Vortrag

Hausgeplauder I Ein Traum macht ein Haus

Immer wieder werde ich gefragt wie dieses Projekt hier, in dem wir leben, zustande kam. Und auch in der Umfrage, die ich neulich startete (und für deren wundervolles Feedback ich mich an anderer Stelle noch bedanken möchte) kam raus, dass das Interesse an unserer gemeinschaftlichen Lebensform recht hoch ist. Deshalb erzähle ich Euch mal wie aus einem Traum ein Haus wurde…

Vor ziemlich genau 7 Jahren waren wir eine Gruppe von losen 30 Menschen. Wir kannten uns kaum, jeder hatte von irgendwem nur über irgendwen von dieser losen Projektidee gehört und Interesse da eine Weile mitzumachen. Wir waren auf der Suche nach einem Baugrundstück oder einem Bestandsgebäude, das wir für uns adaptieren könnten. Und zackizack ging alles ganz plötzlich. Da gab es einen neuen Bauträugerwettbewerb in der Stadt. Der ist normalerweise nur für Bauträger, nicht für Privatpersonen. Aber wir hatten dank Kontakte über Kontakteskontakte schon Kontakt zu einem Bauträger, mit dem wir gemeinsam an diesem Wettbewerb teilnehmen könnten. Also stand in einer unserer frühen monatlichen Besprechungen zur Debatte: Wir machen das. Sprich, wir reichen in 4 Wochen ein Konzept für ein Haus ein, von dem wir noch nicht wissen, was es für uns können soll. Oder wir lassen Fortuna laufen und warten, dass sie uns in ein paar Jahren wieder begegnet. Die Hälfte schrie: “Fuß vom Gas!” die andere “Hurra, lasst es uns versuchen!” Und diese letztere Hälfte begab sich nun spontan für ein Wochenende in ein Seminarhaus, um dort ein Grobkonzept zu erstellen. Wir wählten dafür die Methode des Dragon Dreaming und hatten uns dank Kontakte zu Kontakteskontakten auch entsprechende TrainerInnen organisiert.

Es war Februar. Ich war hochschwanger mit Herrn Klein. Wir saßen in diesem Seminarraum im Kreis. Ein Architekt, ein Unternehmer, eine Physiotherapeutin, ein Finanzberater, Künstler, Filmemacher, Hinz, Kunz und wir. 15 Leute. Und wir sollten nun träumen. Die Frage war: Ihr wohnt seit einem Jahr im Wohnprojekt. Was tut Ihr gerade? Wo seht Ihr Euch? Was seht Ihr?

Und wir träumten drauflos. Wir standen auf einer Dachterrasse im 2. Bezirk. Wir machten Yoga oder Thai Chi. Wir tranken verschlafen Kaffee und betrachteten den Leopoldsberg. Wir sahen eine Sauna und eine Bibliothek. Es wuchsen Kräuter in Hochbeeten. Wir gingen in eine Gemeinschaftsküche um das Einjahresfest vorzubereiten. Wir winkten NachbarInnen über Balkone hinweg. Wir tratschten in weiten lichten Gängen. Wir feierten ein rauschendes Fest. Die Kinder spielten in einem eigens für sie eingerichteten Spielraum. Wir feierten unser Haus. Wir feierten uns.

Die Träume dieser 15 verschiedenen Personen in dem Raum waren allesamt so ähnlich, dass es unheimlich war. Gleichzeitig schön. Traumhaft schön.

Nach dem Träumen kam die Arbeit. Wir mussten überlegen was es brauchte, damit dieser Traum wahr werden würde. Teilnahme am Wettbewerb. Konzepterstellung. Architektur. Gewinn des Wettbewerbs. Aufnahme neuer vieler Mitglieder. Weiterplanung. Einreichplanung. Gruppenwachstum. Webseite erstellen. Was uns nicht alles einfiel. Und dann pflückten wir die kleinen Zettelchen mit all diesen Aufgaben und klebten sie auf ein großes Plakat. Das wurde unser Carrabirdt. Unsere Zeitleiste. Und an die hielten wir uns.

Nach diesem Wochenende waren wir keine losen Menschen mehr. Wir waren der Anfang einer Gruppe. Wir lernten uns näher kennen. Wir verbrachten fast jeden Tag miteinander und feilten an unserem Konzept. Der Liepste und ich heirateten und davor und danach planten wir mit diesen Menschen unsere Zukunft. Wir schafften es. Ende März reichten wir unser Konzept ein. Und feierten. Denn im Dragon Dreaming ist das Feiern wichtig. So wie das Träumen, das Planen, das Tun. Alles hat zu gleichen Anteilen Platz. Nur so kann ein Projekt gelingen wussten schon die Aborigines, die dieses Konzept begründet haben. Wir feierten. Wir warteten. Herr Klein wurde geboren und wir warteten weiter. Wir präsentierten unser Konzept vor der Wettbewerbsjury. Und: wir gewannen. Und wieder feierten wir. Wir feierten die Tatsache, dass dieses Haus, das wir vor wenigen Wochen noch im Kreis geträumt hatten, bald entstehen würde. Denn nun gab es kein zurück mehr. Der Fuß blieb weiter auf dem Gas. Wir mussten unsere Gruppe erweitern denn ein Haus mit seinen BewohnerInnen zu planen bedeutet auch mindestens 80% aller BewohnerInnen von Anfang an dabei zu haben. Wir waren 15 Menschen, 60 Erwachsene sollten einmal hier leben.

Und ca. 60 Erwachsene und 30 Kinder leben hier nun. In unserem Haus. In diesem gebauten Traum. Es gibt eine Dachterrasse mit Sauna und Bibliothek. Über Balkone hinweg plaudern wir im Sommer miteinander. Im offenen Stiegenhaus spielen die Kinder, begegnen wir uns. In der Gemeinschaftsküche feiern wir jährlich unser Einzugsfest und vieles mehr. Die Kinder toben sich im Spielraum aus, wenn es in der Wohnung zu viel wird. Wir feiern alles, was es zu feiern gibt. Und wir träumen weiter. Denn zu tun gibt es viel, in so einem Haus. Unsere Ideen werden usn nie ausgehen. Noch längst ist nicht alles ausgereift. Wir feilen an Details. Dinge funktionieren, andere nicht. Manches funktioniert eine Weile, dann wieder nicht mehr. Wir streiten uns versöhnen uns. Wir planen und organisieren. Wir tun. Wir feiern. Immer und immer weiter. Langweilig wird es nie in diesem Haus. Und das ist auch gut so.

Was interessiert Euch denn so an unserer Lebensform? Unserem Haus, Unserem Projekt? Ich möchte nun monatlich wieder aus dem Haus plaudern, also nennt mir gern Themen, die ich einmal beleuchten soll. 

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Hausgeplauder I Die kleinen Dinge

IMG_5346Manchmal, wenn Besuch da ist und wir den neugierigen Menschen unser Haus zeigen, ist es mir fast unangenehm. Im Erdgeschoss bei der großen Küche, dem tollen Spielraum und dem riesigen Fahrradraum ist es noch ok, doch sobald wir aufs Dach kommen, sie die Terrassen, Gästeapartments und die Bibliothek – meinen Lieblingsraum – gesehen haben, wird es schon etwas komisch. Und sobald ich dann die Tür zur Sauna und zum Meditationsraum öffne, möchte ich manchmal am liebsten schnell als Seifenblase verpuffen.

Ja, wir haben uns all diese schönen Räume und das schöne Haus hart erarbeitet und auch dafür bezahlt und bezahlen immer noch. Aber Es wirkt doch manchmal luxeriös und protzig. Weil wir uns einfach so viel gegönnt haben. Wir haben gemeinsam geträumt und tatsächlich fast 90% dieser Träume so umgesetzt. Dazu stehen wir, aber ich doch manchmal auch etwas wacklig.

Doch im Grunde, im Alltagsleben, sind es nicht die tollen Räume. Viel zu selten sitze ich in unserer schönen Bibliothek und genieße den Duft der Bücher und die Aussicht. In den Spielraum gehen wir, wenn uns die Decke auf den Kopf fällt, aber wenn die zwei Nasen hier einen schlechten Tag haben, rettet er uns auch nicht aus dem Streitirrsinn.

Viel mehr sind es die kleinen Dinge, die Details, die das Leben in diesem Haus so lebenswert machen. Die uns spüren lassen, dass es etwas ganz besonderes ist. Dass hier Menschen wohnen, die aneinander Interesse haben, die sich umeinander kümmern und sich gegenseitig wahrnehmen. Ein Haus, was so nicht die Norm ist. Die große Metallschale im Erdgeschoss, die ist so ein Detail. Sie hängt am Stiegenaufgang zum ersten Stock. Zu hoch, als das kleine Kinderhände sie wahllos leeren könnten. Hoch genug, dass man sich bequem von der ersten Stufe ein Stück Etwas heraus nehmen kann. Was das ist, ist unterschiedlich. Im Winter fanden sich darin manchmal getrocknete Früchte. Gern auch Mandarinen. Gestern waren es Erdnüsse. Heute sind es jemanden Überreste von Ostern. Und letztendlich geht es auch hier wieder nicht um den Inhalt per se, sondern darum, dass jemand diese Idee hatte. Dass jemand sie umgesetzt hat und dass dieser jemand die Idee weiter verfolgt, also im Auge behält, was die Schüssel beinhaltet und wie der Inhalt ausschaut. Dass wir dort keine Kleinzeller züchten, sondern uns eine Freude bereiten. Weil es eben die kleinen Dinge sind, die Freude machen.

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Wir sind ein ziemlich großer Laden. Schaut man sich die Finanzen an und die Organisationsstruktur, dann gleichen wir einem Unternehmen. Es gibt viel zu besprechen, zu organisieren, zu klären. Und zu entscheiden. Wenn man von der U-Bahn heim kommt, auf das Haus zusteuert, was man schon einige hundert Meter weit entfernt sieht und betrachten kann, dann ist es manchmal unwirklich, ein Mitbesitzer des Ganzen zu sein. Und irgendwie tut es dann gut zu sehen, wenn man herein kommt, dass wir alle für uns, ganz im Kleinen, auch nur ein winziger Bestandteil sind. Aber dass wir alle, jeder für sich und auf seine und ihre Arten, zu diesem großen Ganzen beitragen. Und sei es “nur” durch kleine feine süßbestückte Metallschalen im Eingangsbereich.

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Hausgeplauder I Bitte nicht ansprechen.

IMG_5001Vor einer Weile war ich an einem Samstag allein auf dem Weg zu einem Workshop. Der Morgen verlief samstäglich chaotisch, ich war ein wenig spät dran und wollte nichts als davon. Gedanklich war ich schon im Workshop, körperlich hing mir noch eines der Kinder am Bein. Und die Laune war entsprechend.

Und so stand ich endlich vor dem Lift und hielt den Finger über dem Rufknopf. ‘Nein’, dachte ich. ‘Ich lauf lieber die Stiegen runter, das geht schneller.’ In dem Moment hörte ich ein paar Stiegen weiter unten eine vertraute Stimme mit jemandem Reden. Auf Begegnung hatte ich im Moment keine Lust. Überhaupt keine Lust. Ich war nicht in Stimmung für Smalltalk oder bereit zu erklären, wohin ich unterwegs war. Außerdem musste ich wirklich los. Also drückte ich doch den Liftknopf. In eben diesem Moment hörte ich ein oder zwei Etagen tiefer Menschen samstäglich redend in den Lift steigen. Das nun noch. Natürlich. Will ich einmal ungesehen, unredsam und schnell aus dem Haus! Blieb mir nur zu wählen, welche Begegnung mir von beiden nun am unliebsamsten war. Denn aus dem Fenster springen konnte ich nicht.

Und so sauste ich doch die Stiegen hinab, konnte ja so der Begegnung dort noch schnell mit dem Satz “Bin spät drahan!” ausweichen und mich wieder meiner Unredsamkeit widmen. Und der komischen Laune, die in mir schlummerte.

Ja, auch das ist das Leben im Wohnprojekt. Es ist nicht immer leicht, sich den eigenen Rückzug zuzugestehen, aber manchmal ist es noch schwieriger, ihn auch wirklich leben zu können. In Ruhe sein zu können und in Ruhe gelassen werden.

Aber auch das ist in Ordnung. Das sind Tage. Momente. Augenblicke. Und dann kommen wieder Tage, an denen man den letzten Rest Müll in der Wohnung zusammenfegt, um sich selbst einen Gang zum Müllraum zu rechtfertigen. Und so vielleicht einem Menschen und einem kleinen Gespräch zu begegnen. Im Übrigen ist es hier wahrscheinlicher, dass man durch ein stilles Stiegenhaus steigt und niemanden trifft. Das wiederum hat Murphy zu verantworten.

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