Heinrich Jacoby

Hochsensibilität ist keine Krankheit, aber auch kein Sofa

Als ich vor nunmehr 7 Jahren von Hochsensibilität las, war ich sichtlich erleichtert. Endlich verstand ich mich besser und erkannte, warum ich als Kind oder vor allem auch als Jugendliche hier und da Schwierigkeiten hatte mich in der Welt einzufinden. Warum ich mich immer so anders fühlte. Und so unverstanden.

Ich verschlang sämtliche Literatur zu dem Thema und beschäftigte mich ausgiebig damit. Gleichzeitig schien das Thema immer medienpräsenter und scheinbar Jeder und Jede in meinem Umfeld erkannte sich selbst als Hochsensible Person wieder. Ich beobachtete meine Kinder genauer und war an manchen Tagen überzeugt, sie wären hochsensibel, an anderen zweifelte ich das stark an. Auch heute bin ich mir nicht sicher ob und wenn ja welches meiner Kinder hochsensibel ist. Aber prinzipiell ist mir das mittlerweile auch egal. Denn wirklich wichtig ist ja, dass ich ihre Eigenheiten erkenne und wahrnehme und sie respektiere. Ohne sie dabei in Schubladen zu pressen und ihnen ein Schild umzuhängen.

Und genau das muss ich auch bei mir tun.

Es hilft mir nichts durch den Blog in die Welt hinauszurufen wie hochsensibel ich bin und wie sehr es mich im Alltag hier und da beeinflusst. Es hilft nicht meine Umwelt zu belehren über die Tatsache, dass Hochsensibilität existiert. Alles, was ich tun kann ist für mich akzeptieren, dass ich in vielen Situationen empfindsamer und sensibler bin und reagiere als andere Menschen. Und das war letztendlich die Schwierigkeit, die schon immer da war und der ich auch heute noch immer begegne. Denn letztendlich liegt es an mir mich so mit diesen Eigenheiten zu akzeptieren. Das ist natürlich nicht immer leicht, schon gar nicht wenn man in einem Haus wohnt mit allen möglichen Typen Mensch und vor allem auch denen, die von HSP nichts wissen oder denen es an Einfühlungsvermögen mangelt (nicht selten die gleiche Gattung). So gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich falsch und unverstanden fühle, in denen mir Tränen in die Augen schießen weil ich das Gefühl habe mein Planet schießt Lichtjahre an dem aller anderen vorbei. Aber genau das zu akzeptieren als mein Problem und meine Baustelle zu sehen, daran arbeite ich gerade.  Und ich glaube wenn ich das bei mir gut schaffe, dann kann ich auch meinen Kindern gute Wege und Möglichkeiten vorleben und vermitteln, die auch ihnen helfen mit ihren Eigenheiten – seien das Hochsensibilität oder irgendeine Verquertheit – gut zu leben.

Ich denke dass bei dem Thema immer die Gefahr besteht, dass man sich auf dieser Besonderheit eher ausruht wie auf einem Sofa aus Verständnis und Erleichterung, als mit ihr zu leben. Dass man den anderen die Schuld überträgt nicht mit HSP umzugehen wissen. Ich vergleiche das immer ein wenig mit den Müttern, die sich beschweren, dass der Busfahrer an der Haltestelle den Bus nicht absenkt oder dass andere ihnen den Lift wegschnappen. Ich kann den Busfahrer auch einfach darum bitten oder andere Menschen im Lift darauf hinweisen, dass es eine Rolltreppe gibt und so auf mein Bedürfnis aufmerksam machen. Und wenn ich das nicht schaffe, dann sollte ich mich auch nicht beschweren, denn die 100%ige Umsichtigkeit kann ich nicht von allen Menschen erwarten. Gleichzeitig kann ich mich aber bedanken, wenn der Busfahrer von sich aus den Bus absenkt für mich oder wenn andere mir den Lift aufhalten. Das geschieht nämlich leider genauso wenig. Die Erwartung, dass alle anderen auf einen selbst Rücksicht nehmen und eingehen, hat wenig mit einem achtsamen Umgang mit Menschen zu tun. Aber gerade hochsensible sollten hierfür ein Gespür haben und eben auch verstehen, dass andere Menschen das nicht haben und gewisse Empfindungen nicht sehen oder wahrnehmen.

Und deshalb finde ich es auch fatal die Kinder als hochsensibel zu betiteln und damit in eine gewisse Kategorie zu quetschen. Denn HS ist keine Krankheit, auf die Umstehende zwingend acht nehmen sollten. Vielmehr ist es ein Phänomen, mit dem vor allem die HSP selbst umgehen lernen müssen. Es ist sicher hilfreich für uns Eltern darüber Bescheid zu wissen und gewisse Facetten davon zu kennen. Dennoch sollten wir unsere Kinder immer wieder offen und neu betrachten und uns hin und wieder aber auch überraschen lassen.

Ich mag meine Sensibilität und Empfindsamkeit in all ihren Facetten, ich lerne damit gut zu leben und mit ihr umzugehen. Es gibt immer wieder schwierige und teils auch schmerzhafte Situationen. Und zuweilen verfluche ich sie. Und ganz oft bin ich dankbar dafür. Denn sie öffnet mir neue Wege und Tore und lässt mich die Welt so manches Mal ganz besonders wahrnehmen.

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Erkenntnisse der Woche – drüberfoahn

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In letzter Zeit habe ich immer wieder erleben und beobachten müssen, was ich schon längst weiß:: dass es Menschen gibt, die weniger einfühlsam sind, denen es an Empathievermögen mangelt, die über Gefühle, Befindlichkeiten und Bedürfnisse anderer wortwörtlich drüberfoahn.

Für mich als Hochsensible ist das oft mehrfach schwer. Wenn es mich betrifft natürlich, weil ich dann das „Opfer“ bin. Allerdings habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, damit umzugehen und das gelingt mir auch. Mal mehr, mal weniger.
Schwieriger ist es manchmal, das Drüberfoahn zu beobachten. Empfindungen wahrzunehmen, entsetzt die unsensiblen Reaktionen zu beobachten und dann in den Betroffenen die enttäuschten Gefühle wiederum zu sehen. Besonders schwer fällt mir das sowohl bei alten Menschen, als auch bei Kindern.

Bei Kindern erlebe ich das fast täglich. Weil ich ihnen mehr begegne im Alltag, und weil ich natürlich besonders darauf sensibilisiert bin. Durch meine Kinder und meine Arbeit. Und hier macht mich dieses Drüberfoahn, das Wegwischen und Zunichtemachen von kleinsten Empfindungen regelrecht wütend. Denn Kinder wissen oft selbst nicht, warum sie so fühlen. Sie können es schwer greifen. Noch schwerer, wenn sie das Gefühl vermittelt bekommen: Du bist nicht normal. Stell Dich nicht so an. Reiß Dich zamm. Is doch nichts passiert. Musst nicht weinen. Sei doch nicht so.

NEIN, verdammt nochmal. Sie sind so. Und sie können besser damit umgehen, wenn wir das akzeptieren. Wenn wir sie so annehmen. Und sie können nur dann zu empathischen Großen werden, wenn sie als Kleine empathisch behandelt werden. Und dadurch lernen, was Empathie bedeutet.

Es ist nicht immer leicht, und auch ich schaffe es nicht immer. Aber ich weiß, dass alles andere, das Gegenrudern, das Drüberfoahn, die Versuche Abzulenken über kurz oder lang in die falsche Richtung wirken. Dass Kinder immer „sturer“, „bockiger“, „trotziger“, „jammeriger“ oder „weinerlicher“ werden. Weil sie sich immer unverstandener fühlen. Und somit immer unrunder, was zu eben jenen Verhalten und Emotionsäußerungen führt. Und ich erwarte ja kein stetsständiges Einfühlen in jede Empfindung. Aber stetsständiges Drüberfoahn macht mich wirklich rasend.

Und auch wenn wir es nicht schaffen, jede Regung ernst- und wahrzunehmen, dann sollten wir zumindest eines behelligen: Jede Gefühlsregung, egal wie laut, wild, körperlich aktiv, tränenreich oder ruhig, stumm und verschlossen, ist ein Zeichen von innerer Aufruhr, die wir nicht ignorieren, Schönreden oder überspielen sollten, sondern versuchen zu erkennen. Nicht jede einzelne Regung, aber die Summe der Reaktionen auf gewisse Äußerungen.
Das führt nicht nur dazu, dass unser Kind sich besser verstanden fühlt. Es führt auch dazu, dass wir unser Kind besser als eigenständige Person mit eigenen Charakterzügen kennenlernen. Und schlussendlich führt es dazu, dass unser Kind lernt Emotionen wahrzunehmen, zu erkennen und zu akzeptieren, entsprechend zu reagieren. Und DAS lässt empathischere, einfühlsamere Menschen heranwachsen, und nicht so scheinbar emotionslose Gestalten, die uns teilweise verletzen durch ihr (Un)verhalten, mit dem sie uns begegnen. Punkt.

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Erkenntnisse der Woche – Alleinsein streng verordnet

IMG_3232Am Freitag ging ich wie jeden Tag um 13Uhr in die Gemeinschaftsküche, um dort beim täglichen Mittagstisch zu essen. Für nur €3 ist das für mich die Gelegenheit nach einem Vormittag daheim mit Kind unter große Menschen zu kommen und vor allem nicht allein kochen zu müssen. Dafür koche ich alle 1-2 Wochen einmal für ca. 15 Leute. Ein guter Deal, finde ich.

Dieses Mal kam ich hinunter und fand dort neben bekannten Gesichtern aus dem Haus auch einige Gäste vor. Das ist nicht ungewöhnlich, jeder ist willkommen, so das denn mit den Kochenden abgesprochen ist. Doch innerhalb kürzester Zeit füllte sich die Küche und auf einmal befand ich mich umgeben von 20 Erwachsenen und einigen Kindern. Und spürte, wie ich immer kleiner wurde. Bis mir die erlösende Idee kam – nämlich so, wie es die Kränklichen im Haus oft machen – das Essen mit in die Wohnung zu nehmen. Erleichtert stand ich kurz darauf mit einem Teller Curry und einer Schüssel Salat im Lift nach oben in die Wohnung.

Diese schnellen Ausflüchte zu finden, ist nicht immer leicht. Und es war ein langer langer Lernprozess. Sie zu erkennen, sie anzunehmen und sie auch wirklich durchzusetzen. Denn viel zu oft halten wir uns an dem Fest, was andere über uns denken mögen. Oder was sich eben so gehört. Dabei verlassen wir unsere eigene Wohlfühlzone und sind längst nicht mehr wir selbst.

Doch gerade als Eltern ist es wichtig, dass wir das erkennen. Was uns gut tut, und was zu viel wird. Denn wir werden von unseren Kindern immer wieder aus unserer eigenen Wohlfühlzone herausgeholt. Sie stellen uns immer wieder vor Situationen, die uns eigentlich unbehaglich sind. Die wir im Leben ohne Kindern meiden würden. Bei mir sind das Spielplätze, Kindergeburtstage, die überfüllte Garderobe im Kindergarten zur Abholzeit, oder auch, dass Herr Klein dringend irgendwo ein WC braucht und ich mit Fremden kommunizieren muss. Ist einfach alles nicht meins.

Gleichzeit fehlen uns als Eltern so oft diese sozialen Kontakte, so dass wir sie meist unbedingt auskosten wollen, obwohl wir merken, dass uns Ruhe besser täte. Die vielen Bedürfnisse, die wir haben und die uns hier und da gut tun, brauchen einen guten Jongleur.

Als ich in Schottland lebte, war es besonders schwer für mich, diese Auswege zu erkennen und sie auch zu gehen. Nicht selten verließ ich, ohne jemandem Bescheid zu geben, irgendwann die Clubs und ging heim. Weil mir mein Bett, meine Ruhe und mein Zu Hause so viel attraktiver schienen. Dafür kassierte ich natürlich viele Sprüche und Fragen. Fühlte mich immer mehr als Freak. Immer wieder sagte ich Parties ab, sehr zum Unverständnis der schottischen Trinkkollegen. Immer blieb ein Stück des „Irgendwas stimmt mit mir nicht.“ zurück.

Ich bin froh, dass ich es heute gut schaffe, rechtzeitig zurück in meine Wohlfühlzone zu finden. Auch meinen Kindern bin ich das schuldig. Sie sollen lernen, dass es nicht darum geht, alles mitmachen zu müssen, überall dabei sein zu müssen. Auch wenn sie in einem Haus aufwachsen, in dem vieles gemeinsam getan wird, in dem viel Gemeinschaft gelebt wird. Gerade da ist es wichtig, sich zurückzuziehen und bei sich zu bleiben. Und nicht bei dem, was andere denken mögen. Alleinsein ist kein Zeichen von Einsamkeit. Vielmehr ist es das zwanghafte Vermeiden vom Alleinsein, das uns auf Dauer schadet.

Wie geht es Euch damit? Schafft Ihr den Ausgleich zwischen Familie, Partnerschaft, Freundschaften und Zeit für Euch selbst?

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