Chaos

Wenn Tränen heilen und Knoten sich lösen

In letzter Zeit fühlte ich einer immer schwerer werdende Erschöpfung über mich hereinbrechen. Von Tag zu Tag fühlte ich mich schwerer, müder und leerer. An meinem Geburtstag liefen mir unerwartet ein paar Tränen übers Gesicht und ich konnte sie lange Zeit gar nicht einordnen.

Nach und nach sortierte ich mich durch das Chaos im Kopf, versuchte die Knoten zu verstehen und zu entwirren, schluckte unliebsame Gefühle schmerzhaft hinunter.

Gestern abend hatten wir dann seit Wochen die Kinder einmal wieder zu einer gesegneten Zeit im Bett und beschlossen, den vor uns liegenden Abend für ein Zwiegespräch zu nutzen. Wir hatten den ganzen Sommer keines geführt und teilweise war daran auch – wie ich gestern erkannte – mein für mich lange noch unbegreiflicher Seelenzustand schuld. Ich mied das Zwie und die Auseinandersetzung mit mir selbst.

Doch nun saß ich dem Liepsten gegenüber und begann bruchstückhaft zu erzählen. Immer wieder unterbrochen von Schlucken und Schweigen, bis die Tränen aus mir heraus liefen und sich Knoten um Knoten löste. 90 Minuten später fühlte ich mich leichter, zuversichtlicher, fröhlicher. Und auch heute zehre ich noch von der Erleichterung in Kopf, Herz und Brust.


Tränen reinigen das Herz. – Fjodor Dostojewski


Es hat mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig das Weinen ist, das Herauslassen. Vor allem das, was einfach vom Gegenüber angenommen wird. Der Liepste saß nur da, hörte mir zu, war anwesend und nahm wortlos auf, was ich ihm teilweise in Worten, teilweise in Tränen gab. Es war alles, was ich brauchte. Ich wollte keine Lösungen von ihm, kein Streicheln oder Hätscheln. Ich wollte das nun endlich nur aus mir rauslassen.

Ähnlich erlebe ich das auch bei den Kindern. Wenn ich ihr Weinen aufnehme und zulasse, dann sind sie hinterher wieder viel freier und unbefangener, als wenn ich dem keinen Raum gebe. Schon als Baby habe ich ihnen das Weinen erlaubt. Ich habe sie nicht mit „Sssshhhh“ Lauten beruhigt und nicht geschaukelt. Ich habe sie in meinem Arm gehalten und ihr Weinen aufgenommen. Ich versuchte sie zu verstehen oder ihnen Worte für ihr eigenes Empfinden zu geben. „Das war ein irre anstrengender Tag und wir hatten keine Ruhe für uns.“ oder auch „Ich weiß gar nicht so recht, was mit dir los ist, aber du bist gerade sehr traurig und musst viel weinen, das ist okay, ich bin da und halte dich.“ Mir war es immer wichtig, dass die Kinder in ihrem Weinen nicht gestoppt wurden, aber begleitet und geliebt. Dass sie dabei selbst Worte für ihr Innenleben bekommen, um dieses nach und nach begreifen zu lernen.

Manchmal überkommt sie auch ein großes Weinen, wenn ein kleiner körperlicher Schmerz entsteht. Ein kleines Stolpern führt zu einem kleinen Schreckweinen, wir trösten sie und ihr Weinen wird plötzlich stärker und lauter. Als würde dadurch ein Damm aufbrechen und aufgestaute Gefühle kommen heraus. Das merke ich, wenn das Weinen den vermeintlichen Schmerz bei Weitem übersteigt. Bei Frau Klein ist das oft der Fall, die hier als mittleres Kind immer wieder einfach so im Alltag mit durch kleine Lücken rutscht. Ungewollt und unbewusst. Und das sage ich ihr dann auch.

Wir sind meist gewillt das Weinen unserer Kinder als Alarmzeichen zu sehen, etwas richten zu müssen. Das ist normal und manchmal ist das auch gut und richtig. Da brauchen sie Nahrung oder eine frische Windel, eine Decke oder dringend Schlaf, eine ruhige Ecke und etwas Abschottung. Aber manchmal, da müssen sie all diese Gefühle, die auch sie schon durchleben, herauslassen. Denn sie können sie noch nicht alle so begreifen. Selbst wir können das nicht immer, das habe ich nun wieder selbst erlebt. Und manchmal, da können wir wirklich einfach nichts machen, da sind sie so überwältigt von sich selbst, da brauchen sie einfach nur unsere Nähe und das Gefühl der innigen Geborgenheit. Dann können ihre Tränen ihre kleine zerrissene Seele heilen und die Knoten in ihren kleinen Herzen und Köpfen lösen. Und danach können sie häufig tiefer und erholsamer schlafen oder sich wieder ganz neu und frei ihrem Spiel hingeben.


Weinen öffnet die Lungen, wäscht das Antlitz, ist eine gute Übung für die Augen und besänftigt. Also weine ruhig. – Charles Dickens


Wie geht es Euch mit dem Weinen? Könnt Ihr es oder vermeidet Ihr es? Spürt ihr den Schmerz im Hals beim Schlucken von Tränen, die hinaus wollen? Oft haben wir nämlich nicht gelernt, dass Weinen okay ist. Viele Menschen können damit nicht umgehen. Umso wichtiger ist es, dass wir unseren Kindern vermitteln, dass Tränen heilsam sind.

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Kleine Schritte ganz groß – Wie Eingewöhnung gelingen kann

IMG_4322Eigentlich war der Übergang in die Fremdbetreuung für Frau Klein erst ab Herbst 2015 geplant. Dann tauchte eine Einrichtung auf, die uns zusagte, in der wir aber jetzt, oder wer weiß wann einen Platz bekommen würden. Also sagten wir zu, denn letztendlich kann ich auch schon jetzt ein wenig freie Zeit gebrauchen und ohne Zeitdruck fühlt sich so eine Eingewöhnung wesentlich leichter an. Am Dienstag ging es los.

Ich weiß nicht, ob ich sonderlich sensibilisiert bin, was die Eingewöhnung angeht.  (Ich bin sicher besonders sensibilisiert. Nicht nur was das angeht.)  Aber wie schon bei den Ein- und Umgewöhnungen von Herrn Klein tauchen immer wieder die gleichen Gedanken auf, die gleichen Fragen und deshalb möchte ich diese heute hier aufschreiben und mit Euch teilen.

Was mich besonders gestört hat sowohl im Kindergarten von Herrn Klein und von Frau Klein auch, ist die Vorbereitung auf das neue Kind. Die Garderobe ist leer und unbeschriftet. Es gibt keinen vorbereiteten Platz für das Kind. Oft wird das begleitet von der Idee, das Kind könne sich diesen Platz frei wählen. Aber diese Möglichkeit der freien Entscheidung halte ich hier für kontraproduktiv.

Als ich vor vielen Jahren einen neuen Job begann, kam ich am ersten Tag ins Büro und es gab weder einen fix vorgesehen Schreibtischplatz, noch einen Computer für mich. Der Job war aber ausschließlich am Computer zu erledigen und dieser von daher unabdingbar. Vorübergehend durfte ich auf dem Platz der Praktikantin Platz nehmen, die, als sie später am Tag ins Büro kam, wenig begeistert war. Und ich war es auch. Denn ich fragte mich: Wollen die mich hier wirklich? Brauchen die mich, wenn sie so gar nicht auf mich eingestellt sind? Ein neuer Job, ein Anfang ist immer mit Unbehagen verbunden. Man muss sich immer selbst neu eingewöhnen, da tut es gut, wenn man ankommt und gleich einen Platz zugewiesen bekommt und weiß: Da gehöre ich hin. Da bin ich jetzt und von diesem sicheren Ort aus kann ich mich orientieren. Daran musste ich nun jedes Mal denken, wenn ich mit meinen Kindern in den leeren Garderoben stand.

Die Ablösung vom Elternteil ist für jedes Kind – und auch für jedes Elternteil – ein großer Schritt und mit vielen inneren Emotionen verbunden. Es braucht Vertrauen, Loslassen, Zuversicht. Auf allen Seiten. Was das alles aber bedeutet ist: Es braucht Zeit. Es braucht Zeit für das Kind, sich umzusehen, anzukommen, das neue zu erforschen. Es braucht Zeit für die Eltern sich zurechtzufinden, Vertrauen zu gewinnen, das Kind einordnen zu können. Denn oft können wir im Vorfeld nicht abschätzen, wie sich unser Kinder verhalten wird in dieser neuen Situation. Was es aber dafür von den PädagogInnen braucht ist: Ruhe und Geduld. Im Moment erlebe ich wieder diese große Ambitioniertheit. Das Kind kommt und wird sofort „bespielt“. Diese Einstellung, dass man auf Kinder zugehen und sie sofort ins Spiel reißen müsse, ist ja scheinbar weit verbreitet. Das erlebe ich auch immer wieder bei Bekannten und Verwandten. Die wenigsten schaffen es dem Kind so zu begegnen, dass eine Offenheit gezeigt, dennoch aber nötige Distanz bewahrt wird. Dabei halte ich die gerade in der Eingewöhnung für besonders wichtig. Denn das Kind soll sich ja langsam angewöhnen, langsam annähern. Ein zu schnelles zu nahe kommen wirkt sich oft negativ aus. Die Kinder schrecken zurück, zögern. Nicht alle natürlich. Es gibt auch die, die das wollen und einfordern. Aber genau dieses Erkennen, dieses Lesen und Verstehen von Kindern, das würde ich mir von KleinkindpädagogInnen wünschen, wenn sie sagen, dass sie besonders mit dieser Altersgruppe so gern und vorzugsweise arbeiten. Das halte ich in der Arbeit mit Klein(st)kindern für so besonders wichtig und wertvoll. Aber vielleicht bin ich gerade hier zu anspruchsvoll. Weil mir Respekt und Einfühlungsvermögen so enorm wichtig sind. Weil mir dieses „Zeit lassen“ ein so großes Prinzip ist. Was Geduld und Vertrauen erfordert.

In Beziehung treten mit der Pädagogin ist ein Grundstein für ein gutes Eingewöhnen und eine eher stressfreie, fröhliche und leichte Zeit im Kindergarten. Diese Beziehung braucht – so wie jede andere Beziehung auch – ihre Zeit um zu reifen. Dass ein Kind sich im Arm einer fremden Person halten, trösten, fallen lässt, geschieht nicht von heute auf morgen. Eine langsame Kontaktaufnahme und Annäherung ist notwendig. Leider wird die oft sehr stark über eine körperliche Annäherung geführt. Vor allem bei den kleinen Krippenkindern. Da werden am ersten Tag Wangen gestreichelt, der Bauch gepiekst, der Kopf getätschelt. Auch das ist leider in unserer Gesellschaft so eingefahren. Kindern wird oft zu nahe gekommen. Einem Erwachsenen Menschen würde man nie den Kopf berühren. Wenn mich ein Kollege am ersten Arbeitstag im neuen Job mit dem Kugelschreiber in die Seite pieken würde, wenn er mir freudig die Kaffeemaschine erklären will, würde ich womöglich vorerst auf Kaffee und wenn möglich auf die Gesellschaft dieses Kollegen verzichten.

Die Signale eines Kindes verstehen und entsprechend darauf reagieren zu können, das wünsche ich mir von PädagogInnen.

Was aber braucht es von uns Eltern, damit eine Eingewöhnung gut gelingen kann?

Zusammenarbeit
Offen auf die PädagogInnen zugehen. Ihnen so viel wie nötig und so wenig wie möglich über unsere Kinder preis geben. Natürlich sind besondere Eigenheiten, Gewohnheiten und Bedürfnisse gut zu wissen und wichtig für die PädagogInnen, sich auf unsere Kinder einzustellen. Aber Charakterzüge würde ich vermeiden. Sätze wie „Er ist so wild.“ „Sie ist so eigensinnig/stur.“ „Er ist so ein Sensibelchen.“ gilt es zu vermeiden. Denn sie stecken unsere Kinder vom ersten Tag an in eine Schublade, die schwer wird zu wechseln. Und es wirkt sich auf die Eingewöhnung aus. „Ach, so ein Sensibler, das dauert. Das wird nie was.“ Solche Gedanken wollen wir nicht schüren und deshalb dürfen wir das Kennenlernen dieser kleinen Persönlichkeit den PädagogInnen selbst überlassen. Es kann für uns auch sehr wertvoll sein, wenn diese PädagogInnen dann mal etwas ganz anderes in unserem Kind sehen und uns mitteilen.

Zeit
Der erste Arbeitstag sollte noch nicht zu bald drängen. Wie lange die Eingewöhnung dauert kann einfach nicht gesagt werden. Außerdem werden Kinder dabei schnell krank und fallen somit schnell zurück, beginnen bei der Rückkehr von Null.

Begeisterung
Wenn wir mit schwerem Herzen und viel Wehmut der Eingewöhnung und Ablösung entgegen treten, überträgt sich dieses Gefühl auf das Kind und die Situation. Das Loslassen wird entsprechend schwer. Natürlich sollen wir keine falsche Freude vortäuschen, aber wenn wir selbst mit unserer Entscheidung hadern – wie soll unser Kind sich dann leicht von uns lösen? Natürlich haben wir nicht immer die Wahl, es gibt viele Gründe, weshalb wir unsere Kinder in Kindergärten, Krippen, zu Tagesmüttern geben wollen müssen können. Ich will das Thema auch gar nicht diskutieren, weil das jede Familie individuell entscheiden muss. Aber wenn man sich dafür entscheidet und es einem schwer fällt, hilft es, sich die Gründe in den Kopf zu rufen, die zu der Entscheidung geführt haben. Und sich realistisch zu sagen: Es ist jetzt so und somit wird es jetzt gut sein.

Geduld
Egal wie begeistert wir sind von der Einrichtung, den PädagogInnen, dem Gedanken, dass unser Kind nun in einen Kindergarten geht – unser Kind ist unser Kind und braucht seine Zeit. Es ist wichtig, dass wir das akzeptieren, so annehmen und uns weder von unseren eigenen Vorstellungen, noch von denen der PädagogInnen stressen lassen. Jede Übereilung kann nur kontraproduktiv sein. Das darf nicht in ein ewig andauerndes Nichtloslassen münden, sondern wichtig ist immer der Blick aufs Kind, auf seine Bedürfnisse und seine Fortschritte. Egal wie groß oder klein die sind. Schwierig ist das oft, wenn mehrere Kinder gleichzeitig eingewöhnt werden. Ich habe das immer wieder erlebt und selbst gedacht: „Verdammt, bei dem geht das so schnell, der bleibt schon allein drin und mein Kind hockt immer noch auf meinem Schoß.“

„Jedes Kind ist anders. Jeden Tag.“ (Lienhard Valentin)

Auch Rückfälle sind normal. Im Fluss bleiben ist die Devise. Mitschwimmen. Welle für Welle.

Begleitende Zurückhaltung
Oft sind wir eingeladen gemeinsam mit dem Kind den Raum zu erforschen und bei dem Kind bleibend Zeit im Kindergarten zu verbringen. Ich halte es für sinnvoller, wenn man sich als Eltern von Anfang an zurückhält, was das Betreten der Räumlichkeiten betrifft.

Die Krippe, die Herr Klein damals betrat, hatte eine durch Glastüren abgetrennte Garderobe. Eltern und Kind waren angehalten, in der Garderobe zu sitzen und das Kind war eingeladen, jederzeit, wann auch immer es bereit war, den Raum zu betreten und sich umzuschauen. Somit war es ein aktives Betreten des Raumes vom Kind aus, ein aktives Hineingehen und sich öffnen. Natürlich wurden die Kinder zu Beginn begrüßt von der Pädagogin und eingeladen hineinzukommen. Aber letztendlich blieb der Schritt beim Kind. Und der Raum war immer etwas, in dem das Kind wusste: „Hier bin ich ohne Mama oder Papa. Hier bin ich auf mich gestellt und die PädagogInnen da sind für mich da.“ Die Kinder konnten jederzeit wieder hinaus zu den Eltern und irgendwann begann man dann, dass die Eltern für kurze, dann längere Zeit auch die Garderobe verließen. 

Nicht jede Einrichtung gibt diese Möglichkeit her. Deshalb ist es sinnvoll, sich zumindest am Rande zu halten und dem Kind zu signalisieren: Hier geht es um Dich. Hier kannst Du Dich frei bewegen und ich bin noch eine Weile da, wenn Du mich brauchst. Aber es ist kein Spielzimmer für Eltern und Kinder. Es ist keine Spielgruppe, sondern ein Kindergarten, in dem langfristig Eltern „unerwünscht“ sind. Das von Anfang an zu kommunizieren, halte ich für sehr wichtig und hilfreich.

Ehrlichkeit
Wenn ich gehe, schleiche ich mich nicht aus dem Raum. Am Anfang gehe ich mal aufs Klo, kurz telefonieren oder ähnliches. Ich bin verfügbar und „beobachte“ von außen, wie es läuft. Wenn ich dann schon länger gehe, dann gehe ich einkaufen oder einen Kaffee trinken. Und das sage ich dem Kind auch so. Ein plötzliches Verschwinden ist immer ein Vertrauensbruch. Und macht es dem Kind noch schwerer sich zurechtzufinden und zu wissen, wann es sich auf wen verlassen kann und soll.

Tränen
Die Angst vor Tränen begleitet uns dabei jederzeit. Natürlich wünschen wir uns, dass es ohne Tränen funktioniert. Denn Tränen bedeuten für uns oft: Es stimmt etwas nicht. Dem Kind geht es nicht gut. Tatsache ist: Tränen sind nicht immer der Weltuntergang. Wenn ein Kind weint bei der Übergabe, dann kann das auch purer Protest sein. Tränen sind Ausdruck von Emotionen. Das kann von Wut bis tiefer Trauer alles sein. Natürlich ist ein Kind nicht immer unbedingt begeistert davon, dass die Eltern jetzt gehen und es bleiben soll. Aber die Angst vor den Tränen hindert uns oft am Loslassen. Wenn eine PädagogIn das Kind gut trösten und auffangen kann, dann können wir darauf vertrauen, dass unser Kind keinen Schaden davon trägt. Ganz wichtig ist es hierbei zu erkennen: Was ist Protest und was ist pure Verzweiflung? Bei ersterem können wir einen Trennungsversuch dennoch wagen, bei letzterem sollte dieser sofort abgebrochen werden. Die Unterscheidung sollten wir gut beherrschen und unser Kind gut kennen, dann können wir auch darauf vertrauen, entsprechend zu reagieren. Und letztendlich bedeutet ein tränenloses Kind nicht unbedingt, dass es ihm ausschließlich gut geht. Es gibt Kinder, die leise und still ihre Gefühle tragen. Das allein kann uns nur unser Kind individuell zeigen. Und unser Bauchgefühlt wird uns bald sagen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Und wenn es der falsche ist, dann kann es gut sein, dass sich im selben Moment ein neuer auftut.

So, und damit gehe ich nun weiter durch unsere Eingewöhnung. Und bin gespannt, was die nächsten Tage und Wochen bringen werden. Erzählt mir von Eurer Eingewöhnung. Von Euren Erfahrungen. Oder den Bedenken, die dieser Schritt für Euch mit sich bringt.

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Vom Zutrauen und Zulassen

Affendame Nonja - Tiergarten Schönbrunn, Wien
Orang-Utan Dame Nonja – Tiergarten Schönbrunn, Wien

Während der Geburt von Frau Klein, als mir bewusst wurde, dass wir zum Frühstück nicht daheim sein werden und Herr Klein aufwachen und statt uns seine Babysitterin antreffen würde, fühlte ich mich das erste Mal als Mutter von 2 Kindern – zerrissen und mies. Wir diskutierten das mit der Hebamme und sie sagte irgendwann: „Man darf nicht vergessen, dass Kinder oft mehr ertragen, als wir ihnen zutrauen.“ Obwohl sie Herrn Klein nicht kannte, hatte ich das Gefühl, dass sie Recht hatte.

Zutrauen – Vor zwei Wochen mussten wir sonntags zu einer wichtigen Besprechung. Für Herrn Klein hatten wir (wieder) seine Babysitterin engagiert. Aber irgendwie hatten wir in unserer neuen Welt zu viert nicht gut genug organisiert und ihn nicht wirklich darauf vorbereitet. Als es dann soweit war, dass wir gehen mussten und er bei ihr bleiben sollte, gab es erst stummes Verweigern, dann Tränen und letztendlich lautes Papageschrei (ich war derweil mir Frau Klein schon unterwegs). Herr Groß musste aber irgendwann einfach gehen und das schreiende Kind der Babysitterin überlassen.
Wie immer waren wir darauf vorbereitet am Abend mit ihm noch einmal darüber zu reden. Und eine eher unruhige Nacht zu erleben. Doch nichts dergleichen. Als ich Herrn Klein darauf ansprach, dass er am Nachmittag sehr traurig war, als der Papa gegangen ist, sagte er nur: „Ja, traurig. Affe Scheibe gehaut.“

???

Am Tag zuvor war er mit seinem Papa im Zoo. Die Urang-Utan Dame Nonja hatte einen schlechten Tag und lief wild umher und schlug heftig und laut gröhlend gegen die Glasscheibe, hinter der sich kleine Kinder die Nase platt drückten. Die Kinder schrien und weinten. Auch Herr Klein.
Dieses Erlebnis war für ihn viel schwieriger, ja traumatischer. Er erwähnte es immer und immer wieder und machte das Gröhlen und Klopfen nach und sagte, dass er sich geschreckt hatte.

Obwohl er also dort von seinem Vater begleitet und getröstet wurde, war dieses Erlebnis für ihn viel schlimmer, ja eindrücklicher, als der Abschied und das Alleingelassen werden am Tag danach.

Wir als Erwachsene wünschen uns oft, unsere Kinder vor allen Tränen und „schlimmen Erfahrungen“ bewahren zu müssen. Unser eigenes Kind weinend, gar schreiend zu erleben, fällt uns schwer und gern greifen wir auf Beruhigungs- und Ablenkungsversuche zurück. Anstatt das zu tun, was offensichtlich ist – die Situation beschreiben und das Kind und seinen Schmerz, seine Angst, seine Trauer – anzunehmen.
Viel zu häufig kommt es aber vor, dass wir sie nicht beschützen können. Wie in der Situation im Zoo. Keiner hatte erwartet, dass Nonja so handeln würde. Man konnte das Kind nicht davor beschützen. Stattdessen hätten wir aber in der Situation mit der Babysittern so lange bei ihm bleiben können, wie er ohne Tränen gebraucht hätte. Oder ihn letztendlich mit zur Besprechung ins Kaffeehaus nehmen können, wo er sich wohl gelangweilt hätte und unzufrieden gewesen wäre.

Das sind aber oft genau die Kompromisse, die wir eingehen.
Zum einen – weil wir das Kind in seinem „Leid“ nicht ertragen. Und das ist ok, das ist menschlich. Das heißt aber nicht, dass wir dem immer nachgeben sollten.
Zum anderen – weil wir dem Kind „Leid“ unterstellen, weil wir ihm die anstehende Situation nicht zutrauen. Weil wir selbst (aus unserer eigenen Kindheit, unserer eigenen Erfahrung) Gefühle hinein projezieren, die gar nicht unbedingt erlebt werden müssen.

Zulassen – Und so gibt es eben Situationen und Momente, die wir nicht immer ändern können. Aber nicht immer haben unsere Kinder mit diesen Situationen ein wirkliches Problem. Wenn doch – gilt es, das Zuzulassen. Denn – was noch wichtiger ist – auch Tränen gehören zur Kindheit dazu. Und sie sind wichtig, gar heilsam. Erfahrungen müssen gemacht werden. Auch unangenehme. Nur dürfen wir die Kinder dabei nicht allein lassen. Sondern sollten stattdessen ihre Tränen auffangen.

Natürlich hat Herr Klein den Morgen, als wir im Kreißsaal seine Schwester begrüßten, gut überstanden. Letztendlich haben wir ihn nicht allein gelassen, sondern uns im Vorfeld lange Gedanken gemacht, wer bei ihm sein sollte. Viel wichtiger ist im Anschluss das Nacharbeiten gewesen. Als er tagelang noch ängstlich fragte: „Mama nich Krankenhaus? Papa nich Krankenhaus?“ So lange eine Erfahrung, ein Erlebnis besprechen, wie es das braucht, ist nicht nur für das Kind heilsam, sondern auch für uns.
Gefühlte tausendmal hab ich Herrn Klein gesagt, dass ich nicht zurück ins Krankenhaus gehe. Dass ich hier bleibe. Erst, seitdem die Nachbetreuungshebamme nicht mehr kommt und das Thema Geburt so weit abgeschlossen ist, haben sich seine Ängste gelegt. Und ich mehr und mehr begriffen, dass wir jetzt hier sind. Zu viert.

Und letztendlich traue ich ihm ja schließlich zu, dass er damit umgehen kann, dass er jetzt eine Schwester hat und Mama und Papa nicht mehr nur für ihn allein da sind. Weil wir hier keine Wahl sehen, keinen Kompromiss eingehen können. Wir haben uns für dieses zweite Kind entschieden. Warum also fällt es uns in anderen, scheinbar kleineren Situationen so schwer, unseren Kindern etwas zuzutrauen? Eben.

Stattdessen redet Herr Klein noch immer von Nonja. Dass er sich geschreckt hat und Angst hat. Und keiner von uns sagt: „Die Scheibe ist dick genug. Da brauchst keine Angst zu haben. Die tut Dir nix.“ Aber das – das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

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