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Neulich im Death Cafe

Gestern fand bei uns im Haus bzw. unten im Salon am Park das erste Death Cafe statt. Diese Death Cafes gibt es weltweit. Sie sind eine non-profit Initiative, damit Menschen sich treffen können um ohne Anlass offen über das große und oftmals schwere Thema Tod zu reden. Und weil mich das Thema privat sehr beschäftigt und mein Leben lang schon begleitet, habe ich mich aufgemacht, um so ein Death Cafe kennenzulernen.

Wir waren eine für mich recht große Runde. Ca. 15 Frauen und Männer, von denen ich einige persönlich kannte, einige flüchtig und andere gar nicht. Das macht natürlich was aus. Rede ich mit Fremden über den Tod, wenn da vielleicht Emotionen hochkommen? Oder ist es mit ihnen vielleicht sogar einfacher als mit Bekannten und Freunden? Ich ließ mich auf all das ein und fand es äußerst inspirierend und spannend. Es war traurig und tröstend zugleich.

Traurig war für mich das Thema, als es um das Abschiednehmen ging. Das war für mich ja nicht möglich damals, als mein Bruder starb. Ein Autounfall kann eben so ein Leben radikal beenden. Als mein Vater damals fragte, ob wir mitkommen würden, um uns meinen aufgebahrten Bruder noch einmal anzusehen, war ich schockiert. Allein die Vorstellung jagte mir Angst und Schrecken ein. Warum würde man das wollen? Und wie würde man so etwas überhaupt emotional schaffen? Bleibt das Bild nicht ewig im Kopf hängen? Später habe ich mit meinem Vater mal darüber geredet und verstanden. Er ist damit aufgewachsen, bei ihm war es üblich, wie bei so vielen anderen ländlichen Kulturen auch, dass die Toten zum Verabschieden noch einmal aufgebahrt werden. Diese Tradition geht mehr und mehr verloren. Die Krankenhäuser bieten das gar nicht alle an. Stirbt jemand daheim und man ruft den Notarzt, geht alles seine geregelten Wege, der Tote wird schneller abtransportiert, als den Menschen manchmal lieb ist und man kann, ja darf es teilweise sogar nicht verhindern. Andererseits scheuen sich viele – so wie ich auch damals – davor, einen Toten zu sehen. Da ist Angst. Angst vor den eigenen Emotionen. Angst vor dem Anblick. Angst davor, dass es grausam, gruselig oder einfach unfassbar traurig sein würde. Doch je mehr wir im Death Cafe über dieses Abschiednehmen gesprochen haben, umso trauriger wurde ich. Weil die Geschichten, die andere erzählt haben vom Abschied, so tröstlich und teilweise schön waren. Und weil ich diese Möglichkeit nie hatte. Deshalb versuche ich scheinbar seit Jahren durch das Schreiben in meinen Geschichten Abschied zu nehmen. Stück für Stück. Heilsam, aber eben auch schmerzhaft.

Tröstend waren auch die Geschichten von Sterbenden, die der Tatsache, dass sie im Sterben liegen, ins Auge geblickt haben. Die akzeptiert haben, dass er unausweichlich kommen wird, der Tod. Die weniger ängstlich, eher leise und leicht in den Tod gegangen sind. Und dass es nicht immer das unfassbar grausame Ende sein muss, das für uns Menschen so ungreifbar scheint. Und so angsteinflößend.

Es hat mir wieder einmal gezeigt, dass es auch wichtig ist, mit Kindern offen diesem Thema gegenüber zu sein. Und vielleicht kann das für uns auch wertvoll sein, uns selbst dem etwas mehr zu nähern. Als ich mit 14 zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Begräbnis meines Bruders war, hatte ich keine Ahnung was auf mich zukommen würde. und ich war allein. Alle waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ich nicht nur schockiert, sondern auch verunsichert war. Der Sarg erschlug mich mit seiner Wucht, wie er da groß, gewaltig und hölzern stand. Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Und darin sollte er liegen. Das Loch in der Erde war tief. und was tat man nun? Was taten die anderen? Die Rose da rein, eine Handvoll Sand hinterher und Erde. Es ist sicher nicht das Ziel, Kinder so früh wie möglich mit auf eine Beerdigung zu nehmen, aber wenn man es tut, sollte man schon vorher viel mit ihnen darüber reden, sie darauf vorbereiten. Auf die vielen Tränen der Menschen dort, auf all die Dinge, die gesagt werden, den Ablauf. und wenn uns die Kinder über den Tod ausfragen, sollten wir das Thema nicht verdrängen, sondern offen sein. Offen für die Fragen und offen für die Antworten, die in uns auftauchen. Oder die wir gemeinsam suchen können.

Bei einem meiner letzten Besuche am Grab meines Bruders waren die Kinder mit dabei und haben mir Fragen gestellt. Das war sehr tröstlich und ein schöner Moment an einem traurigen Ort.

Unlängst fragte Herr Klein mich abends: „Mama, woran merkt man, dass man Krebs hat?“ Die Fragen der Kinder sind oft groß und weit. Aber ich glaube, dass sie uns selbst helfen können, auch für uns ein paar Antworten zu finden. Und auch den schweren Themen gut und weniger bedrohlich begegnen zu können.

 

 

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Erkenntnisse der Woche – Wenn der Tod zum Thema wird

Mit dem Interesse für Dinosaurier kam auch die Erkenntnis über die Endlichkeit des Seins in Herrn Kleins Welt an. Denn Dinosaurier sind ausgestorben und nun wird hinterfragt, wer und was alles aussterben kann oder schon ausgestorben ist. Lebewesen sind tot. Das fügt sich in seinen Sprachgebrauch wie das Zählen oder Reimen. Und es tut gut, dieses schwere Wort endlich etwas leichter getragen zu sehen.

Es bedeutet aber auch, dass die medialen Ereignisse anders wahrgenommen werden. Und dass wir als Eltern nun gefordert sind. Denn wenn ein Flugzeug abstürzt, dann sind die Menschen, die da drin saßen, alle tot. Das ist Fakt. Und wenn Herr Klein das wissen will, dann gibt es da keinen Weg umhin als ihn mit diesen Tatsachen zu begegnen.

Ich habe mich oft vor diesen Themen gefürchtet. Weil sie natürlich ganz neue Türen und Tore öffnen. Ganz neue Ängste schüren können. Doch wie mit so vielen Dingen, bin ich froh, zu sehen, dass man auch da mit hinein wächst. Und so bin ich einfach ehrlich und offen. Ich sage ihm das, was ich weiß. So, wie es ist. Ich beschöne nichts. Ich verniedliche nichts. Aber ich sage auch nicht mehr, als notwendig ist. Das ist wohl die Gratwanderung dabei. Denn zu viel Information kann natürlich schnell überfordern. Und so warte ich auf die Fragen, die kommen.

Lange habe ich mich gefürchtet vor den Fragen nach dem Tod. Und die Thematik um den Himmel betrachtet. Ich wollte bereit sein und ihm die Endlichkeit sanft und schonend vermitteln. Auf irgendeine Art, die ich noch nicht begriffen hatte. Doch nun weiß ich, dass ich das nicht muss. Dass ich mir nichts überlegen und zurechtlegen muss. Dass ich nur offen und bereit sein muss für seine Überlegungen und seine Phantasie. Denn ich selbst weiß nicht, woran ich glauben soll. Was mit den Menschen nach dem Tod geschieht? Was aus Seele und aus Körper wird? Also kann ich ihm da kein Märchen erzählen, von dem ich selbst nicht überzeugt bin. Und eigentlich bin ich viel gespannter darauf, zurück zu fragen, was er glaubt, was mit den Menschen geschieht, wenn sie sterben. Vielleicht hat er für mich ganz neue Ansichten. Ganz neue Einblicke.

Als ich letzte Woche in der alten Heimat war, bin ich bewusst allein auf den Friedhof gefahren. Ich wollte die Kinder nicht unnötig mit Themen konfrontieren, die nicht sein müssen. Heute ärgere ich mich. Denn vielleicht wäre es gut, wenn sie von klein auf die Kultur und den Umgang mit dem Tod in unserer Welt erfahren würden. Natürlicher als wir. Wir wurden früher geschützt. Ich war auf keiner Beerdigung, bis mein Bruder starb. Und dann stand ich dort am Grab und war furchtbar aufgeregt und nervös, weil ich Angst hatte, etwas falsch zu machen. Man hatte ja nicht mit mir darüber geredet. Der Tod wurde verschwiegen, die Toten als zweidimensionale Gesichter auf Fotopapier geehrt. Ein einfacherer Umgang mit dem Tod blieb mir verwehrt und ich fand ihn selbst nie. Bis jetzt. Wo ich merke, dass das Thema eine neue Wendung nehmen könnte. Ich bin nun nicht mehr verunsichert, was das angeht, sondern wirklich gespannt, welche Gespräche sich mit den Kindern ergeben.

Wie geht Ihr mit Euren Kindern mit den Themen um? Stellen sie Fragen? Wie reagiert ihr? Wie redet Ihr über die Geschehnisse in der Welt, die solch schwere Themen aufwerfen?

 

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Berührt Menschen !

IMG_4408Im Herbst letzten Jahres hörte ich von einer Tragödie einer Familie hier in Österreich. Eine Frau verlor bei einem Bergwanderunfall Mann und einen Sohn, der andere Sohn kämpfte nach dem Absturz im Spital ums Überleben. Gestern las ich etwas erleichtert, dass er es geschafft hatte, sie also „nur“ einen Sohn und ihren Mann verloren. Dazu hat sie erstmalig öffentlich noch ein wenig mehr von ihrem Schicksal berichtet.

Im Artikel stand auch der Name des Familienvaters. Und ich stockte. Denn der Name kam mir bekannt vor und nach kurzer Suche im Internet bestätigte sich mein Verdacht: Es war der Arzt, der Herrn Klein das erste Mal am Herzen untersucht und uns die damals sehr erschütternde Diagnose eines Herzfehlers gestellt hatte. Doch er blieb als sehr warmherzig, offen und freundlich in meiner Erinnerung und brachte etwas Ruhe und Sanftmut in diesen Tag, diese Momente und Geschehnisse. Ihm ist es wohl auch zu verdanken, dass wir anschließend an eine sehr gute und ebenso offene und ehrliche Kardiologin geraten sind. Sein Name steht nicht nur unter dem ersten all der vielen Befunde, die in Herrn Kleins Ordner seine Geschichte festhalten. Er steht für mich auch für einen einfühlsamen Menschen. Für einen Arzt, der nicht nur in Weiß Weisheit und Wissenschaft vermittelt, sondern sich mit den Patienten und Angehörigen auseinandergesetzt hat. Er hat nicht nur seinen Job gemacht. Er hat uns persönlich zurückgerufen, nachdem man uns am Telefon gesagt hatte, wir könnten erst am Montagmorgen zur Untersuchung kommen. Er blieb über seine Arbeitszeit hinaus und erwartete uns, um Herrn Klein noch vor dem Wochenende zu untersuchen. Verdacht auf Herzfehler ist nichts, was man an Ambulanzzeiten knüpft. Das schiebt man ein.

Dieser Mensch, genau so alt wie ich, lebt nicht mehr. Wenn man die gesamte Welt betrachtet – ein Einzelschicksal. Doch uns hat es berührt das zu lesen. Denn er hat uns berührt. Durch seine Art, sein Wesen. In dieser einen Untersuchung, während dieser einen Stunde, die wir ihm begegnet sind.

Wir suchen oft einen Sinn im Leben. Fragen uns, wozu wir dieses oder jenes tun. Bemühen uns hier oder dort erfolgreich zu sein. Suchen nach Ruhm oder Anerkennung. Streben nach Lob und Beliebtheit. Doch was zählt all das, wenn wir dabei nicht wir selbst sind. Was hinterlassen Stars mit all ihren Allüren, ihrem ständigen Kampf um Normalität und Zurechtfinden in der Welt der beliebten Sternchen? Ein Leben lebend, dass sie selbst nicht greifen und begreifen können?

Wichtiger ist, dass wir etwas tun, was uns selbst beglückt, was uns erfüllt und und was wir mit Leidenschaft und Begeisterung tun. Was wir nicht tun müssen, sondern tun wollen. Aus tiefstem Herzen.

Gestern hatte ich Elterngespräch im Kindergarten. Die Pädagogin von Herrn Klein sagte mir, sie zwinge die Kinder zu nichts. Sie möchte, dass, wenn sie etwas tun, das aus tiefstem Herzen tun. Und ich war darüber sehr glücklich. Denn ich möchte, dass Herr Klein so, indem er nichts muss, was er nicht muss und tut und will, was er darf, seinen Weg findet. Und einmal ein Mensch wird, der seine Leidenschaft findet und lebt.

Dr. Manuel Steiner war nicht nur Arzt, das hat man gemerkt. Er war bemüht und warmherzig bei der Sache. Er hat uns berührt, ohne das jemals gewusst zu haben. Womöglich hat er mehrere Kinder und Familien in seiner Lebenszeit berührt. Ist das nicht ein wunderschöner Sinn im Leben?

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