Liebe Montessorians – ein offener Brief

Liebe Montessorians,

als Frau Maria Montessori sagte, dass man den Interessen des Kindes folgen sollte, meinte sie nicht, dass wir ihnen, sobald sie sich für Buchstaben interessieren, das Alphabet vorgedruckt zum Nachmalen hinlegen sollen.

Sie meinte auch nicht, dass man, wenn man alle Übungen des praktischen Lebens oder im Bereich der Sinnesmaterialien “absolviert” hat, zur Mathematik und Sprache wechseln soll. Zumindest nicht auf Nimmerwiedersehen.

Als Montessori sagte, dass jede unnötige Hilfe das Kind in seiner Entwicklung behindere, meinte sie nicht, dass man das Kind vor seinem Paar Schuhe sitzen lassen soll, bis es sie von allein anzieht oder laut und deutlich sagt: “Hilf mir bitte.”

Als einen vorbereiteten Erwachsenen bezeichnete sie nicht nur Menschen, die vorbildlich und wortlos zeigen können, wie man einen Teppich auf- oder zusammenrollt oder wie man Kaffee mahlt, sondern sie meinte hier auch Erwachsene, die authentisch sind. Die nicht steif aus der Montessorischule den Zeigefinger auf den Mund legen, wenn das Kind eine Frage stellt, sondern die in dem Moment hinterfragen, ob sie diese Frage selbst stört, oder ob sie glauben, dass die Montessorigesellschaft behaupten würde, dass prinzipiell jede Frage störend und inakzeptabel ist.

Wenn Kinder in der “Freiarbeit” lieber malen, statt sich mit den Materialien zu beschäftigen, ist die Lösung nicht, das Atelier in der Freiarbeit zu sperren. Es bedeutet eher eine Öffnung. Eine Öffnung des eigenen Geistes bereit zur Reflexion, bereit zu hinterfragen, woran es liegen könnte, dass die Kinder das Material meiden.

Wenn ich die Montessoripädagogik für die “breite Masse” und nicht nur für alternative Besserverdiener öffnen möchte, sollte ich mich auf diese und deren Kinder einstellen. Indem ich sie mit einem Mix aus Montessori-material und “normalem” Spielzeug begrüße und ihnen den Weg von einem zum anderen bahne, bzw. sie einladend das Neue erforschen lasse. Auch wenn das in den Augen höherer Ausbildungsstätten einen “Missbrauch des Materials” darstellen mag. Denn was dieser ist, das liegt einzig und allein im Ermessen von uns und dieses Ermessen kann häufig dazu führen, dass wir die eigentlichen Interessen, die eigentlichen Erfahrungen des Kindes mit dem Material falsch einschätzen.

Ich wünsche mir, dass Ihr diese Selbständigkeit, von der Montessori immer sprach, nicht als ein Ziel, sondern einen langen Prozess erkennt. Einen, der bei jedem Kind zu einem anderen Zeitpunkt beginnt, endet und der für jedes Kind andere Unterstützung fordert.

Liebe Montessorians, ich wünsche mir, dass Ihr das individuelle Kind wieder in Euren Sichtbereich zurückholt. Dass Ihr es hin und wieder schafft, von Eurer Materialkunde Abstand zu nehmen und zurückkehrt zu dem, was Montessori außerdem versucht hat zu vermitteln: die Notwendigkeit einer respektvollen Begleitung im Sein, im Tun, im Lernen und im Wachsen. Ich wünsche mir, dass, statt darbietender Strenge, wieder ein wenig sehr viel mehr Herzlichkeit ins Kinderhaus einzieht. Ich wünsche mir, dass aus dem Kinderhaus wieder ein Haus für Kinder und nicht für kleine Erwachsene wird.

Nadine

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Das Selbst in Selbständig

IMG_8262Ein Grund, warum wir Herrn Klein aus dem ehemaligen Kindergarten nahmen, war der dortige enorme Druck in Richtung Selbstständigkeit. Montessoris Ansätze wurden da meiner Meinung nach mal wieder komplett fehlinterpretiert, überzogen und dogmatisch umgesetzt. Wie das viel zu oft der Fall ist.
Ein Kind in die Selbständigkeit zu begleiten heißt nicht, es so lange vor seinem Paar Schuhe sitzen zu lassen, bis es versucht, diese selbst anzuziehen.

Genau das wurde dort aber getan. Denn immerhin waren die Kinder nun alt genug und mussten doch selbständig werden. Uns wurde das sogar geraten: Ihn daheim so lange am Boden sitzen zu lassen, bis er seine Schuhe allein anzieht. Zum Glück gibt es Ratschläge, die einfach ignoriert in Luft verpuffen.

Herr Klein wird nun in drei Wochen 4 und zu 90% der Zeit wünscht er sich, dass wir ihm die Schuhe anziehen. Er lässt sich wie ein König am Abend die Hose und den Pulli aus- und den Schlafanzug anziehen und zudecken.
Ich kann nun jedes Mal darauf bestehen, dass er das selbst macht. Weil er doch schon groß ist. Weil er das doch langsam mal können muss. Weil er doch mal selbstständig werden muss.

Nunja, er kann das auch. Er will aber nicht. Und das ist der springende Punkt. Zu erkennen, warum ein Kind nicht will, wenn es nicht will und nicht tut. Anstatt zu bestehen und zu verharren und Druck auszuüben. Denn das ist es ja, was getan wird: Druck wird ausgeübt, obwohl wir alle wissen: Druck erzeugt Gegendruck. Das lehren uns unsere Kinder recht früh.

Gestern hatten wir ein Nachbarskind zu Besuch. R. ist gerade mal 3. Wir waren draußen und gingen dann zu uns in die Wohnung. Herr Klein zog sich schnell die Schuhe aus, um dann R. zu helfen. “Soll ich Dir helfen, ja? Komm, ich helf Dir!” Und dann zog er ihr die Schuhe aus, danach selbst seine Jacke, seine Mütze. Als R. aufs WC musste, half er ihr die Hose auszuziehen.
Heute früh versuchte er lange und ausdauernd (nicht ohne zu schimpfen) seine Hose und seinen Pulli selbst anzuziehen. Sogar die Socken, da scheiterte er dann mangels Geduld am zweiten Fuß.

So überrascht er immer wieder und zeigt: Er kann. Wenn er will. Und für mich ist das alles, was ich wissen muss. Warum er nicht will? Weil Anziehen für Kinder nicht nur Notwendigkeit ist. Kinder sind ja so verschieden und manche holen sich die Nähe zu ihren Eltern durch Kuscheln, andere eben durch vehementes Einfordern von Hilfe bei den täglichen Pflegesituationen. Füttere mich. Zieh mir die Schuhe an. Putz mir die Zähne. All das kommt immer mal wieder vor, mal mehr mal weniger. Und natürlich obendrein abhängig vom Müdigkeitsgrad. Und ich erlaube das. Meistens. “Magst Du heut gefüttert werden? Ist Dir das grad so wichtig, ja?” Natürlich gibt es Zeiten, wo ich selbst zu hungrig und ungeduldig bin. Das sage ich ihm dann auch. Aber ich zeige ihm dann: Weil ich das jetzt nicht will und nicht, weil Du selbst müssen musst. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Aber muss ich die Selbständigkeit nicht fördern?
Kinder wollen selbständig werden. Und sie tun das, wenn sie dazu bereit sind. Und vor allem: wenn alle Rahmenbedingungen dazu erfüllt sind. Wenn sie sich wohl fühlen, sicher und geborgen. Wir haben oft viel zu viel Angst, unsere Kinder zu ewigen kleinen unfähigen Individuen zu erziehen und verlangen ihnen dabei viel zu viel ab. Vertrauen und Zutrauen sind hier wie immer der Schlüssel zum Glück.
Meist genieße ich es einfach, meinem Kind so einfach einen Wunsch zu erfüllen. Wenn er – wie manchmal – sagt “Ich kann nicht, kannst Du helfen!” dann sage ich “Ich weiß, dass Du das kannst. Aber ich helfe Dir gern.” Das zeigt ihm, dass er nicht unfähig ist, aber auch nicht allein.

Macht uns das zu Dienern unserer Kinder?
Vielleicht. Aber die R., die gestern da war, die hat eine Schwester, die G. und die ist 9. G. ist viel unterwegs und hat mittlerweile wenig Interesse an ihren Eltern. “Oh man, Mama!” sagt sie. Wenn ich das sehe und höre, dann bin ich gern der Diener für meine Kinder. Denn viel zu schnell sind sie groß und die kleinen Hände auf meiner Schulter, die sich da festhalten, wenn ich an den Schuhe zurre, sind dann nur noch eine blasse Erinnerung.

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Erkenntnisse der Woche – überschätzt

IMG_7382Herr Klein hat sich diese Woche öfter schwer getan im Kindergarten anzukommen. Gerade diese Woche hatten sie die Gruppen umgestellt und er sollte von nun an in einen anderen Gruppenraum. Er wurde nun in eine Gruppe mit den “Älteren” zusammengetan. Unter den Älteren sind dann aber auch die Vorschüler. Und der Gruppenraum erinnert von der Einrichtung her schon fast an einen Klassenraum. Es gibt viel mathematisches und sprachliches Material, Landkartenpuzzle und Flaggen für die Geographiekunde. Und mittendrin Herr Klein.
Als Herr Klein in der Krippe war, wurde er viel zu früh zu schnell zur Sauberkeit gedrängt. Er brauche keine Windel mehr, er sei “bereit”, es wäre nun das Zeitfenster für ihn. Wir sahen das anders. Zogen ihm Windeln an, sie zogen sie ihm aus. Gespräche waren so ertragreich wie eine Erdbeerernte im März. Mit 2,5 sollte er hinauf in den Kindergarten. Er wäre “bereit”. Er schien auch bereit und etwas gesättigt von dem Angebot in der Krippe. Kurz vor dem Wechsel dann der Stress “er müsse selbständiger werden, sonst würde er im Kindergarten oben bei den Großen untergehen.”. Druck. Nach vorn ziehen. Ich hielt dagegen. Half ihm nach wie vor beim An- und Umziehen. Ließ ihm Zeit.

Mit 3 wollte man ihm das minutenlange Abschiedsritual mit seinem Papa morgens abgewöhnen. Er wäre “bereit”. Sein Papa hielt dagegen, verlagerte das Abschiedsritual nach draußen, beide waren zufrieden.

Im neuen Kindergarten nun hat er sich nach anfänglichen Schwierigkeiten gut eingewöhnt. Kennt sich aus, kennt die Materialien gut, hat Freunde gefunden. Im Gespräch hieß es, er interessiere sich für das Sprachmaterial. Schon bekam er Schreibhefte vorgelegt. Er sei “bereit” für das Schreiben mit dem Stift. Aber man müsse ihn motivieren.

Diese Woche kam mir die frustrierende Erkenntnis, dass mein Sohn wohl oft überschätzt wird. Weil er so ruhig ist. Weil er manchmal so weit scheint. Interessiert ist und – soweit ich weiß – den Regeln folgt. Er tut, was man ihm sagt, so scheint es oft, wenn sie erzählen “Er kennt sich aus, er weiß was zu tun ist, er macht mit.” Brav?

Aber ich kenne Herrn Klein. Und erlebe ihn daheim oft ganz anders. Manchmal habe ich das Gefühl, als kämpfe ich zu Hause mit dem Resultat der ständigen Überforderung. Daheim scheint er einfach alles fallen zu lassen, sich fallen zu lassen. Er braucht mich sehr, kann scheinbar nichts allein tun. Er tut eben nicht, was ich sage. Er rebelliert und tobt. Er kann wild sein. Ganz einfach Kind sein. Und ich weiß, dass er sich in vielerlei Hinsicht eigentlich gemütlich entwickelt. Im Haus wohnen sehr sehr viele Kinder. Er versteht sich grundsätzlich mit denen am besten, die ca ein halbes Jahr bis ganzes Jahr jünger sind als er. Den großen schaut er nur beobachtend zu, lässt sich kaum mitreißen. Zieht sich dann eher zurück. Er meistert Dinge auf seine Weise. In Ruhe. In seinem Tempo. Zu seiner Zeit. Er ist so. Und es tut mir leid, dass er im Kindergarten oft so gezogen wurde und scheinbar immer noch wird.

Aber ich weiß nicht, was ich tun kann. Bestehe ich darauf, dass er die Gruppe wechselt, hole ich ihn von seinem neuen besten Freund weg. Und von der einzigen Pädagogin, die von Anfang an seine Konstante war, weil alle anderen gewechselt haben. Den Kindergarten kann ich nicht wechseln, weil ich das gerade getan habe. Und obendrein bin ich ein bisschen müde, ständig die laufenden Windräder aufhalten zu wollen. Weil er angeblich zu etwas “bereit” ist, von dem ich weiß, dass er es noch nicht ist. Ich bin es leid Gespräche zu führen und meinen Sohn zu erklären.

Und irgendwie glaube ich, dass das gar nicht so selten ist. Dass Kinder gedrängt und gefördert werden. Dass man sie im Sinne der Selbständigkeitsentwicklung viel zu sehr “anschubst” und Druck macht. Von daher ist es fraglich, ob es in einem anderen Kindergarten anders wäre.

Also kann ich vorerst nur daheim eine Oase bieten, in der er der sein kann, der er ist. Wo er spielen kann, was er mag und vor allem: woran er Freude hat. Wo er einfach Kind sein kann.

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