Seelenkuscheln

3 Schritte vor, 2 zurück

Der Tinnitus ist wieder lauter geworden. Es ist ein wenig paradox. Er will mir etwas sagen, aber er schreit es so laut, dass ich es nicht verstehe. Also schon, aber es dauert ein wenig. Oder will ich es nicht hören?

Der Therapeutin muss ich nichts sagen. Ihr Blick genügt und sagt mir: Alarmbereitschaft. Sie erkennt sofort: Aufpassen ist angesagt! Das Eis ist brüchig geworden. Ich merke, dass sie mich am liebsten aufs Sofa binden möchte. Und ich würde das auch gern. Schlafen, einfach nur schlafen.

Die Gründe dafür, dass ich wieder taumele sind so vielfältig, wie die Einwohner Wiens. Und es fällt mir schwer, das zu akzeptieren. Grad ging es doch so richtig bergauf. Grad war da Energie. Und eine riesige Portion Zuversicht. Wie bin ich da schon wieder hingekommen? Vom Weg abgekommen? Aber genau das ist der Punkt. Es geht nicht um das Warum und Wie? Es geht darum, darauf jetzt schnell zu reagieren. Das Hier und Jetzt kann auch schon wieder die Wende werden, wenn ich aufpasse.

Denn das ist das Schwierige an diesem Alltagsdings. Rechtzeitig zu erkennen, dass man vom Weg abkommt. Dass es irgendwie nicht mehr stetig bergauf geht, sondern dass man irgendwie in den Wald abgebogen ist, auf eine Wurzel gestiegen und abgerutscht, unter einem Blätterhaufen gelandet. Wo ging’s jetzt nochmal rauf? Und wie? Die Bäume blicken stumm auf mich herab. Sie wissen Bescheid.

Ein paar Minuten lang schweigen wir in der Therapiesitzung. Ich betrachte das Muster des Teppichs im Zimmer. Irgendwann fragt sie mich: “Haben Sie die Sonne gespürt auf ihrem Rücken gerade?” Nein, habe ich nicht. Schade eigentlich. Wo sie doch schon so selten da ist. Die Sonne.

Wir Menschen sind arg unachtsam. Eine Erkältung nehmen wir erst ernst, wenn wir Fieber haben und der Körper uns niederstreckt. Ansonsten ein bissl Chemie in den Körper, Augen zu und durch da. Geht schon. Muss ja. Und kaum sind wir wieder auf den Beinen, geht’s weiter. Ab ins Büro, in gesellige Runden. Nur nichts verpassen und die Arbeit nicht vergessen. Muss ja alles. Immer müssen. Gerade noch gespürt, wie gut eine warme Suppe tut und wie kräftigend sie ist, so pfeifen wir uns kurz drauf schon wieder die Wurstsemmel rein. Muss schnell gehen. Keine Zeit für irgendwas.

Im Achtsamkeitskurs spüren wir, wie gut es tut mal auf sich zu achten, auf jedes Körperteil zu schauen und hinzufühlen. Am nächsten Tag rennen wir wieder los, trampeln durch die Welt und mit unseren Füßen, außer Atem und dabei uns selbst schon wieder vollends zu verlieren.

Was es braucht sind stetige Erinnerungen. Innehalten. Stoppen. Atmen. Immer wieder atmen. Füße spüren. Uns selbst spüren. Hier sein. Das tut gar nicht weh. Das kostet keine wertvollen Stunden. Auch ich muss mich immer wieder erinnern. Und manchmal vergesse ich das. Weil ein Kind krank daheim sitzt und Aufmerksamkeit braucht. Weil Matheschularbeiten den Fokus verrücken. Weil Weihnachten kommt mit all diesem Sack und Pack.

Ja, ich war vor einer Woche ein Stück weiter, als ich es heute bin. Aber ich habe Erfahrungen in der Hosentasche, die mir helfen. Die mir sagen: Du kannst hier gleich wieder umkehren. Du weißt wie. Und ich überlege kurz. Ja, ich weiß wie. Ich muss mich nur erinnern. Immer wieder erinnern. Ansonsten tut das eben der Tinnitus. Danke, Tinnitus.

Was ist Deine Erinnerung daran, dass es gerade alles wieder zu viel wird, dass Du aufpassen musst? Dass Du mal stoppen solltest? Du hast noch keine? Dann komm mit rüber in meinen Kurs “Hand auf’s Herz”. Da lernst Du Dich selbst gut kennenzulernen. Da lernst Du auf Dich zu achten. Da lernst Du Deine eigenen Erinnerungen kennen. Und da erinnern wir uns gegenseitig.

3 Schritte vor, 2 zurück. Geht ja noch. Hätte ja auch umgekehrt sein können.

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