du nicht!“ Ich sagte darauf: „Warst Du traurig?“. Stummes Nicken. „Du wolltest gern mitmachen beim Puzzle.“ Stummes Nicken.

Oft sind wir geneigt, zu trösten. Sätze wie „Na vielleicht kannst Du morgen wieder mitmachen.“, „Wenn der D. fertig ist, kannst Du ja damit spielen.“ oder „Habt Ihr nicht noch andere Puzzle, die Du machen kannst?“ kommen in uns hoch und wir hoffen, damit unser trauriges Kind wieder aufzuheitern beziehungsweise ihm vorzuschlagen, wie es mit der Situation umgehen kann. Das ist normal. Wir sind Eltern und wünschen uns nichts als glückliche Kinder. Oder wir versuchen den D. zu verteidigen, damit unser Kind „versteht“. Schließlich muss es ja Sozialisierung lernen. So wollen wir in einer solchen Situation ganz viel und schlagen dabei ganz viele Türen zu, die uns gemeinsam neue große Erfahrungsschätze hätten zeigen können.

Denn es sind weder Trost und Rat, den unsere Kinder wirklich brauchen. Vielmehr ist es das Gehört- und Gesehen werden. Das Artikulieren von den Gefühlen, die sie in sich tragen. Damit sie für sich selbst diese Worte lernen. Um sich selbst einmal entsprechend äußern zu können. Um ihre Gefühle kennenzulernen und lernen sie einzuordnen. Um dann Strategien zu entwickeln, wie sie selbst damit umgehen können.

Adele Faber und Elaine Mazlish schreiben in ihrem Buch „So sag ich’s meinem Kind“ folgendes: „Doch es ist ganz wichtig, dass wir unseren Kindern ein Vokabular für ihre innere Wirklichkeit geben. Sobald ihnen Worte für ihre Erfahrungen zur Verfügung stehen, können sie anfangen, sich selbst zu helfen.“

Muss ein Kind wirklich immer lernen, lernen, lernen?
Zugegeben, es klingt viel nach Lernen und wenig nach Beziehung. Letztendlich ist es aber beides gleichzeitig. Denn wenn ich, anstatt mein Kind sofort zu trösten oder Lösungsvorschläge zu bieten, einmal genau betrachte, ihm zuhöre, dann ausspreche, was ich sehe oder höre, trete ich mit meinem Kind in Beziehung. Ich erfahre etwas über mein Kind und zeige ihm: „Ich bin da. Ich höre Dich. Ich verstehe Dich.“ Und das ist für beide Seiten viel mehr wert. Es ist indirektes Lernen, wir fragen unser Kind ja nicht aus. Im Gegenteil. Oft führt es dazu, dass Kinder weiter erzählen. Und im Erzählen für sich selbst Lösungen finden. Und das wir in diesem Erzählen erfahren: „Wie geht es meinem Kind? Was beschäftigt ihn? Was erlebt er?“ Wir bekommen ein Bild von dem, was wir doch so oft wissen wollen: Was unsere Kinder wirklich tun, was sie empfinden, was sie denken. Hier haben wir die Möglichkeit dazu.

 

Und wenn wir ehrlich sind – was wünschen wir uns, wenn wir traurig, enttäuscht oder wütend sind? Jemanden, der uns mit Ratschlägen zur Seite steht, oder jemanden, der uns versteht, der uns mit unseren Gefühlen ernst nimmt?

Darf ich mein Kind etwa nicht trösten?
Es ist nicht immer leicht nicht zu bewerten. Nicht zu trösten und nicht zu beraten. Um ehrlich zu sein glaube ich, dass das mit das Schwierigste Am Elternsein ist: mich in die Gefühlswelt des Kindes einzufühlen, sie zu verstehen versuchen und auf Kindesebene zu bleiben. Doch wenn wir das schaffen, wenn wir statt langen Erklärungen und Mitleidsbekundungen einfach da sind, zuhören und verstehen, dann schenken wir uns und unserem Kind echte Beziehung und innigen Kontakt, der wertvoller ist, als eine tröstende Umarmung. Denn dieser Kontakt bleibt und wächst. Eine Umarmung geht. Was nicht heißt, dass wir unserem Kind keinen Trost schenken sollen. Natürlich brauchen sie den genauso. Aber nicht ausschließlich. Und was klingt tröstender, ein „Oje, mein armer Schatz!“ oder ein „Oh, da wäre ich auch traurig gewesen.“ Wo fühle ich mich bemitleidet und klein, und wo gehört und verstanden?

Aber was wenn meine erste authentische Reaktion Trost und Umarmung ist?
Dann ist das so und es ist legitim. Aber es schadet nicht, sich mit der Thematik zu befassen und dennoch das Kind zu hören, seine Gefühle zu erkennen. Natürlich ist es ein Lernprozess, denn die wenigsten von uns sind so aufgewachsen und haben dieses Verständnis erfahren.

Neulich mussten wir zum HNO. Herr Klein hatte Angst, wie so oft. Er war sehr angespannt, das merkte ich. Ich versuchte ihn aufzuheitern, indem ich sagte: „Und wenn wir dann nach hause kommen, kannst Du noch ein bisschen mit M. & E. – unseren Nachbarskindern – spielen. Herr Klein sagte: „Aber nicht in mein Ohr pieksen!“ Er war noch ganz woanders. Er war mit seinen Gedanken und Gefühlen noch völlig bei dem bevorstehenden Arztbesuch. „Du hast Angst.“ Stummes Nicken. „Das ist unangenehm, wenn die Ärztin ins Ohr schaut und man nicht sieht, was sie tut.“ Stummes Nicken. Ich nahm Herrn Klein auf meinen Schoß und hielt ihn fest. „Das verstehe ich. Ich mag das auch nicht.“ sagte ich ihm leise. Er sagte nichts weiter, lehnte sich nur an mich.

Authentische Reaktionen sind immer die ehrlichsten, aber das bedeutet nicht, dass wir uns nicht ändern und unsere Ansichten verschieben können. Auch das ist Teil des Gemeinsamen Wachsens, von dem ich im Buntraum so oft rede. Wir müssen nicht auf körperliche Zuneigung und Trost und damit Authentizität verzichten, nur weil wir „richtig“ reagieren wollen. Es geht beides gleichzeitig.

Wir müssen als Eltern nicht perfekt sein. Das wollen unsere Kinder auch gar nicht. Sie wollen auch nicht immer nur glücklich sein. Sie wollen nur wissen, dass wir da sind für sie, wenn sie es mal nicht sind.

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