Adventskalender

Du fehlst mir! – 7 Tips, wie wir die Babyzeit als Paar überstehen

Wenn ein Baby einzieht, dann rutscht die Partnerschaft plötzlich gefährlich in den Hintergrund. Tagsüber wird statt Liebkosungen auszutauschen das Baby hin- und hergereicht. Im Bett liegt häufig jemand zwischen den Partnern. Gemeinsame Mahlzeiten beschränken sich auf das Nötigste – es gilt den Hunger zu stillen und nicht mehr die Zweisamkeit ausgedehnt zu genießen. Das Baby könnte ja jeden Moment… Frau fühlt sich nach Schwangerschaft und Geburt noch nicht ganz sie selbst und der Mann weiß oft erst recht nicht so genau, was seine Aufgabe, sein Platz jetzt ist. In der Luft hängen Schlafmangel und Erschöpfung, Worte werden falsch verstanden, kleinste Aussagen werden elefantengroße Diskussionen. Keine leichte Zeit. Für beide Partner. 

Wir haben nun das dritte Kind in unserer Mitte. Wir vermissen uns gegenseitig, aber wir wissen auch, dass jetzt für eine Weile andere Dinge Vorrang haben. Und die Partnerschaft ihre Zeit wieder finden wird. Wir uns wieder finden werden. Viele Paare jedoch scheitern schon hier, es kommt zu viel Frust und wenn der nicht ausgetauscht wird, wenn hier nicht offen und ehrlich kommuniziert wird, dann kann es gefährlich werden. Nicht umsonst sind Kinder ein häufiger Trennungsgrund. Sie werfen den Alltag zu zweit komplett über den Haufen und bringen Herausforderungen mit sich, mit denen keiner gerechnet hat. Letztendlich ist ein Leben mit Kind unvorstellbar, man weiß nicht, worauf man sich einlassen soll und kann. Und so rutscht man in ein Abenteuer hinein und erst mittendrin begreift man, was es bedeutet und was es mit sich bringt.

Für Euch habe ich meine Tips, wie Ihr als Paar die Zeit mit Baby – egal ob erstes, zweites oder zwölftes Kind – gut überstehen könnt, zusammengeschrieben:

Zeit geben
Das wichtigste ist, dass Ihr Euch gegenseitig Zeit lasst. Zeit mit der neuen Situation zurecht zu kommen, Zeit anzukommen. Die ersten Wochen haben keinen Rhythmus und keinen normalen Alltag. Da ist jeder Tag anders, jede Nacht ein neues Abenteuer. Für stillende Frauen eine schlafmangelige Herausforderung. Für die Männer das Finden der eigenen Position und des Spürens, wo sie gebraucht werden, was sie tun können und was nicht. Habt Geduld, Euer Leben steht Kopf und aus einem Kopfstand hüpft man auch nicht atemlos wieder auf die Füße zurück.

Aneinander denken
Es müssen keine langen Unterhaltungen sein, keine ewigen Diskussionen – aber fragt Euch hin und wieder: Wie geht es Dir? Es passiert zu schnell im Alltag mit Baby, dass wir uns als Paar vergessen. Wirklich vergessen. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages neben dem Liepsten im Bett lag und dachte: Wow, wo sind wir denn hingekommen? Wann habe ich ihn das letzte Mal bewusst angeschaut? Bewusst wahrgenommen? Bewusst geküsst?
Beim Abendessen geht es meist um die Neuigkeiten rund um das Baby. Morgens wird die Nacht ausgewertet und das Nötigste an Tagesplanung geklärt. Dazwischen ist nicht viel Zeit für irgendetwas. Bleibt an Euch interessiert. Eine kurze sms: “Wie geht es Dir?” kann ein Zeichen sein von: Ich denke gerade an Dich. Ich habe dem Liepsten unlängst geschrieben: “Du fehlst mir.” Nicht nur in dem Moment, sondern jetzt gerade generell. Natürlich ist unsere Zeit gerade dahin. Abends sind wir müde, Miniklein schläft nicht immer ruhig und zufrieden, wir müssen Arbeit nachholen, zu der uns tagsüber die Zeit fehlt… Das ist normal und gehört dazu. Aber es hilft zu wissen, dass wir dennoch im Kopf des anderen sind, dass auch ihm die gemeinsame Zeit abgeht und dass wir uns dessen einfach bewusst sind.

Kommunikation & Erwartungen
Aber neben dem Austausch über das eigene Wohlbefinden ist auch das Reden über die eigenen Erwartungen wichtig. Wir rutschen gewöhnlich in die Situation mit dem Kind hinein. Eine Geburt bringt ein komplett neues Leben mit sich, auf das wir uns zwar materiell, aber zeitlich und gedanklich wenig einstellen konnten. Wie die Nächte wirklich werden, was das Baby von uns fordert und wie der Alltag rundherum arrangiert werden kann – das zeigt sich erst. Und es ändert sich stetig mit so einem kleinen Kind. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns austauschen. Wer kann wann was tun, wer erwartet was vom anderen?
Uns hat es geholfen, dass ich immer für die Nächte zuständig war und bin, der Liepste dafür morgens übernimmt und ich möglicherweise noch ein paar Minuten liegen kann. Klar war auch ab dem zweiten Kind, dass er hauptsächlich für die Großen zuständig ist, vor allem im ersten Jahr und ich währenddessen mehr für das Baby da bin. Weil seine Möglichkeiten hier anatomisch einfach begrenzt sind. Bei nichtstillenden Müttern ist das natürlich anders, deshalb ist es wichtig, dass man sich austauscht, dass man redet und klar kommuniziert.
Oft weichen die Erwartungen hier stark voneinander ab. Wenn ein Partner arbeiten geht und der andere beim Baby bleibt, so glauben beide voneinander häufig, dass jeder ja viel mehr leistet. Dabei ist es kein Wettkampf. Es geht darum, dass niemand auf der Strecke bleibt, dass man sich gegenseitig unterstützt. Ein Tag im Büro klingt manchmal entspannend im Vergleich zu einem Tag mit Baby. Aber das muss nicht sein und das empfindet nicht jeder so. Erzählt Euch davon, wie es Euch mit Euren Aufgaben geht und versucht eine Aufgabenverteilung zu finden, die für Euch passt und nicht eine, die für Freunde oder Nachbarn passt. Jede Familie führt ihr eigenes kleines individuelles Leben.

Bei vielen Paaren ist vor allem die Kommunikation oft das große Problem, das zieht natürlich die Kommunikation der eigenen Erwartungen nach sich. Oft können wir nur schwer artikulieren was uns beschäftigt, geschweige denn damit umgehen, wie es dem anderen geht. Doch genau hier liegt der große Zauber, der eine gute Beziehung, eine glückliche Partnerschaft ausmacht.

Gemeinsam statt Staffel
Es gibt sie, die Momente, in denen man sehnsüchtig darauf wartet, dass der andere kommt und einem das Baby abnimmt. Gebt Euch auch gemeinsame Zeit mit Kind. Übergebt das Baby nicht immer nur wie einen Staffelstab. Erlebt Euer Glück gemeinsam, erlebt Euch als Familie gemeinsam und genießt die Drei-, Vier – oder Zwölfsamkeit.
Wenn der Liepste abends heimkommt, möchte ich ihm auch manchmal Miniklein in die Hand drücken und davonlaufen. Weil natürlich gerade abends oft alle Kinder hier aufgedreht vom Tag aus ihrer Spur geraten. Doch wir jonglieren dann das Abendprogramm gemeinsam und nicht selten erleben wir dabei wirklich schöne und lustige Momente zu fünft. Ich möchte diese nicht missen. Und dabei genieße ich mich mit dem Liepsten als Elternpaar dieser drei verrückten und albernen Faxenkinder.

Papa ist nicht Mama ist nicht Papa
Vor allem Mütter glauben oft, dass sie, weil sie anfangs eben doch die meiste Zeit mit dem Kind verbringen, besser wissen, wie etwas läuft. Und sie verfallen sehr schnell darin, dem Partner zu sagen, was er wie richtig zu machen hat. Beißt Euch auf die Zunge, tretet auf Eure Füße und habt Vertrauen, dass jeder von Euch seine ganz eigene wertvolle Beziehung zum Kind aufbauen kann. Jeder macht die Dinge etwas anders, hat andere Ansichten. Schaut Euch offen zu statt zu verurteilen. Beobachtet, was geschieht, statt voreilig einzugreifen. Kinder lernen so, dass jeder Mensch anders ist. Und es tut ihnen gut von Anfang an zu wissen, wer Mama und wer Papa ist und dass Papa manches anders macht als Mama.

Zeit schenken
Schlaf Dich mal aus. Morgen früh übernehme ich. Geh in Ruhe duschen und kümmere Dich nicht, ich hab das hier im Griff. Magst nicht mal wieder mit Deiner Freundin einen Kaffee trinken gehen? Geht Ihr mal auf ein Bier, auch wenn’s hier nicht so rund läuft, es wird schon niemand umkommen.
Solche Sätze sind ein Segen für beide Elternteile. Denn auch wenn die gemeinsame Zeit rar geworden ist und man jede Minute gemeinsam nutzen möchte: Schenkt Euch die Möglichkeit weiter an Eurem eigenen Leben teilzuhaben. Wenn wir nicht wir selbst bleiben, unseren eigenen Interessen folgen, dann sind wir nicht komplett wir und verlieren schnell Freude und Zufriedenheit. Und damit auch Attraktivität für unser Gegenüber. Natürlich ist das nicht von Anfang an in dem Ausmaß immer möglich, vor allem stillende Mütter sind da noch sehr eng an das Baby gebunden. Aber eine Dusche, ein Kaffee oder eine Runde durch den Park sind bald möglich und können schon für sehr viel Entspannung sorgen.
Wägt dabei nicht ab wer wann wie oft und schon wieder “frei” hat. Findet ein Gespür dafür, was genug ist und was gut tut.

Lachen
Das Leben mit Kindern ist vielseitig und immer wieder anstrengend. Aber es ist auch sehr bereichernd, lustig und unbedingt schön. Lacht miteinander. Lacht über Euch. Und behaltet diese Momente im Kopf.

Bleibt dran an Euch. Die Partnerschaft läuft nicht automatisch einfach so mit. Achtet gut auf Euch! In meinem Online Kurs “Paar sein und bleiben” kommen all diese Themen vor und helfen den Paaren, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren oder – und das ist wohl noch häufiger – sich wieder neu zu begegnen. 

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6 Monate Zwie – Ein Rückblick

Vor ungefähr 6 Monaten haben der Liepste und ich begonnen regelmässig Zwiegespräche zu führen. Regelmässig bedeutet: Einmal pro Woche. Ausgefallen sind sie fast nie, was allein dafür spricht, wie wichtig sie uns von Anfang an waren und auch heute noch sind. Zweifelsohne war diese ungeplante Schwangerschaft eine erste gute Herausforderung um das Wesen der Zwiegespräche für uns zu testen, aber sie haben uns auch sonst sehr viel gegeben.

Die Zwiegespräche laufen für uns so ab, dass wir jeder eine halbe Stunde von uns reden mit der Frage im Hintergrund: “Wie geht es mir? Was bewegt/beschäftigt mich gerade?” Wenn jeder seine halbe Stunde gesprochen hat, redet jeder noch einmal eine Viertelstunde. Zu Themen, die vielleicht durch das Gesagte des anderen aufgetaucht sind oder weil noch etwas eingefallen ist, was man vorher vergessen hatte oder wozu zu wenig Zeit war. Insgesamt also 1,5h reine, pure und ununterbrochene Paarzeit. Zeit, die wir sonst kaum so intensiv miteinander verbringen würden. Intensiv im Sinne von:

Uns mit uns selbst auseinandersetzen. Zuhören. Preisgeben.

Wie geht es mir?
Diese Frage stellen wir uns ehrlich gesagt selten. Wir bekommen sie gestellt und tasten je nach Fragesteller und Situation ab, wie intensiv wir darüber nachdenken und antworten. Geht so. Ganz ok. Ja, ganz gut soweit. Könnte besser sein. Aber tiefer geht es selten. Wenn ich eine halbe Stunde von mir reden soll, muss ich mich jedoch sehr genau mit mir auseinandersetzen und fragen, wie es mir geht, was mich bewegt. Dabei kommen oft Dinge auf, die uns selbst überraschen. Doch das ist nicht alles. Während wir erzählen und reden, schweifen oft Gedanken weg oder dazu und unser Erzählen nimmt einen Lauf, den wir gar nicht geahnt haben. Dann reden wir von Dingen, die uns scheinbar bewegen, die uns aber nicht bewusst waren. Und das ist höchst interessant, nicht nur für den Zuhörer.

Da kann eine halbe Stunde mal verfliegen wie nichts. Sie kann aber auch sehr lang sein und man rätselt und tüftelt “Ja, was beschäftigt mich wirklich gerade?” Dennoch am Ball zu bleiben und nach innen zu schauen, kann doch Dinge hervorbringen, die unbewusst irgendwo in uns schlummerten.

Wie geht es Dir?
Genau so spannend empfanden wir jedoch zu erfahren, was in dem anderen los ist, was in ihm vorgeht. Ohne dabei lästig fragen zu müssen “Was ist mit Dir? Ist alles ok? Was beschäftigt Dich?” Diese Fragen stellen wir uns nur allzu häufig dann, wenn der Partner gerade gar nicht bereit ist darüber zu reden. Was wir wiederum ganz unterschiedlich auffassen, nicht selten verärgert oder frustriert.

Gerade mit dieser dritten Schwangerschaft war es für mich unglaublich hilfreich vom Liepsten ganz ehrlich und in aller Ruhe zu hören, wie es ihm damit geht. Denn am Anfang tat er sich enorm schwer mit der Tatsache, dass wir ein drittes Kind erwarten. Ich weiß nicht wie viel ich von seinen Gedanken erfahren hätte, wenn wir die Gespräche nicht geführt hätten. Wieviel ich von seinen Reaktionen, seinem Verhalten hätte ablesen und interpretieren müssen. Dadurch, dass er Ruhe hatte sich zu erklären, ich nicht das Gefühl hatte, sofort darauf antworten zu müssen oder überhaupt darauf eingehen zu müssen, konnte ich das besser aufnehmen und verarbeiten. Ich konnte ihn besser verstehen und somit auch besser darauf eingehen. Es gab so keine heftigen Diskussionen oder Vorwürfe, sondern einfach nur die Darlegung der eigenen Gefühle und Gedanken.

Genau das ist der Wert dieser Zwiegespräche. Dass wir von vornherein wissen, dass es nicht um Beschuldigungen geht oder um Vorwürfe, dass keine Gefahr besteht, dass der andere sofort in “Aber…” und Rechtfertigungen, Zurückweisungen verfällt. Sondern dass wir schlicht und einfach Zeit haben zu erklären: So geht es mir. So fühle ich mich. Das bewegt mich. Vieles kann ich dann viel besser aufnehmen, als wenn es irgendwo zwischendurch fallen würde. Oder noch schlimmer irgendwo im Zuge eines anderen Streites oder einer Diskussion plötzlich aufpoppen würde, weil es so lange “schlafengelegt” wurde.

“Zwiegespräche sind der Austausch von Selbstporträts.” Michael Lukas Moeller

Als ich den Liepsten fragte, was er an den Zwiegesprächen so schätzt, meinte er es sei die Auseinandersetzung mit sich selbst. Er empfindet es als Mann noch immer schwer von sich und seinen Gefühlen zu reden. Das ist interessant, da ich finde, dass er das eh gut kann. Aber für ihn scheint das noch immer eine Herausforderung zu sein.

Für mich hingegen ist es höchst erleichternd und bereichernd zu hören, wie es ihm geht, ohne ihn danach fragen zu müssen. Das typische Paar, oder? Er redet ungern von sich. Sie nervt ihn mit Fragen. Das müssen wir nicht, weil wir wissen, dass wir das am Wochenende sowieso voneinander erfahren. Wundervoll. Erleichternd. Und ich finde: unglaublich verbindend. Ich fühle mich dem Liepsten immer sehr viel näher nach unserem Zwie. Und obwohl das Zwie eine konstruierte Situation ist, so ist mir die Nähe danach sehr natürlich und liebevoll.

Nicht selten hebe ich mir Themen sogar extra für das Zwie am Wochenende auf. Weil ich weiß, dass wir dann viel mehr Ruhe haben dafür, weil ich dann besser in Ruhe erklären kann, was ich wie meine. Damit diese Themen nicht, wie oft schon geschehen, habe ich uns Zwienotizbücher angelegt.

Letztendlich ist das Zwie eine fixe Date Night, die wir uns sonst so nicht in dem Ausmaß gönnen würden. Einmal die Woche intensive Gespräche. Handy ausgeschaltet, Tür versperrt (was in dem Haus hier wichtig ist). Anderthalb Stunden nur für uns. Und weil dann der Abend schon recht fortgeschritten ist, geht auch keiner von uns danach mehr eigene Wege. Wir verbringen auch den Rest oft in gemütlicher Zweisamkeit. Aber es fühlt sich intensiver an als sonstige Abende mit Laptop, Buch, Strickzeug oder Filmen.

Ich bin dankbar, dass wir diese Zwiegespräche entdeckt haben und sie uns so bereichern. Wir können sie nur wärmstens empfehlen. Und auch in meinem Online Kurs “Paar sein und bleiben” sind sie ein Schwerpunktthema. Darüber hinaus empfehle ich die Bücher von Michael Lukas Moeller, in dem er immer wieder die Notwendigkeit von Zwiegesprächen erläutert und in denen viele Paare aus ihren Zwieerfahrungen berichten. Nach ein paar Seiten fragt man sich oft, warum man die nicht schon immer geführt hat.

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Unser Freitagsdate: Das Zwiegespräch

P1080484Als wir das Buch “Hans im Glück oder die Erlaufung des Südens” von Andreas Zöllner, der auf eben dieser Wanderung eine Weile bei uns im Haus wohnte und uns seitdem immer wieder besucht, lasen, stießen wir erstmalig auf den Begriff Zwiegespräche. Im Text war eine Referenz zu Michael Lukas Moeller angegeben und ich begann etwas zu recherchieren. 

Es war nicht so, dass ich das Gefühl hatte, unsere Beziehung bräuchte mehr Worte oder mehr reden – im Gegenteil, ich dachte, dass wir eigentlich sehr viel reden würden. Dass wir uns nicht verschweigen würden, dass wir Dinge beim Namen nennen würden und so viele Hürden schon gut gemeistert hatten. Dennoch war ich immer an Neuem interessiert und diese Zwiegespräche, die klangen nach mehr als nach nur Reden. Der Liepste war ebenso angetan, doch so richtig wussten wir nicht, wie wir das angehen sollten. Wir wussten nur, was ungefähr im Internet dazu geschrieben steht. Aber wie ging das wirklich?

Dann traf uns ein Thema, dass unseren Alltag etwas durchrüttelte und das viel von uns abverlangte. Der Liepste beschloss: “Heute probieren wir dazu so ein Zwiegespräch. Ich glaube, dass uns das helfen kann.”

Gesagt getan saßen wir uns am Abend gegenüber. Etwas nervös, das auch “richtig” zu machen und vor allem gespannt, was das Zwiegespräch mit uns und unserem Thema machen würde.

30 Minuten “Wie geht es mir?”
In den ersten 30 Minuten geht es darum zu sagen, wie es einem geht. Was einen beschäftigt. Was im Kopf herum schwirrt. Der andere hört dabei nur zu. Kommentiert nicht, bewertet nicht. Hört nur.
30 Minuten sind lang. Sehr lang. Immer wieder schauen wir auf die Uhr. Wie lange noch? Was soll ich denn noch erzählen? Ist nicht schon alles gesagt? Doch nein, da kommt noch ein Gedanke. Und oh, wo kommt der eigentlich her? Ich wusste gar nicht, dass mich das beschäftigt. Aha, interessant. Plötzlich erfahren wir selbst Dinge über uns von denen wir nicht wussten, dass sie uns beschäftigen.

Und der Zuhörer? Ich selbst fand es entspannt. Ich muss nicht kommentieren. Muss nicht argumentieren. Und erfahre zudem, wie es dem Liepsten wirklich geht. Wirklich. Denn was ich täglich sehe, ist ein oberflächliches Durchlaufen. Morgens aufstehen, in den Tag starten, ein paar sms aus dem Büro, Abendplanung besprechen, die Kinder versorgen, Feierabend. Hier und da die Erwähnung von Gedanken, aber nie das gesamte Bild. Und ehrlich: wie oft saß ich in meine Gedanken versunken und dachte mir: “Wie geht es dem Liepsten eigentlich damit?” Abends vergessen. Zu müde, um lange zu reden. Den Kopf in anderen Gedanken verloren.

Jetzt. Endlich. Endlich erfuhr ich, wie es in ihm drin aussieht. Was ihn beschäftigt. Ich war gespannt. und erleichtert.

Dann war ich dran. Wow. 30 Minuten sind wirklich lang. Aber gut. Gut zu sehen, was mich wirklich beschäftigt gerade. Diese Gedanken zu sortieren und auszusprechen. Jeden einzelnen. Ordnung. Und etwas Erleichterung, weil hier Zeit und Raum dafür ist. Weil es nicht darum geht “interessiert ihn das?” sondern darum, was mich beschäftigt und bewegt.

Nach diesen insgesamt 60 Minuten geht der Ball zurück.

15 Minuten “Wie geht es mir in unserer Beziehung?”
Jetzt wird es noch einmal spannend. Wie geht es mir mit uns? Mit Dir? Weiß ich doch, sehe ich doch? Klar, wir begegnen uns liebevoll, sind uns nahe. Doch oft verlaufen wir uns im Alltag und wissen letztendlich nicht wirklich, wie es dem anderen geht. Nicht in einem Moment, in dem er mir ganz nahe zusäuselt, wie sehr er mich mag, sondern in einem gestellten Setting. Klar und ehrlich.

Nach 15 Minuten bin ich dran. Und durchwandere die Beziehung auf allen Ebenen, um diese lange Zeit Worte zu finden. Es tut gut, nicht einfach nur “Es geht uns gut ich hab Dich lieb.” zu sagen, sondern ganz tief zu graben und zu schauen, wie ich mich mit uns empfinde.

90 Minuten sind um. Wir sind erschöpft, vor allem auch, weil das Thema schwer war. Noch nicht gelöst, aber beide Seiten intensiv angehört. Eine gute Grundlage, für eine Entscheidungsfindung.

3 Tage später wiederholen wir auf Grund der Dringlichkeit das Zwiegespräch. Es ist Freitag. Und von da an steht es als fixer Termin in unserem Kalender. Jeden Freitag 20 Uhr Treffpunkt Wohnzimmer. Keine anderen Besprechungen oder Verabredungen. Der Freitag gehört uns. Und wenn es wirklich mal nicht möglich sein sollte, dann ist Sonntag die Deadline, bis wann es nachgeholt sein muss.

Warum dieser Terminstress?
Die Regelmässigkeit bringt Sicherheit und Wertschätzung. Und verhindert, dass das nächste Zwiegespräch in 4 Monaten stattfindet, weil zu viel dazwischen kam, man müde war, beschäftigt, abgelenkt. Denn durch das wöchentliche Erzählen des “Was beschäftigt mich?” entsteht ein unbewusster roter Faden. Wir knüpfen an, erzählen weiter. Wir sind in ständiger Verbindung. Und – was ich besonders mag – entstressen unsere Woche. Ich muss nicht hier oder dort fragen “Was ist los?” oder “Weißt Du was…” Ich weiß, dass es in Ruhe Zeit dafür geben wird. Am Freitag.

Und wenn jemand fragt, ob ich am Freitag schon was vor habe, dann sage ich “Ja.” und freue mich auf mein Date mit dem Liepsten.

Und warum all das überhaupt?
Lukas Moeller gibt an, was wir uns vom Zwiegespräch erwarten können:

  • uns selbst wahrzunehmen,
  • von uns zu sprechen,
  • dem anderen zuzuhören,
  • sich wechselseitig anzuerkennen,
  • sich einander zuzuwenden,
  • dialog- und konfliktfähig zu werden,
  • die Bedürfnisse des anderen und die eigenen Wünsche gleichrangig zu beachten,
  • an Selbstvertrauen zu gewinnen

und vieles mehr. Mit dem Zwiegespräch werden wir fähig, uns und unsere Beziehungen kreativ zu gestalten.

Und nach nur drei Zwiegesprächen mit dem Liepsten, kann ich das schon bestätigen. Durch diese Art und Weise miteinander zu reden, arbeitet etwas in uns. Ganz unbewusst. Etwas, das uns näher bringt, uns (noch) besser kennenlernen lässt, spüren lässt. Nicht nur was den anderen bewegt, sondern auch uns selbst. Und wenn wir uns besser verstehen, können wir andere besser verstehen, sind eher bereit und offen dafür. Fühlen wir uns vom Partner verstanden, können wir uns wiederum besser auf uns selbst einlassen. Es ist ein Wechselspiel, das entsteht. Nur, weil man einmal die Woche Zeit füreinander aufbringt. Ich denke, dass ist ein wertvolles Geschenk.

Denn ja, wir reden viel. Vielleicht mehr, als andere Paare. Definitiv mehr als der deutsche Durchschnitt, denn “Eine Zeitbudgeterhebung des Bundesministeriums für Familie (1996) ergab jedoch, dass deutsche Paare heute kaum mehr als zwei Minuten pro Tag miteinander über persönliche Dinge sprechen (Blanke et al. 1996, S. 313).”
Aber wir redeten wenig über uns. Uns ganz selbst und uns als Paar. Weil hier doch alles in Ordnung schien. War es ja auch. Aber jetzt bekommt diese Ordnung noch etwas mehr Tiefe. Mehr Nähe. Mehr Zuwendung. Mehr uns.

 

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