Zu Befehl !

IMG_0325Unlängst war ich in einem Kindergarten auf dem Personal WC. Da fiel mir dieses Schild ins Auge – was wohl auch Sinn des Schildes ist. Aber nicht nur das – ich fühlte mich durch diesen Zettel extrem unfähig, als normaler Mensch ein (teil-)öffentliches WC zu benutzen. Ich fühlte mich bevormundet und auf eine Art auch angeschrien.

Denn wenn hinter einem Satz ein Ausrufezeichen steht, ist das eine Sache. Wenn das zwei oder sogar fünf sind, dann empfinde ich die Aussage als Befehl. So, als hätte ich die ersten drei Verwarnungen ignoriert. So, als hätte ich bisher alles anders und falsch gemacht und nicht verstanden, worum es geht. So, als wäre ich ein Volldepp.

Und dann fragte ich mich, wie es dem Personal geht, das da Tag ein Tag aus dieses WC benutzt. Das Tag ein Tag aus diesen Zettel sieht und somit täglich mehrmals angeschrien wird, es möchte doch gefälligst dies und das tun.

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus.“ 

Wie geht eine Pädagogin auf die Kinder zu, wenn sie selbst so im Befehlston behandelt wird?

Ich stelle mir folgende Situation vor: Die Gruppe ist heute mal wieder etwas unruhig und es ist herausfordernd, den Tag in seiner Struktur zu halten. Ich muss schon länger mal aufs WC und als ich endlich eine kurze Minute finde, in der ich gern auch durchatmen möchte, sehe ich diesen Zettel. Ich sehe ihn zum hundertsten Mal und ich habe bereits 99 Mal das WC sauber hinterlassen, habe das Licht abgedreht, die Armatur sauber gehalten und habe abgesperrt. Und ich werde das auch heute tun, ja, verdammt nochmal. Ich bin genervt und jetzt umso genervter. Ich wasche mir die Hände und trockne sie ab, dabei bespritze ich die Armatur. Ist mir jetzt auch egal, denke ich. Die paar Tropfen. Außerdem mach ich das immer sauber und trotzdem ist es immer wieder dreckig. Warum immer ich? Ich sperre ab, lege den Schlüssel zurück in den Schrank und gehe so unentspannt in die Gruppe zurück, wie ich herauskam.

In der Malecke liegen Stifte umher, es steht ein Glas mit Farbe und Pinsel liegen auf dem Tisch. Am Boden ein paar Schnipsel Papier. Ein Bub kommt aus der Richtung und läuft zu den anderen in die Bauecke. „Stop! Du räumst das erst auf!“ – „Aber das waren die…“ „Ist mir egal! Ich hab Euch schon hundertmal gesagt Ihr sollt erst aufräumen, bevor Ihr was anderes macht. Los jetzt!“

Vielleicht haben die PädagogInnen dieses Schild schon so in ihren Alltag integriert, dass sie es nicht mehr sehen. Vielleicht reagiere ich empfindlicher auf solche Zettel, als andere. Dennoch glaube ich, dass es prinzipiell keine Art ist als Erwachsene so zu kommunizieren. Schon gar nicht, wenn diese Erwachsenen mit Kindern arbeiten oder leben und diese Kommunikation womöglich weiter geben.

Facebook hat gerade heimlich eine psychologisches Experiment durchgeführt, in dem sie ihren NutzerInnen teilweise eher positive Statusmeldungen in die Timeline zufütterte, und der anderen Hälfte eher negative. Die NutzerInnen waren zufällig ausgewählt und bemerkten das nicht. Was Facebook bemerkte, war, dass diese Meldungen sich auf die Stimmungen und Meldungen der NutzerInnen übertrug. Die, die eher positives, beschwingtes lasen, posteten selbst auch fröhlicher. Die anderen ließen sich von negativen oder traurigen Posts runterziehen und schrieben selbst ähnlich gelaunte Meldungen.

Wieso sollte das mit Hinweisschildern anders sein?

Zur Europawahl hatte ich die Chance eine Grundschule hier in der Nähe von innen zu sehen. Dabei fiel mir ein Hinweisschild an der Tür zum Garten auf. Darauf war eine Kappe (zu deutsch: Sommermütze) gemalt und daneben stand: „Ich brauche eine Kappe.“

Es geht also zum Glück auch anders. Und so habe ich mir das als Beispiel genommen, als ich ein kleines Schild schrieb für unser WC im Erdgeschoss, bei welchem auf Grund ungünstiger Lichtschalterlage sehr häufig vergessen wird, das Licht auszuschalten.

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Seitdem ist das Licht nun meistens ausgeschaltet und die Rückmeldungen bestätigen, dass die NutzerInnen sogar lächeln müssen, wenn sie das WC verlassen.

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Comments

  1. Ich fühle mich von solchen Schildern zwar auch zuweilen angeschrien und provoziert und weiß, worauf du hinauswillst, aber stelle dir mal vor du wärst die Reinigungskraft in diesem Kindergarten und stellst schnell fest, dass selbst erwachsene Menschen nicht in der Lage sind, eine Toilette sauber zu hinterlassen. Dezente und freundliche Hinweise führen nicht zum Erfolg – so kommt dann unter Umständen so ein Schild zustande, was ich aus Sicht der Reinigungskraft dann auch durchaus nachvollziehbar finde.

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