Tod

Erkenntnisse der Woche – meine Geschichte ist meine Geschichte nicht Deine Geschichte

3Herr Klein hat einen Freund. Der wohnt hier im Haus und wenn wir aus dem Kindergarten heim kommen, dann führt sein erster Weg zu ihm. Sie spielen endlos glücklich und zufrieden, bis man sie aus unerfindlichen Gründen wie Essens- oder Schlafenszeiten trennt. Aber der Freund hat noch einen anderen Freund im Haus. Der ist ein Jahr älter und mit dem kommt Herr Klein nicht ganz so gut aus, ihr Spiel ist nicht ganz so harmonisch. Ihre Interessen und auch Charaktere sehr verschieden.

 

So geschieht es aber zuweilen, dass es zu einer Dreierkonstellation kommt. Die ist ja bekanntlich immer etwas schwierig und das merkt man dann auch. In letzter Zeit lief das oft darauf hinaus, dass Herr Klein etwas unglücklich in der Ecke saß und das Treiben, das ihn etwas davon treiben ließ, beobachtete. Und wenn ich ihn dann so beobachtete, brach es mir das Herz. Weil ich so mitfühlte. Und so mit ihm litt. Allerdings jedoch mehr litt, als er.

Denn meist war, sobald die anderen beiden Buben verschwunden waren, gar kein Leiden da. Es war eher, als wäre es ihm lieber allein zu sein, als zu dritt. Und ich spürte, wie schwer es mir fiel, das wiederum nachzuempfinden. Und erkannte, dass all das doch hauptsächlich meine Geschichte ist. Meine Gefühle sind. Die hier nichts verloren haben.

Denn unsere Kinder machen ihre Erfahrungen selbst. Das ist auch gut so. Wir können, nein wir dürfen sie nicht vor dem bewahren, was wir als schmerzhaft vermuten.

So geht es uns ja auch, wenn wir das kleinere Geschwisterchen vor dem größeren schützen wollen. Denn irgendwann, wenn sie nicht mehr wehrlos am Rücken liegen und jeder Attacke hilflos ausgeliefert sind, da ist es an der Zeit, dass wir uns zurücknehmen. Dass wir beobachten, was wirklich störend ist, was sie wirklich ärgert und in wie weit sie sich selbst wehren oder rausnehmen können. Und genau das ist ja wieder der Punkt: Beobachten. Weil wir nicht wissen, was den anderen wann stört. Weil wir es nur ahnen können. Und damit, mit dieser Ahnung, auch ziemlich daneben liegen. Manchmal. Je mehr wir also zulassen, je mehr wir uns rausnehmen, umso eher lernen Kinder, sich zu arrangieren. Sei es auch zu streiten und sich wieder zu vertragen. Sie lernen sich kennen, lernen ihre Grenzen, ihre Gefühle besser kennen.

Unlängst hat sich Herr Klein, weil sein Freund nicht da war, ein anderes Nachbarskind eingeladen. Wenig später stand dann doch sein Freund vor der Tür und das andere Kind war ihm plötzlich egal. Kindlich ehrliche Brutalität. Wir schauen dem mitleidig, entsetzt, irritiert zu. Doch was können wir tun? “Jetzt lasst ihn doch mitspielen.” Was für ein unnötiger Satz. Wer möchte zum Spielen verdonnert werden? So ging letztendlich das andere Nachbarskind recht bald wieder heim. Enttäuschende Erfahrung, die dazu gehört. Und die stärkt, wenn sie von uns gut begleitet wird. “Das hat Dich geärgert / traurig / wütend gemacht. Das verstehe ich.” Und das ist der zweite Punkt. Statt zu verhindern und zu schützen: wahrnehmen, ernst nehmen, auffangen. Dasein. Dann, wenn wir wirklich gebraucht werden.

Auch wie es mir ging als Kind, wenn ich drittes Rad oder kleine Schwester war. Oder im schlimmsten Fall beides, kann ich erzählen. Wie sehr ich es heute noch hasse zu dritt unterwegs zu sein. Oder zu zweit und eine dritte Person stößt spontan dazu. Wie enttäuscht ich bin, wenn Freunde mich hängen lassen oder andere Pläne haben. Aber ich darf all das nicht Grund sein lassen, mein Kind vor seiner eigenen Erfahrung zu bewahren. Denn meine Geschichte ist meine Geschichte und nicht seine Geschichte.

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Wenn Du bereit bist

IMG_7789Unlängst las ich einen Artikel, in dem es um das Sauberwerden ging. In den Kommentaren  erschien dann immer wieder die gleiche Frage: Wann soll ich damit beginnen? Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Doch nicht nur beim Thema Sauberwerden stellen Eltern die Frage, wann sie was machen können, dürfen oder sollen. In sämtlichen Entwicklungsfragen bangen Eltern, den richtigen Zeitpunkt, das entsprechende Entwicklungsfenster nicht zu verpassen. Wann soll ich mit der Beikost beginnen? Wann sollte mein Kind allein (ein)schlafen? Wann brauchen Kinder keinen Buggy mehr? Wann kann ein Kind Laufrad fahren? All diese und tausend mehr Fragen durchziehen die ersten Jahre Elternsein. Und die Medien bestärken das. Sie schlagen vor, wann wir welche Fähigkeiten fördern oder trainieren sollen. Unzählige Ratgeber und Internetseiten beschreiben Anzeichen, wann die Bereitschaft wofür da ist so wie Symptome einer Krankheit. Und so, wie viele Menschen auf die Vielzahl an Symptombeschreibungen im Internet anspringen und die bösartigsten Krankheiten bei sich vermuten, so halten viele Eltern an eben diesen Beschreibungen der Fähigkeitsanzeichen von Kindern fest und versuchen, immer alles zum richtigen Zeitpunkt möglichst richtig zu tun.

Dabei könnten viele Ratgeber ein Einwortsatz sein, viele Bücher das wertvolle Papier sparen und viele Eltern schlafen oder sich entspannen, statt zu grübeln. Denn:

Wann ein Kind wofür bereit ist, sagt uns einzig und allein das Kind selbst. 

Babys äußern sich, wenn sie außer der (Mutter)milch auch feste Nahrung probieren wollen. Sie setzen sich auf, wenn sie die motorischen Fähigkeiten dafür lange selbstständig geübt haben und sicher beherrschen. Kleine Kinder zeigen an, wenn sie selbst auf den Topf oder das Klo wollen, wenn sie die Windel nicht mehr brauchen. Kinder gehen auf dem Spielplatz auf die Rutsche, wenn sie es wollen, wenn sie Lust dazu haben. Und Kinder sind bereit das Fahrradfahren zu erlernen, wenn sie von sich aus den Drang danach verspüren.

Aber es ist nicht allein die Tatsache, dass Eltern viel zu sehr in die Entwicklung eingreifen, viel zu sehr “ziehen” und “zerren”, die mich immer wieder erschreckt. Es ist vor allem das fehlende Vertrauen der Eltern heutzutage. Vertrauen, dass in den Kindern alles steckt, was sie brauchen. Wir richten uns immer mehr nach Ratgebern, nach Normtabellen, nach Entwicklungskurven und Bildungsplänen. Was wir nicht mehr tun ist da sein. Präsent sein und Beobachten. Denn nur so können wir das Vertrauen wieder herstellen. Wenn wir uns die Zeit nehmen unsere Kinder einfach frei und unbefangen zu beobachten, in ihre Welt einzutauchen und ein Teil dessen zu sein, dann werden wir recht schnell sehen, dass sie sich mit viel mehr beschäftigen, als wir von außen glauben. Dass sie viel mehr können, als wir auf den ersten Blick sehen. Und dass sie stetig lernen. Bei allem, was sie tun. Selbst, wenn sie (vermeintlich) nichts tun.

Magda Gerber hat immer und immer wieder gesagt:

Do less. Observe more. Enjoy most.

Und damit hatte sie nicht nur die pure Freude, die uns umhüllt, wenn wir unsere Kinder ohne Nebenbeitätigkeit, ohne Handy in der Hand, ohne rasselnden Hinterkopfgedanken an die gerade nicht erledigten Sachen beobachten im Kopf. Diese Freude, die wir erfahren, wenn wir unsere Kinder beobachten und dabei erkennen und sehen, was uns sonst entgeht, wenn wir diese Entwicklungsschritte miterleben, die Freude der Kinder selbst über das, was sie gerade wieder entdeckt haben, den stetigen Forscherdrang, die ist unbezahlbar. Und gleichzeitig nährt sie das Vertrauen in unsere Kinder.

Es ist nicht immer leicht, einfach “nur” zu beobachten. Denn es reden viele Menschen mit, wenn man sein Kind erzieht. Da sind Hebammen, die zwar wichtig und unabdingbar sind, die aber auch in gewissen Dingen (ich erinnere mich da an Schnullertips) manchmal andere Meinungen haben und damit bereits recht früh verunsichern können. Dann spricht der Kinderarzt, der oft neben seiner Meinung auch eine gewisse Autorität vertritt. Großeltern und Bekannte haben grundsätzlich viele verschiedene Meinungen und im Kindergartenalter kommen dann die PädagogInnen hinzu. Um nur ein paar Menschen zu nennen, die uns unser Vertrauen manchmal recht schnell und grob nehmen können. Und genau deshalb ist diese Beobachtung, dieses Präsentsein und achtsame Aufmerksamsein, mit dem Kind im Dialog sein, so wichtig. Oft wurde auch ich schon verunsichert. Was mich jedoch meist wieder beruhigt hat, war meine eigene Beobachtung meiner Kinder, der Situation – unserer Situation.

Und deshalb geht es nicht darum, wann ich das Sauberkeitstraining beginnen sollte, wann ich die Beikost einführen müsste oder wann ich mein Kind zum Fußball oder Turnen anmelden könnte oder wie ich am besten Höflichkeit und Teilen beibringe. Es geht darum zu vertrauen, dass mein Kind mir das sagen oder zeigen, oder manches einfach tun wird. Wenn es bereit dazu ist. Und wenn es selbst für sich das Vertrauen spürt, dass wir ihm das Zutrauen.

weitere Texte dieser Seite zum Thema:
Vom Zutrauen und Zulassen
Das Selbst in Selbständig
Erkenntnisse der Woche – Abbiegespur

 

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Spaß 25/13 – Freiheit schenken

IMG_2587Als Herr Klein noch im alten Kindergarten war, verbrachte ich dort oft bis zu 1h im Garten, bis er dann mal bereit war, mit mir heimzugehen. Nachmittags waren alle Kinder draußen, bei Wind und Wetter. Und sie liebten es. Was mir daran besonders gefiel, war die Stunde Zeit, die ich irgendwie gewann. Zeit, um ihn in einer Welt zu beobachten, in der ich ihn sonst nie sah. Und Zeit, um wirklich entspannt auf einer Bank zu sitzen. Warum ging das auf normalen Spielplätzen nicht, fragte ich mich oft.

Seitdem er in den neuen Kindergarten, der leider keinen so großen Garten hat, geht, schauen wir am Heimweg noch an einem Spielplatz vorbei. Für den unerlässlichen Energieablass. Aber die Ruhe und Entspannung, kann ich dort nur selten erleben.

Was ist also so anders am Garten im Kindergarten, als am Spieplatz?

Ich glaube, es sind die Eltern. So. Nun ist es raus.

Auch wenn mit Eintreffen der Eltern im alten Kindergarten die Verantwortung für ihr Kind bei ihnen lag, und nicht mehr bei den Pädagoginnen, so saßen und standen sie dennoch hauptsächlich herum und unterhielten sich. Schauten hier und da, was ihre Kinder so trieben, aber ließen sie großteils machen. Und die Kinder machten.
Auf Spielplätzen ist die Beobachtung oft eine ganz andere. Die Eltern folgen ihren Kindern. Bis in den Sandkasten. Manchmal sogar bis aufs Klettergerüst. Sie schaukeln ihre Kinder in den Himmel und zurück, sie wippen mit ihnen und achten auf ein “gutes Verhalten”. Denn beim kleinsten Konflikt wird eingegriffen – die Schaufel zurückgegeben, schreiende Kinder von Dreirädern gezogen, großzügig das eigene Spielzeug verborgt.

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auf der einzigen großen Wiese auf unserem lokalen Spielplatz in der Innenstadt

Seit kurzem setze ich mich (aus verschiedenen Gründen) konsequent nur noch auf die Bank, während Herr Klein den Spielplatz erobert. Früher war auch ich viel bei ihm, habe Sandkuchen gebacken oder ihn angeschaukelt (obwohl ich von Anfang an ahnte, dass die Verwendung der “Käfigschaukeln” ein Schuß in den Fuß war).

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Natürlich will Herr Klein nach wie vor schaukeln, ich erkläre ihm, dass ich das nicht mehr will, er fragt noch ein paar Mal und geht dann weiter. Vielmehr: er entdeckt. Er spielt auf eine viel wertvollere, wunderbare Art. Er klettert, probiert sich aus, knüpft Kontakte zu anderen Kindern. Er tobt, er lacht, er phantasiert und experimentiert. Er ist Kind. Frei und unbefangen.

 

 

Und deshalb plädiere ich für “elternfreie Spielplatzzonen”. Sozusagen für Pikler-Spielräume im Freien. Wo die Eltern am Rand sitzen, beobachten, aber nicht aktiv mitspielen. Wo Konflikte begleitet, statt gelöst werden. Wo Kinder Kinder sein dürfen. Paradox, dass das ausgerechnet in ihrer Welt – auf dem Spielplatz – so selten geht. Denn abgesehen davon, dass auf diversen Spielplätzen gewisse Dinge oft sogar verboten sind, so wie Ballspiele z.B., hindern meiner Meinung nach viele Eltern ihre Kinder  am eigentlichen Spiel. Die einen stehen irgendwo im Eck und werfen ihren Kindern Befehle zu ohne dabei mit ihnen “in Kontakt” zu sein. Die anderen kleben an ihren Kindern, schweben immer um sie herum, kommen an und absolvieren mit ihnen gemeinsam ein vermeintliches Pflichtprogramm ab: Rutschen, Schaukeln, Wippen, Sandkasten. Vielmehr: da werden Kinder in Höhen gehoben und geschoben, die sie so nicht erklimmen könnten und somit nicht einschätzen können. Da ist so eine Rutsche doch “kein Akt”, und man soll sich “mal nicht so anstellen”. Da wird Stress gemacht, weil doch die nächsten Kinder schon warten. Und ja, geteilt werden muss sowieso. Weil das muss man ja schließlich lernen, so als kleines unsozialisiertes Kind.

Und am Ende wird zum Abpfiff gerufen. Der Einkauf, die Turnstunde oder das Abendessen warten.

Ich weiß, dass auf Spielplätzen viele Altersgruppen umherlaufen und man – vor allem mit sehr kleinen Kindern – schauen muss, dass sie in Ruhe spielen können. Quasi gefahrlos, außer Reichweite der wilderen Spiele der Großen. Dass sie diese nicht stören oder nerven, denn alle gehören gesehen und respektiert, auf so einem Spielplatz. Aber auch all das habe ich als möglich erlebt, ohne großes Eingreifen der Erwachsenen. Und wenn ich in beobachtender Distanz bin, so kann ich immernoch rechtzeitig eingreifen, wenn nötig.

Also, für einen spaßigen Dienstag (und MIttwoch, und Donnerstag und…) – setzt Euch doch einfach mal auf eine Bank, liebe Eltern. Genießt Euer Kind allein durch Zuschauen und Beobachten. Erlebt mit ihm seine Freude am Entdecken, seinen Spaß am Herumtoben und die Fähigkeit, kleinere Konflikte selbst zu lösen, aus der Distanz. Denn dieser Moment, wenn das Kind allein auf ein Klettergerüst heraufgekommen ist, sich zum ersten Mal eine große Rutsche herunter gewagt hat, sich plötzlich selbst anschaukeln kann oder stolz ein ganz eigenes Sandbäckereikunstwerk präsentiert, ist so viel wertvoller. Für beide. Eltern und Kind. (Wenn man diese Momente von der Bank aus beobachtet und dabei nicht ins Smartphone vertieft abdriftet…) Und dann kann man auch erleben, dass Kinder ihre Grenzen selbst austesten, aber auch erkennen und akzeptieren, dass sie Neues wagen, wenn sie bereit sind. Damit nehmen wir ihnen nichts, wenn wir sie nicht mehr anschaukeln, in unerreichbare Höhen heben, oder ihnen zeigen, wie man Sandkuchen backt. Wir schenken ihnen etwas: Freiheit! Die Freiheit all das selbst zu erreichen, zu erfahren und zu entdecken. IMG_0427

Und Ihr liebe Eltern, die Ihr genau das schon tut, schaut doch mal auf einem Spieplatz vorbei, auf dem ich sitze. Dann können wir gemeinsam nebeneinander sitzen und schweigen, uns nett zunicken und uns völlig tratschfrei an unseren Kindern erfreuen.

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