Dann putz ich halt erst zum Mittag die Zähne

Es ist 10:30Uhr und mir fällt auf, dass ich noch nicht Zähne geputzt habe. Mütter könnten jetzt lächelnd nicken und sagen: haha, ja, kenne ich. Weil so etwas einfach im Morgenchaos untergeht. Vor dem Kaffee kann ich das nicht und nach dem Kaffee sind erstmal die Kinder zu versorgen. 

Nun wäre es ja ok erst um 10 die Zähne zu putzen. Aber das Problem ist: selbst das vergesse ich manchmal und plötzlich ist es Mittag. Das paart sich alles so gar nicht gut mit meiner Zahnarztphobie und meinen von Grund auf schlechten Zähnen. Und wisst Ihr wie oft ich schon gesagt habe: Schluss: Ich werde es mir angewöhnen das gleich dann zu tun wenn… Gekoppelt an sogenannte Trigger lassen sich Gewohnheiten ja angeblich schneller einstellen.

Aber was wollte ich mir nicht alles schon angewöhnen. Täglich 10 Minuten Yoga. Wie schwer kann es sein ein oder zwei Sun Salutations unterzubringen? Täglich wenigstens 10 Minuten meditieren. Ist doch nicht viel Zeit, das geht sich doch aus. Letzte Woche begann ich nach meinem Schreibkurs täglich 20 Minuten zu schreiben. Es tat mir unfassbar gut. Dann kam das Wochenende, Elternbesuch und zack… Nicht nur zwei Abende ausgelassen sondern gleich 4. Weil sich eine Gewohnheit schneller wieder ausschleicht als sie sich einschleicht. Aber warum? Es macht mich rasend. Und noch rasender macht mich die Tatsache, dass sich schlechte Gewohnheiten so ganz von selbst einschleichen und nie mehr gehen. Da essen wir plötzlich täglich zu viel Süßkram, hat sich so eingeschlichen. Da trinken wir plötzlich jeden Abend ein Glas Wein. Auch mal drei. Einfach so geschieht das, es ist bequem und stellt sich so ein. Wir checken hundertmal am Tag unsere Emails. Wir rutschen täglich in den sozialen Medien ab und verschwenden Zeit. Angewohnheiten. Und das sind keine guten.

Warum fällt es uns so schwer uns das, was gut tut, anzugewöhnen?

Und warum kommt das, was uns nicht gut tut, so ganz von allein daher ?

Manchmal macht es mich regelrecht wütend wenn ich immer und immer wieder lese: Nur 10min am Tag meditieren und es wird Dir besser gehen. Sei achtsam bei einer Sache. Iss langsam und achtsam. Ich versuche es. So oft. Alles. 4, 8 oder 12 Tage später ist alles dahin. Warum?

Bequemlichkeit
Meist ist ja das bequem, was nicht so gut tut. Das ist wie mit dem Sofa. Eigentlich tun Sofas und Sessel unserem Rücken, unserer Haltung überhaupt nicht gut. Mit geradem Rücken auf einem Holzsessel zu sitzen wäre besser für uns, für den Nacken, die Schultern, unseren Körper. Aus der Alexander Technik habe ich gelernt wie vieles in unserem Körper schmerzt und zwickt und zwackt weil wir stetig in uns zusammensacken. Aber das ist eben bequem. Und so ist auch das Essen von Süßigkeiten. Die dritte Tasse Kaffee. Verstand mit Bauch zu überlisten ist einfach und schnell gemacht. Abends im Netz zu surfen ist leichter als in einem Buch einer Handlung zu folgen. (Erschreckend, oder?).

Unachtsamkeit
Wir nehmen uns viel vor, sind motiviert und bemühen uns. Wir erkennen, was uns besser tun würde und sind gewillt hier und da etwas zu ändern. Aber dann: Der Alltag. Die Kinder werden krank, werfen unseren Tag mit all seinen Triggern über den Haufen. Wir bekommen Besuch und der Fokus verschiebt sich. Oder das ganz normale Leben überholt uns immer wieder. Das Jonglieren von allen Bedürfnissen bedarf so viel Aufmerksamkeit, dass die Achtsamkeit für uns selbst verloren geht. Immer und immer wieder. Und die Anstrengung uns immer und immer wieder zurückzuholen kostet Energie, die wir irgendwann nicht mehr haben. Oder weil aus Bequemlichkeit etwas anderes daherkommt…

Verhaltensmuster
Naja und dann sind da ja noch unsere Verhaltensmuster, die tief in uns verankert sind. Die tragen wir oft seit Kindestagen in uns, sind uns ihnen gar nicht bewusst. Sie sind einfach da und kommen hervor, wenn wir unachtsam sind, wenn es schwierig wird. Eine frustrierende Email? Erstmal ein Stück Schokolade. Wird schon wieder. Die Kinder mal wieder nur im Kampfmodus? Erstmal ein Kaffee, habe ich mir verdient. Ein Buch lesen nach so einem stressigen Tag? Ich bin zu müde, brauche was, das mich tatenlos berieselt. Facebook auf und eine Stunde im Nichts vergammeln. Verhaltensmuster aktiv zu ändern bedarf wirkliche Anstrengung. Die fehlt uns leider zu oft. Und manchmal geht es auch gar nicht ohne fremde Hilfe.

Was nun tun? Ich will mir aber jeden Morgen meine Zähne putzen. Ich will langsam und achtsam essen und nicht mehr so hastig schlingen. Ich will täglich schreiben, weil es meine Leidenschaft ist, weil es mir gut tut und mich nur so weiterbringen kann. Hier ist mein Schlachtplan:

Was habe ich schon geschafft?
Oft hilft es mir den Fokus vom Jammern und Schimpfen zu wechseln in Richtung: erfreuen. Was gelingt? Was habe ich schon ändern können im Leben?
Da fallen mir spontan meine Impulskäufe ein, die ich oft getätigt habe, wenn es mir schlecht ging oder ich Stress hatte. Das ist vorbei, ich kaufe überhaupt nur noch recht überlegt und was wirklich notwendig ist.
Ordnung. Ich bin schon viel ordentlicher geworden als früher. Wenn sich mal irgendwo ein Chaos ansammelt, so habe ich das viel schneller im Griff wieder, ziehe viel schneller die Notbremse. Auch vor allem deshalb, weil ich eine bessere Grundordnung geschaffen habe und das Aufräumen einfacher geworden ist.
Launen. Meine Launen haben mich früher sehr regiert. Und das hat auch mein Umfeld oft zu spüren gekriegt. Heute habe ich das besser im Griff. Ich kann mal grummelig sein, ja. Aber meist sage ich das dann dazu: „Maaaaaan ich bin schon wieder so unrund und genervt und gereizt arrrggghhh!“ Und dann weiß der Liepste das. Dann kennt er sich schon dreimal besser aus und weiß vor allem: Es liegt ja nicht an ihm. Ich habe das manchmal und wenn ich soweit bin, erkläre ich ihm, was los ist. Spätestens im Zwiegespräch erfährt er meist, was in mir wurmt.

Naja, das sind ja schon mal einige. Nächste Frage: Wie habe ich geschafft, das zu ändern? All das hat unendlich viel Zeit gebraucht. Es hat sich mit mir entwickelt. Schritt für Schritt.

Und das ist der Punkt.

Nun habe ich fürs Zähneputzengewöhnen nicht endlos Zeit. Aber warum muss ich es einfach jeden Tag um 8 Uhr machen? Was ist schlimm, wenn ich es hier und da erst um 10 oder 12 mache? Wichtiger ist doch, dass ich es tue. Es ist ja auch ein wenig paradox, dass wir so oft von Achtsamkeit und Zeit reden und uns dann selbst keine Zeit geben, um uns achtsam Dinge an- oder umzugewöhnen. Warum so hastig?

Und was ist schlimm daran, wenn ich jeden zweiten Tag schreibe? Wenn ich drei Tage lang schreibe und dann mal wieder nicht? Warum werfe ich die Yogamatte ganz hin, wenn ich sie mal einen oder drei Tage nicht ausgerollt habe?

Das ist genau der nächste Punkt. Warum müssen wir so perfektionistisch sein und alles jeden Tag wollen und uns furchtbar ärgern, wenn es mal einen Tag nicht klappt?

Vielleicht wollen wir einfach zu oft viel zu viel von uns selbst. Weil andere es uns so vorleben. Die sind scheinbar so perfekt in den Dingen, die sie tun. Und alle reden von Achtsamkeit und davon, wie wir uns das, was uns gut tut, angewöhnen. Aber alle reden dann auch nur davon, welche Gewohnheiten uns für einen achtsameren Alltag helfen. Wie wir sie angehen. Niemand sagt ehrlich, dass es auch Tage gibt, an denen er nicht meditiert. An denen die Mahlzeit eben doch mal hastig unterwegs gegessen wird. Oder wie wir eben diese schwierigen Tage überstehen und den Gewohnheiten auch dann nachgehen. Weil niemand davon redet, wie wichtig es ist, dass wir mit uns selbst geduldig sein dürfen. Dass es nicht ums Perfektsein geht. Sondern darum, dass wir uns überhaupt reflektieren. Dass wir erkennen, was wir ändern wollen. Und dass wir es tun. Und wenn nicht jeden Tag, dann eben am nächsten wieder. Und anstatt uns zu ärgern, wenn wir es einmal nicht schaffen, so sollten wir uns ebenso gründlich feiern, wenn wir es schaffen. Oder ? Und die anderen? Die sind die anderen. Wir sind anders. Und das ist gut so.

Und das ist der dritte Punkt. Vergleiche sind sinnlos. Es gibt kein Rezept dafür, wie man seine Gewohnheiten ändert. Weil die alle so individuell sind wie wir selbst. Weil unser Leben ein anderes ist als das von denen, die vielleicht ähnliche Gewohnheiten ändern wollen. Es gibt kein: so gehts! Es gibt nur ein: So funktioniert es bei mir, vielleicht findest Du darin etwas brauchbares.

Und die schlechten Gewohnheiten, die waren vielleicht auch schon immer da. Die haben sich nicht eingeschlichen. Die sind in uns drin. Und lassen sich erst dann ändern, wenn wir den neuen geduldig Raum geben. Und uns auf das fokussieren, was uns gelingt anstatt immer auf das, was uns nicht gelingt. Und wenn wir auf uns selbst hören und nicht nur auf das, was die anderen wie tun.

Mit dieser Erkenntnis gehe ich jetzt mal ganz entspannt Zähneputzen.

P.S.: Um Gewohnheiten geht es u.a. auch in meinem E-Book und Kurs „Simply Slow“

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Comments

  1. Nadine, so toll wie du das auf den Punkt bringst! Danke dafür, dass du diese Erkenntnis teilst. Selbstreflexion ist schon ein erster, grosser Schritt in die Richtung! Deine Worte tun sooooo wohl! Kannst mächtig stolz sein auf diese Fähigkeit! Glg

  2. Oh ja, wenn ich eins gelernt hab, dann dass es nie von jetzt auf gleich geht und die Erwartungen an sich selbst oft zu hoch sind. Ich war da auch oft echt ungeduldig. Aber ja, mit der Zeit hat man die meisten Dinge die ich wirklich ändern wollte auch geschafft. Irre!

    • Ja Ungeduld war wirklich einer meiner größten Stärken bisher… Aber an der arbeite ich auch hartnäckig und dann kommt alles andere. Ganz langsam natürlich :)

  3. Liebe Nadine,

    Toller Text und ich hab das Gefühl, du schreibst über mich ;) Auch ich will immer so viel von jetzt auf gleich ändern und ärgere mich, wenn das Leben dazwischen kommt. Ich sollte auch geduldiger mit mir sein. Danke für die Erinnerung! Ich mag deine Gedanken und Blogposts.

    Einen schönen Abend dann.

    Viele Grüße,
    Jana

  4. Vielleicht sind ja die schlechten Gewohnheiten auch einfach wir….?

    Überall liest man was man wie anders machen müsste, um
    optimaler besser schneller effektiver mobiler entspannter organisierter
    seinen Alltag zu gestalten.

    Was, wenn das, was wir als schlechte Gewohnheiten, als fehlende Struktur ansehen usw, einfach wir sind so wie wir halt sind?

    Warum müssen wir uns „verbessern“, besser organisieren?
    Ginge es uns nicht vielleicht besser wenn wir uns nicht immer als unperfekt ansehen sondern uns gerade so annehmen und ausleben würden?
    (Und ich meine jetzt nicht dass wir total im Chaos versinken sollen)

    LG

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