Willst Du mit mir gehen? Ja / Nein (Vielleicht ist abgeschafft)

IMG_5097Unlängst hatten Herr Groß und ich eine eher bescheiden gute Woche. Bei ihm in der Firma ging es drunter und drüber, was uns beide ziemlich beschäftigte. Obendrein waren die Abende von einigen Wohnprojekt Sitzungen “geblockt”, so dass wir uns etwas abhanden kamen. Ich wartete sehnlichst auf Freitag und etwas Gemeinsamkeit. Doch Freitagabend rief ein Kollege von Herrn Groß an und wollte spontan mit ihm auf ein Bier gehen. Ich war nur wenig begeistert, aber ein Satz sagte mir deutlich, dass ich Herrn Groß nicht hätte abhalten können: “Das ist mir jetzt wirklich wichtig.”
Denn das war es ihm. Dringend wollte er mit dem Kollegen die Geschehnisse in der Firma besprechen. Er sagte das auch gar nicht genervt oder rechtfertigend. Einfach nur bestimmt. Es war ihm wichtig. Punkt.

Ich bin diese Art von Kommunikation aus meiner Familie nicht gewohnt. Was ich kenne, sind ewiges Betteln und mehrmaliges Nachfragen. “Na was ist nun. Sollen wir das machen?” Anstatt zu sagen: “Ich möchte gern… Weil…” “Ich würde mir wünschen dass… Weil…”
Aber so sind die Reaktionen dann meistens ein langfristiges Grummeln, unzufriedenes Brummen und ein am Ende genervtes “Ok dann.” Anstatt zu sagen: “Nein, ich würde gerade lieber… Weil…”

Diese Art von Nicht-Kommunikation wird in meiner Familie heute noch so gelebt. Und sie ist mühsam. Zermürbend. Wie oft denke ich mir “Kannst Du nicht einfach sagen was Du willst??? Oder was nicht???”
An dem besagten Abend mit Herrn Groß fiel mir auf, dass viel zu viele Ängste unsere Kommunikation bewachen. Dass wir uns nicht klar ausdrücken aus Angst andere zu verletzen. Oder selbst verletzt zu werden. Abgelehnt zu werden. Und Ablehnung ist etwas, was uns verletzt. Weil wir nie gelernt haben, damit umzugehen. Dabei geht es doch gar nicht immer um uns und die Ablehnung unserer Person. Es geht – wieder einmal – um die Wahrung der eigenen Grenzen. Um das Erkennen und Akzeptieren der eigenen Bedürfnisse. Gegenseitig. Im Wechselspiel.

Kinder sind dabei – wieder einmal – die wunderbare Möglichkeit, genau daran zu arbeiten. Denn auch sie brauchen eine klare – gewaltfreie – Kommunikation. Herr Klein lieferte dafür neulich das Paradebeispiel: Wir waren am Land bei den Schwiegereltern. Er wollte, dass ich mit ihm mitkomme nach draußen. Ich hatte überhaupt keine Lust und obendrein gerade Frau Klein im Arm. Ich war dabei, sie ins Bett zu legen, stattdessen nutzte ich sie als Vorwand und sagte “Du ich muss erst noch mit Frau Klein brabbel brabbel.” Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich sagte. Er fragte wieder “Mama, kannst Du mitkomm?” wieder sagte ich: “Ich hab grad noch Frau Klein…” Als er zum dritten Mal fragte, merkte ich schon, dass ich mich hier nur selbst hinters Licht führte und sagte einfach: “Nein.” Er antwortete fröhlich “Ok.”, drehte sich um und lief allein nach draußen. So klar. So einfach.

Wir scheuen uns vor Ablehnung und trauen sie deshalb auch unseren Kindern oft nicht zu. “Ich muss aufs Klo.” “Ich muss noch Wäsche machen.” “Ich will erst…” All das, was ich im Post über die Erleuchtung schon beschrieb. Ausreden und Hinhalten, statt Klarheit und Ehrlichkeit. Dabei würde es uns auch im Leben so viel weiterbringen. Den Freunden mal zu sagen, dass es uns wirklich viel bedeuten würde, wenn sie an diesem Ereignis dabei wären. (Ich denke da z.B. an meine Diplomverteidigung, zu der ich meine engsten Freunde als mich ermutigend anlächelnden Balsam einlud). Wenn wir Kollegen sagen könnten, dass wir leider wirklich keine Zeit / Ressourcen haben, ihnen einen Teil Arbeit abzunehmen, anstatt uns selbst noch mehr aufzuladen. Wenn wir akzeptieren könnten, dass unser Partner uns immer noch liebt, auch wenn er den 4. Abend die Woche lieber unterwegs ist, als bei uns daheim.

Aber auch wenn wir das wissen, so fehlt uns oft das Handwerk dazu. Gerade Sätze wie “Ich würde mir wünschen, dass…” oder “Es ist mir wichtig, dass…” fehlen so oft in unserer heutigen Kommunikation untereinander. Da wird Ablehnung verletzt hingenommen. Persönliche Grenzverletzungen weggeschwiegen. Aber diese Sätze kann man niemanden lehren und auch nicht auswendig lernen. Da hilft nur sie immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Diese Sätze bewusst einzusetzen, so, wie eine neue Vokabel in einer anderen Sprache. Bis sie ganz automatisch Teil des Wortschatzes ist.

Und dann schaffen wir es auch, unseren Kindern diese Kommunikation, aber auch die innere Haltung dazu – nämlich das bewusste Beachten unserer Bedürfnisse und Grenzen – natürlich und authentisch vorzuleben. Eine Haltung, mit der sie gestärkt in die Welt gehen können. Durch die, begleitet durch die Kommunikation, die sie mittragen, sie die Möglichkeiten kennen, abzulehnen, was sich nicht gut anfühlt. Und damit umgehen können, abgelehnt zu werden. Wenn sie klar äußern können, was sie wollen. Und was nicht. Und dann brauche ich mich auch nicht zurückgewiesen fühlen, wenn Herr Klein morgens auf dem Stiegenabsatz ruft: “Mama ich brauch gar kein Bussi. Komm Papa, geht los!” Dann kann ich nur lächeln und hoffen, dass er sich diese (noch kindliche) Klarheit und Ehrlichkeit bewahrt.

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Ich will das nicht !

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWenn ich als Kind etwas gern wollte und das auch so ausdrückte, wurde mir immer gesagt: “Das heißt ‘Ich möchte bitte!'”. Und so prägte sich das Wort wollen immer mehr als negativ in meinem Kopf ein. Und nun habe ich eigene Kinder und möchte mit ihnen klar aber gewaltfrei kommunizieren. Das hieß für mich eben auch, das Wort wollen weiterhin zu vermeiden.

 

 
Nun waren wir kürzlich aus verschiedenen Gründen bei Mag. Daniela Pichler-Bogner zur Familienberatung. Neben den unzähligen Erkenntnissen entdeckte sie, dass unsere Kommunikation mit Herrn Klein sehr ambivalent war. Ein “Hör bitte auf damit!” oder “Ich möchte nicht, dass Du mich haust.” ist für die eigentliche Nachricht, die dahintersteckt, zu schwammig und höflich ausgedrückt. Denn was ich doch in dem Moment, in dem die kleinen aber kräftigen Kinderhände auf mich eintrommeln, fühle, ist: “ICH WILL DAS NICHT!”

Und genau das kann ich auch sagen. Das hat nämlich nichts mit gewaltvoll zu tun. Es ist eher klar, deutlich und in kurzer Knappheit sehr verständlich. Wir sagen ja einem Fremden in der U Bahn, der uns körperlich zu nahe kommt und drängelt nicht: “Könnten Sie bitte aufhören so zu drängeln? Ich möchte das nicht.”

Manchmal, vor allem wenn wir uns zu sehr damit beschäftigen, wie wir respektvoll und einfühlsam mit unseren Kindern kommunizieren und leben wollen, landen wir in einer Art “Überempathie”. Wir versuchen so sehr zu verstehen, was das Kind gerade tut und warum, dass wir vergessen, was auch menschlich und uns selbst gegenüber einfühlsam ist. Nämlich auch auf uns zu achten.

Ein Beispiel: Ich war mit Herrn Klein vor einiger Zeit, als ich schwanger war, im Büro um mit meinen Kollegen etwas zu besprechen. Das Büro liegt im 1. Stock. Als wir gingen, wollte Herr Klein unbedingt allein die Stiegen hinuntergehen. Kein Problem. Ich trug seinen Buggy. Weil er nicht sonderlich schnell unterwegs war, überholte ich ihn mitsamt Buggy, weil der mir auf Dauer zu schwer wurde. Herr Klein tobte. Der Buggy durfte auf keinen Fall VOR ihm unten ankommen sondern ich sollte damit oben warten, bis er selbst unten war. Ich hatte nun aber weder Lust noch Energie hochschwanger mitsamt Buggy wieder hinaufzugehen. Was ich aber sagte, war: “Ich verstehe, Du wolltest gern, dass der Buggy oben wartet.” Verzweifeltes Schreien. “Buggy wieder rauf!!!” “Du willst jetzt unbedingt, dass ich den Buggy wieder rauftrage. Ich möchte das aber nicht.” “Buggy wieder raaaauuuf!!!” Schreien. Toben. Kurz überlegte ich tatsächlich, wieder hinaufzugehen. Mein Bauch verweigerte das aber. Ich wiederholte die oben genannten Sätze. Herr Klein wiederholte sein Toben und Schreien. Bis ich (natürlich) die Geduld verlor, Herrn Klein schnappte und die letzten Stufen hinuntertrug, in den Buggy setzte und kämpfend anschnallte. Danach weinte er, ich war erschöpft und fühlte mich elend.

Was es gebraucht hätte? Ein einfaches “Du willst den Buggy wieder da oben haben. Das ist mir zu anstrengend. Ich will, dass Du jetzt runterkommst.” Ruhig. Klar und deutlich. Aber bestimmt. Zu viel Empathie führte hier zu Ausreizung meiner Geduld und Nerven. Und für ihn zu der ambivalenten Nachricht “Sie versteht mich, aber sie handelt nicht entsprechend.” Gebracht hat es uns beiden nichts.

Oft trauen wir unseren Kindern eine gewisse Ablehnung nicht zu. Wir haben Angst, dass sie mit dem Nein nicht klarkommen. Vor allem, wenn es ein Nein ist, weil wir etwas nicht wollen, weil etwas unsere Grenzen erreicht hat und nicht, weil etwas für sie zu gefährlich ist oder tatsächlich nicht zumutbar. Aber wie schon im letzten blogpost gesagt, wollen Kinder authentische Eltern, die klar formulieren, was ihnen wichtig ist. Nicht über eine Höflichkeitskurve, sondern geradeaus. Durch die Mitte aus dem Bauch heraus.

In unserer Gesellschaft werden wir immer mehr auf Höflichkeit und Diplomatie getrimmt. Wir beugen uns vielen Unannehmlichkeiten und lernen recht früh, unsere eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Umso wichtiger ist es, das wir da, wo wir wirklich wir selbst sein können und es – zum Wohle unserer Kinder – auch sein sollten – ganz authentisch sind. Und einfach mal sagen: “Das will ich nicht!”
Und wenn man das einmal gemacht hat, merkt man, wie gut das tut. Wie der Körper mitschwingt bei diesen Worten und die innere Abwehr untermalt. Oft fühle ich dann die jahrzehntelange Unterbindung des Wortes wollen wie einen zu eng geschnallten Ledergurt von mir fliegen. Befreiend ist das.

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Pikler – ein Lebensstil

Wer mir hier auf diesem Blog, auf Facebook oder Twitter folgt, der weiß, dass der Name Pikler in meinem Leben eine große Rolle spielt. Auch privat werde ich oft angesprochen a la “Was sagt denn Frau Pikler dazu?” Und tatsächlich habe ich anfangs genauso gedacht. Wenn ich nicht weiter wusste, schaute ich, was Emmi Pikler oder Magda Gerber zu sagen hatten. Doch bald merkte ich, das Pikler mehr war als nur schwarz oder weiß. Ja oder nein. Richtig oder Falsch.

Pikler ist bunt. Kunterbunt. Das mag man nicht so recht glauben, wenn man nichts außer ihren mittlerweile doch sehr in die Jahre gekommenen Büchern kennt und sonst nichts. Wer sich im Zuge dessen bereits mit Magda Gerber angefreundet hat, der wird schon etwas farbenfroher in die Welt des Elternseins schauen.  Obwohl dazu natürlich auch die gewisse Portion an Selbstkritik und Reflexion gehört.

Aber was ist so viel mehr an Pikler, als ihr vehementes Befürworten der freien Bewegungsentwicklung und der ungeteilten Aufmerksamkeit während der Pflege ?

Gemeinsames Wachsen
Nun, es ist das Dazwischen. Viele glauben Pikler hieße, sein Kind den ganzen Tag lang am Boden liegend spielen zu lassen und sich nur während des Wickelns oder Fütterns wirklich mit ihm zu befassen. Wenn man jedoch einen einzigen kleinen Schritt hinzufügt, nämlich das Beobachten, dann ist man schon hundert Schritte weiter. Denn natürlich will kein Kind nur am Boden liegen und fröhlich glucksen. Die wenigstens geben sich mit einer liebevollen Pflegesituation zufrieden sondern fordern Mama und Papa wesentlich mehr. Manchmal sehr viel mehr, als wir gedacht hätten. Da hilft nur eins: Beobachten. Und zwar nicht nur das Kind und sein Tun und Handeln. Sondern das gesamte Rundherum. Unser Verhalten. Den Tagesablauf. Die Auswirkung von äußeren Einflüssen und Veränderungen. Entwicklungsbedingte Veränderungen. Eigene Prinzipien und deren plötzliche Verschiebung. Die eigene Partnerschaft. Bedürfnisse. Ängste.
Wenn man all das nun wirklich aufnimmt und miteinander in Zusammenhänge setzt, erzieht man plötzlich nicht sein eigenes Kind nicht mehr. Im Gegenteil. Man zieht und rückt an sich selber. Man schaut zurück auf die eigene Vergangenheit, die eigene Kindheit. Man überdenkt eigene Ansprüche und Vorstellungen. Und idealer weise kann man die noch mit dem Partner besprechen. Es entsteht ein Gemeinsames Wachsen. MIT dem Kind. Und das eigene Leben verschiebt sich. Ganz automatisch und leise.

Sich finden
In meinem Fall hat sich vieles verschoben. Dass ich unzufrieden mit meinem Job war, war schon lange vor der Schwangerschaft bekannt. Was ich jedoch stattdessen wollte, war immer ein großes Fragezeichen. Nach den ersten Besuchen im Spielraum war mir sehr klar, was es war, was ich wollte. Zumindest grob. Das ist nun 2 Jahre her und die Vorstellung wird bunter, aber auch dichter. Und bis zur Geburt und Karenzzeit mit Frau Klein habe ich Zeit, diese Vorstellung noch weiter zu detaillieren und auf mich wirken zu lassen. So dass ich dann neu und – man kann wohl sagen wohlüberlegt – in ein neues Abenteuer starten kann.

Viele (mich inbegriffen), die sich anfangs mit Pikler und ihren Prinzipien befassen, wollen aus lauter Begeisterung alle anderen davon begeistern und überzeugen. Das endet dann meist in unerwünschten Beiträgen und Kommentaren und Frustration auf vielen Seiten. Erst im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht darum geht, alle anderen mitzureißen. Sondern darum, erst einmal seinen eigenen Weg zu finden. Und auf das Handeln und Reden anderer nicht zu reagieren, so lange niemand konkrete Fragen stellt. Und selbst dann bedarf es der Überlegung, ob eine Antwort oder ein Ratschlag überhaupt möglich ist. Gerade auf Twitter ist das eine Herausforderung. Dort wird man täglich mit Elternfragen konfrontiert. Aber die wenigsten davon richten sich an ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen. Viele wollen einfach nur mal Dampf ablassen oder hören, dass sie nicht allein sind. Da muss man dann Weiterscrollen oder Ausschalten. Auch das geht nur, wenn man gut bei sich angekommen ist.

Weiterentwickeln
Zur gleichen Zeit, als ich begann mich mit der Piklerpädagogik auseinanderzusetzen, begann ich auch, die Zeitschrift “Mit Kindern wachsen” zu lesen. Wer diese kennt, weiß, dass sie auch immer wieder sehr buddhistische Ansätze beinhaltet. Dass es dort sehr viel um Achtsamkeit geht. Und darum, im Moment zu sein. Bei sich zu sein. Zur inneren Ruhe zu finden. Klarheit. Sicherheit.
Wenn man sich weiterführend mit der Piklerpädagogik befasst, so kommt man genau dort auch hin. Dann stößt man über die einzelnen Themen, die einen als Eltern beschäftigen, auf eben diese Themen. Wie wichtig und hilfreich Achtsamkeit und respektvoller Umgang mit Kindern ist. Wie oft uns die Klarheit fehlt, die Sicherheit. Die innere Ruhe. Wie oft wir selbst nicht wissen, was uns eigentlich wichtig ist. Und was wir wollen.
Und so stellt man sich immer mehr Fragen. Und findet immer mehr Antworten. Antworten auf Fragen, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass sie unser Leben dominieren. Auch schon, bevor wir Kinder hatten.

Kommunikation
Als Mitglied eines Wohnprojektes mit 50 Erwachsenen, die gemeinsam ein Haus bauen und dort gemeinsam leben wollen, ist eine gewisse Bereitschaft zu gewaltfreier und offener Kommunikation notwendig. Da kommt man mit “So ein Blödsinn” nicht weiter. Da braucht es ein “Was genau stört Dich daran?” um auf rutschigen Böden nach Gründen zu suchen und auf viel zu hohen Leitern gemeinsame Lösungen zu finden.
Mit Kindern ist das nicht anders. Ein einfaches “Nein. So nicht.” hilft selten. Auch ein “Stell Dich nicht so an!” ist eher kontraproduktiv. Mit einem “Ich verstehe, dass Dir das schwer fällt.” kann man jedoch mit dem Kind in Kontakt treten und auf wundersame Weise eine Kommunikation erzeugen, die leider selbst uns Erwachsenen oft nicht einfällt.

Kürzlich schrieb ein guter Bekannter in einer email an Freunde und Bekannte, dass seine Mutter verstorben sei. Ich wollte darauf antworten, aber fand keine Worte. Ein leeres “Herzliches Beileid” kam mir nicht über die Tasten. Tage vergingen, weitere emails schoben die Unannehmlichkeit nach unten und ich vergaß darüber. Bis ich ihm persönlich gegenüberstand. Einige Wochen später. Und während ich früher in so einer Situation krampfhaft versucht hätte, das Thema zu meiden und in “hoffentlich beidseitiger Vergessenheit” zu ahnen, fragte ich ihn einfach, wie es ihm ginge und ob er den Tod etwas verarbeitet hätte. Und plötzlich begann er zu reden. Ganz offen. Ganz ehrlich. Und ich brauchte nichts sagen, von all dem, was ich immer glaubte, was man so sagen muss, in so einem Fall. Ich musste nur zuhören und die passenden Worte kamen einfach so aus mir heraus. 

Da merkte ich, dass die Auseinandersetzung mit der Art der Kommunikation und überhaupt der Umgang mit Menschen, wie ich ihn in der Piklerausbildung kennenlerne, bereits in mich gesunken ist. Obwohl wir natürlich keine Dialoge lernen oder so etwas “üben”. Es ist ein Teil des Ganzen, der in einem wächst, wenn man bereit dazu ist.

Befreien von Dogmen
Wenn man einmal seinen Weg gefunden hat, dann fällt es schwer – wie oben angedeutet – ihn nicht gewaltsam anderen Menschen aufzudrücken.
Vor allem Emmi Pikler wird von vielen als dogmatisch verstanden, von vielen vielleicht auch so kommuniziert. Ihre Tochter Anna Tardos selbst sagte auf der letzten PiklerSpielraumtagung: “Man darf nicht kämpferisch sein. Das schadet und erschreckt.”
So ist es mit vielen Dingen im Leben. RaucherInnen und NichtraucherInnen, FleischesserInnen und VegetarierInnen, Religöse, Mehr- und Minderheiten sämtlicher Art können davon Lieder singen.
Ich war mal Raucherin und Fleischesserin. Und auch dogmatische Piklerverteidigerin. Heute beschäftige ich mich auch in verschiedenen Zusammenhängen mit Dr. Sears oder Rudolf Steiner. Nicht, weil ich alles, was sie sagen, plötzlich gut finde oder befürworte. Aber weil ich verstehen will, warum Eltern tun, was sie tun. Und wie man so vielleicht aus verschiedenen Ansätzen heraus viel buntere und durchaus weitreichend zufriedenere Lösungen finden kann.

Vieles von all dem oben gesagten kann man natürlich auch in anderen Lebensbereichen erfahren. Bewusst oder unbewusst. Einige tragen vieles bereits in sich, andere beschäftigen sich lange mit etwas, und kommen dennoch nicht an.
Ich habe all das zumindest indirekt durch die Auseinandersetzung mit der Piklerpädagogik erfahren, gelernt und verinnerlicht. Ich bin immer wieder überrascht wohin mich der Hinweis auf diesen einfachen Namen dieser ungarischen Kinderärztin, von der ich nie zuvor gehört hatte, geführt hat und immer noch führt. Für mich ist diese Pädagogik ein Lebensstil geworden, der in so vielen anderen Bereichen als in der Begleitung meines Kindes gelebt wird. Und ich bin gespannt, wo ich letztendlich wirklich gänzlich dadurch ankommen werde.

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