Warum wir schreien

Susanne Mierau hat gerade eine Blogparade gestartet gegen Gewalt gegen Kinder. Dabei geht es gar nicht einmal “nur” um das Schlagen von Kindern, die kleine Ohrfeige, eine Tracht Prügel, die ausgerutschte Hand. Es geht um sämtliche Facetten der Gewalt. 

Ich wohne in der Stadt, in der ein Vater sein Kind durch eine “Strafdusche” getötet hat. Ich habe es im Verriss der Medien miterlebt und mit gehofft, dass das Mädchen überleben wird. Und am Ende mitgelitten, weil sie es nicht geschafft hat. Mich machen solche Geschichten fertig. Endlos fertig. Weil ich weiter denken muss “Was ist da vorher schon alles passiert? Was hat dieses Kind schon alles erleben müssen, bevor es zu diesem Eklat kam?” Es bewegt mich lange, so etwas zu lesen, zu hören und mit mir herumzutragen.

Dann denke ich oft an meine Kinder und wie gern ich sie behüten möchte, ihnen die liebevollste Umgebung bieten möchte, die sie bekommen können. Und ihnen niemals weh tun möchte. Die ich dreimal so viel umarme und halte, gerade wenn so eine Geschichte öffentlich geworden ist.

Und dann gibt es diese Tage. Die Tage, an denen alles schief zu laufen scheint. Oder alles scheinbar gut, bis zu dieser einen Minute, Sekunde, in der der Schalter kippt. Nein, ich schlage nicht zu. Aber ich werde laut. Ich schreie. Selten brülle ich auch. Und ich hasse es. Noch in dem Moment, in dem ich alles an Stimme aus mir hole, was da ist, weiß ich, dass das alles nur verschlechtert, dass das nichts bringt. Aber ich muss es tun. Ich kann nicht anders. Von Wut und Ärger getrieben. Was folgt ist Reue, ein schlechtes Gewissen und ein Tag, der – egal wie liebevoll – dennoch von Magengrummeln begleitet zu Ende geht. Zum Glück werden diese Tage weniger. Aber es gibt sie. Und das ist schlimm genug.

Schreien und Brüllen – auch das sind Formen von Gewalt. Wer einmal von einem lieben Menschen angeschrien wurde, weiß, wie sehr es erschreckt, verletzt und lange nachhallt. Wie sehr es schockt, verunsichert und Narben reißt. Und dennoch kommt es vor. Nicht selten sogar. Vor allem unsere Kinder schreien wir an. Aber warum? Warum gerade die Menschen, die uns von allen auf der Welt am liebsten sind? Denen wir doch eigentlich niemals etwas antun wollen? Die wir immer beschützen und für die wir immer nur das Beste wollen? Für die wir alles geben würden?

Ja, gerade weil wir alles geben, schreien wir. Oder?

Denn es sind nicht nur die Eltern, die ihre Kinder auch schlagen und duschen, die ihre Kinder anbrüllen. Es sind auch die, die all das nicht wollen. Die sich so viel Mühe geben um respektvoll, liebevoll, empathisch und gewaltfrei zu erziehen. Es sind auch die, die es am meisten bereuen, wenn sie laut werden.

Denn sie machen sich so viele Gedanken, wollen nur das Beste, lesen Ratgeber und Blogs, tauschen sich aus und hinterfragen jede Entscheidung dreimal. Sie sind einfühlsam und liebevoll. Und flippen dennoch aus. Gerade deswegen.

Wir sind enttäuscht. Weil trotz allem diese Momente entstehen, in denen nichts zu funktionieren scheint. In denen alle Werkzeuge, die wir uns zugelegt haben, zu versagen scheinen.

Wir sind verzweifelt, weil wir uns verantwortlich fühlen für jede Gefühlsregung unserer Kinder. Weil wir wollen, dass sie immer glücklich sind. Und uns schlecht fühlen, wenn sie es nicht sind.

Wir sind streng mit uns selbst. Wir wollen perfekt sein. Alles richtig machen. Und vergessen dabei, dass das Leben mit Kindern nie perfekt sein wird. Und es auch gar nicht sein soll. Wir übersehen uns selbst und den Lauf des Alltags hinter dieser Perfektion. Und deshalb schreien wir.

Zu spät
Manchmal erkennen wir Situationen erst zu spät. Erst, wenn sie eskalieren. Wir übersehen im Alltag schnell die Anzeichen dafür, dass unsere Kinder müde sind, erschöpft, hungrig. Dass es besser wäre die Notbremse zu ziehen und in den sicheren Hafen der eigenen vier Wände und der eigenen Abläufe und Routinen zurückzukehren. Weg vom Spielplatz, raus aus dem Supermarkt, Verabschieden vom Besuch.

Manchmal spielen die Kinder nach dem essen scheinbar gemütlich im Wohnzimmer und wir verquatschen uns am Esstisch. Dann gibt es einen Streit, der anfangs normal scheint. Bis es eskaliert. Ein Kind brüllt, eins schlägt zu, ein zweites weint. Geschrei. Getobe. Das falsche Elternteil bietet den falschen Arm zum Trost an. Ein Kind wird fälschlicherweise falsch beschuldigt. Ausnahmezustand. Jetzt zur Ruhe zu kommen, in Ruhe das Abendritual einzuläuten und durchzufahren ist schwierig. Und wir erkennen – wir hätten gleich reagieren sollen. Beim ersten Anzeichen. Oder noch vorher. 

Unklar
Wir bieten 3 Müslioptionen zum Frühstück oder das dritte Getränk zum Abendessen. Wir gehen den halben Weg zurück, um das Laufrad zu holen, dass dann auf halber Strecke… doch zu viel ist. Wir lassen unser Kind im Bus stundenlang den “schönsten” Platz aussuchen, weil es uns eigentlich egal ist, wo wir sitzen. Bis der Bus anfährt, das Kind stolpert und wir – feststellend, wie genervt wir wirklich sind – dem Kind noch Vorwürfe machen. Weil wir nicht rechtzeitig klar gesagt haben “Nein, heute sitzen wir hier.” oder “Es gibt jetzt diesen Saft oder Wasser. Ansonsten gar nichts.” Statt dreimal mit dem Kind fangen zu spielen, um es am Ende dennoch brüllend vom Spielplatz heimzutragen, ist es wichtig rechtzeitig zu sagen: “Es ist spät genug und wir werden jetzt gehen.”
Uns fehlt oft die Klarheit. Wir wissen nicht genau, was wir wollen oder wie wir es ausdrücken können. Wir verlieren uns in scheinbarem Respekt und falscher Empathie, bis uns schlagartig bewusst ist, was wir wollen. Und es lautstark vermitteln. So, wie wir es nicht wollten.

Falsche Empathie
“Jaja ich weiß, Du willst gern noch bleiben. Aber wir gehen jetzt.” ist scheinbare Empathie, die eigentlich sagt: “Ist mir egal. Ich will jetzt gehen.” Wir müssen uns nicht immer in Einfühlung üben, um unsere Bedürfnisse klar zu äußern. Wenn wir als Eltern finden, dass es spät genug ist, dass es an der Zeit ist zu gehen, dann ist das so. Und wenn ich jetzt nach 4 Stunden am Spielplatz kein Verständnis mehr habe, dann brauche ich das auch nicht vorgeben. Dann kann ich einfach sagen, was ich jetzt möchte.
Wenn Empathie nicht aus dem Inneren, sondern aus dem zuletzt gelesenen Ratgeber kommt, spüren unsere Kinder das sofort. Und fragen nach. Indem sie uns testen und genau diesen Knopf noch dreimal drücken. Meint sie das wirklich? Versteht sie mich wirklich? Was will sie jetzt eigentlich selbst?

Wir haben oft Besuchskinder zu Gast. Die Eltern der Kinder haben manchmal schweres Spiel, ihre Kinder wieder nach Hause zu holen. Hin und wieder beschließen wir aber, auf Grund unserer Abendabläufe, dass es Zeit ist für ein Kind zu gehen. “So, für heute ist genug. Wir werden jetzt essen, und Du wirst nach hause gehen.” – “Gleich. Der Papa hat gesagt ich darf lange bleiben.” – “Hat der Papa das gesagt, ja? Wir werden jetzt aber Essen und dann wird Herr Klein ins Bett gehen. Deshalb gehst Du jetzt nach Hause.” _ “Aber der Papa hat gesagt ich darf bis lange bleiben.” – “Ja und ich sage, dass Du jetzt gehen musst, weil es spät genug ist. Ich bringe Dich noch rüber und wir können das mit dem Papa auch abklären.” (wissend, dass der Papa das so sieht wie ich)

Das klingt nun so, als hätte ich diese Klarheit intus und würde all diese Situationen immer gut richten können. Aber eben nicht. Auch ich übersehe gern die ersten Anzeichen. Auch ich bin gern frustriert, dass ich doch so viel tue. Dass ich doch eigentlich so viel weiß. Gerade durch meinen Job und diesen Blog hier, bin ich oft noch frustrierter. Denn ich denke “Herrje, Du faselst immer von all diesen Dingen und kriegst sie selbst nicht auf die Reihe.” Und dann sagt der Liepste: “Sei nicht so streng mit Dir.”

Und dann bin ich nicht so streng mit mir, erkenne, wo mal wieder was schief gelaufen ist, gebe meinen Kindern einen extra Gutenachtkuss und bin froh, dass sie mir mit jedem Tag eine neue Chance eröffnen.

Hilfe annehmen
Es gibt kein Rezept, um das Schreien und Brüllen zu verhindern. Es ist auch nicht hilfreich zu wissen, dass Schreien Gewalt ist und unseren Kindern weh tut. Es macht es manchmal noch schlimmer. Aber ich denke, dass, wenn uns bewusst wird, warum wir schreien, warum wir brüllen, wir eine Chance haben, diese Situationen zu vermeiden. Dass sie weniger werden. Und wenn wir uns dennoch nicht herausfinden aus all dem, wenn wir den lauten Modus nicht mehr zu verlassen scheinen, dann ist es eben doch vielleicht sinnvoll, sich Hilfe zu holen. Zu akzeptieren – ich stehe hier irgendwo an. Denn auch das ist ein Grund, warum wir schreien. Weil wir nicht wahrhaben wollen, dass es ein Problem gibt, mit dem wir selbst nicht zurecht kommen. Wo wir doch so viel gelesen und verinnerlicht haben. Hilfe suchen und annehmen kann gut tun. Nicht nur uns. Auch unseren Kindern, die dadurch weniger Gewalt erfahren.

Und die gute Nachricht zum Schluss: Es geht nicht nur darum, alles liebevoll, leise und sanft zu vermitteln. Nein, wir dürfen laut werden. Wir dürfen genervt sein und verärgert. Aber wir dürfen unsere Kinder nicht anschreien und anbrüllen und ihnen damit das Gefühl geben, dass sie falsch, klein und unfähig sind. Ich darf die Wand anbrüllen, ich darf laut rufen “verdammt das ärgert mich jetzt.” Ich darf auch mal eine Tür knallen. Aber in ein kleines Gesicht schreien, was das dazugehörige Wesen nun wieder angestellt hat, das ist Gewalt. Das tut weh. Das sitzt. Tief und fest. Und hinterlässt Narben. Sorgen wir für eine narbenfreie Kindheit. Ärgern wir uns. Über uns. Und über unsere Kinder. Aber nicht sie.

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“Komm weiter!” und warum Kinder nicht kommen

IMG_2352Ein Thema, was immer wieder schwierig ist für Eltern, ist die Klarheit. Sie ist aber genau das, was Kinder von uns wollen. Das, was sie einfordern, wenn sie jammern, weinen, toben und schreien. Sie wollen wissen, was wir wollen, was wir tun oder nicht tun, was wir mögen und was nicht. Und sie wollen sich darauf einstellen können. Unser Problem ist oft, dass wir selbst nicht genau wissen, was wir wollen. Oder es nicht klar und deutlich kommunizieren.

 

In meinem Artikel Empathie und Klarheit habe ich schon einmal davon geredet, dass wir gern in die Überempathie abrutschen. Wir wollen nicht zu streng sein, nicht zu befehlend. Wollen respektvoll sein, liebevoll. Und verlassen dabei ganz schnell unser eigenes Bedürfnis.

Nach diesem Artikel gab es viele Fragen, wie man denn die beschriebene Situation nun klarer hätte gestalten können. Ich habe damals in ewiger Empathie so lange auf Herrn Klein eingeredet, dass ich am Ende explodiert bin, weil er einfach nicht auf mein Gesagtes, mein so respektvoll und verständnisvoll Gesagtes eingehen wollte. Und habe nicht verstanden, dass ich viel gesagt hatte. Aber nicht das, was ich wollte. Nämlich gehen.

Wenn ich Frau Klein frage, ob sie eine frische Windel braucht, wird sie die Frage ziemlich sicher verneinen. Wenn ich sage, dass ich glaube, dass sie eine frische Windel braucht, wird sie ebenfalls verneinen. Wenn ich sage, dass wir gleich gehen werden und ich sie vorher wickeln möchte, steht sie in den meisten Fällen auf und kommt mit. Oder sie beendet ihr Spiel und kommt dann.

Manchmal fürchten wir uns vor eben diesen Ansagen. Sie erscheinen uns zu befehlend. Zu kalt. Aber sie tun unseren Kindern so gut. Und eigentlich tun sie auch uns in der Erwachsenenkommunikation gut. Wenn Freunde sagen “Ich glaube ich würd heute gern ins Kino gehen.” fühle ich mich nicht gleich angesprochen und reagiere nicht unbedingt. Heißt ja nicht, dass sie wollen, dass ich mitkomme. Es sei denn, ich kenne sie und weiß das aus dem Zusammenhang heraus. Aber diese Fähigkeit und Erfahrung haben Kinder noch nicht. Wenn Freunde sagen, dass sie am Abend ins Kino gehen und ob ich mitkommen will, ist das wesentlich klarer.  Wenn ich irgendwo anrufe und frage “Störe ich?” und jemand antwortet: “Na geht schon.” Dann ist das weder ein klares Nein noch ein klares Ja. Und genau da, in dieser Zwischenkommunikation befinden wir uns als Eltern oft. Tief im Inneren wissen wir, dass wir jetzt weitergehen, jetzt nicht noch eine Geschichte vorlesen, jetzt keine Kekse mehr rausholen wollen. Was wir aber sagen ist “Komm weiter!”, “Ich würde jetzt gern gehen.” , “Du hast heute schon so viele Kekse gegessen.” oder “Wir können morgen noch eine Geschichte lesen.” Das sind alles keine klaren Antworten auf die gestellten Fragen unserer Kinder. Denn auch ein “Nein!” oder “Doch!” ist eine Frage. Eine Frage nach dem, was wir wirklich wollen und ob wir dabei bleiben und es auch wirklich meinen. Unsere Kinder wollen uns kennenlernen. Dazu brauchen sie unsere Klarheit. Gleichbleibende Klarheit.

Wenn ich tagsüber etwas zu tun habe am Computer und Frau Klein neben mir herumwuselt, dann sage ich ihr, dass ich jetzt dieses und jenes fertig machen will und dann wieder Zeit habe. Und dann lässt sie mich. Meistens. Wenn ich danach noch weiter rumsurfe, in irgendwelchen sozialen Netzen versumpfe, sie wieder herumwuselt, ich nur sage “jaja, gleich.”, dann wird sie unrund. Weil es für sie dann nicht mehr klar ist, was ich jetzt mache und wo ich – im Kopf – eigentlich bin. Diese Unklarheit überträgt sich auch ohne Worte. Ich bin dann in dem Moment nämlich auch innerlich unrund. Weil ich da ziellos im Netz rumhänge und mich nebenbei frage, was ich als Nächtes mache. Oder dieses prokrastiniere.

Was aber, wenn Kinder dennoch, obwohl ich doch klar und deutlich sage, was ich will, nicht reagieren? Dem entgegen trotzen und sich weigern, zu “folgen”?
Die Antwort darauf ist auch eine sehr klare, wenn auch nicht die, die viele Eltern hören wollen: Dann sage ich es falsch. Dann kann ich mir ganz einfach mal überlegen, wie genau ich meine Sätze formuliere. Und wie meine Tonlage dabei ist. Und ob ich exakt diesen gesagten Satz genau so meinem Partner, meiner besten Freundin, einer Bekannten an den Kopf werfen würde. Denn es liegt ein feiner Unterschied zwischen “Hör doch mal auf so rumzuschreien.” und “Das ist mir zu laut. Ich möchte dass Du ein bisschen leiser bist.”

Beides ist klar. Aber auch hier – oder besonders hier – macht der Ton die Musik. Und die ist wesentlich ruhiger und gefühlvoller in der zweiten Variante.

Die Kommunikation mit unseren Kindern im Alltag ist nicht leicht. Denn natürlich steht und fällt all das mit unserem Stressfaktor, mit dem Schlafgehalt der vorangegangenen Nacht und dem Gemütszustand unserer Kind. Und uns. Aber je öfter ich mir dessen bewusst werde, was ich wirklich will und ob ich jetzt dieses Bedürfnis, oder ein vermeintlich empathisches Gefasel äußere, umso klarer werde ich mir meiner selbst. Und je öfter ich die Sätze, die ich rede, in eine Erwachsenenkommunikation übersetze, umso schneller wird mir auffallen, wie wenig respektvoll ich wirklich kommuniziere, während ich genau das aber versuche. Denn dieses respektvolle, das achtsame, das empathische – all das versuchen wir. All das wollen wir. Doch vergessen wir dabei, was wir in den individuellen Situationen für uns wollen.

Kinder begleiten und verstehen, sie unterstützen und ihnen Freiräume lassen. Das lesen wir häufig zur Zeit. Wie das geht, das wird selten erwähnt. Und dann beginnen wir zu strudeln, wollen da hin und verlieren unterwegs uns selbst. Verfangen uns mit “Sollte ich” und “Möchte ich”. Und wollen doch einfach nur… ja, was eigentlich?

Was wollt Ihr? Wo funktioniert genau diese Kommunikation nicht? Was tun Eure Kinder nicht, obwohl Ihr doch schon 1000x…? Erzählt. Und wer weiß, vielleicht finden wir hier und da heraus, woran es liegt… Ich bin gespannt.

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1,5 Jahre Frau Klein – Was ich von Dir lernen durfte

IMG_0525Frau Klein ist heute anderthalb Jahre alt. Anderthalb aufregende, emotionale, spannende, einmalige und wundervolle Jahre liegen hinter mir. Vieles hat sich dabei um ihren großen Bruder gedreht, einiges um uns alle und so manches ganz allein um sie. Und deshalb ist es an der Zeit einmal zurückzublicken und zu erkennen, was ich alles gelernt habe in diesen 1,5 Jahren. Das war gar nicht so wenig.

Jedes Kind ist anders.
Eigentlich ist das nicht neu. Aber ich hätte nicht gedacht, dass Kinder aus derselben “Brut” so dermaßen unterschiedlich sein können. Im Wesen, im Charakter, in der Entwicklung, in sich selbst. Es ist wunderbar und vor allem auch wieder sehr hilfreich für meine Arbeit. Denn auch wenn man sich beruflich mit Eltern, Kindern und Familien befasst, so schwingt doch die eigene Erfahrung als Mutter immer wieder mit hinein. Da ist es gut, wenn man nicht nur von einem Kind ausgeht, sondern selbst erlebt hat, wie unterschiedlich Kinder sind, wie unterschiedlich sie auf exakt gleiche Abläufe oder Verhaltensweisen von uns reagieren. Und welche unterschiedlichen Bedürfnisse sie in der eigentlich komplett gleichen Umgebung haben. Sie sind wie Pflanzen, die, auch wenn sie dem gleichen Topf entspringen, sich von der gleichen Erde nähren, das gleiche Licht bekommen, dennoch so unterschiedlich entwickeln.

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Es ist sehr bereichernd, weil ich mich auch so immer wieder neu ein- und umstellen muss. Langweilig wird uns so nie.

alle Eltern sind anders
Auch nichts neues. Aber dass wir auch bei jedem Kind teilweise so anders reagieren. So viele Dinge so anders machen, vielleicht schon entspannter sehen oder wissen, wann es gut tut, früher schon klarer oder konsequenter zu sein. Das tut gut. Wichtig hierbei war auch die Erfahrung nicht zu vergleichen, was man wie anders macht und ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. Ein zweites Kind fordert anders in einer anderen Zeit. Die Dinge und Gegebenheiten sind oft anders und so sind wir auch anders. Das ist kein Vor- oder Nachteil für eines der Kinder, sondern Tatsache, die ihnen auch zeigt: Menschen sind nicht nur verschieden, sondern die gleichen Menschen können ganz unterschiedlich sein und (re)agieren.

eigenen Vorstellungen im Fluss wandeln ist erholsam
Bei Herrn Klein hatte ich klare Vorstellungen von gewissen Dingen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ihn länger als ein Jahr zu stillen. Das hat sicher auch dazu beigetragen, dass er sich großteils selbst bis zu 1 Jahr abgestillt hatte. Ich war überzeugt nach einem Jahr wieder arbeiten gehen zu wollen und ihn in die Krippe zu geben. Wir taten das mit Überzeugung und es funktionierte super.
Frau Klein stille ich mit 1,5Jahren immer noch und auch viel. An Abstillen ist noch lange nicht zu denken und es stört mich nicht im geringsten. Im Gegenteil, ich genieße diese Zeit sehr. Sie ist auch sehr viel anhänglicher und eine Fremdbetreuung halte ich bei ihr für undenkbar. All das fühlt sich gut und richtig an. Ich habe nichts davon erzwungen oder runterdrückt. Vielleicht verändert man sich einfach selbst auch im Laufe der Zeit und mit der Verschiedenheit der Kinder. Was auch immer es ist – dieser Veränderung leise zu folgen tut gut.

Es ist, wie es ist, sagt die Liebe. 

Auf mich selbst achtgeben ist so wichtig
Mit zwei Kindern ist man noch mal geforderter, aber das heißt nicht, dass das Leben mit einem Kind ein Spaziergang ist. Frau Klein hat mir nur gezeigt wie wichtig es ist, dass ich gut auf mich achte. Dass ich mir Auszeiten und Ruhepausen nehme und gönne. Dass es uns allen gut tut, wenn auch wir als Erwachsene gut auf uns achten.
Vor allem wenn man auch körperlich noch so gebunden ist durch das Stillen, wenn das ältere Kind viel einfordert, um seinen Platz zu finden, ist es wichtig, dass man Zeit für sich allein hat. Um durchzuatmen. Um zu sich selbst zurückzufinden.
Als Herr Klein noch allein da war, war Duschen immer so eine Notwendigkeit. Er ist mir oft ins Bad gefolgt und dann hatte ich keine Ruhe und keine Nerven für Entspannung. Frau Klein habe ich von Anfang an klar vermittelt, dass mir Duschen wichtig ist. Dass es mir gut tut, auf meinen Körper zu achten. Mich zu pflegen. Denn wenn ich mich sauber und gut fühle, strahle ich das auch aus.

Bei mir selbst sein
Die wohl wichtigste Lektion, die mich Frau Klein so eindrucksvoll lehrt. Sie ist so sehr bei sich, so ganz in sich versunken. Sie geht und erforscht die Welt auf ihre Art. Sie bleibt da, wo sie sein möchte. Sie folgt anderen, wenn ihr danach ist. Wenn ihr Bruder sie ruft, läuft sie entweder fröhlich quietschend zu ihm oder reagiert überhaupt nicht. Weil sie gerade versunken ist in etwas. Weil sie keine Lust auf Zweisamkeit hat. Weil sie so ganz bei sich ist. Wenn er sie dann immer wieder fragt, sie holen will und berührt, schüttelt sich ihn energisch ab, schreit ihn an. Man hat das Gefühl dass, könnte sie reden, sie sagen würde: “Lass mich in Ruhe. Ich will jetzt nicht.”
Ich bewundere das. Nicht das Gefühl zu haben, etwas verpassen zu können. Wenn sie müde ist, lege ich sie in ihr Bett, egal was in der Wohnung los ist. Dort dreht sie sich zufrieden auf die Seite und schläft. Weil ihr das jetzt wichtig ist.

Mit fällt es schwer so ganz bei mir zu bleiben. Ich schaue immer wieder auf und um. Was tun die anderen? Wo stehe ich hier in dem Gefüge? Kann ich wo was einbringen? Ich folge begeistert jeder Idee und lasse mich mitreißen, anstatt bei mir zu bleiben und das zu tun, was mir eben noch so wichtig war. Natürlich kann ich auch ganz versunken sein in etwas. Aber das Gefühl etwas zu verpassen, bleibt dennoch manchmal.

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Es tut so gut zuzusehen, wenn sie so bei sich ist. Es sieht so gesund aus, wirkt so richtig. Dabei ist sie klar und auch wenn Herr Klein dann enttäuscht ist, so ist diese Erfahrung auch für ihn eine gute Lektion.

1,5 bereichernde Lehrjahre liegen hinter mir. Ich freue mich auf unzählige weitere. Danke, Frau Klein. Ich hab Dich lieb!

 

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