Spaß 04/14 – Entspannen

IMG_3236Entspannung ist was sehr Angenehmes. Etwas Erholsames. Und wir alle können eigentlich nie genug davon bekommen. Umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass wir den ganzen Tag lang so viel VERspannen. ANspannen. UNentspannt sind. 

Gerade jetzt eben. Wie sitzt Du da? Gibst Du Dir Mühe den Kopf zu halten? Hälst Du das Handy fest in der Hand? Ist Dein Rücken gekrümmt vor dem Bildschirm und die Schultern dabei etwas nach oben gezogen – also angespannt? Hebst Du einen Fuß etwas an – spannst die Unterschenkelmuskulatur? Sind Deine Kiefer aufeinander gepresst? Lass all das mal los. Bewusst. Lass den Unterkiefer hängen. Die Schultern fallen. Leg die Füße ab, so, dass auch die Unterschenkel baumeln können. Gib Deine Hände in Deinen Schoß, entspanne die Arme.

Den ganzen Tag über spannen wir viel mehr Muskeln an, als wir eigentlich benötigen um zu tun, was wir tun müssen. Selbst wenn wir im Bett liegen, pressen wir die Kiefer zusammen. Achtet mal darauf. Ich muss mich jeden Abend wieder erinnern, dass ich keine Anspannung im Körper brauche, wenn ich doch einfach nur schlafen will. Und wirklich schlafen wir auch viel besser, wenn wir alles “fallen lassen”. Uns einmal fallen lassen.

Bei unseren Kindern können wir genau das sehr gut beobachten. Heinrich Jacoby nannte Ihr Verhalten “zweckmässig”. Weil sie nur die Teile ihres Körpers verwenden, die sie wirklich brauchen. Im Laufe der Jahre verlieren wir leider diese Zweckmässigkeit. Darum war Jacoby der Meinung, Unzweckmässiges Verhalten lässt sich durch zweckmässiges Experimentieren verändern.”

Ein Anfang ist wirklich, wenn man in alltäglichen Situationen entspannt, was gerade nicht benötigt isst. Schließt beim Zähneputzen die Augen, lasst in der U-Bahn die Schultern hängen, den Unterkiefer fallen. Legt die Hände in den Schoß, wenn Ihr einen Film schaut, und entspannt die Pomuskeln jederzeit. Dabei werdet Ihr merken, wie oft Ihr wirklich etwas entspannen könnt. Und dabei immer mehr Anspannung loslassen.

Euer Nacken, Eurer Rücken, Euer Kopf, ja sogar Eure Kiefer und Zähne werden es Euch danken. Und falls Ihr darüber jetzt nachdenkt – schließt dabei einfach die Augen.

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“Ding – was willst Du von mir?”

Wann auch immer Besuch zu uns kommt und die hölzernen Kippelscheiben sieht, werde ich recht bald gefragt: “Wozu sind die?” oder “Was macht man damit?”
Das sind wir. Erwachsene. Niemals ohne Aufgabe oder Ziel unterwegs.

Am Wochenende habe ich das Hengstenberg Seminar, das im Zuge der Piklerausbildung erforderlich ist, besucht. Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartet und ob ich dickbäuchig und (fast schon) hochschwanger überhaupt sinnvoll daran teilnehmen könnte.
Und da war sie auch schon wieder – die Frage nach dem Sinn.

Viele der Übungen und Experimente in diesem Workshop wurden in 2 Gruppen aufgeteilt durchgeführt. Eine Gruppe die erforscht, spielt, experimentiert. Und eine, die beobachtet. Denn das Beobachten ist ein sehr wesentlicher Aspekt in der Arbeit mit Kindern. Wie sonst können wir das Kind als Individuum betrachten, wenn wir es nicht immer wieder in seinem Tun und Sein beobachten und neu kennenlernen?

Also saß ich da und beobachtete. Hörte mir an, was die einzelnen zu berichten hatten und fand mich nach einer kleinen Pause selbst am Boden liegend wieder. Und plötzlich dachte ich: “Was war jetzt nochmal die Aufgabe? Worum geht’s hierbei?” Aber ich konnte die Frage nicht stellen. Niemand stellte sie und ich war offensichtlich die einzige, die schon wieder vergessen hatte. Also tat ich, was ich glaubte, was “richtig” sei. Und während ich so tat begannen meine Sinne selbsttätig und ungeleitet zu arbeiten. Ich hörte. Ich fühlte. All das noch mehr, als ich endlich die Augen schloss und mich voll und ganz darauf einließ. Worauf? Das spielte jetzt keine Rolle mehr. Ich ließ mich treiben und landete in einem Fluss der Wahrnehmung.

So wie Kinder sich treiben lassen. Ohne zu fragen: Worum geht’s? Ist das sinnvoll? Was macht man damit?
Sie haben diesen Entdeckerdrang. Als Säuglinge am Boden liegend. Als Krabbelkinder. Laufend und Springend. Sie erforschen die Welt und dabei sich selbst. Sich selbst im Zusammenhang mit der Welt. Und sich selbst als eigenständiges Individuum. Und dieses Erforschen und Entdecken nennt man dann Spiel.

Heinrich Jacoby hat den Satz geprägt: “Ding – was willst Du von mir?” Und genau das beschreibt, wie Kinder ticken. Sie fragen nicht nach einer Aufgabe, einem Ziel. Sie lassen sich leiten. Sie tun einfach. Sie nehmen einen Stein, einen Stock, ein Blatt. Und erfahren freudig und lustvoll, was dieser mit ihnen tut, während sie mit ihm tun. Sie spielen. Und wenn wir sie lassen und ihnen nicht erklären, wie man womit spielt oder nicht spielt, was man womit tun kann um was zu entdecken, dann können sie sich diese Freude erhalten. Die Neugier. Und wir können uns an ihnen und ihrem Spiel erfreuen und neu erfahren, was es heißt, einmal nicht nach dem Sinn dahinter zu fragen.

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Da sitz ich nun

Ein wesentlicher Aspekt der Arbeit Emmi Piklers war die autonome Bewegungsentwicklung. Das Kind sich motorisch selbst entwickeln zu lassen. Zu seiner Zeit. In seinem eigenen Tempo. Ohne es vorzeitig aufzusetzen, an den Händen zu führen. Für viele klingt das logisch, einleuchtend und natürlich. Aber erst, wer plötzlich Eltern wird, weiß, wie schwer es sein kann, das Kind “sein” zu lassen.

Oft taucht die Frage auf, WARUM das so wichtig sei. Alle Kinder würden ja früher oder später sitzen, krabbeln, stehen und gehen lernen. Das ist auch richtig. Aber in welcher Qualität können sie das? Und um welchen Preis haben sie das “nachhelfend” vorzeitig gelernt, wenn wir ihnen wortwörtlich “unter die Arme greifen” ?

Das klingt nun ein wenig weit hergeholt. Aber erst kürzlich, als wir im Pikler Grundkurs ein Experiment durchgeführt haben, wurde mir wieder bewusst, wie wesentlich eben genau diese freie Bewegungsentwicklung ist. Wie wertvoll. Und wie viel uns davon bereits verloren gegangen ist.

Da saßen wir also. Minuten, die sich wie Stunden anfühlten. Ohne Stützen. Im Raum verteilt. Wir sollten einfach sitzen und spüren, wann und wo es unangenehm wird. Hineinführen und schauen, welche Bewegung es braucht, um wieder angenehm zu sitzen.
Während der ganzen Zeit sprach niemand ein Wort. Wir hatten die Augen geschlossen, um genauer spüren zu können. Das einzige, was zu hören war, war die ständige Bewegung aller. Niemand hielt es lange in einer Sitzposition aus. Das Verlangen danach sich anzulehnen oder gar hinzulegen war enorm groß.

Im Vorfeld hatten wir uns Bilder von sitzenden Babies und Kleinkindern angeschaut. Wie entspannt sie wirkten, ins Spiel vertieft. Der Rücken aufrecht, die Beine ausgestreckt. Sich ihres Körpers bewusst und offen für jede neue Bewegung. Leicht. Und locker.

Wir hingegen kamen nicht zur Ruhe. Den Grund hierfür nennt Heinrich Jacoby “Zweckmäßigkeit”. Kinder tun nicht mehr und nicht weniger, als sie müssen. Sie beanspruchen nur die Muskeln, die für die jeweilige Bewegung oder Position notwendig sind. Sie sind weder Couchpotato noch Zollstock. In all ihrem Tun wirken sie natürlich. So wir sie denn lassen.

„Ein Kind, dem man weder bei den Aufrichteversuchen zum Sitzen und Stehen, noch bei den ersten Laufversuchen hilft, dem man keine Hand gibt, um es hochzuziehen oder zu stützen, wird von Anfang an selb-sitzig und selb-ständig sein und bleiben. Aber wie viel Selbstdisziplin des Erwachsenen ist notwendig, damit er nicht eingreift! Es ist eine der wichtigsten und entfaltendsten Aufgaben, die das Leben schon dem Säugling stellt, sich beim Sichbewegen mit seiner Unterlage und mit seiner Last auseinandersetzen zu müssen. Nichts anderes steckt hinter dem Problem des Sitzens, Stehens und Laufens. Ein Kind, das sich die Beziehung zu seiner Körpermasse ohne fremde Hilfe erarbeitet hat, wird diese Beziehung kaum mehr verlieren und auch in anderer Beziehung selbständiger, unabhängiger, weniger anlehnungsbedürftig sein als das Gros unserer Zeitgenossen.” (Heinrich Jacoby)

Betrachten wir nun also das Beispiel eines Babys, das von seinen Eltern aufgesetzt wurde, bevor es selbstständig fähig war, diese Position zu erreichen. Da es also nicht von allein in die Position gekommen ist, weiß es auch nicht, wie es wieder herauskommen kann. Rollt ihm nun ein Spielzeug davon, kann es ihm nicht nach. Ermüden seine Muskeln, kann es nicht einfach nachgeben und die Bewegung entsprechend ändern. Sein Bewegungsradius ist ebenso eingeschränkt, da es nun mit aller Kraft damit beschäftigt ist, in dieser Position zu bleiben ohne umzufallen.

Für die Muskeln bedeutet es eine Anstrengung, die unnatürlich ist. Weder Übung noch selbst initiiertes “Training” haben geholfen, genau die und NUR die Muskeln aufzubauen, die für die jetzige Position notwendig sind. Der Körper gerät in ein Ungleichgewicht, welches zu Blockaden und Verspannungen führen kann.

Aber was, wenn das Kind unzufrieden scheint? Wenn es doch mehr von der Welt sehen will und frustriert ist, weil es immer und immer wieder “versagt” im Versuch, sich aufzusetzen, sich fortzubewegen, sich aufzurichten?
Oft sind wir es, die mit den Frustrationen unserer Kinder nicht klarkommen. Das ist natürlich. Das weinende, schreiende oder schimpfende Kind ist kein Begleiter, der uns Freude bereitet. Dennoch sollten wir uns bewusst sein, wie wesentlich diese Erfahrung von Schwierigkeiten für unsere Kinder ist.

„Wir alle kennen diese ursprünglichen Regungen der Kinder, die immer wieder darauf hinauslaufen, allein probieren zu wollen.
Wir sollten nur noch mehr darum wissen, dass diese unermüdliche Überwindung von Widerständen aus eigener Initiative dem Kind jene Spannkraft verleiht, die wir ihm zu erhalten wünschen, und dass die Freude an der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten darauf beruht, dass es selbständig beobachten, forschen, probieren und überwinden durfte.” (Elfriede Hengstenberg)

Nicht nur, um den ihren eigenen Körper eigenständig und zweckmäßig zu entwickeln, sondern auch für die späteren schwierigen Erfahrungen, die das Leben bereit hält.

„Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das wichtigste ist. Ein Kind, das durch selbständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz anderes Wissen als eines, dem die Lösung fertig geboten wird.” (Emmi Pikler)

Dennoch möchte ich auf eines hinweisen. Wenn davon geredet wird, das Kind “sein zu lassen”, seine Entwicklung sich selbst zu überlassen, so meine ich nicht, dass wir das Kind “liegen lassen” und zuschauen, wie es sich müht. Nur damit es lernt, auch mit Schwierigkeiten klarzukommen. Es gibt einen kleinen feinen Weg zwischen dem “Helfen” und dem “Sein lassen”. Ich nenne es – das Begleiten. Das Kind zu beobachten und somit zu sehen, was es gerade beschäftigt. Dem Kind Worte für seine Mühen, aber auch seine Erfolge zu geben. Es zu trösten, ohne es abzulenken und ihm Lösungen darzulegen.

Der Erwachsene ist und bleibt wesentlicher Wegbegleiter des Kindes. Nicht Wegliebender, Wegförderer, nicht Weglasser.
Natürlich lieben wir unser Kind und wollen das Beste. Wollen es fördern, ohne es zu fordern. Genau das bedeutet – es zu lassen, ohne es allein zu lassen.
Wie ich sagte – ein feiner Weg. Ein Grat. Den es lohnt zu gehen. Denn auch wir werden an ihm wachsen und uns selbst neu entdecken.

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