Gemeinsam wachsen

Sobald Frau schwanger ist, geht es gewöhnlich los. Wer sich nicht selbst Bücher über die aufregenden kommenden Monate kauft, bekommt sie sicher geschenkt. Und von da ist es dann nur mehr ein kleiner Schritt in den Wahnsinn des Ratgeberdschungels.

Man kann das von gar nicht (“Ich mach das ausm Bauch heraus.”) bis exzessiv betreiben. Das Lesen von Ratgebern. Da ich Extreme in welche Richtung auch immer nicht mag, bin ich für den schnöden Mittelweg. Das ist wohl die meiste Arbeit, denn man muss erstmal herausfiltern, was brauchbar ist, was auf einen passt und womit man sich dann ausgiebiger beschäftigen will.

Aber ich will hier gar keine Anleitung für das Survival im Ratgeberdschungel schreiben. Vielmehr hat mich in letzter Zeit die Frage beschäftigt, was eigentlich so passiert, wenn man (oder Frau) so einen Ratgeber gelesen hat. Denn wenn man zum Beispiel Jesper Juul betrachtet, so ist der ja ein sehr bekannter Hund. Unterwegs, auf Spielplätzen oder in Parks, merkt man jedoch recht wenig davon, dass seine Bücher angeblich immer sehr gut verkauft sind. Nunja, gekauft ist nicht gleich gelesen. Aber das wäre im Falle Juuls wirklich schade, denn seine Bücher sind wirklich durch die Bank weg sehr empfehlenswert. Aber nein, das ist keine Verkaufsveranstaltung.

Denn wie ich nun nach langer Rätselei festgestellt habe, ist Ratgeber lesen nicht gleich handeln. Vor allem wenn es um Erziehungsfragen geht. Denn was uns oft gar nicht so bewusst ist, ist die Tatsache, dass wir vollgestopft sind mit Verhaltensmustern und Strukturen, die wir selbst erfahren haben. Wie oft haben wir uns gedacht, dass wir die Dinge anders machen wollen, als unsere Eltern? Egal wie, hauptsache anders. Nun, bei der Kindererziehung geht es da wirklich an die Substanz. Denn nach den ersten Monaten Schlafmangel und Stilldemenz, wenig Beziehung und einem stetig wechselnden Tagesablaufs, verfällt man schnell in Muster, von denen man nicht wusste, dass man sie so sehr inne hat. Da kann man noch so viel Juul gelesen haben, irgendwann stehen wir alle mal vor dem nicht hören wollendem Kinde und brüllen “Kannst Du nicht EINMAL…” oder “Musst Du IMMER…?”

Genau. Und nun brauchen wir uns nur einmal ruhig hinsetzen und fragen, woher wir diese Sprüche so gut kennen. Aus der eigenen Kindheit. Wir sehen plötzlich die wütenden Augen unserer Eltern, vielleicht sogar eine drohende erhobene Hand. Und denken “Oh scheiße!”

Kindererziehung ist eben nicht Ratgeber Lesen und Anwenden. Kindererziehung ist Elternerziehung. Und wer hier nicht bereit ist, sich dem zu stellen und die eigenen Muster aufzuknöpfen, um sie neu zu stricken, der kann sich abends genauso gut einen Krimi auf den Nachttisch legen (nichts gegen Krimis!).

Denn auch wer diese Ratgeber “anwendet”, der wird merken, dass das nicht immer einfach so von der Hand geht. Wer das erste Mal vor seinem schreienden Kind hockt und sagt “Das ärgert Dich jetzt sehr. Du wolltest so gern noch mit dem Auto spielen” anstatt “Geh, Du hast doch vorher auch nicht damit gespielt.”, dem mag das ungewöhnlich vorkommen. Aber das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen sollten. Denn wer nun nach ein paar Malen draufgekommen ist, dass das Kind sich eigentlich recht schnell beruhigt, indem man es seine Gefühle leben lässt, anstatt sie stillzulegen, wer erfahren hat, dass ein ganz klares und deutliches “Nein. Das will ich nicht.” viel besser ‘funktioniert’ als ein “Na bitte, das will ich eigentlich nicht so gern.”, der wird dem fahrenden Zug so schnell nicht entspringen.

Aber es sind natürlich nicht immer diese Aha Erlebnisse. Es sind eben auch die eigenen Erfahrungen, die auftauchen, nachdem sie lange unbemerkt unter der Oberfläche geschlummert haben. Plötzlich setzt man sich mit der eigenen Kindheit auseinander. Das ist nicht immer Eis essen oder Märchenstunde mit Oma. Im Gegenteil. In unser aller Kindheit stecken oft Erlebnisse, die auch schmerzhaft gewesen sein können. Und ohne diesen zu begegnen, sich mit ihnen auseinander zu setzen und sie anzunehmen, können wir nicht von uns erwarten, dass wir ganz anders und am liebsten noch ‘viel besser’ handeln. Denn dann verbiegen wir uns nur.

Wieder einmal kann ich nur raten, recht bald, wenn möglich vor der Geburt, damit zu beginnen, mit dem Partner (so man denn nicht alleinerziehend ist) eine gemeinsame Basis zu finden. Welchen Weg wollen wir gehen? Was ist uns wichtig? Und wie? Denn während dieser schlafmangelnden stilldementen Monate, wenn dann die ersten Sackgassen auftauchen, reagieren oft nicht wir, sondern diese verinnerlichten Strukturen. Uns fehlen Motivation und Energie, um uns bewusst zu machen, dass wir doch ‘anders’ wollten, und ‘besser’. Und umso mehr wir uns dann verfahren, umso schwieriger wird es, da herauszukommen.

Und dann ziehen und zupfen wir wieder nur an unseren Kindern, anstatt gemeinsam zu wachsen.

 

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Die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit.

Auf der Pikler Spielraum Tagung vor kurzem war es vor allem ein Vortrag, der mich am meisten berührt hat. Nicht nur für meine zukünftige Tätigkeit, sondern vor allem auch privat hinsichtlich der medizinischen Vergangenheit (und Zukunft) von Herrn Klein.
Denn ja – es gibt ihn tatsächlich. Diesen Kinderarzt, der sich Zeit nimmt. Der mit einem Kind redet, bevor er es berührt. Und der hinterfragt.

Dieser Kinderarzt heißt Doktor Wolfgang Schaller und ist mittlerweile in Pension. Außerdem wäre Salzburg dann doch etwas zu weit weg, für Routineuntersuchungen als auch für Notfälle.
Was Doktor Schaller jedenfalls herausgefunden hat, während seiner Zeit als praktizierender Kinderarzt, ist vor allem eines: Kinder brauchen Wahrheiten. Viele Probleme wie Schlafstörungen oder anhaltende Schreiphasen sind in der Tiefe der Seele eines Kindes begründet, oft im Unterbewusstsein, und können durch Reden und Erzählen der Wahrheiten, die in der Familie schlummern, behoben werden. Können.
So hat er von Fällen berichtet, wo eben solche Schlafprobleme verschwanden, weil er nach einem Gespräch mit den Eltern herausfand, welche Probleme es während der Schwangerschaft, Geburt oder Nachgeburtszeit gegeben hat, die Eltern bat, dem Kind davon zu erzählen und so unbewusste, tief sitzende Ängste gelöst hat.
Immer wieder hat er bei den Eltern nachgebohrt, und “Beichten” hervorgeholt, die geheilt haben.
Wie wertvoll ist es für ein Kind, wenn es eben diese Wahrheiten erfährt, anstatt verängstigt oder verunsichert aufzuwachsen?
Und letztendlich ist es ja nicht nur Heilung für das Kind, sondern auch für die Eltern. Deren Sorgen oder Probleme erhört werden, die diese Aussprechen können. Und die dann, mit einem entspannteren Kind eine wesentlich entspanntere Zeit leben und genießen können.

Genauso können es ja auch ganz einfache Wahrheiten sein, die den Eltern gar nicht als Problem aufgefallen sind. Zum Beispiel Babies, die sich einfach nicht aus den Armen der Eltern lösen lassen. Die schreien, sobald sie allein im Bett oder auf einer Decke liegen. Hier hat er oft herausgefunden, dass diese Kinder oder deren Mütter nach der Geburt medizinische Hilfe benötigt haben, die eine Zweisamkeit und das Bonding unterbrochen haben. Neugeborene, Babies mit Gelbsucht, von Operationen noch geschwächte Mütter oder sonstige Notfälle nach der Geburt. Selbst wenige Stunden unter der Wärmelampe sind für einen Säugling eine lange Trennung von der Mutter, nachdem es 9 Monate in deren Bauch gelebt hat.

Eine weitere, sehr sehr interessante Methode, die er immer wieder empfohlen hat, ist, dass die Eltern den Kindern nicht nur die Wahrheiten erzählen, sondern mit ihnen an den “Ort des Geschehens” – das Krankenhaus – zurückkehren. Denn Gerüche und Geräusche setzen sich im Unterbewusstsein fest. Gerade bei Babies mit Schlafproblemen kann es also sein, dass diese Gerüche und Geräusche eben während des Schlafes auftauchen und zu Unruhe und Angstzuständen führen. Dem kann entgegengewirkt werden, wenn die Eltern mit dem Kind ins Krankenhaus, in den Kreißsaal oder auf die Station zurückkehren und ihm dort erzählen, was mit ihnen (oder ihnen selbst) geschehen ist und warum.

Gerade hier habe ich also mit dem Ohr einer Mutter eines mit angeborenen Herzfehler geborenen Kindes zugehört und gespannt gelauscht. Schon lange habe ich mich gefragt – Was hat diese Zeit vor der OP, die 6 Monate des unerträglichen Warten und Bangens, die OP selbst, die Zeit auf der Intensivstation und die Zeit danach mit ihm angestellt? Welche Fragen werden auftauchen, wenn er sprechen kann und versteht? Aber was schlummert jetzt schon tief in ihm? Wann soll/darf/muss ich damit beginnen, dies zu verarbeiten? Für ihn und für uns alle?

Hier bekam ich also meine Antwort von Dr. Schaller: Wahrheiten (vor allem große und schwerwiegende) sollte man einem Kind bis zum Schuleintritt jährlich erzählen. Das hat mich überrascht. Auch die Kinderkardiologin sprach vor der OP davon, dass es gut wäre, die OP so weit wie möglich hinauszuzögern, da von solchen Eingriffen später Probleme beim Schuleintritt auftauchen könnten. Vor allem je eher man operiert. Genau weiß ich den Hintegrund nicht, was das mit dem Schuleintritt genau zu tun hat, aber die Aussagen von zwei Ärzten diesbezüglich, haben mich darin bestärkt, es herauszufinden.

Doch bis dahin habe ich beschlossen, mit Leander die Stationen seines Herzfehlers aufzusuchen. Und so begab ich mich letzte Woche mit ihm ins Wiener AKH, ganz ohne Termin, ohne ersichtlichem Grund, dennoch etwas nervös.
Ich begann auf der Herzambulanz. Hier waren wir regelmässig vor der Geburt und müssen auch jetzt noch zu Nachkontrollen in gewissen Abständen erscheinen. EKG, Herzultraschall und Blutdruckmessung stressen hier nicht nur den kleinen Mann, sondern auch uns. Es war Freitagnachmittag und die Ambulanz geschlossen. So konnte ich ihm in Ruhe erklären, was sich hinter den Türen befand, was wir gewöhnlich dort machten, wenn wir herkamen, und warum. Er hörte mir zu, zeigt auf Türen und auf seine Brust, wo ich vorher mit dem Finger das Aufkleben der Elektroden nachgeahmt hatte. Er schaute sich kurz um, betrachtete die Schaukelpferde, hielt sich aber nicht lange auf. So, als ob er sagen wollte: wir gehen eh gleich wieder, ja?
Das taten wir. Hinüber zum Labor, wo ihm oft genug in den kleinen Finger gestochen und Blut herausgequetscht wurde. Er zeigte danach auf die Tür und auf seinen kleinen Finger. Er hatte also verstanden. Kurz überlegte ich, ob ich mit ihm den Gang zum OP nachgehen sollte. Aber es erschien mir fürs erste zu viel. Nicht nur für ihn, auch für mich. Also begaben wir uns auf die Intensivstation. Als wir vor der Schleuse standen, wurden meine Knie weicher. Ich hielt Leander fest im Arm und erklärte ihm, dass er dort sehr viel geschlafen hatte. Dass er dort allein war, und wir nicht da, als er aufwachte. Dass wir ihn nur besuchen durften, und wie schwer uns das fiel. Er nickte. Schaute sich um. Aber war ruhig. Von dort fuhren wir mit dem Lift auf Ebene 08.
Ebene 08 – mein persönlicher Alptraum. Die Stationsoberschwester war an der Rezeption und um Fragen auszuweichen hielt ich mich mit Leander direkt am Lift auf. Ging nicht weiter in die Station hinein. Ich erzählte ihm, dass wir hier beide gewohnt haben vor und nach der OP. Doch während ich redete, sagte er “Nein. Nein. Nein!” Ich weiß nicht, ob er meine Anspannung so sehr spürte, oder ob in ihm selbst etwas aufkam. Von Damals. Von dem Wahnsinn dort. Und so folgte ich seinem Nein und wir beendeten den Besuch fürs erste. Es brauchte noch eine Weile, bis ich mich erholt hatte, meine Knie mich wieder sicher trugen.
In 2 Wochen haben wir eine Untersuchung auf der Herzambulanz. Ich bin gespannt, wie diese verlaufen wird. Nicht nur aus medizinischer Sicht.
Aber es ist heilsam zurückzukehren und sich diesen eigenen Ängsten zu stellen. Es verknotet sich mein Magen jedes Mal, wenn wir mit der U6 am AKH vorbei fahren. Es wäre gut, das etwas zu beheben. Und wenn das bei mir funktioniert, warum dann nicht auch bei Leander? Und wie gut ist es, wenn er jetzt die Möglichkeit hat all das mit uns zu bewältigen, als in 20 Jahren mit einem Therapeuten?

Als angehende Familienbegleiterin hat es mich bestärkt darin, diesen Ansatz von Dr. Schaller weiter zu empfehlen. Nur muss ich dabei vorsichtig sein.
Denn hier können Dinge an die Oberfläche gelangen, denen wir auf Grund unserer psychologisch nicht allzu fundierten Ausbildung und den wenigen Vorkenntnisse in diesem Bereich nicht gewachsen sind. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Aber es ist gut zu wissen, dass es für viele Probleme Lösungen gibt fernab von Schlaf- oder Schreiambulanzen. Und wieder einmal gilt es, sich als Familienbegleiterin ein Netzwerk an Fachpersonen aufzubauen,
zu denen man verweisen kann, wenn man an seine Grenzen stößt.

Ich bin Dr. Schaller zu tiefst dankbar für diese Einblicke in seine Arbeit. Und ich hoffe, dass es doch mehr solcher achtsamer und empathischer Kinderärzte gibt.

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Mit Familien wachsen

Als ich zur PiklerSpielraum Tagung nach Salzburg fuhr, tat ich dies hauptsächlich aus der Motivation heraus, irgendwann einmal eigene Spielräume zu leiten. Doch dafür gab ich mir selbst noch Zeit. Mein momentaner Fokus liegt auf der Familienbegleitung. So hatte ich nicht erwartet, wie sehr mich diese Tagung nicht nur unterstützen und bereichern, sondern auch unglaublich berühren würde.

Direkt am Freitag begann das Wochenende mit einem Vortrag von Anna Tardos, der Tochter Emmi Piklers, zum Thema “Familien begleiten in Eltern Kind Gruppen”

Als erstes stellte sie die Frage: “Sollen/Müssen/Dürfen wir Eltern begleiten?”
Die vermehrt auftretenden Schrei- oder Schlafambulanzen, das vermehrte Aufsuchen von Therapeuten oder Pädagogen seitens der Eltern, beantwortet diese Frage allein schon. Hinzu kommen die unzähligen unterschiedlichen Fachmeinungen, zwischen denen sich Eltern einfach nicht mehr auskennen. Kinderärzte, Hebammen, Therapeuten – sie alle reden wirr auf die Eltern ein. Aber sie alle leben einen großen Unterschied zur eigentlichen Familienbegleitung – sie kennen die Familie oft nur wenig, versuchen zu wenig zu verstehen, sondern eher, ihre Fachmeinung loszuwerden.
Daher ist es klar: Familienbegleitung ist notwendig und gefragter denn je. Das macht es nicht zu einer Marktlücke, mit der man versuchen sollte, sein Geld zu verdienen. Vielmehr sollten wir uns bewusst sein, welch verantwortungsvollen und sensiblen Job wir gewählt haben. Aber wie können wir den nicht nur ausüben, sondern dabei hilfreich und bereichernd sein?

Schon Emmi Pikler hat sich mit dieser Frage befasst. Sie war jahrelang private Kinderärztin und hat Familien auch über die medizinischen Anliegen hinaus begleitet. Die wenigsten wissen das, weshalb sie oft als “die mit dem Kinderheim” abgestempelt wird, die angeblich eine Pädagogik entwickelt hat, unter der ihr Heim gut und einfach läuft. Dabei hat sie so viel mehr getan. Vieles davon wird in dem Blog hier noch auftauchen.
Emmi Pikler hat sich nicht nur gefragt “Wie kann ein Kind sein?” sondern auch “Wie sind Kinder?” Sie hat also vor allem die Kinder beobachtet und in ihnen gelesen. Dann hat sie mit den Eltern gearbeitet, sie begleitet.
Natürlich hat sie damals recht kämpferisch und dogmatisch gearbeitet. Das bestätigt heute sogar ihre Tochter Anna Tardos. Anna hat in ihrem Vortrag eindringlich betont, dass wir nicht missionarisch sein dürfen. Dass wir Eltern nicht verschrecken sollen, indem wir dreimalklug und weise den Eltern vermitteln, dass sie bisher alles falsch gemacht haben. Vielmehr kommt es darauf an, die Eltern zu verstehen und zu kennen. Denn sie haben ihre eigene Geschichte, ihren kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Wir müssen ihre Motivation kennen, ihre Persönlichkeit.

Vor allem aber – und das ist wohl fast noch wesentlicher – dürfen wir Lösungen nur anbieten. Nicht aufzwängen. Und nicht einmischen. Wie können keine Familie beraten, unterstützen und begleiten, die nicht von sich aus zu uns kommt und uns fragt. Wo keine Frage ist, können wir nichts tun.

Am Heimweg im Zug habe ich eine Mutter gesehen, die ihr Kind, das noch nicht gehen konnte, an den Händen geführt hat. Den Gang rauf und runter. Natürlich tut es mir irgendwo weh, das zu sehen. Aber dabei das Lächeln der Mutter und die Zweisamkeit der beiden. Eine Harmonie, die man nicht zerstören darf. Also habe ich sie angelächelt und bin vorbeigegangen.

Was genau können wir aber tun als Familienbegleiterin? Anna Tardos sagt – wir können mit den Kindern arbeiten. Mit den Kindern reden, sie beobachten, auf sie eingehen. Wenn wir den Eltern quasi “vormachen”, wie wir Probleme lösen können, geben wir die Möglichkeit nachzuahmen. Ohne dabei zu bewerten oder zu belehren. Ein Angebot.
Und – und das hat mich besonders beeindruckt – können wir Eltern aufzeigen, was ihre Kinder können, was sie tun. Damit wertschätzen wir nicht nur das Kind, sondern vor allem auch die Eltern. Und das ist es, was es oft braucht. Eine kleine Anerkennung. Eine wertschätzende Geste.
In einem Spielraum können wir das natürlich noch viel einfacher. Wir erleben das Kind dabei im Spiel, in Konflikten mit anderen Kindern und ganz bei sich. Wir können so viel mehr über die Familie erfahren. Und “vorbildlich” arbeiten. Ein Grund, warum ich die Familienbegleitung mit der Spielraumleitung kombinieren möchte.

Aafke, eine Niederländerin, die ich auf der Tagung kennenlernte, erzählte mir, dass sie Anna Tardos vor Jahren in Ungarn kennengelernt hat und Seminare bei ihr besucht hat. Dass Anna damals noch ebenso dogmatisch und missionarisch war, wie ihre Mutter. Dass sie gelehrt hat, was richtig und was falsch ist. Was Pikler und was nicht.
Und wie sehr sie sich nun gewandelt hat, wenn sie davon spricht, dass wir uns nicht einmischen dürfen. Die Piklerpädagogik nicht als das Heiligtum vermitteln.

Es gehört also zu einer guten Familienbegleiterin auch, dass wir mitwachsen mit unserer Berufung. Dass wir Meinungen ändern und dies akzeptieren können. Mit offenem Herz und wachsamem Geist. Ehrlich und Achtsam.

Ich danke Anna für diesen wundervollen und sehr lebhaften Vortrag. Für diese offene Einsicht in die Welt der Familienbegleitung. Und freue mich auf die Herausforderungen, die mir auf meinem Weg begegnen werden.
Ich danke aber auch Emmi Pikler. Sie hat so viel erforscht und erfahren, weitergegeben und (wenn auch dogmatisch) gelehrt, dass es mir heute noch möglich ist, mehr davon zu erfahren und zu diskutieren. Mit vielen Ansätzen ihrer Erkenntnisse im Hinterkopf werde ich arbeiten. Weil ich sie für wertvoll halte. Nicht nur für das Kind, sondern für die ganze Familie. Warum, dazu werde ich im einzelnen noch berichten auf dieser Seite. Wenn es um Bindung und Beziehung geht, um liebevolle Pflege, um freie (Bewegungs)Entwicklung. Um die Vorbereitung auf das Kind vor der Geburt. Um Problembewältigung danach. Und so vieles mehr.

Diese Arbeit ist nicht nur verantwortungsvoll und sehr sensibel. Sie ist so reich und berührend. Ein wundervoller Weg, der vor mir liegt. Danke!

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