Selbstmitgefühl

Die Stille ist in mir

Schon seit einigen Jahren beschäftigt mich das Thema Mediation. Seitdem ich ein Meditationsseminar in Verbindung mit Übungen aus der Alexandertechnik besucht habe. Seither versuche ich mehr schlecht als recht zu meditieren, eine regelmässige Meditationspraxis zu entwickeln und das Zen in meinen Alltag zu holen. Mehr oder weniger erfolgreich.

Vor dem Sommer begann ich einen MBSR Kurs, um genau diese Ziele intensiver zu verfolgen. Der Kurs endete, der Sommer brach herein und anstatt mehr und „richtiger“ zu meditieren, tat ich gar nichts mehr. In rasender Geschwindigkeit gingen die Tage dahin, flogen mir die Kinder um die Ohren, blieben abends länger wach und raubten mir die letzte freie Zeit eines jeden Tages. Ich spürte, wie mir Ruhe und Stille fehlten, aber ich schaffte es nicht, sie in meinen turbulenten Ferienalltag zu integrieren. Im Urlaub quoll die Hoffnung auf mehr Zeit für mehr Ruhe. Tag für Tag nahm ich mir vor mich abends an den Strand oder Hafen zu setzen und zu meditieren. Doch im Urlaubstrott gingen die Kinder immer später ins Bett und meine Motivation mich dann noch einmal aufzuraffen sank stetig. „Das gibt’s doch nicht!“ dachte ich und war wütend auf mich selbst. Urlaub! Und keine Meditation! Wenn nicht da, wann dann?

Und dann die selige Erkenntnis.

Dann hing ich wieder bei 35Grad schnorchelnd an der Wasseroberfläche. Ich achtete auf meinen Atem, der durch das Plastikrohr nach oben ein- und ausging. Ich betrachtete die selige Ruhe der Seeigel am Meeresboden. Ich hörte ein leises Knistern im Ohr und weiß bis heute nicht, was das war und woher es kam. Aber ich spürte Ruhe und Stille. Und ich freute mich endlos auf den Nachmittag und den nächsten Tauchgang meines Tauchkurses. Denn in diesem Moment erkannte ich: Tauchen war die pure Meditation. Mit dem Abtauchen war die Welt außerhalb des Meeres sowohl visuell, als auch geistig verschwunden. Hier unten galt höchste Konzentration auf den Atem, auf den inneren Zustand und vor allem: auf die faszinierende Unterwasserwelt. Da unten war ich im absoluten JETZT und HIER. Und nur da. Und wenn ich dann doch eine Muschel oder ein Seeigelskelett sah und dachte: „Oh, nimm es mit, für die Kinder!“, ich darauf zuschwamm, mit den Flossen wedelte und mich bemühte nach unten zu kommen, spürte ich, wie ich aus der Tarierung kam, aus dem Unterwassergleichgewicht. Wie ich wieder gleichmässig ein- und ausatmen musste, um mich wieder auf einer guten Höhe zu halten.

Gleichzeitig erkannte ich: Wenn Tauchen die pure Meditation war, dann war Meditation mehr als nur das perfekte Sitzen in perfekter Haltung mit dem Fokus auf die perfekte Stille im Innen und Außen. Nicht dass ich das je so gelernt hatte. Nein, das waren schlichtweg meine Erwartungen an meine Meditationspraxis. Auch wenn der liebe Martin sein Bestes getan hat, uns im MBSR Kurs zu vermitteln, dass es keine „richtige Meditationspraxis“ gibt.

Nunja, manchmal braucht es etwas länger. Umso besser ist ja oft das Ergebnis. Seitdem ich wieder in Wien bin, seitdem der Alltag wieder seine Spuren in mein Leben kratzt, komme ich wieder häufiger zum Meditieren. Vielmehr noch habe ich häufiger das Verlangen mich auch nur für fünf Minuten hinzusetzen und Stille zu spüren. Vor allem je lauter die Kinder werden, umso ruhiger möchte ich in mir sein.
Und seitdem ich all meine Erwartungen an Meditation in die Tiefe des Meeres hab fallen lassen, seitdem gelingt mir die Meditationspraxis viel besser. Schon nach wenigen Minuten kehrt Ruhe in meinen Kopf, der Atem wird ruhiger und stiller. Und selbst meine Ohren, die derzeit häufig rauschen und piepen, weil gerade einfach zu viel Stress durch meinen Kopf saust, werden plötzlich still.

Die Stille ist da, wo wir sie brauchen. In jedem Moment. In uns drin.

Vorhin war ich hektisch, wirsch, unruhig und gestresst. Nun sitze ich hier und spüre mich, genieße die Stille und den Fokus. Draußen weht ein Sturm, ich werfe ihm ein paar unnötige Erwartungen zu und sehe sie davontreiben.

Stille.
Diese Sehnsucht
die in mir
nur von mir geküsst
erwacht.

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Über uns hinaus gewachsen

P1080833Strandurlaub ist nicht wirklich meins. Die Hitze sowieso nicht. Dennoch hatten wir uns in diesem Jahr für einen Urlaub in Griechenland entschieden, weil wir das Land mögen und schon sehr lange nicht mehr dort waren. In den Bergen der Pelion Halbinsel mieteten wir uns ein Häuschen in einem Bergdorf, versteckt hinter vielen Bäumen und sehr schattig. Doch die meisten Tage fuhren wir zum Strand. Mit Kindern bei der Hitze letztendlich die beste Alternative. 

Unsere beiden wasserskeptischen Kinder tasteten sich nur langsam an das salzige Nass heran. Anfangs war das Meer lebhaft und die Wellen berauschend – für die Kindern befremdlich. Sie kletterten lieber auf Felsen oder beobachteten aus sicherer Entfernung kleine Krabben am steinigen Ufer.P1080747

Ich selbst mag das Meer – so weit ich Grund unter den Füßen spüre. Danach wird es mir zu ungreifbar, zu weit, zu groß und unheimlich. Eine heimliche Phobie, die sich auch in Schwimmbecken findet. Leichte Panik überkommt mich, wenn ich an der Oberfläche schwimme und die Tiefe unter mir ungreifbar wirkt. Kontrollverlust? Schlechte Erfahrungen als Kind? Ich habe keine Ahnung und bleibe in Ufernähe, tanze mit den Wellen und genieße die Abkühlung. Immerhin. Doch der Liepste taucht ab, mit Flossen, Taucherbrille, Schnorchel und Apnoelunge erkundet er die Bucht, die Weiten und die Tiefen. Berichtet von unzähligen Tieren und der Schönheit des Meeres. Als ich wieder am Ufer dahin plansche, bin ich frustriert. „Ich stehe mir selbst im Weg.“ sage ich. Wir erklären den Kindern am Strand zu warten und nicht ins Wasser zu gehen. Die Gefahr ist sowieso kaum gegeben. Hand in Hand schwimmen wir ein wenig hinaus. Und mit dieser Hand in meiner wage ich mich weiter und weiter. Keine Panik. Und dann traue ich mich, wovor ich mich immer gefürchtet hatte: Ich setze die Taucherbrille auf und schaue hinab. Ins Meer. Ins Blau. Ich erwarte sofortige Panik und zögere noch. Dann… verliebe ich mich. In die Farben. Die Stille. Das Nichts. Ich sehe Fische und den Boden ganz klar. In der Ferne nur tiefes Blau. Ich tauche auf und strahle. Ich höre das Rauschen der Wellen und ihr Überschlagen am Strand. Schnell wieder unter Wasser, da ist es ruhig. So schön ruhig. Selig verlasse ich an dem Tag den Strand und freue mich auf den nächsten.

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Am nächsten Tag wechseln der Liepste und ich uns ab. Mal erkundet er mit Brille, Schnorchel und Flossen das Meer, dann darf ich. Ich leihe mir seine Flossen und irgendwann sogar den Schnorchel. Das Atmen, das dadurch zu hören ist, beruhigt mich unter Wasser noch mehr.

Als ich zurück kehre, liegt Herr Klein im Wasser. Er strahlt. Seine Schwimmflügel stehen neben seinem Kopf heraus, ein bisschen wirkt er wie ein junger Hund, aber er bewegt sich. „Ich schwimme!“ ruft er. Und tatsächlich. Er hat die Füße oben und liegt an der Wasseroberfläche. „Jetzt will ich tauchen!“ beschließt er übermütig und holt seine Taucherbrille und Schnorchel. Bisher Begleitsouveniere, sonst nichts. Er setzt alles auf, platziert wie ein Profi den Schnorchel, nimmt meine Hand und gemeinsam schweben wir im Wasser dahin. Er flippt bei jedem Fisch vor Freude aus und weiß nicht wohin mit seiner Euphorie. Und ich bin furchtbar verliebt in ihn und seine Art und Weise, sich Neuem zu nähern. Nämlich in seinem Tempo. Auf seine Art. Und erst dann, wenn er wirklich bereit ist.

So wie ich?

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Das war der vorletzte Urlaubstag von 2 langen Wochen. So lange hat er gebraucht. Sich immer wieder ein Stück hinein gewagt und drei Schritte zurück. Wollte so gern und konnte doch nicht. Und wir haben ihn gelassen. Nicht gedrängt und nur angeboten. Seine zaghaften Versuche nicht kommentiert.

Am nächsten Morgen ist er neben mir erwacht und flüsterte mir ins Ohr „Mama, ich traue mich alles!“ Er war stolz. Er war euphorisch. Und ich strahlte ihn an und nickte müde. „Ja.“ sagte ich, nahm ihn in den Arm und fühlte, was er fühlte. Dass wir gewachsen waren. Über uns selbst hinaus. Wir hatten neue Welten entdeckt und neue Fähigkeiten an und in uns. Wir hatten uns selbst überwunden und neue Schritte gewagt. Wir hatten uns selbst besiegt. Ja, wir hatten uns was getraut.

Und das schönste daran war: Wir brauchten keinen, der uns lobte oder sagte, wie toll wir das gemacht hatten. Wir brauchten nur jemanden, der es aushielt, dass wir es den ganzen Tag lang immer wieder selbst erstaunt erwähnten. Denn auch ich strahlte den Liepsten immer wieder an und sprach: „Ich war tauchen! Da draußen! Da hinten! Und es ist soooo toll!“ Und er lächelte immer wieder. Und freute sich mit mir. Natürlich nicht ganz uneigennützig, denn es ist wesentlich praktischer eine tauchfreudige Partnerin zu haben, wenn man diesen Sport liebt. Aber auch, weil er wusste, was es mir bedeutete. Und gemeinsam lachten wir mit Herrn Klein, der in diesem Sommer nicht nur körperlich, sondern auch so weit über sich hinaus gewachsen war.

Frau Klein ließ das alles so Geschehen und näherte sich derweil auf ihre Art dem Wasser. Auch sie lag am letzten Tag mit ganzem Körper am Ufer im Wasser, hielt den Kopf sicher oben und genoss den leichten Schwapp der Wellen sie überkommen. Auch sie hatte sich genähert und sich Schritt für Schritt mehr getraut. Einfach so. Auf ihre Art.

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Was für ein Urlaub. Neben allem auch unglaublich entspannend, erholsam und verbindend. Familienzeit, die wir alle dringend gebraucht und unendlich genossen haben.

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