Die Erleuchtung

Herr KleinVor einiger Zeit waren wir aus verschiedenen Gründen zur Familienberatung. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir uns selbst nicht mehr herausfanden und ich hoffte auf eine kleine Wegweisung. Ehrlich gesagt befürchtete ich, dass wieder einmal aufgedeckt werden würde, wo wir als Eltern falsch abgebogen waren.

Und so begann ich die Sitzung – mit Herrn Klein auf meinem Schoß, Herrn Groß neben mir und Frau Klein fröhlich blubbernd am Boden auf einer Decke – mit den Worten: “Ich kann nicht mehr. Ehrlich gesagt: Ich will nicht mehr.” Denn so war es. Herr Klein klebte förmlich an uns. Tagein Tagaus. Er war nicht in der Lage sich auch nur für kurze Zeit selbst zu beschäftigen. Folgte mir bis aufs Klo. Es war nicht so, dass er unsere körperliche Nähe suchte. Vielmehr suchte er Unterhaltung. “Mama, komm mit. Papa, komm mit.”
Langsam langsam hatte ich es geschafft, dass ich sagen konnte: “Ich brauche jetzt mal eine kleine Pause.” Und diese sogar bekam.
“Aber ich merke, dass ich dann nicht will, dass diese Pause endet. Ich möchte für immer da sitzen bleiben und Pause machen.” gestand ich Daniela, unserer Beraterin. Und sie nickte und sagte: “Verständlich.”

Ich war erleichtert und erstaunt zugleich. Ich hatte mir erwartet, dass nun ein langer Prozess begann um herauszufinden, warum ich so kein Interesse daran hatte mit Herrn Klein zu spielen, mit ihm zu sein. “Du bist erschöpft.” sagte sie einfach. Und ich spürte die Tränen in mir hochsteigen.

Und dann redete sie von all dem, was ich doch schon wusste. Dass es wichtig ist, dass wir unserem Leben nachgehen. Dass wir auf uns achten. Nicht nur als Eltern, sondern auch als Menschen. Und dass wir dann da sind, wenn unsere Kinder uns brauchen. In diesem Moment kam mir die große Erleuchtung. Denn was ich in all dem “ich selbst sein” und “auf mich acht geben” vergessen hatte, war, dass ich nicht Mutter, und nebenbei Frau war. Sondern dass ich Frau war. Und Mutter. Denn nebenbei Mutter gibt es nicht. Selbst wenn wir wir selbst sind. Wenn wir lesen oder Kaffee trinken. Wenn wir im Kino sitzen oder im Büro. Wir sind Mutter. Immer. Wir denken an unsere Kinder. Wir sind jederzeit sprungbereit. Sämtliches alltägliches Dasein läuft immer wieder darauf hinaus, dass wir Mutter sind. (Oder Vater natürlich. Ich rede hier schlichtweg von mir.)

Aber das bedeutet nicht, dass wir nur mehr Mutter sind. Und uns Pausen für unser Leben nehmen dürfen. Im Prinzip dürfen wir den ganzen Tag Pause machen. Und wenn unsere Kinder uns brauchen, dann sind wir da. Ich könnte (theoretisch) den ganzen Tag auf dem Sofa liegen und wenn Herr Klein ruft, er braucht eine frische Windel, so stehe ich auf und ziehe ihn um. Und wenn er fragt, ob ich mit ihm Zug spiele, so kann ich überlegen, ob ich darauf jetzt Lust habe, oder nicht.

Ich hatte also alles verdreht. ich war rundum Mutter und schnell zwischendurch mal – ja – Hausfrau. Nur abends war ich ich selbst. Und nun? Bin ich ich selbst. Den ganzen Tag. Und zwischendurch? Hausfrau. Und Mutter? Bin ich sowieso.

Aber es geht gar nicht darum, den ganzen Tag auf dem Sofa zu liegen. Es geht darum, dem Kind zu vermitteln, dass wir nicht als Entertainer den ganzen Tag zuständig sind. Und unsere Auszeit Kochen oder Wäsche aufhängen heißt. Denn so war es bei mir. Ich wollte mittlerweile lieber Bügeln, als mit Herrn Klein seine kleinen Züge die Holzschienen entlangfahren. Nur folgte er mir dann zur Waschmaschine, von da zum Wäscheständer. Und zurück. Warum?

Ich glaubte: weil mein Sohn nicht in der Lage sei, sich selbst zu beschäftigen. Weil er nicht fähig sei zu spielen. Und es machte mich rasend. Doch während ich genau dies mit Daniela beleuchtete, stand mein Sohn von meinem Schoß auf und nahm sich von ihr bereitgestellte Autos und Züge und – begann zu spielen. Völlig konzentriert und vertieft. So, wie ich es mir immer wünschte. Und so selten erlebte.

Ich weiß nun, dass er das nicht konnte, Weil ich ihn an der langen Leine hielt. Weil ich sagte “Ich will jetzt erst noch Wäsche aufhängen. Ich will mir jetzt erst noch einen Tee kochen. Ich muss erstmal die M wickeln, dann bin ich für Dich da.”
Immer diese Wörter die ihm sagten: gleich. bald. dann. Dann hab ich Zeit für Dich. Die ihm keine Ruhe schenkten. Die ihm nicht eindeutig sagten: Ich habe jetzt keine Zeit. So dass er sich damit hätte abfinden können. Denn das kann er. Es hat keine Woche gedauert, da saßen wir am Wochenende alle im Wohnzimmer. Frau Klein gluckste am Boden. Herr Groß las ein Buch und ich strickte. Und Herr Klein? Der spielte mit seinen Autos. Idylle, von der ich nie glaubte, dass sie für uns möglich sei. Idylle, die so einfach war, dass wir sie selbst nicht erkannten.

Aber die viel schönere Folge dieser großen Erleuchtung war: Ich habe wieder Freude daran, mit Herrn Klein zu spielen. Weil ich weiß, dass ich es nicht muss. Weil ich nur dann ja sage und mit ihm spiele, wenn ich wirklich Lust dazu habe. Und seitdem ich mir hin und wieder ein “Nein, jetzt nicht.” (ohne gleich oder bald oder dann mal) erlaube, seitdem habe ich viel öfter Lust mit ihm zu spielen. Und auch Freude dabei. Ich kann mich wieder auf ihn einlassen und ziehe nicht sehnsüchtig die Hausarbeit vor. Er selbst kann sich besser mit sich selbst beschäftigen und akzeptiert das “Nein, jetzt nicht.” oder “Ich mag grad nicht.” viel problemloser als ein “Ja gleich, lass mich erst noch…”

Es klingt so einfach. So banal. Aber es ist gar nicht so schwer in die Schiene zu rutschen, auf der man plötzlich zum Entertainer für das Kind wird. Zur wesentlichen Stimulation und Impulsgebung. Es gilt wieder einmal auf sich selbst zu achten. Und ein “Ich hab jetzt keine Lust.” genauso zuzulassen wie ein “Ich will das nicht.” 

 

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Spaß 11/13 – Barefootin’ !

IMG_4876Es sieht so aus als würde der Sommer zurückkehren. Zeit die Schuhe von den Füßen zu streifen und die Welt barfuß neu zu erkunden. 

Aber nicht nur das. Nicht einfach nur loslaufen und sich der Barfüßigkeit erfreuen. Sondern die Füße auch spüren. Schritt für Schritt. Den Boden darunter fühlen. Einen Gang zurückschalten.

 

IMG_4804Denn das tun wir automatisch, wenn wir barfuß gehen. Weil wir uns sonst verletzen können, auf Steine treten. Viel zu kräftig, mit viel zu viel körperlichem Aufwand.

Deshalb lade ich Euch zu folgendem Experiment ein:
Egal ob im Wohnzimmer oder im Garten, im Wald oder auf dem Balkon – haltet Euch die Ohren zu und geht, als würdet ihr zur Arbeit gehen, die Kinder in den Kindergarten bringen oder einkaufen. Ein Arzttermin oder ein alltäglicher Gang. Wenn Ihr Euch sicher fühlt – schließt sogar die Augen und hört und fühlt in Euch hinein dabei. Was hört Ihr? Was spürt Ihr?

Und dann schaltet herab. Geht einem Sonntagsspaziergang gleich. Etwas verschlafen oder in Gedanken versunken. Versinkt aber nicht, sondern spürt weiter und vergleicht. Was ändert sich? Was fühlt sich anders an? Und was glaubt Ihr, wie sich diese unterschiedlichen Arten zu gehen, den Körper fortzubewegen, auf unseren Bewegungsapparat, unseren Kopf, unser Innerstes auswirken?

IMG_4183Kinder haben eine noch sehr innige Beziehung zu ihren Füßen. Sie sind gern barfuß. Erforschen als Baby die Füße mit allen Sinnen, stecken sie sich in den Mund und ertasten sie. Sie sind ihre große Stütze beim ersten Aufstehen, bei den ersten Schritten.

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Im Pikler-Spielraum wird großer Wert auf Barfüßigkeit gelegt. Damit die Kinder sich selbst gut spüren, sicher fortbewegen und ein gutes Körpergefühl behalten, während sie klettern, krabbeln, spielen.

 

Aber auch wir, als Erwachsene, können wieder mehr zu unseren Füßen und damit zu unserem Körper zurückfinden. Wenn wir wieder öfter barfuß umherlaufen. Wenn wir uns einmal mehr die Schuhe abstreifen.

IMG_4801“Tanzen ist Träumen mit den Füßen.” 

IMG_4835Allen Städtern, die (begründete) Angst vor zuviel Unrat auf den Straßen haben, empfehle ich die Fastbarfußvariante. Sie kommt natürlich nicht an das komplette Nackter-Fuß-Gefühl heran, kann aber dennoch dazu führen, achtsamer zur U-Bahn, ins Büro, zum Termin zu eilen. Und das ist mehr wert, als jeder noch so gut durchdachte Gesundheitsschuh, wie ich finde.

 

 

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Turnen: 6

Mit Gipsarm am Kletterbaum
Mit Gipsarm am Kletterbaum

Seit gestern Abend werden auf Twitter heftige Erinnerungen an den Schulsportunterricht geteilt. Wo man genötigt wurde auf Zeit zu laufen, in Höhen zu springen oder sich über Geräte zu schwingen. All das vorzugsweise unter den Blicken der eigenen MitschülerInnen. Für viele ein Horror und heute, Jahre später, noch immer magenverknotende Erinnerung.

 

 

Mir persönlich ging es mit dem Schulsport einigermaßen okay. Solange wir nicht damenhaft gymnastisch verbogen über die Matten hopsen mussten. Schlimmer fand ich das regelmäßige Vorsingen vor der Klasse. Oder das Aufsagen – unter richtiger Betonung und Geschwindigkeit versteht sich – von Gedichten. Balladen vorzugsweise. Mit gefühlten 834 Strophen. Und ich frage mich: WOZU ???

Mir ist es enorm wichtig, dass meine Kinder sich frei entwickeln können. Ihren Fähigkeiten entsprechend. In ihrem eigenen Tempo. So hat Herr Klein die grobmotorischen Meilensteine erreicht, und so wird auch Frau Klein sie erreichen. Das dauert mal länger, mal nicht. Gewisse Meilensteine haben sie schnell heraus, andere brauchen ihre Zeit. Und all das ist ok. Denn was mir dabei unter anderem sehr wichtig ist ist ihr eigenes Körpergefühl. Sie sollen sich ganz spüren können und so bewegen, wie es ihnen gut tut. Sie dürfen klettern, wo sie sich sicher fühlen. Werden zu keinen Höhen motiviert oder gar hinaufgeschoben und keine Rutsche hinuntergeschoben. Klettert Herr Klein zu hoch hinaus und wagt sich nicht mehr runter, hebe ich ihn herab ohne ihn auch nur einmal zu motivieren, es selbst zu versuchen. Er weiß, was er sich zutraut und was er schafft. Und probiert von ganz allein mehr und mehr. Dass er sich nun den Arm gebrochen hat beim einfachen klettern auf einer Holzbank, war wohl eher Pech. Und die Tatsache, dass er noch nicht ganz sicher war mit seinem eben vom Gips befreiten Arm mitschuld. Und ansonsten gehören kleinere Stürze dazu. Eben um die eigenen Grenzen und die der Welt zu erkennen und zu erfahren. Und ernst zu nehmen.

Aber auch die persönlichen Grenzen müssen gewahrt werden. Das bedeutet, dass ich ihn nicht nötige, mir morgens ein Bussi zum Abschied zu geben. Stattdessen muss ich mich immer öfter mit einem “Mama, brauch gar kein Bussi.” abfinden. Er darf sich Zeit lassen, wenn wir Freunden und Bekannten begegnen und auf meinem Schoß sitzen, bis er in einer Situation “warm” geworden ist. Er musste bei der Aufführung im Kindergarten nicht mitmachen und auch heute, wenn die Kinder, die dieses Jahr den Kindergarten verlassen, verabschiedet werden, wird er nicht dabei sein. Weil ihn solche Ereignisse (noch) überfordern. Weil er ungern im Mittelpunkt steht. Es ist mir wichtig das zu erkennen und ihn dort, wo er selbst noch nicht entscheiden kann, zu bestärken bzw. seine Ablehnung zu unterstützen.

Ob ich ihm damit wichtige Erfahrungen und freudvolle Erlebnisse nehme? Ich glaube nicht. Denn wenn er nicht zu früh schon an Ereignissen teilnehmen muss, die ihm nicht geheuer sind, bewahre ich seine Grenzen und er kann später selbst entscheiden, ob er sie erweitern möchte und sich ausprobieren will. Dieser Weg erscheint mir sinnvoller, als wenn ich ihn nun zu etwas motiviere und ansporne, was ihn dann so verstört, dass er sich ewig daran erinnert und später nichts mehr wagt.

Wir haben oft Angst unsere Kinder könnten echte Freude versäumen. Aber oft stehen uns unsere eigenen Erfahrungen da im Weg. Nur weil wir an etwas große Freude haben oder hatten, heißt das nicht, dass es unseren Kindern auch so geht. So schaut Herr Klein eben lieber den anderen Kindern im Schwimmbad beim Rutschen zu, anstatt selbst auch einmal zu rutschen. Und das ist okay. Irgendwann wird er selber da runterrutschen wollen. Oder eben auch nicht.

Was mich frustriert ist die Tatsache, dass auch heute noch in den Schulen persönliche und körperliche Grenzen der Schüler überschritten werden. Wo sportliche Leistungen benotet werden. Und kreative. Denn da kann ich nicht mehr einfach sagen “Ich glaube es ist besser Sie lassen Herrn Klein aus dieser Zeremonie heraus.” oder ihn ganz und gar daheim behalten.
Und solange das so ist, solange Kinder nicht gehört und stattdessen übergangen werden, solange sie als Teil einer Gemeinschaft im Strom mitschwimmen müssen und so ein falsches Bild von Gemeinschaft erfahren, solange werden weiter Menschen ihre eigenen Grenzen überschreiten und damit teils schwerwiegende oder falsche Entscheidungen treffen. Und sie werden auch andere Grenzen überschreiten, weil sie ihre eigenen nicht kennen und somit die der anderen auch nicht spüren (können). Und mit etwas Pech braucht es lange Zeit und Kraft zum eigenen Körper und der eigenen Seele zurückzukehren.

In den ersten zwei Jahren die ich in Schottland gewohnt habe, habe ich viel gekämpft. Ich fühlte mich nur dazugehörig, wenn ich mitgefeiert und mitgesoffen habe. Wenn ich Teil der Kultur war. Spürte ich, dass mir das zu viel wurde, nahm ich mich raus. Aber ich war dabei unsicher und fühlte mich komisch. Ich stand nicht klar und deutlich zu dem, was ich eigentlich fühlte. Und ich ließ andere Menschen körperlich zu nah an mich heran.
Wenn ich heute zurückblicke, so verknotet sich mir der Magen. Weil ich so lange Zeit nicht ich selbst war und weil so viele schöne Erinnerungen getrübt sind durch die Unsicherheit und die Unfähigkeit meine eigenen Grenzen zu wahren.

Natürlich ist daran nicht allein das Vorsingen in der Schule schuld. Oder das Vorturnen am Stufenbarren und die schwunglosen Versuche eines Hüftaufschwungs. Vieles hängt damit zusammen wie unsere Eltern uns durch solche Zeiten begleitet haben. Wie viel sie daheim von uns erwartet haben und unsere Grenzen zumindest verbal bewahrt haben. Denn ein “Jetzt hab Dich nicht so!” oder “Schau die anderen Kinder machen auch mit und weinen nicht.” kann nachhaltig zerstören, was uns eine wesentliche Grundlage für das gesunde Überleben in unserer Gesellschaft ist.

Was sind Eure persönlichen Erfahrungen? Wo wurden Eure Grenzen immer wieder überschritten?

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