Verlosung

Hausgeplauder I Die kleinen Dinge

IMG_5346Manchmal, wenn Besuch da ist und wir den neugierigen Menschen unser Haus zeigen, ist es mir fast unangenehm. Im Erdgeschoss bei der großen Küche, dem tollen Spielraum und dem riesigen Fahrradraum ist es noch ok, doch sobald wir aufs Dach kommen, sie die Terrassen, Gästeapartments und die Bibliothek – meinen Lieblingsraum – gesehen haben, wird es schon etwas komisch. Und sobald ich dann die Tür zur Sauna und zum Meditationsraum öffne, möchte ich manchmal am liebsten schnell als Seifenblase verpuffen.

Ja, wir haben uns all diese schönen Räume und das schöne Haus hart erarbeitet und auch dafür bezahlt und bezahlen immer noch. Aber Es wirkt doch manchmal luxeriös und protzig. Weil wir uns einfach so viel gegönnt haben. Wir haben gemeinsam geträumt und tatsächlich fast 90% dieser Träume so umgesetzt. Dazu stehen wir, aber ich doch manchmal auch etwas wacklig.

Doch im Grunde, im Alltagsleben, sind es nicht die tollen Räume. Viel zu selten sitze ich in unserer schönen Bibliothek und genieße den Duft der Bücher und die Aussicht. In den Spielraum gehen wir, wenn uns die Decke auf den Kopf fällt, aber wenn die zwei Nasen hier einen schlechten Tag haben, rettet er uns auch nicht aus dem Streitirrsinn.

Viel mehr sind es die kleinen Dinge, die Details, die das Leben in diesem Haus so lebenswert machen. Die uns spüren lassen, dass es etwas ganz besonderes ist. Dass hier Menschen wohnen, die aneinander Interesse haben, die sich umeinander kümmern und sich gegenseitig wahrnehmen. Ein Haus, was so nicht die Norm ist. Die große Metallschale im Erdgeschoss, die ist so ein Detail. Sie hängt am Stiegenaufgang zum ersten Stock. Zu hoch, als das kleine Kinderhände sie wahllos leeren könnten. Hoch genug, dass man sich bequem von der ersten Stufe ein Stück Etwas heraus nehmen kann. Was das ist, ist unterschiedlich. Im Winter fanden sich darin manchmal getrocknete Früchte. Gern auch Mandarinen. Gestern waren es Erdnüsse. Heute sind es jemanden Überreste von Ostern. Und letztendlich geht es auch hier wieder nicht um den Inhalt per se, sondern darum, dass jemand diese Idee hatte. Dass jemand sie umgesetzt hat und dass dieser jemand die Idee weiter verfolgt, also im Auge behält, was die Schüssel beinhaltet und wie der Inhalt ausschaut. Dass wir dort keine Kleinzeller züchten, sondern uns eine Freude bereiten. Weil es eben die kleinen Dinge sind, die Freude machen.

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Wir sind ein ziemlich großer Laden. Schaut man sich die Finanzen an und die Organisationsstruktur, dann gleichen wir einem Unternehmen. Es gibt viel zu besprechen, zu organisieren, zu klären. Und zu entscheiden. Wenn man von der U-Bahn heim kommt, auf das Haus zusteuert, was man schon einige hundert Meter weit entfernt sieht und betrachten kann, dann ist es manchmal unwirklich, ein Mitbesitzer des Ganzen zu sein. Und irgendwie tut es dann gut zu sehen, wenn man herein kommt, dass wir alle für uns, ganz im Kleinen, auch nur ein winziger Bestandteil sind. Aber dass wir alle, jeder für sich und auf seine und ihre Arten, zu diesem großen Ganzen beitragen. Und sei es “nur” durch kleine feine süßbestückte Metallschalen im Eingangsbereich.

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Hausgeplauder I Bitte nicht ansprechen.

IMG_5001Vor einer Weile war ich an einem Samstag allein auf dem Weg zu einem Workshop. Der Morgen verlief samstäglich chaotisch, ich war ein wenig spät dran und wollte nichts als davon. Gedanklich war ich schon im Workshop, körperlich hing mir noch eines der Kinder am Bein. Und die Laune war entsprechend.

Und so stand ich endlich vor dem Lift und hielt den Finger über dem Rufknopf. ‘Nein’, dachte ich. ‘Ich lauf lieber die Stiegen runter, das geht schneller.’ In dem Moment hörte ich ein paar Stiegen weiter unten eine vertraute Stimme mit jemandem Reden. Auf Begegnung hatte ich im Moment keine Lust. Überhaupt keine Lust. Ich war nicht in Stimmung für Smalltalk oder bereit zu erklären, wohin ich unterwegs war. Außerdem musste ich wirklich los. Also drückte ich doch den Liftknopf. In eben diesem Moment hörte ich ein oder zwei Etagen tiefer Menschen samstäglich redend in den Lift steigen. Das nun noch. Natürlich. Will ich einmal ungesehen, unredsam und schnell aus dem Haus! Blieb mir nur zu wählen, welche Begegnung mir von beiden nun am unliebsamsten war. Denn aus dem Fenster springen konnte ich nicht.

Und so sauste ich doch die Stiegen hinab, konnte ja so der Begegnung dort noch schnell mit dem Satz “Bin spät drahan!” ausweichen und mich wieder meiner Unredsamkeit widmen. Und der komischen Laune, die in mir schlummerte.

Ja, auch das ist das Leben im Wohnprojekt. Es ist nicht immer leicht, sich den eigenen Rückzug zuzugestehen, aber manchmal ist es noch schwieriger, ihn auch wirklich leben zu können. In Ruhe sein zu können und in Ruhe gelassen werden.

Aber auch das ist in Ordnung. Das sind Tage. Momente. Augenblicke. Und dann kommen wieder Tage, an denen man den letzten Rest Müll in der Wohnung zusammenfegt, um sich selbst einen Gang zum Müllraum zu rechtfertigen. Und so vielleicht einem Menschen und einem kleinen Gespräch zu begegnen. Im Übrigen ist es hier wahrscheinlicher, dass man durch ein stilles Stiegenhaus steigt und niemanden trifft. Das wiederum hat Murphy zu verantworten.

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Hausgeplauder – Ein Ameisenhaufen mitten in der Stadt

Großgruppen-Ameisenhaufen inklusive Kinderunterhaltung
Großgruppen-Ameisenhaufen inklusive Kinderunterhaltung

Wenn wir vom Wohnprojekt erzählen, gibt es immer wieder Menschen, die sagen: Das ist mir zu viel Verpflichtung. Da muss ich zu viel tun, und dafür habe ich keine Zeit oder keine Lust. Nunja, ausschließlich Konsumenten, die nur von der Gemeinschaft profitieren, ohne selbst etwas beizusteuern, haben wir tatsächlich nicht so gern. Aber es geht gar nicht darum, dass jeder hier sein Pensum an Arbeit absolviert, sondern eher, dass jeder sich da einbringt, wo es ihm wichtig ist, ihm Freude bereitet. Dass das manchmal in Arbeit ausartet, ist dabei nicht ausgeschlossen. 

Tatsächlich haben wir die Vorgabe, dass jeder im Monat 11h für die Gemeinschaft leistet.  Aber es ist nicht vorgeschrieben, was das ist. Ich kann hier für andere Babysitten, ich kann im Sommer die vielen Grünanlagen gießen, ich kann mich in den diversen Arbeitsgruppen einbringen und das wiederum öffnet ein breites Spektrum an vielfältigen Tätigkeiten. Und dabei wird niemand zu etwas verdonnert. Auch wenn es sich vielleicht manchmal so anfühlt. Aber hey, setzt man sich nicht lieber selbst hin und bespricht die Gestaltung des Kinderspielraumes, als dass irgendeine externe Hausverwaltung hier Vorgaben gibt und sich sonst nicht kümmert, unnötigen “Sperrmüll” abtransportiert und die Räume zu leeren, traurigen Höhlen verkommen? Genau. Und so kann ich mich in der Gruppe, die für die Sauna, die Bibliothek, die Küche, die Werkstatt oder sonstige Räumlichkeiten zuständig ist, einbringen. Ich kann aber auch trockenen Stoff mit erarbeiten, so wie ich in der AG Finanzen und Recht. Da hat man allerdings den Vorteil, dass man immer auf dem aktuellsten Stand der Zahlen und Fakten ist. Ohne dass man – auch so wie ich – viel Ahnung davon haben muss. Das ergibt die “Weisheit der Gruppe”. Auf die bauen wir übrigens schon sehr lange. Eigentlich, seitdem das Projekt entsteht ist.

Vor Weihnachten saß ich eines nachmittags und bestellte sämtliche Schalter-, Kasten- und Türbeschriftungen für das gesamte Haus. Das dauerte in Summe drei Stunden. Hat auch nicht sonderlich viel Spaß gemacht, gebe ich zu. Aber wenn die dann mal da sind (apropos, wo bleibt die Bestellung?) und aufgeklebt (was sicher auch nochmal drei Stunden dauert…) – dann sieht das schön aus. Und macht Freude, wann immer man durchs Haus geht. Bis man sich vielleicht dran gewöhnt hat. Aber eigentlich gewöhnt man sich in diesem Haus an fast nichts. Weil keine Zeit ist. Weil so vieles noch im Wandel ist. So vieles noch entsteht und so einiges sich auch immer wieder verändert. Weil immer irgendwo kleine fleißige Ameisen sitzen und diesen Haufen hier am Sein, Werden und Bestehen halten. Und keine von diesen Ameisen möchte tauschen. Nur manchmal Pause machen vielleicht. Das geht aber auch. Dafür gibt es die sogenannte Wohnprojekt Karenz. Die gilt nicht nur für frische Mütter, sondern für jede/n, die/der es braucht. Aus welchem Grund auch immer. Es mag ganz angenehm sein, sich für eine Weile zurückzuziehen, keine AG Treffen im Kalender tummeln zu haben. Aber dann gibt es so Momente, wo man denkt: “Mist, das würde ich gern wirklich mit entscheiden, da sollte ich mich einklinken.” Macht ja nix. Kann man ja auch. Die Karenz ist ja kein Verbot. Und am Ende macht es auch genau so viel Freude, wieder zurückzukehren und im Bilde zu sein. Denn das fehlt auch, wenn man nicht “dran bleibt”. Dann weiß man wieder nicht mehr, was genau die Preise jetzt für die Gästezimmer sind, wie und wo man die bucht. Dann hat man den neuen Code für einen Schlüsseltresor nicht mitbekommen. Oder versäumt, wer jetzt eigentlich wofür und wie zuständig ist. Ist auch nicht so leicht zu überblicken, dieser Ameisenhaufen. Muss man aber auch nicht. Einfach rein und mitmachen. Irgendeine Arbeit fällt immer ab. Und wer rechtzeitig kommt, der sucht sich die, die am meisten Freude macht. Welche das ist? Tja, das sieht jede Ameise anders. Und wenn man doch mal nicht weiter weiß und eine Info nicht hat, dann gibt es ja genug nachbarschaftliche Ameisen, die aushelfen können.

In diesem Sinne gehe ich mal und schreibe eine ungeliebte email an alle mit einer neuen Info. Und hoffentlich lesen die auch alle Ameisen, sonst laufen wieder ein paar eine Weile in die falsche Richtung und machen anderen Ameisen noch mehr Arbeit. Wie draußen im Wald, also, unser Häuschen hier. Nur eben doch nicht.

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