Monatsmotto

Attachment Parenting und die pure Erschöpfung

Diese Woche war in der Zeit ein Artikel einer Mutter zu lesen, die von ihrer tiefen Erschöpfung berichtete, nachdem sie ihre beiden Kinder bewusst nach den Prinzipien von Attachment Parenting begleitet hatte. Es ist nicht der erste Artikel dieser Art, sie tauchen immer wieder im Netz auf und jedes Mal gibt es neben den Rechtfertigungen der APler die Kommentare, die sagen: „Endlich spricht es mal jemand aus, danke!“ 

Mir begegnen solche Mütter und Eltern in meiner Arbeit als Familienbegleiterin immer wieder. Am Ende und verzweifelt kommen sie mit ganz Fragen zu mir und nach und nach decken wir die wahren Probleme hinter diesen auf. Das sind meist eben nicht die nichtschlafenden, dauerstillenden, tobenden Kinder, das sind oft Erschöpfung, Dauermüdigkeit, Verzweiflung, Versagensangst und daraus resultierende Gereiztheit, Genervtheit der Eltern. Sie schreien ihre Kinder an, obwohl sie das nicht wollen. Sie glauben etwas falsch gemacht zu haben, denn trotz stetigem Tragen, trotz Familienbett und Stillen ganz nach Bedarf schreien die Kinder, schlafen schlecht, beruhigen sich schwer und hängen an ihnen. Die Frage, die sich alle stellen ist: „Warum ist mein Kind so anstrengend, wenn ich doch alles gebe?“ Sie wundern sich: Wann wird das besser, ich will doch nur mal wieder in Ruhe einen Kaffee trinken.

„Mein Problem ist, dass ich grad so richtig ansteh, mich kraftlos, energielos, ausgelutscht, freudlos und vor allem hilflos fühl.“

Und genau da spüre ich immer wieder, wie gefährlich dieses Attachment Parenting ist. Ihre Verfechter rufen in solchen Momenten noch oben drauf: „Dann hast du es nicht verstanden. Dann hast du es falsch gemacht!“ Aber das schüttet ja noch mehr Panik und Angst in die Verzweiflung der Mutter, die bisher glaubte das sei der richtige Weg und sie würde ihrem Kind und für die Bindung das Beste geben, in dem sie ihm alles gibt. Sich komplett aufgibt. Stattdessen liegt sie erschöpft nieder und die scheinbar echten KennerInnen und WisserInnen treten noch einmal drauf. „Selbst schuld, wenn du nicht erkannt hast, dass du dabei auch auf dich achten musst.“ oder „Tut mir leid, wenn du nicht genügend Unterstützung hast.“ Aber was hilft die eigentlich schon vorhandene Möglichkeit der Unterstützung, wenn die Mutter sagt „Ich kann sie ja nicht abgeben, sie bleibt ja nur bei mir.“ oder „Aber die Oma macht doch alles anders, da kann ich doch meine Kinder nicht lassen.“ Selbst Schuld, ja? Ist das die Antwort auf Mütter, die nicht mehr können?

Ich habe es nie ausgesprochen, aber ich halte nicht viel von Attachment Parenting in der Form, wie es in der Medienwelt dargestellt und großteils verstanden wird. Und schon gar nichts von der Community, die dahinter steckt. Eine Strömung, in der sich Mütter dafür rechtfertigen, dass sie einen Kinderwagen besitzen (aber nur ganz ganz selten verwenden wohlgemerkt!), wo Mütter mit einem „Was schon?“ antworten, wenn eine andere ihre gerade Einjähriges Kind abstillt. Eine Community, in der der Hashtag #whereallthebabies suggeriert, dass dann alles gut wird.

Ich krieg ihn kaum weg, krieg kaum „Luft“ zum Liegen und Schlafen – aber mir tut’s auch weh und leid, wenn ich ihn so wegstoße.

Verurteilt dann bitte nicht die Mütter, die nicht anders wissen und sich auf all das einlassen, weil das Schlagwort Bindung heute so ein machtvolles ist. Wir stammen aus einer Generation, in der wir unsicher gebunden waren, in der es darum ging uns richtig zu erziehen. Heute wollen wir es anders machen, besser. Und so wird das Thema Bindung schnell mit körperlicher Bindung gleichgesetzt. Und der Hashtag #wearallthebabies suggeriert genau das. Er sagt: Wenn du das tust, wird alles einfacher. Und Mütter tun das. Erschlagt sie nicht mit Worten, wenn sie dann erschöpft sind. Ist es nicht normal, dass Mütter sich genau an solche Ansagen halten? Suchen wir nicht alle mal irgendwo nach einen Strohhalm? Nur reicht ihnen leider keiner ein Getränk dazu und sagt: Mach mal Pause, atme mal durch, denk auch mal an dich.

Nein, keine Sorge, ich weiß schon, Attachment Parenting ist doch aber genau das. Und will doch auch, dass es auch den Müttern gut geht. Aber es tut mir leid, in einer Szene, in der Mütter sich rechtfertigen dafür, dass sie einen Kinderwagen besitzen, in der man mit einem „Was, schon?“ betrachtet wird, weil man das Kind nach dem ersten Geburtstag abstillt, da will ich mich nicht aufhalten und davor kann ich andere Mütter nur warnen.

Was nun richtig ist? Richtig gibt es nicht. Elternsein ist ein stetiges Suchen und Finden der Balance zwischen allen bestehenden Bedürfnissen. Denen der Kinder, unseren, der unserer Partnerinnen, unserer Freunde und Verwandten, unserer Gesellschaft. Es ist ein stetiges Mitschwingen durch alle Veränderungen und Neuerungen im Großwerden der Kinder, im Wachsen und Werden, im Entwickeln und Entdecken. Wir wachsen mit und können nur eines tun: Offen und achtsam bleiben. Und wenn wir spüren, dass die Erschöpfung naht: Anhalten, Route überprüfen und gegebenenfalls neue Wege einschlagen. Auch mal aussteigen und durchatmen. Ohne Kind.

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