Total verspielt :: Gut vorbereitet in die Schule

Letzte Woche hatten wir Schnuppertag in der Schule für Frau Klein. Sie kommt ja in die Klasse von Herrn Klein, wo sie dann noch ein Jahr gemeinsam sein werden, bis es für Herrn Klein weitergeht Richtung Gymnasium.

Es gab wie jedes Jahr einen Vortrag vom Direktor und auch Gespräche mit den LehrerInnen. Und natürlich ging es darum, wie man die Kinder nun gut auf den Schulstart im Herbst vorbereitet. Und mir ist dabei mal wieder aufgefallen, wie sehr im Vorfeld bei den Eltern schon Stress entsteht. Was muss mein Kind schon können? Wird es Förderungen geben für die, die sich schwer tun? Und wie soll mein Kind bitte still sitzen können, der ist ja so aktiv und immer unterwegs?

Da ist Stress. Anspannung. Sorge. Und die überträgt sich dann auf die Kinder. Manche lernen dann in den Ferien schon mal eine Weile still sitzen. Manche kaufen endlos Vorschulblöcke und Hefte, um die Kinder gut vorbereitet zu wissen. Es gibt Lernapps für das Handy und gut gemeinte Kinderserien mit pädagogisch wertvollem Hintergrund. Dabei ist es etwas ganz anderes was Kinder brauchen, um gut auf die Schule vorbereitet zu sein. Und das ist das freie Spiel.

Freies Spiel

Mit frei meine ich wirklich frei. Erst gestern las ich in einer Gruppe die Frage, was Eltern in ihrem Garten besorgen sollten, damit die Kinder spielen können, weil ihnen dort so langweilig wäre. Und dann kommen zig Vorschläge von Rutsche über Trampolin bis hin zu Wasser-Sand-Konstruktionen, die sie möglichst lange beschäftigen. Ich finde ja hier immer eines besonders besorgniserregend: Dass Eltern sich in der Pflicht sehen ihre Kinder möglichst vielfältig zu bespaßen, wenn diese – vor allem in der Natur – nichts mit sich anzufangen wissen. Das ist meiner Meinung nach ein wesentliches Problem unserer Gesellschaft heute. Kinder sind von Anfang an daran gewöhnt, dass sie unterhalten werden, dass es Dinge und Zeug zum Spielen für sie gibt. Und wenn etwas fad ist, muss was Neues her. Es spricht ja nichts dagegen, dass sie im Garten Geräte zum Toben und Spielen haben, die Frage ist eher, wie wir Eltern auf die Aussage: “Mir ist langweilig.” reagieren.

Freies Spiel bedeutet für mich, dass Kinder mit dem, was sie haben, kreativ und vielfältig spielen. Auch wenn das “nur” Steine und Stöcke und Gras oder Sand ist. Aber das Wesentliche, am freien Spiel ist eben das Selbst auswählen, was, womit und wie ein Kind spielt. Dabei entwickelt es unzählige wertvolle Fähigkeiten, die für die Schule wichtig sind. Das eigenständige Konzentrieren auf eine Tätigkeit, Kreativität, Lösungen finden für die Ideen, die aufkommen, mit Fehlern und Missgeschicken umgehen, etc. etc. Abgesehen von dem wirklichen Lernen, das beim Spielen entsteht. Weil sie sich mit Mengen und Farben und Unterschiedlichkeiten, mit Sprache und Wissen auseinandersetzen.

Vertrauen

Ich halte es daher von sehr viel wichtiger, dass Kinder im Vorschulalter möglichst wenig mit Apps und Aufgaben konfrontiert werden, sondern dass wir einfach mal darauf schauen, wie und was sie spielen. Was interessiert sie, was fasziniert sie? Wo versteckt sich ihre Freude am Entdecken und Lernen? Denn diese Freude ist da und sie bleibt so lange erhalten, bis ihnen gesagt wird, was sie wann wie zu können haben. Und natürlich – in der Schule gibt es einen Lehrplan und Erwartungen. Aber ich erlebe immer wieder, dass Eltern schon im Vorfeld einen Stress bekommen, ob ihre Kinder die erfüllen werden. Und die Kinder bekommen einen Stress, weil sie das Gefühl haben da wird mehr von ihnen erwartet, als sie vielleicht liefern können.

Wieder einmal spielt das Vertrauen eine wesentliche Rolle. Das stille Abwarten und beobachten. Unsere Kinder wollen lernen, aber sie brauchen alle ihre Zeit, sie haben jedes sein eigenes Tempo. Es gibt LehrerInnen, die darauf eingehen und es gibt die, die schnell Stress machen. Umso wichtiger ist es für uns Eltern, dass wir bei unserem Kind bleiben, denn wir kennen es am besten. Und selbst wenn es einmal heißt: “Da müssen Sie mit ihr noch ein bisschen mehr üben, da tut sie sich schwer.” dann ist das kein Grund zur Panik. Für mich heißt das in erster Linie: Was ist das eigentliche Problem? Warum tut sie sich da schwer? Was kann sie brauchen, damit es leichter wird? Denn das vierzehnfache Wiederholen der selben Aufgabe wird nicht unbedingt dazu führen, dass wir etwas besser begreifen.

Freude und Leichtigkeit

Schauen wir mit Freude und Leichtigkeit auf die Schule. Ohne “Dann musst Du…” und “Dann kannst Du nicht mehr…” Sondern einfach mit Gelassenheit und Zuversicht. Vertrauen wir auf ihren Entdeckergeist und vor allem: Lassen wir einmal für einen Moment unsere eigenen Schulerfahrungen hinten anstehen. Dei projizieren nämlich zusätzlich oft Stress, wo keiner sein muss. Und vergesst nicht, dass davor noch ein langer Sommer voller Ferienzauber liegt. Genießt ihn!

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Blöde Plutimikation :: Vom achtsamen Umgang bei schulischen Schwierigkeiten

Hin und wieder, wenn ich Herrn Klein von der Schule abhole, teilt mir die Lehrerin mit, wie der Stand der Dinge bei ihm ist. Meist passt sowieso alles, manchmal aber, so wie heute, erzählt sie mir von irgendwelchen Verständnisschwierigkeiten. Das ist meist dann, wenn sie etwas Neues lernen und er das noch nicht so recht verinnerlicht hat. Heute war es die schriftliche Multiplikation.

Anfangs denke ich mir dann a la Pippi Langstrumpf: Zwei mal drei macht vier – Wer braucht schon Plutimikation? Aber natürlich bringt ihn das nicht weiter. Und so lange ich mit den Kindern nicht in den Wald ziehe, wie ich es mir manchmal träume, so lange ich sie in normale Schulen schicke, so lange muss ich sie da auf ihrem Weg auch unterstützen.

Also schauten wir uns daheim seine Aufgaben an. Ich fragte ihn, was ihm schwer fiel daran. Ließ ihm Zeit. Sagte ihm, dass ich mich kaum noch erinnern kann daran und schaute gemeinsam mit ihm drauf. Und dann fand er den Weg, die Lösung. Und ich weiß jetzt auch wieder, wie man schriftlich multipliziert, herrje, das hatte ich voll vergessen. Ich war gewillt, die Aufgaben von ihm mit dem Taschenrechner am Handy zu überprüfen, strengte dann aber meine grauen Zellen an und rechnete seine Wege nach.

Was mir aber wieder bewusst geworden ist, ist die Tatsache, dass es bei schulischen Schwierigkeiten ganz stark darauf ankommt, wie wir als Eltern mit diesen mal größeren und mal kleineren Problemen umgehen. Denn viele – das merke ich im Umfeld immer wieder – werden selbst schnell panisch und befürchten weitere Schwierigkeiten. Nicht selten sind die in ihrer eigenen schulischen Vergangenheit begründet.

Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind Schwierigkeiten hatte mit den Umrechnungen von Maßeinheiten. Es wollte und wollte nicht in meinen Kopf, wo ich Nullen hin und herschieben sollte. Und ich hörte immer nur, dass ich das doch nun endlich mal begreifen müsse. Und warum ich das denn nicht verstehen wollte. Und deshalb verstand ich immer weniger. Weil die Angst vor dem Stoff und der eigene Widerstand schon zu groß waren.

Was Kinder bei Schwierigkeiten brauchen, sind meiner Meinung nach drei Dinge:

Ruhige Eltern
Ganz oft erlebe ich Eltern, die dann sofort davon reden “da musst Du mehr lernen”. Immer wieder wird dem Kind vermittelt: Wenn Du das nicht verstehst, stimmt etwas nicht mit dir. Es liegt an dir. And dir, an dir, an dir. Dabei muss das gar nicht der Fall sein. Und was nebenbei auch oft hinten überkippt, sind die eigentlichen Stärken und Fähigkeiten, die werden dann gar nicht mehr erwähnt. Oft auch gar nicht gesehen. Im Vordergrund steht: Das läuft was schief und Panik macht sich breit.

Bestärkung
Ich erkläre den Kindern oft, dass man nicht immer alles gleich verstehen kann. Und dass einem manche Dinge leichter fallen als andere. Und ich finde es eben auch sehr wichtig, dass man sieht, was ihnen leicht fällt, was ihnen liegt, was sie gut können. Und dazu auch das Ver- und Zutrauen, dass sie auch das schaffen können. Ich erinnere mich an diese Verzweiflung des “Das werd ich nie begreifen!” Egal ob das Mathe war oder Chemie. Und natürlich begriff ich manche Sachen dann auch wirklich nie. Dabei hilft dann Punkt drei:

Ein anderer Blickwinkel
Wenn ein Kind etwas nicht sofort versteht, dann liegt das nicht unbedingt am Unvermögen des Kindes. Dann liegt es gern auch an der Art und Weise der Wissensvermittlung. Dann ist es hilfreich zu überlegen: Wie kann ich das anders erklären? Wie kann ich vermitteln, ohne zu erklären? Wie kann man etwas spielerisch oder praktisch vermitteln? Hinzu kommt ja, dass Kinder bei uns Eltern oft schnell “resistent” sind, weshalb sie ja Schwimmen manchmal im Schwimmkurs besser lernen als bei uns. Die Rolle des Lehrenden Elternteils liegt nur den wenigsten, denn sie erfordert unfassbar viel Geduld und Feingefühl. Kinder sind nunmal verschieden und so unterschiedlich sind auch ihre Zugänge zu Neuem und beim Lernen. Die einen begreifen schnell durch Abschauen, andere müssen etwas zig mal wiederholen. Wieder andere (ich zum Beispiel) wollen selbst so lange probieren, bis sie ihren eigenen Weg gefunden haben. Weil der Aha-Effekt dabei so wunderbar ist.
Wenn also ein Kind Schwierigkeiten mit Mathe hat, lohnt es sich zu schauen: Was gibt es für andere Methoden? Hier greife ich ja gern auf die Materialien oder Methoden von Montessori zurück. Das muss nicht das teure Material sein, aber abgewandelte Formen davon, alltagstaugliche Beispiele gespickt mit den Interessen des Kindes. Dann lerne ich halt Rechnen mit Legosteinen statt mit Fingern oder dem Abakus. Und wenn wir in höhere Sphären kommen, hilft es mal wieder einen Schritt zurück zu gehen. Vertiefen, was schon da ist um dann gestärkt in neue Wissensgebiete vorzudringen.

Es ist nicht unbedingt hilfreich zu Hause die gleichen Textbücher auszupacken wie in der Schule. Hier ist Kreativität gefragt und dabei ist es wichtig das Kind im Fokus zu behalten.

Keine leichte Übung, schon gar nicht, wenn die LehrerInnen drängen oder die nächste Schularbeit um die Ecke ist. Aber das letzte, was Kinder in diesem Fall brauchen, sind Eltern, die auch noch die Nerven verlieren. Und die dann Druck machen und womöglich auch ihre eigene Geschichte mitbringen. Dabei kann es viel hilfreicher zu sein zu sagen: “Ach damit habe ich mir damals auch schwer getan.” Und dann kann man dem Kind erzählen, wie das war und wie man damit umgegangen ist. Oder wie man heute noch mit vielleicht vorhandenen Schwächen im Schreiben oder Lesen umgeht. Das nennt man dann Beziehung, was wir da mit den Kindern pflegen, während wir uns mit ihnen austauschen. Und die sollte über all dem stehen und nicht darunter leiden. Das tut sie nur gern, wenn die schulischen Schwierigkeiten den Alltag regieren. Klar gibt es Fälle, wo Kinder wirklich Schwierigkeiten haben, wo Teilleistungsschwächen eine Rolle spielen oder gröberer Stoff hinkt. Dennoch denke ich, ist jedem Kind geholfen, wenn die Eltern es unterstützen und begleiten, anstatt auf den Zug der Leistungsgesellschaft aufspringen und mit Stress und Druck arbeiten.

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Ein Jahr Mehrstufenklasse – ein Resumee

Als wir uns vor mehr als einem Jahr für die Schule entschieden, in der Herr Klein heute ist, waren wir nicht sicher, ob das die richtige Wahl war. Es war aber auch klar, dass wir das bei keiner Schule vor Schulstart wirklich wissen würden. Was uns an dieser Schule begeistert hat war zum einen das heimelige Gefühl von Schule bei der Besichtigung und die Tatsache, dass es dort Mehrstufenklassen gibt.  Und deshalb haben wir ihn auch für eine solche angemeldet.

Das Konzept der Mehrstufenklasse hat mir zugesagt, weil ich es angenehm finde, dass die Kinder in ihrer Individualität Raum haben. So können die, die schneller lernen oder schon mehr können, als der Lehrplan vorsieht, einfach ein bisschen vorarbeiten mit den Kindern der nächsten Klassenstufen. Aber auch die, die etwas länger brauchen, sind dort gut aufgefangen. Zumindest habe ich mir das alles so vorgestellt.

Nun ist das Schuljahr fast um. Im Herbst beginnt für Herrn Klein das zweite Lernjahr in seiner Klasse, die Großen gehen und neue Kleine kommen nach. Mehr und mehr wird er hineinwachsen in dieses Gefüge.

Und wir sind rundum zufrieden mit diesem Modell, der Klasse, den Lehrerinnen und vor allem damit, dass Herr Klein sich unglaublich wohl fühlt in der Schule. Was mir im Bezug auf die Mehrstufenklasse besonders gut gefallen hat:

 

  • Die Eingewöhnung. Herr Klein war furchtbar nervös und hat am ersten Schultag sehr geweint. Am zweiten Tag kam ein Kind aus dem vierten Lernjahr am Morgen zu ihm gelaufen und hat gesagt: “Hey, du weißt ja noch gar nicht wo dein Spint ist! Komm ich zeig ihn dir!” Und damit war die Eingewöhnung abgeschlossen. Von dem Tag an ging Herr Klein leichten Fußes in die Schule.
  • Das Lernen. Herr Klein hatte ja im Vorfeld im Kindergarten schon einiges gelernt an Zahlen und Buchstaben. Er tat sich leicht mit dem Stoff, der ihm nun begegnete und war vor allem recht bald von der Schreibschrift fasziniert. Er fragte einfach immer wieder die Großen und sie zeigten ihm verschiedene Worte. Das begeisterte ihn sehr und niemand bremste ihn darin. Das Lernen von den Großen hat einen gewissen Reiz, der ist anders als das Lernen den Lehrer*innen. Und die Großen? Die sind natürlich stolz und helfen gern. Sie fühlen sich dadurch doppelt groß. Gestern sagte ich zu Herrn Klein: “Hey, du hast ja die Mitteilung im Heft selbst geschrieben. Das haben doch bisher die Großen für dich gemacht!” (das machen in der Klasse die Schüler und nicht die Lehrerinnen) – “Ja!”, sagte er. “Und nächstes Jahr kann ich den Neuen die Mitteilungen schreiben.” Da sprach ein gewisser Stolz mit raus. Aber auch während des Tages machen sie Aufgaben und Übungen nebeneinander, fragen einander, kontrollieren einander.
  • Projektarbeiten und Referate. In Projektarbeiten haben die Kinder lernstufenübergreifend gearbeitet und sogar Referate erarbeitet und abgehalten. Das ging sehr gut, Herr Klein hatte Spaß daran und wollte dabei wenig Hilfe von uns. Bei den Buchreferaten konnte er sich bei den Großen abschauen, wie so etwas geht und hat auch das gut gemeistert. Sie wachsen so in ein ganz anderes Lernen hinein als ich damals. Das gefällt mir sehr gut.
  • Gleichgesinnte. Obwohl die Klasse bunt durchmischt ist, so sitzen doch häufig die jeweiligen Lernstufen beieinander. Sie haben sich als Gleichgesinnte.
  • Die Schere zwischen “Groß” und “Klein” ist nicht so weit offen. Die Großen sind stetig im Kontakt mit den Kleinen und sind ihnen wohlgesonnen. Es ist nicht so ein “Ihr nervigen Kleinen.” Vielmehr habe ich das Gefühl, dass sie sehr gut miteinander arbeiten können aber auch in der Freizeit miteinander und durchmischt sind. So sind die Großen oft auch eingeladen bei Geburtstagen der Kleineren und umgekehrt.

Die richtige Entscheidung für das eigene Kind zu treffen ist in Sachen Schule sehr schwer. Hier wird viel unabhängig von uns geprägt. Hier heißt es Loslassen. Zutrauen und Vertrauen. Sein lassen. Das Konzept der Mehrstufenklasse würde ich für meine Kinder immer wieder wählen. Aber das sage ich, weil ich damit auch gute Erfahrung gemacht habe. Sehr wohl ist das Konzept für manche Kinder gar nicht so sehr geeignet. Und ganz bestimmt gibt es normale Regelklassen, die durch tolles Lehrpersonal super geführt werden und auch ein so freies und offenes Arbeiten ermöglichen. Und ganz sicher hatten auch wir Glück mit den Lehrerinnen und der Nachmittagsbetreuerin. Die sind allesamt sehr liebevoll, einfühlsam und auf die Kinder fokussiert. Sie machen sich alles mit ihnen aus und die Eltern sind – so lange alles gut läuft – außen vor. Für mich eine sehr angenehme Erfahrung.

In welchen Schulen oder Klassen habt Ihr Eure Kinder? Wie sind Eure Erfahrungen? Was haltet Ihr für besonders wichtig in den ersten Lernjahren? 

 

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