Zauberei

IMG_5672Drei Tage Piklerkurs liegen hinter mir. Der Grundkurs ist geschafft. Und wieder habe ich viel aufgenommen, ja inhaliert an Input, Inspiration und Gedanken. Es gibt viel zu verarbeiten und anzuwenden. Und wie immer nach solchen drei Tagen bin ich höchst motiviert und voller Geduld und Ruhe. 

Der Liepste hat mich mit den Kindern vom Kurs abgeholt. Voll beladen sind wir durch Wind und Regen mit den überfüllten Öffis heim gefahren. Zu Hause angekommen sieht Herr Klein einen Topf mit Wasser auf dem Herd und es entsteht folgender Dialog zwischen ihm und dem Liepsten:

Herr Klein: „Was ist das?“
Der Liepste: „Ein Topf mit Wasser.“
„Was war da drinnen?“
„Da hab ich für Frau Klein zum Mittag ein Würschtl gekocht.“
„Ich will aaaauch!“
„Ich hab aber keine mehr. Die sind alle.“
„Ich will aber auch Würschtl essen!!!“

Herr Klein bricht in Tränen aus und der Liepste seufzt, so wie wir oft seufzen nach einem langen Tag. „Oje, da ist wohl jemand sehr müde.“ sagt er und hätte ich nicht drei Tage lang im Piklerkurs gesessen, hätte ich ihm augenrollend zugestimmt. Aber ich fühlte mich frisch und geduldig und irgendwie sehr weise in dem Moment. Ich setzte mich neben den fürchterlich laut weinenden Herrn Klein und sagte: „Du wolltest so gern auch ein Würschtl.“ Er nickt heftig und weint erneut auf. „Es sind keine mehr da und jetzt bist Du sehr traurig.“
Er nickt wieder und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sein Weinen wird weniger, er rutscht von seinem Stuhl hinüber zu mir auf den Schoß. Auf dem Tisch liegt eine Packung Aufschnitt, er nimmt sie und sagt: „Ich mag die da essen.“ Dann essen wir gemeinsam, als er satt ist, springt er vom Tisch auf und geht ins Bad „vorbereiten“, weil er sich gewünscht hat, dass ich ihm noch heute die Haare schneide.

Wäre ich nicht in dem Kurs gewesen die letzten drei Tage, wäre das Abendessen heute wohl ein ziemlich nervenaufreibender Zirkus geworden. Wir wären von Herrn Kleins Gefühlsausbruch genervt gewesen, er hätte sich unverstanden gefühlt und wäre dazu noch wütend geworden. Er hätte Essensvorschläge womöglich verweigert und eventuell sogar weniger gegessen. Es hätte höchst wahrscheinlich Streit mit seiner Schwester gegeben, den wir wieder nur genervt versucht hätten zu beenden. Und irgendwann hätte ich vielleicht sogar das Haareschneiden abgesagt, weil ich keine Nerven mehr gehabt hätte.

Nun sitze ich nicht jede Woche im Kurs und werde dadurch weiser und ruhiger. Entspannter. Gelassener. Und deshalb verliere ich unterwegs im Alltag immer wieder diese kleinen Momente, in denen Einfühlsamkeit so viel wirksamer ist, als das offensichtliche Genervtsein. Aber es geht auch gar nicht darum immer richtig und wohlwollend zu handeln. Es geht darum, dies tun zu wollen und auch zu akzeptieren, dass es uns nicht immer gelingt. Doch wenn wir uns einmal dessen bewusst sind, was es bewirken kann, was es uns, unserem Kind und der Beziehung zwischen uns bringt, wenn wir sehen und wahrnehmen, was ist anstatt es durch abwertende Haltung Hunger, Müdigkeit oder Übellaunigkeit zuzuschreiben, dann kann es uns auch immer öfter gelingen, entsprechend zu reagieren. Denn was wir wollen, ist in den Dialog treten mit unseren Kindern. Wenn sie sich gehört und gesehen fühlen, spüren, dass ihre Gefühle Platz haben, dann können sie diese auch viel besser annehmen und damit umgehen. Sie können uns mehr vertrauen und sich uns gegenüber viel mehr öffnen.

Manchmal scheint es mir wie Zauberei, wenn genau das Reden und das Handeln, was so abstrus scheint, Wirkung hat. Wenn Kinder sich beruhigen nur allein deshalb, weil wir benennen, was wir sehen. Weil wir ihnen Aufmerksamkeit schenken in den kleinsten Momenten. Weil wir Interesse zeigen an den unmöglichsten Handlungen, statt Bewertung und Bevormundung.

Ich bin mal wieder erfüllt von dieser Zauberei und voller Hoffnung und Zuversicht, dass mir das nun wieder öfter gelingen möge, anstatt im Alltag zu versinken. Ich wünsche es mir und den Kindern sehr.

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Comments

  1. So geht es uns immer, wenn wir vom Elterngesprächskreis, Elternabend oder Forum im Kindergarten kommen. Dann können wir das plötzlich wieder gut in den Alltag integrieren, wurden uns wieder die Augen geöffnet, sind wir wieder in Kontakt mit den Kindern.

  2. ah, so ein wunderschön geschriebener, inspirierender Artikel wieder von dir – Danke! für die Einblicke in deinen Alltag, aber auch für das Teil-Haben an deiner Pikler-Ausbildung! Merci.

  3. Es stimmt, man verliert sich im Alltag so sehr in Kleinigkeiten. Besonders abends, wenn alle müde und kaputt sind. Ich bemerke auch ganz oft, dass Alternativvorschläge bloß für heftigere Wut sorgen. Mal sehen, ob ich beim nächsten mal ebenso besonnen reagieren kann. Vielen Dank fürs Aufschreiben und Glückwunsch zum absolvierten Grundkurs.
    Viele Grüße,
    Kathrin

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