Aufmerksamkeit

Die eigenen Kinder spüren und ernst nehmen

Seitdem die Spielplatz- und Draußensaison in vollem Gange ist, begegne ich auch wieder mehr anderen Eltern und Müttern. Dabei fällt mir in letzter Zeit vermehrt auf, wie wenig Eltern sich in ihre Kinder einfühlen, sich auf sie einlassen und ihren Bedürfnissen nachgehen. Dabei weiß ich oft nicht, ob sie es nicht so recht können oder nicht so recht wollen.

Nur führt dieses Nichteinfühlen, dieses permanente Ignorieren oder gar Nichterkennen von den eigentlichen Bedürfnissen langfristig dazu, dass Kinder ihre Bedürfnisse noch vehementer einfordern oder irgendwann aufgeben und verlernen sich selbst zu spüren. Beides halte ich für sehr dramatisch und es macht mich wütend und traurig zugleich. Warum aber ist es so, dass Eltern sich so wenig in ihre Kinder einfühlen können?

Unsicherheit
Eltern sind – das erkenne ich immer wieder – vor allem in der Umgebung anderer Eltern verunsichert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Mütter am Spielplatz gar nicht sie selbst sind. Sie fühlen sich beobachtet und womöglich spricht dauernd eine Stimme aus einer Facebookgruppe, aus Twitter oder aus einem Elternforum zu ihnen. Sie sind im Zwiespalt zwischen ihrem Bauchgefühl und dem, was „die anderen“ sagen.

Angst zu verwöhnen
Vielleicht ist das noch immer ein großer Motivator für die eigene Zurückhaltung. Ich kann doch nicht sofort reagieren. Wo führt das hin, wenn ich bei jedem Piep antworte und meinem Kind jeden Wunsch erfülle? Da schreit das Kind und streckt die Arme hoch, beugt sich der Mama entgegen und die feuert es noch immer an, weiter zu probieren und zu üben.

Leistungsdruck und Vergleiche
Immer wieder schauen Eltern als erstes auf das, was die anderen Kinder schon können. Der nächste Entwicklungsschritt, der ihnen bevorsteht. Egal, was das eigene Kind schon kann und beherrscht, was es ausmacht, was an ihm besonders ist. Umgeben von anderen zählt nur, was als nächstes kommt und wann. Wir sind so getrieben von der Leistungsgesellschaft, dass wir unserem Kind keine Ruhe und keine Zeit lassen, sich ganz im eigenen Tempo zu entwickeln. Natürlich ist das manchmal schwierig, aber anstatt solche schwierigen Phasen mit Worten der Liebe und Zuneigung zu begleiten, wird angefeuert, erklärt und im schlimmsten Fall nachgeholfen. Und in all diesem Vorankommenwollen (der Eltern, mehr denn der Kinder) werden die Bedürfnisse, die das Kind dazwischen äußert übersehen oder schlichtweg ignoriert. Denn dazwischen lauern Erschöpfung, Müdigkeit, das Bedürfnis nach Nähe und dem Mitteilen der Erfahrungen, die es gerade macht. Wenn wir dabei immer nur davon reden, wann es denn nun bald schon und wie nahe es schon dran ist dieses und jenes zu schaffen, verpassen wir die emotionalen Zwischenschritte, die ein Kind macht, während es sich permanent weiterentwickelt.

fehlende Selbstwahrnehmung
Manchmal möchte ich eine Mutter gern an der Hand nehmen und sie fragen, was mir ihr selbst gerade los ist, dass sie so wenig auf ihr Kind eingeht, so wenig ihr Kind spürt. Denn häufig spüren diese Eltern sich selbst nur sehr wenig. Vielleicht wurden sie als Kinder ebenfalls wenig wahrgenommen, vielleicht sind ihre Eltern wenig auf sie eingegangen. Dann haben sie das nie gelernt, wieder verlernt und kennen diese breiten Facetten an Gefühlen und Emotionen gar nicht, die ein Kind äußern kann, äußert und beachtet haben möchte. Überlegt doch selbst einmal, wenn euch jemand fragt, welche Gefühle gerade in Euch sind: habt Ihr darauf eine Antwort ? Und wie viele Gefühle kennt Ihr überhaupt abgesehen von Wut, Ärger, Neid und Liebe? Die Palette ist breit, aber wenn wir uns selbst so wenig spüren, vielleicht auch, weil wir so oft über unsere eigenen Grenzen gehen und gar nicht mehr wissen, was eigentlich persönliche Grenze ist und was „halt eben so und nicht anders geht“, dann können wir natürlich auch unsere eigenen Kinder wenig spüren und ihnen wenig einfühlsam begegnen.

Desinteresse
Naja, und leider ist auch das ein Punkt, den ich immer wieder beobachte. Das Desinteresse am eigenen Kind. Das Handy ist wichtiger, wir sind versunken in einer anderen Welt. Versteht mich nicht falsch – wir alle haben solche Tage und sind mit dem Kopf ganz woanders. Wir freuen uns, wenn das Kind am Spielplatz selig spielt und wir eine Pause haben. Aber man spürt eben auch, ob Eltern prinzipiell wenig Interesse an dem, was ihr Kind tut und äußert, zeigen oder ob sie einfach einen schlechten Tag haben.

Es ist natürlich nicht immer leicht das eigene Kind zu spüren, seine Bedürfnisse zu erkennen und wahrzunehmen. Wir müssen auch gar nicht auf jedes Bedürfnis so eingehen, dass wir jeden Wunsch jederzeit erfüllen. Ein „Ich sehe, das macht dich wütend, aber es gibt jetzt kein Eis.“ ist auch ein Eingehen auf ein Bedürfnis oder Wunsch, auf ein Gefühl oder vielmehr Gefühlsausbruch, ohne dass wir hier „nachgeben“.

So lange die Kinder noch nicht reden können, ist es natürlich immer eine Herausforderung, jammern und weinen bis hin zum schreien sind nicht immer gut auszuhalten. Aber Ablenken, Ignorieren oder Zurückschimpfen signalisieren dem Kind: Was du eigentlich willst, ist falsch.

Was aber kann man tun, damit man das eigene Kind besser erkennen und wahrnehmen kann? Dass man sich besser einfühlen kann?

Zeit nehmen und Beobachten
Es klingt so banal und es ist so banal. Nehmen wir uns Zeit für unsere Kinder. Nicht von früh bis spät bis zur Erschöpfung, nicht wie ein Alleinunterhalter am Spielplatz, der wir nicht sind. Eine Stunde qualitative Zeit mit dem Kind. Eine Stunde ohne Handy, ohne Arbeit, ohne Haushalt ohne ohne ohne… Und dann fragt Euch „Was macht mein Kind? Was beschäftigt es gerade? Wo schafft es alles? Was interessiert es im Moment?“ Seid offen für das, was Euer Kind Euch zeigen und mitteilen will. Durch das Beobachten lernen wir unser Kind besser kennen. Und damit meine ich kein Bespielen, kein „Komm machen wir jetzt…“, keine Ausflüge oder Playdates mit anderen Müttern. All das kann auch Zeit haben und möglich sein, aber wenn es um qualitative Zeit geht, so sollte die möglichst fokussiert sein. Und je mehr wir uns so dem Kind zuwenden, umso besser verstehen wir ihre Kommunikation. Apropos…

Kommunizieren
Die Kommunikation mit Kindern ist ein großes Thema. Kleinkindern werden oft die Sätze in den Mund gelegt. Da werden Annahmen getroffen und von denen aus weitergegangen. Selten wird Kindern gesagt, was gerade passiert, was war und was mit ihnen geschehen wird. Es wird ihnen nicht vermittelt, wo sie sich gestoßen haben, dass sie gerade traurig oder frustriert sind, dass es sie ärgert, weil sie noch nicht auf das Klettergerüst hinaufkommen. „Da bist du noch zu klein.“ und schon gehts weiter zur Schaukel. Nehmen wir uns Zeit für Kommunikation und geben wir den Gefühlen und Bedürfnissen der Kinder Wörter. Das hilft nicht nur uns selbst besser zu verstehen, sondern auch den Kindern, sich selbst besser kennenzulernen.

ernst nehmen
Die Gefühle der Kinder sind so echt und ernst wie unsere eigenen. So, wie wir uns wünschen von unseren Partnern, Eltern, Freunden und sonstigen Menschen, mit denen wir uns umgeben, ernst genommen zu werden, so sollten wir das auch mit unseren Kindern tun. Denn was sie äußern, ist da, das spüren sie. Sie sind sogar häufig besser darin zu äußern, was in ihnen ist. Wenn wir darauf nicht oder immer wieder unzureichend eingehen, dann verlernen sie auf das zu hören, was sie bewegt. Und das ist ein fataler Verlust, den wir selbst oft erlebt haben und der uns häufig daran hindert, wir selbst zu sein.

Selbstachtsamkeit
Wenn wir gut auf uns schauen und uns immer wieder fragen: Wie geht es mir? Was brauche ich gerade? Was ist los in mir? Was bewegt und beschäftigt mich im Moment?“, dann lernen auch wir selbst uns besser kennen und nehmen uns besser wahr. Wir entdecken die vielen Facetten an Gefühlen, die in uns leben und sich regen, die möglich sind. Die können uns helfen auch zu verstehen, wie es unseren Kindern in so mancher Situation geht. Vielleicht ist es nicht mein Kind, das heute einen schlechten Tag hat, weil die Nacht so schlecht war – vielleicht bin ich es? Vielleicht ist es aber auch mein Kind, das heute überreizt ist, weil wir den ganzen Tag in der Stadt unterwegs waren?

Nein, auch mir gelingt es nicht immer die Bedürfnisse meiner Kinder zu erkennen und ihnen ausreichend nachzukommen. Es ist nicht immer leicht und fordert uns an allen Ecken und Enden. Aber wenn wir es gar nicht erst versuchen, weil wir glauben zu verwöhnen, weil wir meinen motivieren und antreiben zu müssen, weil wir glauben zu wissen oder weil die anderen da draußen doch auch immer… dann verlieren wir nach und nach den Kontakt zu uns selbst und zu unseren Kindern. Und damit auch die Fähigkeit, zumindest darüber nachzudenken und zu reflektieren, was vielleicht mal nicht so gut gelaufen ist. Und dann ist es auch egal, welchen Stilen und Trends wir folgen, wenn wir mit unserem Kind in einem Bett schlafen, es viel tragen und dann doch nicht auf sein Weinen eingehen, wenn es seine Verzweiflung äußert, weil die Bewegungsentwicklung manchmal einfach frustrierend ist, dann ist das nicht ganzheitlich einfühlsam. Dann fehlt ein Eck im großen bunten Kuchen der Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Wichtig ist, dass wir unser eigenes Kind sehen und lesen lernen. Und das geht nur, indem wir uns ihm immer wieder liebevoll und offen zuwenden, uns Zeit nehmen zu beobachten und mit ihm von Anfang an kommunizieren. 

 

 

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Türen auf! Wie wir täglich neu mit unserem Kind in Beziehung treten

P1070938Aufmerksame Leser haben festgestellt, dass ich zwar sehr viel darüber schreibe, wie wir gut mit Kindern leben und Situationen meistern, aneinander wachsen und dabei dennoch bei uns bleiben. Aber ich erwähne dabei nie, was dabei wesentliche Essenz ist: Unsere Beziehung zum Kind. 

Und während ich das natürlich immer als gegeben vorraussetze, so ist es doch hilfreich immer wieder zu schauen: wie schaffe ich das? Wie kann ich eine gute Beziehung mit meinen Kindern leben und beibehalten? Es ist ja ähnlich der Beziehung zum Partner. Am Anfang ist alles neu, wir sind hoffnungslos verliebt und möchten alles geben, damit es dem anderen – also dem Kind – gut geht. Doch nicht nur der Alltag schleicht sich ein, auch die Persönlichkeit unseres Kindes zeigt sich mehr und mehr, es stellt Herausforderungen an uns, denen wir nicht gewachsen scheinen und wir müssen immer wieder neu fragen: Wer bist Du? Wie können wir gut miteinander auskommen? Was braucht es?

Denn Beziehung bedeutet genau das. Dass ich mein Kind nicht zu einer Person forme, die mir vorschwebt, sondern dass ich sie so annehme, wie sie ist. Dass ich eben immer wieder bereit bin, sie neu kennenzulernen. Mit all ihren Facetten. Um nämlich diesem Kind immer wieder neu zu begegnen, immer wieder offen und ehrlich sagend: Wer auch immer Du bist. Ich liebe Dich. Genau so. Nur dann kann unser Kind auch ganz selbst sein, kann uns vertrauen und uns offen und ehrlich begegnen. Ist es nicht das, was wir uns wünschen von unserem heranwachsenden Kind?

Ich habe für Euch eine Liste erstellt, wie Ihr auf 10 einfache Weisen Eurem Kind im Alltag immer wieder neu begegnen könnt, mit ihm in Kontakt treten könnt und somit Eure Beziehung aufrecht erhalten und verbessern könnt.

1 – Ein neuer Morgen. Wenn wir unseren Kindern jeden Tag offen und neu begegnen, erwarten, dass die Welt täglich anders aussehen kann und die Macken und Vorlieben des letzten Tages heute komplett umgekrempelt sein dürfen, dann haben wir die Möglichkeit, dann können wir schon am Frühstückstisch entspannter in den Tag starten. Die Sonne geht auf, alles ist neu.

2 – Augenkontakt. Wir sehen unseren Kindern oft in die Augen, wenn wir wirklich wütend sind. Wir maßregeln oder schimpfen mit finsterem Blick und können starr daran festhalten. Aber was, wenn wir ihm etwas liebevolles sagen wollen? Oder nur ein einfaches „Ja, klar.“ entgegnen. Viel zu oft tun wir das beiläufig und in unser Handy, unser Buch oder auf die Tätigkeit schauend, die wir grad ausüben. Bewusster Augenkontakt lässt uns in ganz kleinen Momenten viel inniger begegnen.

3 – Fragender Blick. Wir müssen unser Kind nicht mit Fragen überhäufen um zu erfahren, wie es im Kindergarten, in der Schule, bei Freunden war. Wie es ihnen geht oder was sie beschäftigt. Alles, was es braucht, ist ein fragender interessierter Blick, wenn sie uns begegnen mit den Worten „Mamaaaa?“ oder „Papaaaa?“ Es ist nicht nur der Augenkontakt, der hier zählt, sondern auch die interessierte, immer wieder neu fragende „Was möchtest Du?“ Haltung, die unsere Kinder hier einladen kann, viel mehr, als nur ein einfaches Anliegen hervor zu bringen. Wenn sie spüren, dass wir ganz da sind, ganz interessiert sind, dann werden sie sich vertraut bereit sein, sich uns gegenüber zu öffnen.

4 – „Ja“ sagen. Im Nein sind wir klar. Deutlich. Manchmal laut. Das Ja hingegen murmeln wir vor uns hin. „Jaja.“ „Wie Du magst.“ „Ok.“ Schnell kehrt der Blick wieder zurück auf das, was wir gerade tun, wenn wir ihn überhaupt heben. Ein fröhliches „Ja.“ mit Augenkontakt, ein „Ja, klar!“ oder ein „Ja, gern.“ bringt Freude mit und wirkt entsprechend. Außerdem werden wir uns bei so einem Jahr bewusst, ob wir wirklich Ja meinen, oder ein eigentliches Nein umkehren, um „Ruhe“ zu haben.

5 – „Ich sehe Dich.“ Oft rufen uns unsere Kinder begeistert etwas zu. „Mama schau mal!“ Wir heben den Kopf, nicken, rufen „Jaha. Super!“ und versinken wieder im Tun. Im Montessorikurs sagte die Leiterin dann immer: „Tür zu. Chance vorbei.“ Und genau so ist es. Unsere Kinder öffnen hier die Tür für ein In-Kontakt-Treten. Und wir machen sie wieder zu. Indem wir nicht sehen, sondern sinnlos faseln. „Hey, Du bist ganz allein bis da rauf geklettert!“ oder „Du hast ein Polizeiauto gemalt.“ sind Sätze, die bedeuten, dass wir wirklich sehen, was unser Kind uns zeigen will. Oft schleudern wir ihnen ein leeres Lob entgegen, wo sie nichts weiter wünschen, als ein kurzes Kontaktaufnehmen. Weil sie sehen, dass wir abwesend sind, weil sie wissen wollen, ob wir sie sehen. Nicht immer gelingt uns diese Aufmerksamkeit. Aber ein „Es macht Dir Spaß, da immer wieder hinauf zu klettern. Ich sehe das.“ kann auch sagen: Genug, ich möchte jetzt weiter lesen, aber ich nehme Dich dabei wahr. Es ist mehr als ein halb abwesendes „Toll gemacht!“

6 – Worte schenken. „Du bist echt wütend.“ „Da bist Du abgerutscht und hingefallen. Das hat weh getan.“ Wenn wir unseren Kindern Worte schenken für ihre Gefühle und Emotionen, dann schenken wir uns damit Kinder, die sich artikulieren können. Und die, weil sei die Worte von uns bekommen haben, uns vertrauen und sie uns anvertrauen, wenn sie es brauchen. Wer wünscht sich nicht, dass seine Kinder ihm sagen, was sie beschäftigt? Dafür brauchen sie aber die Möglichkeit, das tun zu können und das Vertrauen, dass wir da sind.

7 – Nähe. Babys bekommen von uns gern sehr viel Nähe. Weil wir selbst diese Nähe gewinnen. Doch wenn die Kinder älter werden, beharren wir auf „Du kannst schon selbst gehen.“ oder „Nein ich trage Dich nicht. Du bist doch schon groß.“ Wir müssen unsere Kinder nicht tragen, bis uns der Rücken zerbricht. Aber wir dürfen sehen, wann sie uns brauchen. Sie sind nicht immer zu faul zum Gehen. Manchmal wollen sie einfach unsere Nähe, zeigen, wie klein sie dennoch sind. Das zu sehen heißt, unsere Kinder zu sehen so wie sie sind in dem Moment. Und nicht wie wir sie uns vorstellen in dem Alter. Herrn Klein habe ich manchmal gesagt: „Ok, mal sehen wie weit ich es schaffe.“ und heute sagt er oft: „Mama, kannst Du mich kurz tragen? Nur soweit Du kannst, ok?“

8 – Offscreen Time. Ein modernes Problem, dass uns, so glaube ich, wirklich ein wenig von unseren Kindern entfernt. Das ständige online sein, in Geräte starren und in andere Welten abtauchen macht Kindern Angst. „Mama, wo bist Du?“ hat Herr Klein oft gerufen, wenn ich neben ihm saß und ich dachte: „Was is das für eine Frage? Ich bin HIER.“ Dabei war ich das nur physisch. Bewusste Zeiten ohne mobile Geräte, ohne Computer, ganz im Hier und Jetzt, sind bereichernd für die Beziehung mit unseren Kindern. Weil wir uns viel bewusster sehen und wahrnehmen.

9 – Abwarten. Wenn wir unsere Kinder rufen, sie um etwas bitten, dann ist es wichtig zu verstehen, dass sie uns hören, aber Zeit brauchen, um aus ihrem Tun heraus aufzunehmen, was wir möchten. Es dauert manchmal bis sie reagieren, sie sind so im Moment, in ihrem Handeln vertieft, dass sie nicht alles stehen lassen um zu springen. Mir fällt das immer wieder auf, wenn der Liepste und ich die Kinder aus unterschiedlichen Ecken sehen, einer ruft und der andere sieht, dass das Kind sich längst bereit macht für das, was der eine Erwachsene will, der das aber nicht sieht und schon dreimal genervt nachfragt. Geduld. Das Zauberwort in jeder Beziehung, wird uns auch hier näher zusammenbringen. Weil eine Begegnung, die entsteht, wenn wir genervt nachgehakt haben, keine Qualität hat.

10 – ZubettbringZEiT. Ein langer Tag. Blanke nerven. Übermüdete Kinder und ein chaotisches Abendessen. Keine Seltenheit im Alltag. Jetzt nichts wie die Kinder ins Bett und Füße hoch – ehrlich, wie oft denken wir das? Aber wenn wir genau hier noch einmal durchatmen, inne halten und einen Moment Energie aus dem Nichts zaubern, wenn wir uns Zeit nehmen und Ruhe für das Zubettbringen, dann kann der Tag für alle doch irgendwie besinnlich zu Ende gehen. Und Kinder, die sich uns noch anvertrauen können am Abend, die nach vielem Chaos und Streit vor dem Schlaf spüren, dass doch alles irgendwie gut so ist, wie es ist, und sie okay sind, wie sie sind, die können ruhiger und entspannter schlafen. Und einem neuen Tag viel freudiger und fröhlicher entgegen blicken. Ein „Herrje, das war ein blöder Tag, was? Das schaffen wir morgen besser.“ schadet hier gar nicht. Und ehrlich: Uns geht es auch besser, wenn wir mit einer Umarmung, einem Kuss und lieben Worten die Kinder in die Nacht verabschieden. Erst dann kann auch uns wirkliche Entspannung überkommen.

Elternsein ist kein einfacher Nebenjob. Es ist Fulltime Nonstop Spot on sein. Kein Wunder, dass uns hier und da die Nerven durchknallen. Keiner verlangt, dass wir stets und ständig freudig strahlend unseren Kindern begegnen. Authentisches Wirsein ist genau so wichtig und wahrscheinlich der 11. Punkt in dieser Liste. Aber viel zu oft driften wir beim Abdriften ganz hinfort und vergessen, dass es auch ganz einfache, kleine Momente gibt, die uns in Beziehung mit unserem Kind treten lassen. Momente, in denen unsere Kinder uns die Türen öffnen und es an uns ist, hindurch zu treten, oder sie zufallen zu lassen.

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Von äußerer Ruhe zu innerem Gleichgewicht

IMG_5002Heute morgen las ich einen Artikel, den ich mal wieder gern der ganzen Welt vorhalten möchte. Es geht um das Thema Ablenkung. Im Großen eigentlich um das Thema der Gefühle von Kindern. Und deren Akzeptanz oder Nichtakzeptanz. Denn das ist es, was Ablenkung bedeutet – das Negieren von Gefühlen.

Während den Eingewöhnungen meiner Kinder habe ich immer wieder die selben üblichen Situationen erlebt. Weinende, schreiende, teils verzweifelte Kinder, die nicht wollen, dass ihre Eltern sie in der Einrichtung zurück lassen. Was ich jedoch nie – wirklich nie – erlebt habe, ist, dass jemand auf die Kinder zugegangen ist und gesagt hat, was eigentlich wirklich zu sagen war: „Du willst, dass die Mama wiederkommt. Du bist traurig, dass die Mama geht.“

Stattdessen läuft fast immer ein ähnliches Programm ab. Die Kinder werden auf den Arm genommen und von Spielzeug zu Spielzeug geführt. Sie werden animiert dies oder jenes zu machen und zum Lustigsein motiviert. Es wird ihnen vorgeführt, was die anderen Kinder alles tolles machen. Was die Kinder jedoch selten wollen ist Lustigsein. Sie wollen ernst genommen werden. Sie wollen wahrgenommen werden in ihrer Wut, ihrer Trauer, ihrer Verzweiflung. Dann kann es ihnen auch leichter fallen, sich fallen zu lassen. In die Arme der PädagogInnen, in den Tag und letztendlich sogar ins Spiel.

Warum geschieht das nicht? Warum werden Kinder immer wieder nur abgelenkt, oder bespaßt, wie man so sagt?

Ich glaube, weil es die einfachste Form ist auch für den Erwachsenen, mit den heftigen Emotionen umzugehen. Weil wir nicht lernen, oft einfach nicht wissen, wie wir auf Gefühlsausbrüche reagieren sollen. Weder bei Erwachsenen, noch bei Kindern. Nur scheint es uns eben bei Kindern noch eher möglich, diese zu lenken und von ihren eigentlichen Emotionen wortwörtlich wegzutragen.

Das ist es, was mit uns meist gemacht wurde, als wir Kinder waren. Wie sollen wir da anderes lernen? Wie sollen wir wissen, dass es auch anders möglich ist? Denn Fakt ist – früher oder später beruhigen sich die Kinder, egal auf welche Weise wir ihnen begegnen. Doch das Problem ist – durch Ablenkung beruhigen sich die Kinder nur äußerlich. Sie realisieren irgendwann, dass ihre Gefühlsäußerung nichts ändert an der Tatsache und dass sie keine Wahl haben.

Was ist also anders, wenn ich auf die Gefühle der Kinder respektvoll eingehe? Denn eine Wahl haben sie so oder so nicht. Meistens jedenfalls.
Der wesentliche Unterschied ist, dass Kinder, die erfahren, dass ihre Gefühle akzeptiert werden, sich nicht unnormal oder falsch fühle. Sie spüren – ich darf so reagieren. Ich darf traurig oder wütend sein. Es ändert zwar nichts an der Tatsache, dass Mama erst später wiederkommt. Aber ich werde so angenommen, wie ich bin. Und das beruhigt auch  innerlich. Es ist der Moment, wo äußere Ruhe, meine äußere Gelassenheit, zu innerer Ruhe bei meinem Gegenüber, somit letztendlich auch zu innerer Ruhe bei mir selbst führt.

Wenn wir wütend sind, weil uns jemand verletzt hat, was hilft uns dann mehr? Jemand der sagt: „Jetzt stell Dich nicht so an, komm trink ein Bier und dann ist wieder gut.“ oder jemand der sagt: „Du bist wirklich enttäuscht / traurig / wütend.“

Mehr braucht es nicht. Keine Lösungsvorschläge, keinen langen Trost. Nur das Wahrnehmen dessen, was ist. Wenn ich weiß, dass ich jetzt, in diesem Moment, so sein darf, ohne bewertet zu werden, ohne Unverständnis zu begegnen, kann ich mich viel eher auf meine eigenen wirklich wahren real existierenden Gefühle einlassen und mit ihnen viel schneller und eher zurecht kommen, als wenn ich das Gefühl haben muss, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Oft haben wir auch Angst, dass das Wahrnehmen dessen, was wir sehen, zu noch heftigeren Gefühlsausbrüchen führt. Das ist auch nicht selten. Aber es bedeutet nur, dass noch viel inneres Ungleichgewicht herrschte und dieses sich nun zurecht rückt. Ungleichgewicht, das wir von außen nicht sehen konnten. Das wir durch schnellen Trost nie sehen und nie ausgleichen könnten. Eine innere Unruhe, die nur durch die äußere Ruhe  ausgewogen werden kann.

Oft glauben wir, dass wir im Alltag keine Zeit, keine Ressourcen haben für das Einfühlen in andere. Doch dabei denken wir nur im Jetzt, und nicht im Morgen. Denn Kinder, die heute wahrgenommen werden, die heute respektiert und ernst genommen werden, können morgen schon ein wenig besser begreifen, wie es ihnen geht und dass sie sich so fühlen dürfen. Sie können übermorgen schon ein wenig ihre Trauer halten und ausgleichen. Und können viel eher wirklich frei und gelassen durch den Tag balancieren.

weiterführende Artikel:

Erkenntnisse der Woche – Drüberfoan

Kleine Schritte ganz groß – wie Eingewöhnung gelingen kann

und mein Podcast zum Thema „Die Gefühle unserer Kinder“ 

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