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Hausgeplauder :: 5 Jahre Leben im Wohnprojekt

Heute vor fünf Jahren wurden uns die Schlüssel für unser Haus überreicht. Die ersten übernachteten sofort in ihren Wohnungen, teilweise ohne Möbel. Einen Tag später versammelten sich dann Umzugswägen vorm Haus und spuckten Kästen und Möbel, Kisten und allerlei Zeug aus. Diverse Küchenbaufirmen rückten an. Und der Lift streikte. Die Gemeinschaftsküche hatte keinen Strom, dabei wollten wir dort doch unser Einzugsfest feiern. Der Fahrradraum wurde kurzerhand zum Zwischenlager für unsere Möbel und Kisten. Ein Ameisenhaufen war das Stiegenhaus. Was für ein Chaos!

Schon damals haben wir bewiesen, dass wir in uns haben, was wir brauchen. Wir haben angepackt und uns gegenseitig geholfen. Wir haben Lösungen gefunden und einfach nur viel gelacht, denn am wichtigsten war: Wir sind jetzt drin!! In unserem Haus! Diesem Haus, das wir vorher 4 Jahre lang erträumt, geplant und beim Bauen wachsen sehen haben. Die ersten Tage, Wochen, Monate fühlten sich an wie das Leben damals im Studentenheim. Wenn man den Gang betrat, war immer die Frage: Wen trifft man? Wem begegnet man? So manches Mal kam man erst viel später aus dem Haus als geplant, weil man in irgendeinem Stockwerk im Gespräch hängen geblieben war.

Natürlich ist das heute alles ruhiger geworden. Wir leben unseren Alltag. Es gibt Tage, da weiß ich nicht, ob es besser ist den Lift zu nehmen oder die Stiege, um niemandem zu begegnen und nicht reden zu müssen. Es gibt Tage, da bringe ich nochmal den Müll raus, um vielleicht doch wem zu begegnen. Es gibt Abende, da sperren wir die Tür einfach zu. Es gibt Abende, da entstehen spontane gesellige Runden. Alles ist möglich und am wichtigsten: Nichts muss.

Wie es mich verändert hat
Das Leben in diesem Haus hat mich verändert. Ich habe hier deutlich und immer wieder vorgeführt gelernt: Was ich denke und empfinde, können andere so ganz anders sehen. Und das kann auch mal mein eigenes Denken verändern. Ich hatte so viele Aha-Momente, habe erkannt: „Oh stimmt, so kann man das auch sehen!“
Ich habe gelernt mich abzugrenzen und nicht überall dabei sein zu müssen. Ich habe gelernt, dass manchmal auch Reden besser und hilfreicher sein kann als Rückzug. Ich habe viel Mitfreude gelernt. Und ich lerne noch immer das Rufen nach und Annehmen von Hilfe. Ich glaube, dass ich mich durch dieses Haus mittlerweile ganz anders in Gruppen bewege, schneller meinen Platz finde, mich besser positionieren kann. Das ist mir im Herbst bei meiner Schreibwoche an der Ostsee aufgefallen.
Ich habe auch gelernt Menschen, die ich vielleicht nicht unbedingt sehr mag, dennoch wertzuschätzen. Und ich lerne aber auch mich von denen, die mir nicht gut tun, zu distanzieren. Soweit das in diesem Haus möglich ist. Und ja, das ist möglich.

Ein Traum für Familien
Für uns als Familie ist dieses Leben hier ein Traum. Die Kinder wachsen in einem Paradies auf. Unlängst sagte ich zu Herrn Klein: „Weißt Du, andere Kinder kommen nach Hause und da ist nicht gleich jemand, mit dem sie spielen können.“ Denn das ist seine Realität. Jeden Nachmittag zieht er mit seinen Freunden durchs Haus, von Wohnung zu Wohnung. Am Wochenende wollen sie am liebsten ständig bei einander übernachten. Und selbst wenn ihnen schon ur fad ist und sie sich eigentlich nur noch nerven, hocken sie aufeinander. Da ist es natürlich an uns zu sagen: Stop! So ist bei uns mindestens einmal, manchmal zweimal die Woche Familientag. Da sind wir nur unter uns, da kommt niemand, da gehen die Kinder zu niemandem sonst. Das tut den Kindern gut und uns als Familie auch. Aber auch nach den Geburten, nein schon während der Schwangerschaften war hier so Hilfe Mitfreude und Hilfe spürbar. Wir konnten uns vor Essen kaum retten, als ich im Wochenbett lag. Die Großen wurden aufgefangen, wenn ich zu beschäftigt mit dem Baby war. Und heute kann ich leicht mal sagen: „Kann ich die zwei mal kurz bei Dir lassen, ich muss den Großen vom Fußball holen.“ Das sind die alltäglichen Erleichterungen, die uns so unfassbar helfen. Es ist aber auch der Austausch und das gemeinsame Kinderbetreuen der Kleinstkinder, wo man als Mutter nicht allein hockt, sondern mit anderen Eltern ist. Unter Leuten. Das tut so gut. Ich habe ja die ersten Karenzen damals im Altbau erlebt, die letzte hier in dem Haus und das war so viel angenehmer, so viel weniger allein.

In diesem Haus gibt es alles!
Es gibt wohl wöchentlich Emails, in denen Menschen fragen: „Hat jemand…?“ Das kann von einer Lochzange über Faszienrollen bis hin zu Koffern in bestimmten Größen alles sein. Ich habe in der Werkstatt schon die kleinste Schraube gefunden. Ich bin froh nicht alles kaufen zu müssen und zu wissen: Irgendwer im Haus hat das sicher! Wir tauschen Kinderkleidung durch alle Größen umher, im Winter Schlittschuhe, im Sommer Fahrräder. Ja und wenn wir auf Reisen sind teilweise sogar auch unsere Wohnungen, so wie derzeit: „Wir sind für 4 Wochen nicht da, wer einen Schlafplatz braucht, unsere Wohnung steht zur Verfügung!“ Nein, das macht nicht jeder und das wird auch nicht erwartet, aber es passiert. Und das ist einfach schön.

Aber immer nur alles happy peppy? Wirklich?
Nein, natürlich nicht. Es gibt natürlich kleine Konflikte. Wir sind 100 Menschen, davon 64 Erwachsene. Klar gibt es da zwischenmenschliche Differenzen. Es gibt 30 Kinder und entsprechend viele verschiedene Erziehungsansätze. Klar gibt es da mal Ärger. Es verschwinden mal Dinge aus den Gemeinschaftsräumen, die man dann ewig sucht, was frustriert. Es geht mal was kaputt und natürlich hat jede und jeder einen anderen Zugang zu Sauberkeit oder Rücksicht auf die anderen. Aber wir haben eine gute Konfliktkultur. Wir haben Ombudspersonen, die wir einschalten können. Wir haben Redekreise, die wir einberufen, wenn sich ein Konflikt zeigt. Wir sprechen Dinge an. Und das hilft einfach sehr.

Einfach mal machen und reden
Ja, im Leben mit so vielen Menschen kann es zu Frust kommen. Da laufen die Dinge vielleicht nicht immer so, wie man sie sich vorstellt oder wie man es selbst machen würde. Aber die Soziokratie hat mich gelehrt: Wenn Dich was stört, dann bring Dich ein. Jammern allein ändert nichts. Sudern schon gar nicht. Und wenn irgendwo was rumsteht, was da nicht hin gehört, dann räums mal weg, anstatt Dich aufzuregen, was da wieder rumsteht. Nur so funktioniert Gemeinschaft. Im gemeinsamen Tun. Im miteinander füreinander. Denn auch mir passiert es, dass ich mal was stehen lasse, dass ich es mal eilig habe oder dass ich etwas wo vergesse. Das ist nur menschlich.
Den ganzen Sommer ärgerte ich mich, weil in unserem Hochbeet, das wir uns mit Nachbarn teilen, eine riesige Sonnenblume wuchs. Sie überwucherte unsere Tomaten und saugte natürlich viele Nährstoffe. Wer pflanzt eine Sonnenblume in ein Hochbeet? Aber ich habe lange nichts gesagt, meine Tomaten versetzt und auf eine kleine Ernte gehofft. Am Ende der Saison dann stellte sich in einem Gespräch heraus: Keiner von uns hatte die Sonnenblume gepflanzt, beide waren wir genervt von der riesigen Pflanze, die genau in der Mitte des Beetes wuchs, keiner sagte etwas. Da haben wir dann nur noch gelacht. Das hilft immer. Reden übrigens auch.

In den letzten fünf Jahren waren wir an verschieden Orten im Urlaub und ich habe oft daran gedacht, wie aufregend es doch wäre, mal wieder woanders zu wohnen. Was uns letztendlich immer davon abgehalten hat diese Ideen ernsthaft zu verfolgen, war das Haus, in dem wir wohnen. Abgesehen davon, dass es ein kleiner Wahnsinn ist drei Kinder aus ihrem Umfeld zu reißen und umzuziehen, neue Stadt, neue Kindergärten/Schulen, neue Freunde und vielleicht sogar neue Sprache – es wäre Wahnsinn dieses Leben in diesem Haus aufzugeben. Im Moment fühle ich mich hier genau richtig, gut aufgehoben und geborgen. Und ich fühle mich auch sinnvoll und nützlich, ich nehme ja nicht nur, ich gebe ja auch. Ich bin Teil einer Gemeinschaft, die ich so schnell da draußen nicht wieder finde. Und dafür bin ich endlos dankbar.
Ich bin überzeugt, dass so ein Wohnen die Lebensform der Zukunft ist. Der Mensch ist und bleibt ein Herdentier. Wir sind nicht dafür geschaffen in unseren eigenen vier Wänden alt zu werden. Wir sind aufeinander angewiesen. Studien haben mittlerweile ergeben, dass Menschen in Gemeinschaft, sozial gut verankert, gesünder sind und länger leben. Wen wunderts? Die schnelle Hilfe, die da ist. Die Sicherheit, nie allein sein zu müssen. Natürlich braucht es dafür eine gut funktionierende Gemeinschaft und die bedeutet: Arbeit, Erhaltung, Pflege und Hinschauen. Die bildet sich nicht von allein und die erhält sich auch nicht automatisch. Aber es lohnt sich.

Heute Abend werden wir feiern. Groß, laut und wunderbar. Genau so, wie wir sind.

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#40TageohneJammern

tasseAschermittwoch. Fastenzeit beginnt. Weniger Zucker? Kein Alkohol? Keine Zigaretten? Als stillende Mutter faste ich sowieso vieles, anderes sollte ich nicht fasten. Denn Energie brauche ich. Unmengen davon. Aber Fasten muss ja nicht gleich heißen, auf gewisse Vorlieben oder ein Stück Gutes Leben zu verzichten. Im Gegenteil, Fastenzeit kann bedeuten, dem Guten Leben ein Stück näher zu kommen. 

Wie? Indem ich gewisse Dinge, die mir gut tun, bewusst tue. 40 Tage lang. 21 brauchts, damit man eine alte Gewohnheit umkrempelt, sagt die Wissenschaft. 40 stehen uns hier zum Gemeinschaftsfasten zur Verfügung. Gemeinschaftlich, weil zigtausend Menschen jetzt fasten. Man kann gemeinsam „leiden“ und gemeinsam zu neuen Erkenntnissen gelangen.

Ich habe eine Weile überlegt. Sportliches wär mir lieb gewesen, da ich aber grad mit Erkältung und Grippe kämpfe, würde ich das die ersten Tage schon nicht angehen können. Und die Devise lautet: Ganz oder gar nicht!
Auf Twitter kam dann die Idee, das Jammern zu fasten. Das hat mich sehr angesprochen, da ich zum einen momentan, wegen der anhaltenden Erkältung, täglich viel jammere. Zum anderen, weil ich der Meinung bin, dass Jammern uns nie weiterbringt. Sondern uns nur noch mehr in unseren Zustand einlullt und darin gefangen hält. Wenn ich jammere, dass IMMER ICH dies und das erlebe, dass IMMER ICH so ein Pech habe und dass meine Kinder ja IMMER SO und NIE SO sind, dann wird sich an dem Zustand auch nichts ändern.

Was aber tun, denn wenn wir ehrlich sind: Manchmal tut jammern gut. Frust ablassen, sich selbst bemitleiden.

Nunja, ich stehe ja erst am Anfang dieser 40 Tage. Einige Strategien werde ich erst noch entwickeln. Aber was ich bisher schon überlegt habe, ist folgendes:

Erkennen, was gut läuft. Oft nehmen wir nämlich das, was da ist, was schön ist, was zu schätzen ist, einfach so hin ohne ihm Beachtung zu schenken. Dadurch entgeht uns das kleine Glück. Ich kann also nun jeden Tag am Abend schauen: Welche Momente waren heute besonders schön? Oder auch nur einfach schön?

Erkennen, was mir wichtig ist. Denn wir jammern über vieles, was eigentlich so unwesentlich ist. Dass die U-bahn wieder mal Verspätung hat. Dass ich im Supermarkt wieder an der Kasse stehe, an der nichts weitergeht. Dass der Mensch neben mir so komisch aussieht. Oder noch schlimmer: Übers Wetter jammern. Alles irrelevante Gedanken, die uns nur noch mehr unsere Launen vermiesen. Dinge, die wir gar nicht ändern können – wie das Wetter. Was ist aber wirklich wichtig? Was gibt es wichtiges zu Jammern? Ich denke da werden wir feststellen, dass das gar nicht so viel ist.

Ich bin gespannt. Heute habe ich zumindest noch nicht über meine Kopfschmerzen gejammert, habe mir Tee statt Kaffee gekocht und mich gefreut, dass ich einen ruhigen Tag vor mir habe. Es geht mir gut. Ich muss gar nicht jammern!

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