Montessori

Mütter für Mütter

Neulich saß ich am Spielplatz. Lange habe ich dort nicht mehr gesessen. Der Winter war lang. Der Frühling wagt sich erst seit kurzem wirklich heraus. Und die Sandkiste lockt. Mehr Miniklein, als die anderen beiden. Herr Klein sowieso schon längst auf Abwegen.

Miniklein kostete den Sand, beobachtete das Treiben um ihn herum, saugte durch den sandigen Daumen die Eindrücke in seinen kleinen Körper. Ich saß hinter ihm auf einer Bank. Gegenüber der Sandkiste auf der anderen Seite saß eine andere Mutter. Wieder und wieder versuchte sie ihrer Tochter zu vermitteln: Komm von der Rutsche unten runter, andere Kinder wollen rutschen. Immer und immer wieder legte diese sich unten ans Ende der Rutsche. Die Mutter genervt und genervter. Das Kind scheinbar müde und müder. Und irgendwann, nachdem ich schon eine Weile nicht mehr zugesehen hatte, sammelte sie wirsch ihr Zeug zusammen, rief einem anderen Buben, der unter der Rutsche saß, zu, er solle alles einpacken, sie würden gehen. Die Tochter in Tränen. Es zog sich wie sich so ein Abgang vom Spielplatz manchmal zieht. Sätze wie „Wo ist denn der andere Eimer?“ und „Hast du jetzt alles?“ fielen fad aus ihrem Mund.

Als ich wieder schaute, war sie bereits auf dem Weg. Den Sack mit den Sandspielsachen über der müden Schulter. In der Hand ein quietschrosa Laufrad. Der Bub ein paar Meter vor ihr, die Tochter unwillig noch immer am Spielplatz. „Komm jetzt, ich will gehen.“ rief sie. Sie sah mich an, ich sah sie an. Ich versuchte irgendeine Art von Zeichen zu geben, das ihr vermittelte: Oh ja, ich verstehe dich. Doch ich wusste nicht wie. Ich sah ihr nach, ihren langen Arm, an dessen Ende das Laufrad baumelte. Ihr träger Gang und ihre unwillige Tochter, die ihr dann doch irgendwann missmutig folgte.

So oft sitzen wir am Spielplatz oder irgendwo und beobachten die anderen Eltern. Bewerten, was sie sagen oder tun. Werden beobachtet und bewertet. Möchten uns davonbeamen. In dem Moment wollte ich nur eines: Ein großes Schild, auf dem steht: „Ich wünsche dir baldige Ruhe.“ oder „Halte durch, der Abend naht!“

Ich bin keine Mutter, die andere einfach so anspricht. Ich möchte auch nur selten von anderen angesprochen werden. Deshalb wünsche ich mir stumme Zeichen. Ein verständnisvolles Nicken. Ein Lächeln, das sagt: „Ich kenne das.“ Eine gehobene Hand als symbolischer Schulterklopfer. Denn wir Mütter, wir sollten uns positiv unterstützen da draußen. An windigen und stürmischen Tagen. Aber auch an den bunten, an denen wir sehen: „Cool, deinen Humor hätte ich auch gern.“ oder „Hut ab vor deiner Gelassenheit.“

Wertschätzung und Zustimmung, das wünsche ich mir untereinander mehr als Vergleiche, Neid und Bewertungen. Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe das oft gemacht, aber ich merke, wie viel besser es mir tut, wenn ich mich einfühle und offen bin für die Situation.

Mütter für Mütter am Muttertag.

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Die Erleuchtung

Herr KleinVor einiger Zeit waren wir aus verschiedenen Gründen zur Familienberatung. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir uns selbst nicht mehr herausfanden und ich hoffte auf eine kleine Wegweisung. Ehrlich gesagt befürchtete ich, dass wieder einmal aufgedeckt werden würde, wo wir als Eltern falsch abgebogen waren.

Und so begann ich die Sitzung – mit Herrn Klein auf meinem Schoß, Herrn Groß neben mir und Frau Klein fröhlich blubbernd am Boden auf einer Decke – mit den Worten: „Ich kann nicht mehr. Ehrlich gesagt: Ich will nicht mehr.“ Denn so war es. Herr Klein klebte förmlich an uns. Tagein Tagaus. Er war nicht in der Lage sich auch nur für kurze Zeit selbst zu beschäftigen. Folgte mir bis aufs Klo. Es war nicht so, dass er unsere körperliche Nähe suchte. Vielmehr suchte er Unterhaltung. „Mama, komm mit. Papa, komm mit.“
Langsam langsam hatte ich es geschafft, dass ich sagen konnte: „Ich brauche jetzt mal eine kleine Pause.“ Und diese sogar bekam.
„Aber ich merke, dass ich dann nicht will, dass diese Pause endet. Ich möchte für immer da sitzen bleiben und Pause machen.“ gestand ich Daniela, unserer Beraterin. Und sie nickte und sagte: „Verständlich.“

Ich war erleichtert und erstaunt zugleich. Ich hatte mir erwartet, dass nun ein langer Prozess begann um herauszufinden, warum ich so kein Interesse daran hatte mit Herrn Klein zu spielen, mit ihm zu sein. „Du bist erschöpft.“ sagte sie einfach. Und ich spürte die Tränen in mir hochsteigen.

Und dann redete sie von all dem, was ich doch schon wusste. Dass es wichtig ist, dass wir unserem Leben nachgehen. Dass wir auf uns achten. Nicht nur als Eltern, sondern auch als Menschen. Und dass wir dann da sind, wenn unsere Kinder uns brauchen. In diesem Moment kam mir die große Erleuchtung. Denn was ich in all dem „ich selbst sein“ und „auf mich acht geben“ vergessen hatte, war, dass ich nicht Mutter, und nebenbei Frau war. Sondern dass ich Frau war. Und Mutter. Denn nebenbei Mutter gibt es nicht. Selbst wenn wir wir selbst sind. Wenn wir lesen oder Kaffee trinken. Wenn wir im Kino sitzen oder im Büro. Wir sind Mutter. Immer. Wir denken an unsere Kinder. Wir sind jederzeit sprungbereit. Sämtliches alltägliches Dasein läuft immer wieder darauf hinaus, dass wir Mutter sind. (Oder Vater natürlich. Ich rede hier schlichtweg von mir.)

Aber das bedeutet nicht, dass wir nur mehr Mutter sind. Und uns Pausen für unser Leben nehmen dürfen. Im Prinzip dürfen wir den ganzen Tag Pause machen. Und wenn unsere Kinder uns brauchen, dann sind wir da. Ich könnte (theoretisch) den ganzen Tag auf dem Sofa liegen und wenn Herr Klein ruft, er braucht eine frische Windel, so stehe ich auf und ziehe ihn um. Und wenn er fragt, ob ich mit ihm Zug spiele, so kann ich überlegen, ob ich darauf jetzt Lust habe, oder nicht.

Ich hatte also alles verdreht. ich war rundum Mutter und schnell zwischendurch mal – ja – Hausfrau. Nur abends war ich ich selbst. Und nun? Bin ich ich selbst. Den ganzen Tag. Und zwischendurch? Hausfrau. Und Mutter? Bin ich sowieso.

Aber es geht gar nicht darum, den ganzen Tag auf dem Sofa zu liegen. Es geht darum, dem Kind zu vermitteln, dass wir nicht als Entertainer den ganzen Tag zuständig sind. Und unsere Auszeit Kochen oder Wäsche aufhängen heißt. Denn so war es bei mir. Ich wollte mittlerweile lieber Bügeln, als mit Herrn Klein seine kleinen Züge die Holzschienen entlangfahren. Nur folgte er mir dann zur Waschmaschine, von da zum Wäscheständer. Und zurück. Warum?

Ich glaubte: weil mein Sohn nicht in der Lage sei, sich selbst zu beschäftigen. Weil er nicht fähig sei zu spielen. Und es machte mich rasend. Doch während ich genau dies mit Daniela beleuchtete, stand mein Sohn von meinem Schoß auf und nahm sich von ihr bereitgestellte Autos und Züge und – begann zu spielen. Völlig konzentriert und vertieft. So, wie ich es mir immer wünschte. Und so selten erlebte.

Ich weiß nun, dass er das nicht konnte, Weil ich ihn an der langen Leine hielt. Weil ich sagte „Ich will jetzt erst noch Wäsche aufhängen. Ich will mir jetzt erst noch einen Tee kochen. Ich muss erstmal die M wickeln, dann bin ich für Dich da.“
Immer diese Wörter die ihm sagten: gleich. bald. dann. Dann hab ich Zeit für Dich. Die ihm keine Ruhe schenkten. Die ihm nicht eindeutig sagten: Ich habe jetzt keine Zeit. So dass er sich damit hätte abfinden können. Denn das kann er. Es hat keine Woche gedauert, da saßen wir am Wochenende alle im Wohnzimmer. Frau Klein gluckste am Boden. Herr Groß las ein Buch und ich strickte. Und Herr Klein? Der spielte mit seinen Autos. Idylle, von der ich nie glaubte, dass sie für uns möglich sei. Idylle, die so einfach war, dass wir sie selbst nicht erkannten.

Aber die viel schönere Folge dieser großen Erleuchtung war: Ich habe wieder Freude daran, mit Herrn Klein zu spielen. Weil ich weiß, dass ich es nicht muss. Weil ich nur dann ja sage und mit ihm spiele, wenn ich wirklich Lust dazu habe. Und seitdem ich mir hin und wieder ein „Nein, jetzt nicht.“ (ohne gleich oder bald oder dann mal) erlaube, seitdem habe ich viel öfter Lust mit ihm zu spielen. Und auch Freude dabei. Ich kann mich wieder auf ihn einlassen und ziehe nicht sehnsüchtig die Hausarbeit vor. Er selbst kann sich besser mit sich selbst beschäftigen und akzeptiert das „Nein, jetzt nicht.“ oder „Ich mag grad nicht.“ viel problemloser als ein „Ja gleich, lass mich erst noch…“

Es klingt so einfach. So banal. Aber es ist gar nicht so schwer in die Schiene zu rutschen, auf der man plötzlich zum Entertainer für das Kind wird. Zur wesentlichen Stimulation und Impulsgebung. Es gilt wieder einmal auf sich selbst zu achten. Und ein „Ich hab jetzt keine Lust.“ genauso zuzulassen wie ein „Ich will das nicht.“ 

 

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