Mütter für Mütter

Neulich saß ich am Spielplatz. Lange habe ich dort nicht mehr gesessen. Der Winter war lang. Der Frühling wagt sich erst seit kurzem wirklich heraus. Und die Sandkiste lockt. Mehr Miniklein, als die anderen beiden. Herr Klein sowieso schon längst auf Abwegen.

Miniklein kostete den Sand, beobachtete das Treiben um ihn herum, saugte durch den sandigen Daumen die Eindrücke in seinen kleinen Körper. Ich saß hinter ihm auf einer Bank. Gegenüber der Sandkiste auf der anderen Seite saß eine andere Mutter. Wieder und wieder versuchte sie ihrer Tochter zu vermitteln: Komm von der Rutsche unten runter, andere Kinder wollen rutschen. Immer und immer wieder legte diese sich unten ans Ende der Rutsche. Die Mutter genervt und genervter. Das Kind scheinbar müde und müder. Und irgendwann, nachdem ich schon eine Weile nicht mehr zugesehen hatte, sammelte sie wirsch ihr Zeug zusammen, rief einem anderen Buben, der unter der Rutsche saß, zu, er solle alles einpacken, sie würden gehen. Die Tochter in Tränen. Es zog sich wie sich so ein Abgang vom Spielplatz manchmal zieht. Sätze wie „Wo ist denn der andere Eimer?“ und „Hast du jetzt alles?“ fielen fad aus ihrem Mund.

Als ich wieder schaute, war sie bereits auf dem Weg. Den Sack mit den Sandspielsachen über der müden Schulter. In der Hand ein quietschrosa Laufrad. Der Bub ein paar Meter vor ihr, die Tochter unwillig noch immer am Spielplatz. „Komm jetzt, ich will gehen.“ rief sie. Sie sah mich an, ich sah sie an. Ich versuchte irgendeine Art von Zeichen zu geben, das ihr vermittelte: Oh ja, ich verstehe dich. Doch ich wusste nicht wie. Ich sah ihr nach, ihren langen Arm, an dessen Ende das Laufrad baumelte. Ihr träger Gang und ihre unwillige Tochter, die ihr dann doch irgendwann missmutig folgte.

So oft sitzen wir am Spielplatz oder irgendwo und beobachten die anderen Eltern. Bewerten, was sie sagen oder tun. Werden beobachtet und bewertet. Möchten uns davonbeamen. In dem Moment wollte ich nur eines: Ein großes Schild, auf dem steht: „Ich wünsche dir baldige Ruhe.“ oder „Halte durch, der Abend naht!“

Ich bin keine Mutter, die andere einfach so anspricht. Ich möchte auch nur selten von anderen angesprochen werden. Deshalb wünsche ich mir stumme Zeichen. Ein verständnisvolles Nicken. Ein Lächeln, das sagt: „Ich kenne das.“ Eine gehobene Hand als symbolischer Schulterklopfer. Denn wir Mütter, wir sollten uns positiv unterstützen da draußen. An windigen und stürmischen Tagen. Aber auch an den bunten, an denen wir sehen: „Cool, deinen Humor hätte ich auch gern.“ oder „Hut ab vor deiner Gelassenheit.“

Wertschätzung und Zustimmung, das wünsche ich mir untereinander mehr als Vergleiche, Neid und Bewertungen. Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe das oft gemacht, aber ich merke, wie viel besser es mir tut, wenn ich mich einfühle und offen bin für die Situation.

Mütter für Mütter am Muttertag.

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Alles meins !!!

IMG_8820Als Frau Klein begonnen hat sich fort- und auf Herrn Kleins Spielzeugautos hinzuzubewegen, wurde dies oft von einem panischen Kreischen seinerseits begleitet. „Du willst nicht, dass die M mit Deinen Sachen spielt?“ wurde mit einem ohrenbetäubenden „Naaaaiiiin!“ beantwortet. Also drehte ich mich zu Frau Klein und sagte: „Herr Klein möchte nicht, dass Du mit den Autos spielst. Vielleicht finden wir Dir etwas anderes.“ Nicht selten kam es vor, dass Herr Klein sich kurz darauf hinüber beugte und seiner Schwester ein paar Autos reichte. „Hier, mit denen kann sie doch spielen!“ 

Ich habe Herrn Klein nie dazu gedrängt zu teilen. Ich tue das auch heute nicht. Wenn er lautstark ruft „Das ist maaaaaiiiins!“ dann sage ich – wenn dem so ist: „Ja genau, das gehört Dir.“ Denn das hat nichts mit Egoismus, Gier oder Habsucht zu tun, sondern ist Tatsache. Dieses Spielzeug ist seins und daran gibt es nichts zu rütteln. Ob er das nun mit einem anderen Kind teilen will, es kurz herborgen oder nicht, ist dann eine andere Geschichte, die man in jeder individuellen Situation ganz speziell betrachten muss. Fakt ist, dass es gilt Ruhe zu bewahren, dass es absolut nichts bringt, Kinder zu drängen oder ihnen ein schlechtes Verhalten anzudichten. Denn Teilen können ist Entwicklungssache. Das hat nichts mit „müssen sie lernen“ zu tun, sondern viel mehr mit „werden sie lernen, so sie es denn vorgelebt bekommen“. Und da ist schonmal der erste Schritt versteckt:

Vorleben
Wie oft schnappen wir unseren Kindern schnell das Handy aus der Hand, entreißen es ihnen, bevor sie es kaputt machen können. Natürlich hat unser Handy nichts in kleinen Kinderhänden verloren. Aber auch ich kann mein Kind bitten, es mir wiederzugeben. Ich kann ihm erklären, dass es mir wichtig ist, dass ich es brauche und dass ich nicht will, dass damit gespielt wird. Oft habe ich erlebt, dass die Kinder dies dann auch getan haben. Nicht sofort und vielleicht nicht ohne Tränen oder Widerstand. Aber dennoch.

IMG_8933Bedanken
Und wenn sie uns etwas geben, uns etwas bringen oder ihr Essen mit uns teilen – auch wenn das manchmal einfaches Spiel ist – so hilft es, uns bei ihnen dafür zu bedanken. Ernst gemeint, und nicht überschwenglich oder so besonders verzückt von der Handlung. Kinder dürfen erfahren, dass wir etwas, was sie vielleicht nicht selbstverständlich tun, sehen und anerkennen. Aber sie müssen nicht immer dafür gelobt und gepriesen werden.

 

Das Zauberwort
Jetzt, wo ich zwei Kinder habe, kommt das Thema Teilen natürlich immer häufiger vor im Alltag. Schlichtweg, weil ich Essen für uns alle kaufe und wir uns ja dieses Teilen. Ich kaufe keinem Kind eine eigene Packung Kekse oder Bananen. Herr Klein will momentan immer der erste sein, der etwas bekommt. Das ist ok für mich, ich gestehe ihm gern den „Nummer 1 Status“ zu, den er lange Zeit hatte. Aber wenn ich sehe, dass Frau Klein das gleiche möchte (also fast meistens so gut wie immer), bitte ich ihn, ihr etwas abzugeben. Und das tut er. Weil ich nicht sage „Teile das mit Deiner Schwester!“, sondern ihn frage „Gibst Du bitte Deiner Schwester auch ein Stück?“

IMG_9078Streit
Natürlich gibt es aber vor allem in Bezug auf Spielzeug immer wieder Streit. Er nimmt ihr rein aus Freude etwas weg, womit sie gerade spielt. Sie findet etwas spannend, was in seiner Nähe liegt und ihn stört das sehr… Das Übliche eben. Was tun ?
Ich greife da nur ein, wenn ich merke, dass die beiden das nicht selbst lösen können. Wenn er ihr etwas wegschnappt, was ihr wirklich wichtig war und sie deswegen anfängt zu weinen. Aber statt einem „Gib’s ihr wieder!“ beschreibe ich die Situation: „Frau Klein, Du brauchst das noch unbedingt, ja?“ und das hört er. Ist er nicht bereit, es herzugeben, sage ich ihm, dass sie das noch braucht und ob wir für ihn nicht etwas ähnliches finden können. Dabei behalte ich immer im Auge, wie es Frau Klein geht. Denn oft beruhigen sich die Kinder schon, wenn sie merken, dass sie jemand ernst genommen hat. Manchmal entdecken sie nebenbei etwas ganz anderes und nehmen das und sind zufrieden. Und ja, dann lasse ich dem großen Bruder das, was er ihr weggeschnappt hat. Teilen lernt er dennoch, denn wie in der am Anfang beschriebenen Situation erlebt auch er, dass er ernst genommen wird mit den Dingen, die ihm gehören.

Kinder haben eben wirklich Angst, dass diese Sachen ihnen völlig abhanden kommen. Auch die, die sie bis eben absolut überhaupt nicht interessiert haben. Naja, meistens besonders diese!! Eigentum, Besitz und die Tatsache, wem was gehört, weil seine Eltern es ihm gekauft oder geschenkt haben, verstehen Kinder erst viel später. Bis dahin genügt es, ihnen immer wieder zu versichern, dass das, was ihnen gehört, wirklich ihnen gehört. Und ja, das, was anderen gehört – eben diesen.

Auf Spielplätzen ist so etwas besonders schwierig. Denn hier sitzen die Eltern der anderen Kinder. Die haben andere Vorstellungen, andere Meinungen und andere Erwartungen. Nicht selten sind sie scheinbar so von den angenommenen Erwartungen der anderen Eltern gedrängt beziehungsweise glaube, dass Kinder teilen lernen müssten, dass sie ihre eigenen Kinder selbst in Situationen, in denen ihnen etwas weggenommen wird, so vehement zum Teilen drängen, dass diese am Ende am liebsten gar nichts mehr hergeben wollen. Hier hilft es in solchen Situationen auf Augenhöhe der Kinder zu gehen und ausschließlich mit ihnen zu reden. „Ihr wollt jetzt unbedingt beide mit dem Bagger spielen.“ „Du brauchst die Schaufel grad noch.“ „Sollen wir mal schauen, ob wir noch einen anderen Bagger finden, oder einen Traktor?“ Und nur wenn gar nichts mehr hilft, dann kommt es auch mal vor, dass man sein Kind von einem Spielzeug wirklich losreißen muss. Aber dann kann man immer noch sagen: „Du wolltest sooo gern auch mal damit spielen.“ und dann einfach das Schluchzen annehmen und ertragen.

Kommen häufig Kinder zu Besuch und es kommt immer wieder zu Streit, hilft es vorher mit dem eigenen Kind eine Besucherkiste zusammenzustellen. Darin ist dann Spielzeug, das alle Kinder nehmen dürfen. Gleichzeitig kann man gemeinsam mit dem Kind die Dinge, die ihm so wichtig sind, dass niemand anderer damit spielen darf, außer Reichweite. Das gilt auch für den Besuch am Spielplatz. Ich habe da Herrn Klein schon gesagt: „Du, ich möchte das Laufrad nicht mehr mitnehmen. Es wollen immer andere Kinder damit spielen und für Dich ist das immer ganz schwer, das mag ich nicht mehr mitmachen.“

Wichtig ist hier genauso wie in sämtlichen anderen Bereichen – Geduld haben, dem Kind Zeit geben. Und – hier spreche ich aus eigener Erfahrung – unbedingt fragen, wenn man sich einen Keks, ein Pommes Frites, oder ein Stück Käse von ihrem Teller nehmen möchte.

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Frag mich, sonst schweig ich.

Am Samstag fuhr ich mit Herrn Groß und Herrn Klein in einem Lift, in den sich auch ein eigentlich gehfähiges älteres Ehepaar quetschte. Herr Klein war sehr müde und saß daumenlutschend, ins Narrenkastl schauend im Wagen. Die Dame sah ihn an und wagte den bisher dreistesten aller Sprüche: „Na Du armes Kind, hast Du kein Lutschi, dass Du am Daumen lutschen musst?“ Man ist in solchen Momenten gelähmt im Mund, leider. Oder besser so. Denn hinterher fielen uns ca 100 verschiedene Varianten ein, darauf zu reagieren. Keine davon wirklich freundlich.

Auch mir begegnen im Alltag Situationen, die ich laut und ungläubig kommentieren möchte. Aber genau das sind die Momente, in denen sich die angehende Familienbegleiterin auf die Zunge beißt.

Es ist klar – seitdem ich mich mit allen Thematiken um Eltern, Kinder und Familien befasse, betrachte ich die Welt um mich herum wie ein großes Aquarium. Jeder Spielplatzbesuch gleicht einer Hospitation, die Besuche beim Kinderarzt bieten mir Recherchematerial für eine ganze Doktorarbeit. Die Feinheit dabei ist jedoch, sich das nicht anmerken zu lassen. Keine kritischen Blicke, keine wertenden Mimiken oder Gestiken und vor allem: keine Kommentare!

Das ist nicht immer leicht. Aber wer bereits – so wie wir am Samstag – von anderen komplett fremden Personen zu so persönlichen, die eigene Familie, die eigenen Kinder betreffenden Themen angesprochen und vor allem bewertet wurde, der weiß, wie ablehnend, wie wütend und negativ man auf solche Kommentare reagiert.
Würde ich nun also überall meine wohlmeinenden Ansichten zu Wort bringen, wäre ich als Familienbegleiterin sicher recht bald allein auf weiter Flur. Denn es ist nicht möglich, Menschen zu berichtigen, zu helfen oder zu unterstützen, wenn diese nicht darum gebeten haben.
Das gilt für Alkoholiker, psychisch Kranke oder eben auch Eltern.

Es ist aber nicht nur das Gefühl, auf etwas angesprochen zu werden, was eventuell schon leise in uns schlummert und brodelt, oder auch noch gar nicht bemerkt wurde. Diese Gefühl zu versagen, etwas komplett falsch zu machen und neben der Spur zu laufen.
Es ist ebenso die Tatsache, dass man ein Problem nicht lösen kann, wenn keine Frage da ist. Denn das, was ich unterwegs, auf der Straße, am Spielplatz sehe, sind Momentaufnahmen. Sie sagen nicht, rein gar nichts, über das gesamte System dieser einen Familie aus.
Und eine Frage ist erst dann da, wenn die Person diese Frage selbst formulieren kann, ihr Problem kennt und bereit ist, mir mehr über all das zu erzählen, was damit zusammenhängt.

Also ist es ok zu beobachten, interessiert zu schauen und ja, auch hie und da zu bewerten. Wenn ich all das für mich behalte, schlucke und als Lernprozess sehe. Und meine Kommentare dann abgebe, wenn sie interessiert gehört und aufgenommen werden wollen. Dann bewirken sie auch etwas, und das ist es doch, was ich möchte. Bewirken.

Was sind die schärfsten Sprüche, die Euch als Eltern begegnet sind? Und wie habt Ihr reagiert?

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