Was ich manchmal vermisse

Das Tagträumen nach einer langen Nacht hinter der Bar.
Das Tagträumen nach einer langen Nacht hinter der Bar, vermisse ich schon manchmal

Viele Menschen fragen sich, was sich ändert, wenn man Kinder hat. Freunde haben damals zu uns gesagt: ‚Es ändert sich alles und es ändert sich nichts. Es kommt darauf an, was Du bereit bist zu ändern und was Du zu arrangieren weißt.“ Sie hatten damit nicht ganz unrecht, nur hatte ich danach nicht erwartet, wie viel sich tatsächlich ändern würde. Und ich bin froh, dass ich es nicht wusste.

Heute vermisse ich so manche Dinge aus meinem früheren Leben als Nichtmutter. Nicht täglich und nicht ständig. Aber es taucht auf. Hier und da.

Im Moment sitze ich allein im Wohnzimmer, der Liepste ist aus und die Kinder schlafen. Ich surfe mich durch Youtube auf der Suche nach musikalischer Unterhaltung. Und vermisse das Tanzen. Das Weggehen und bei viel zu lauter Musik einfach nur mit den Füßen zu träumen. Zeitlos und frei. Auch zu Hause habe ich mehr getanzt. Aber das macht keinen Spaß heute, wenn die Musik nicht laut genug sein kann, damit man das Schleifen der Füße am Parkett nicht hört. Sonst wachen schließlich die Kinder auf… Apropos Musik. Ich vermisse die laute Musik am Abend. Ich war sehr musikvernarrt. Immer up to date in der (post)rock, electro, indie pop szene. Ich war auf Konzerten und genoss das, was Musik mit mir machte, wenn sie einfach laut und gut in mich einfuhr, meine Gedanken mitriss und mir Gefühle bescherte, denen ich mir vorher nicht bewusst war. Heute läuft Musik im Hintergrund. Und meistens auch nur die von damals. Was ist neu? Wen gibts eigentlich noch? Das letzte Mal war ich 2012 auf einem Konzert. Ach.

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verregnet beim Radiohead Konzert in Glasgow. Original Schottisch. trotzdem grandios.

Und bei der Musik von damals tauchen Erinnerungen aus alten Zeiten auf. Natürlich. Und dann vermisse ich das Kellnern. Die verdrehte Welt. Die langen Nächte, das Schlafengehen, wenn die Zeitungsausträger aufwachen. Die summenden Füße nach einer satten Schicht. Den Humor mit guten Gästen. Das geordnete Chaos hinter der Bar und in der Küche. Den Klatsch und Tratsch am Tresen. Das kühle Bier nach einer langen Schicht. Das Klimpern des Trinkgeldes.

Aber so gern wie ich gekellnert habe, so gern war ich selbst abends weg. Während unserer Zeit in Schottland war das ja das sozialste, was man tun konnte. Und ich vermisse es manchmal. Nicht das exzessive Trinken dort, sondern das spontane Unterwegssein nach der Arbeit. Das spontane Freundetreffen und Hängenbleiben. Das Uhrenvergessen und nicht ums Aufstehenkümmern. Natürlich hat man es oft und nicht zu selten bereut am nächsten Morgen. Aber immerhin war man dann nur mit sich selbst beschäftigt.

Wir haben auch gern Freunde eingeladen. Haben gekocht. Eine Flasche Wein geöffnet. Oder drei. Und sind vollgefressen bis in die frühen Morgenstunden gesessen und haben die Welt verbessert, gelacht und Geschichten gesponnen. Auch das vermisse ich. Obwohl es möglich wäre, machen wir es zu selten. Kaum noch. Hier im Haus sind wir schneller in Kontakt mit anderen als geplant. Deshalb kommt es seltener dazu, dass wir uns wirklich mit jemandem verabreden.

Viele und noch viel mehr Dinge, die ich vermisse. Wenn ich so allein daheim sitze und mich durch alte Songs grabe, wenn ich in die Vergangenheit reise und alte Zeiten neu belebe. Und Dinge, von denen ich weiß, dass sie wiederkommen. Wenn die Kinder älter sind, größer und wir wieder freier. Dinge, die dann ganz anders sind, erwachsener, älter. Besser?

Was ich aber nicht vermisse ist die Frage nach all den Dingen, die ich jetzt habe. Einen Mann, Kinder, ein erwachsenes Leben. Weniger auf der Suche zu sein. Dieses ständige Vermissen von Sicherheit. Das Gefühl angekommen zu sein im Leben – ich habe lange nicht geglaubt, dass es das gibt. Auch ohne Stillstand, in stetiger Bewegung, ist doch alles da, wo es sein soll. Jetzt. Hier. Dafür bin ich dankbar. Aber manchmal, nur manchmal, genieße ich auch das Vermissen des anderen Lebens.

Was vermisst Ihr aus Eurem Leben vor dem Elternsein? Erzählt. Kommentiert. Verbloggt es. Ich bin neugierig!

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Comments

  1. Seit einiger Zeit kommt mir das Leben mit Kindern, Job und Haushalt so so sehr stressig und fremdbestimmt vor, daß ich mich nach (fast) allem aus meinem alten Leben sehne: nach meiner alten Stadt, meiner kleinen 1-Zimmer-Wohnung, meinem Job, meinen Kollegen und Freunden dort, der Unabhängigkeit.
    Wie gern ich einfach bestimmen können würde, was ich jetzt oder irgendwann tue. Oder eben nicht. Ob ich mich unterhalten möchte. Oder nicht. Ob ich fernsehe, lese, schlafe, esse…. Ohne Erklärung, Rechtfertigung oder schlechtes Gewissen einfach für mich entscheiden….

    …. und dann kommt das Rabenmutter-Gefühl und die „Wie kannst Du nur sowas denken?!“-Gedanken…. wie kann ich nur? Was läuft da falsch…. 😕

  2. mir fehlt die ganze unbeschwertheit. das ganze nicht nur in phasen denkende. die unverplanten tage und die möglichkeit, an einem verregneten sonntag im bett bleiben zu können. aber vieles davon habe ich auch schon wieder, wir können sonntags meist bis 9 liegen bleiben, die kinder schlafen durch und wir können sie fürs einkaufen auch mal eine stunde alleine lassen.

    aber musik fehlt mir auch. ich habe mit freunden zusammen sogar konzerte organisiert, ich war oft an konzerten und habe immer musik gehört. jetzt will ich, wenn ruhe ist, einfach ruhe. und mehr als zwei verschiedene lautquellen ertrag ich einfach nicht mehr.

    trotzdem wünsch ich mir kein anderes leben. und wie bei dir ist obengenanntes kein vorherrschendes gefühl, aber wenn ich gefragt werde, geb ich antwort :-))

  3. Ich habe lange Zeit ganz viel vermisst aus meinem alten Leben – und dann kommen die Dinge nach und nach wieder zurück, wenn die Kinder älter werden. Man muss sie nur erkennen, und auch diese Momente genießen: ausschlafen, Zeit für sich selbst haben, Mal abends weggehen, …. und Musik: jetzt mit meinen Kindern (einer davon ein Teenager) – immer up to date sein, Radio hören, auch schon einmal ein Konzert besuchen.
    Und dann vermisst man natürlich manchmal auch die Zeiten, als die Kinder noch klein waren: das Kuscheln, das Spielen,…. Will man nicht immer das haben, was man gerade nicht hat?

  4. In meinem eigenen Tempo in den Tag reinkommen. Selbstbestimmung (war ich damals aber wirklich selbstbestimmt? Oder war ich so jung, daß ich mich von äußerem Regelwerk und Pflichten bestimmen liess?) Frauen, Flirts, Lachen, lange Briefe, Kribbeln im Bauch, Sehnsucht und Leidenschaft.

  5. Liebe Nadine,
    wieder einmal hast Du mich total bei meinen Gedanken erwischt und ich habe gleich noch ein paar Gemeinsamkeiten entdeckt. Auch ich habe das kellern geliebt und mein Leben vor den Kindern. Aber als ich mir so ein paar Gedanken für einen Text gemacht habe, da bemerkte ich, dass ich eigentlich gar nicht so viel von dem Früher ohne Kinder vermisse, sondern auch ganz viel von dem Früher als die Kinder noch ganz klein waren.

    Meine Gedanken dazu habe ich verbloggt, es musste raus :-)

    http://tafjora.blogspot.de/2015/10/was-ich-manchmal-vermisse.html

    Herzliche Grüße und Bisous

    Tanja

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