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Kooperation durch Respekt und ohne Playbrush

Im letzten Gesprächsabend des letzten Spielraumblockes tauchte – mal wieder – das Thema Zähneputzen auf. Eines, bei dem Eltern immer wieder anstoßen und sofort geht eine Welle an Erzählungen los, wie das bei all den anderen zu Hause abläuft und was alles (nicht) funktioniert. Da hört man dann die wildesten Geschichten. 

Ich höre mir das oft erst einmal an und lasse die Eltern austauschen. Es tut ihnen oft gut da Luft rauszulassen. Ganz oft sagen sie auch: „Ich will ja nicht anfangen ihnen dabei Videos zu zeigen, wo kommen wir da hin?“ oder „Ich will ja auch nicht jeden Abend mit ihnen kämpfen.“ und „Aber es ist doch so wichtig…“

Und dann erkläre ich ihnen, was mein Ansatz dazu ist.

Bei allen drei Kindern habe ich das Zähneputzen von Anfang an großteils ihnen überlassen. Das heißt nicht, dass ich nicht dahinter war. Natürlich war ab dem ersten Zahn das Zähneputzen Teil der Morgen- oder Abendroutine und es lag an mir, das täglich einzufordern. Aber die Zahnbürste war dabei in den Händen der Kinder. Und sie taten damit, was sie für angenehm und gut befunden haben. Wenn sie fertig waren, habe ich sie gefragt, ob ich noch einmal nachputzen darf. Und ihre Antwort respektiert.

Das führte dazu, dass die Kinder oft tagelang selbst die Zähne geputzt bzw. die Zahnbürste zerkaut haben, ohne dass ich nachputzen durfte. Aber hin und wieder waren sie bereit und haben sich mal mehr, mal weniger ausführlich die Zähne putzen lassen. Auch hier habe ich darauf geachtet, dass ich stoppe, wenn es für sie genug ist. Hierbei ging es mir gar nicht so sehr darum, dass die Zähne gründlichst geputzt sind, sondern eher darum, dass die Kinder einen natürlichen Zugang zum Zähneputzen bekommen und es als etwas betrachten, was dazu gehört wie Hände waschen. Es ist Teil unserer Hygiene, wir kümmern uns um unseren Körper, aber wir gehen nicht gleich beim ersten Zahn davon aus, dass fiese Bakterien nur genau auf ihn gelauert haben. Denn am Anfang essen die Kinder ja auch (vorzugsweise) noch gar nicht so viele schädliche Dinge. Wenn aber von Anfang an ein Kampf entsteht, dann wird es schwer, den über die Jahre der Autonomiephase und vor allem des stetigen Zahndurchbruchs aufzuweichen.

Heute sind die Kinder 2, 5 und fast 8. Zähne kommen und gehen hier in dem Haus. Heute waren wir beim Zahnarzt und sieh haben zum Glück hinsichtlich der Zahnsubstanz keine Probleme.
Das Zähneputzen ist weiterhin ein ganz normaler Teil unseres Tagesablaufes ohne Kampf und ohne Geschrei. Dabei habe ich bei Weitem keine Wunderkinder, die alles mit sich machen lassen und dabei lächeln. Auch wir führen Kämpfe aus und Kooperation ist einfach nicht immer ihre liebste Beschäftigung. Aber ich habe gelernt, dass ein Durchsetzen meiner Vorstellungen auf Biegen und Brechen genau gleich nichts bringt.

Ich bin überzeugt davon, dass unsere Kinder gewollt sind zu kooperieren, wenn sie sich respektiert fühlen. Wenn wir ein Nein als Nein annehmen, dann kommt viel öfter ein Ja. Nicht selten steht Frau Klein abends müde vor mir und sagt: „Kannst Du mir bitte die Zähne putzen?“ Ich sehe das als Vertrauensbeweis, denn wenn wir mal ehrlich sind: Die Vorstellung, dass jemand anderer mit einer Zahnbürste in unserem Mund herumfährt, ist nicht die angenehmste. Und je intensiver der Kampf im Vorfeld, umso unsanfter wird die Zahnbürste putzen. Kein Wunder, dass die Kinder schreien und sich wehren. Vor allem, wenn sich stetig neue Zähne zeigen und das Zahnfleisch häufig besonders empfindsam ist.

Noch eine Meinung zur Playbrush, das kann man ja heute fast nicht mehr ignorieren:
Ich selbst habe schrecklich schlechte Zähne und empfinde Zähneputzen als äußert unangenehm. Ich mag weder den Geschmack von Zahnpasta noch habe ich gern Gegenstände im Mund. Ich habe eine Zahnarztphobie und all das geht nicht gut einher. Aber in der Achtsamkeitspraxis habe ich gelernt das Zähneputzen als eine besonders achtsame Übung zu sehen und so putze ich mir oft (nicht immer) die Zähne besonders fokussiert. Danach habe ich ein viel saubereres Gefühl im Mund. Vielleicht sollten wir also unsere Kinder wirklich bewusst Zähne putzen lassen, anstatt ihnen das Gefühl zu geben beim Handyspielen gleich noch eine unliebsame Tätigkeit zu erledigen. Denn was will ich? Dass mein Kind zweimal länger Handy spielt und sich dabei mit der Zahnbürste über die Zähne fährt, oder dass es bewusst Zähne putzt und hinterher auch weiß, was es getan hat? Wenn wir alles über Apps und Spiele, Videos und Liedchen erledigen, verlieren unsere Kinder nämlich auch etwas besonders wesentliches: Ihr Körpergefühl. Ich weiß nicht, ob ich möchte, dass mein Kind mit 16 einmal beim Zähneputzen Monster abballert, oder es spürt wie gut sich saubere Zähne im Unterschied zu dreckigen anfühlen.

Und letztendlich hat diese Art der Körperpflege, vor allem, wenn unsere Kinder noch viel auf uns angewiesen sind, sehr viel mit Beziehung zu tun. Es braucht Vertrauen und liebevolle Zuwendung, dazu gehört eben auch Respekt.

Hört auf Euch panisch um die Zähne Eurer Kinder zu sorgen und deshalb unnötige Kämpfe auszutragen. Schaut, dass Ihr überhaupt erst einmal einen guten und natürlichen Zugang zu diesen Dingen entwickeln lasst und nicht von Vornherein groß Katastrophe über den Badezimmerspiegel zu pinseln. Ja, Zähneputzen ist wichtig, und genau deshalb ist es wichtig, dass die Kinder das von Anfang an als etwas erleben, was auch liebevoll, freudvoll geht. Es muss nicht immer Spaß machen und superlustig sein, aber es muss auch nicht weh tun. Geht aufeinander zu und ein und habt Vertrauen, dass Eure Kinder gern kooperieren, wenn Ihr sie dabei respektiert.

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Wie war dein Tag?

Auf mymonk gibt es gerade einen Artikel darüber, wie wir mit unseren Kindern ins Gespräch darüber kommen können, wie ihr Tag war. Weil Kinder ja so selten auf die spezifische Frage „Und, wie wars im Kindergarten / in der Schule?“ reagieren. Da bekomme ich ja von meinen Kindern auch nur die österreichische Antwort: „Eh gut.“

Ich habe mir also abgewöhnt, diese Frage zu stellen. Na gut, hin und wieder kommt sie mir über die Lippen. Aber ich versuche spezifischer zu sein. „Und, wie war Englisch heute?“ oder „Seid Ihr heute draußen im Garten gewesen?“ Aber auch hier gibts oft nur kurze und knappe Antworten. Während ich mir auf die Zunge beiße, weil ich meine Frage aus Kindersicht selbst blöd finde.

Sara Goldstein hat nun auf mymonk eine Liste von 20 Fragen erstellt, die wir unseren Kindern stattdessen stellen können.

Ich denke mir aber: Es hat doch einen Grund, warum Kinder so knapp antworten. Und das ist ja nicht, dass sie mir der Frage per se nichts anfangen können. Es liegt daran, dass sie in diesem Moment vielleicht einfach keine Lust haben zu reden. Geht es uns nicht auch oft so? Wenn der Liepste heimkommt und fragt: „Und, wie wars heute so?“ sage ich womöglich auch nur „Anstrengend.“ oder „Ganz okay.“ Weil ich mir die genaueren Erzählungen für später in Ruhe aufheben will. Weil ich gerade mit dem Kopf woanders bin. Weil ich gerade im Moment nicht abrufbar habe, wie lustig, wie witzig, wie genial oder wir irrsinnig wahnsinnig gewisse Situationen mit den Kindern waren. Oder auch, weil ich gerade einfach mal absolut keine Lust aufs Reden hab. Das ist im Übrigen auch ein Grund, warum ich manchmal auch bei Freunden oder Verwandten einfach nicht ans Telefon gehe. Ich will in dem Moment einfach nicht reden.

Was tue ich also, um vielleicht dennoch etwas über den Tag meiner Kinder zu erfahren?

  1. Ich erwarte nicht, dass sie mir alles erzählen. Wenn etwas aufregendes passiert ist, erzählen sie mir das schon noch. Vielleicht auch erst in drei Wochen. Manchmal erzählen sie mir auch die banalsten Banalitäten. Aber hey – sie erzählen. Das hab ich doch gewollt, oder? Manchmal erzählen sie Witze aus der Schule oder (noch schlimmer) aus dem Kindergarten. Und dann denke ich mir, dass es doch auch gar nicht schlimm ist, wenn sie nichts erzählen.
  2. Ich erzähle von meinem Tag. „Heute war ich mit Miniklein beim Arzt. Er hat eine Impfung bekommen.“ – „Wirklich?? Hat er geweint???“ Und schon sind wir im Gespräch. Herr Klein erzählt, dass er früher immer geweint hat. Frau Klein erzählt von ihrer letzten Impfung und welches Tier sie sich danach ausgesucht hat aus der ärztlichen Schatztruhe. Kleine Geschichten entstehen. Und haben selten mit ihrem Tag zu tun. Ich erzähle manchmal, welchen spannenden Menschen ich begegnet bin, ich erzähle wenn ich Kochdienst hatte. Was auch immer mir einfällt und was ich gern erzählen möchte. Und ganz oft, da erzähle ich auch gar nichts. Weil mein Tag nicht aufregend war oder weil das, was ich getan habe, für sie womöglich langweilig ist. Rechnungen schreiben, Emails beantworten, Minikleins Windeln wechseln, Blogartikel verfassen… Dann wundere ich mich aber auch nicht, wenn sie mir nichts erzählen. Weil ihr Tag vielleicht in ihren Augen auch nicht besonders aufregend war. Nicht erwähnenswert.
  3. Ich lasse los. Wenn ich meine Kinder tagsüber in den Kindergarten oder in die Schule gebe, so verbringe ich eben nicht mehr jede Minute mit ihnen und weiß nicht mehr, was sie rund um die Uhr tun. Das ist ja auch gar nicht schlimm. Ich muss ja nicht alles wissen. Ich schaue nicht, was es im Kindergarten zu essen gab. Wenns besonders lecker war, erzählt mir Frau Klein das von sich aus. Ich finde mich damit ab, dass ich nicht mehr alles erfahre. Anfangs, als Herr Klein noch winzig war und in den Kindergarten ging, fand ich das noch schlimmer. Das war für mich so neu und ich wollte einfach Teil haben an seiner Welt. Er war aber schon immer eher ruhig und wenigredend. Als hätte er nur ein gewisses Budget an Wörtern. Deshalb habe ich noch nie sonderlich viel erfahren. Stattdessen habe ich erkannt, dass es wertvoller ist mit ihnen die Zeit zu genießen, die wir gemeinsam verbringen. Gemeinsame Erinnerungen gestalten und erleben. Gemeinsame Geschichten in die Welt malen.

Ich halte es für wertvoll auf das zu hören, was unsere Kinder uns von sich aus erzählen. Weil das etwas ist, was aus ihnen von ganz innen herauskommt. Und wenn sie wenig reden, dann sollten wir besonders auf das achten, was sie erzählen um zu erkennen: Was ist ihnen wichtig? Was beschäftigt sie? Worauf achten sie in ihrem Alltag? Was bewegt sie? Das sind die spannenden Erzählungen, die Kontakt wertvoll machen. Die uns in Beziehung treten lassen miteinander.

Und was besonders wertvoll ist, ist das gemeinsame Schweigen. Das auszuhalten. Das zuzulassen. Das schenkt uns nicht nur die Möglichkeit, besondere Nähe zu erleben, sondern gibt auch unseren Kindern die Fähigkeit, das in ihrem Leben weiter zu ermöglichen. Denn Schweigen kann eine ganz besondere Form des Miteinanders sein.

Wie sind Eure Kinder? Erzählen sie viel und gern von ihrem Tag? Oder sind sie eher die ruhigen Gesellen, die in 4 Wochen ein kleines Erlebnis von gestern erzählen?

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Abgefertigt

Gestern war ich beim Zahnarzt. Wer mich kennt, weiß, dass ich schon Tage vorher erhöhten Blutdruck hatte allein beim Gedanken daran. Selbst die Geburten haben bei mir nicht solche Panik und Angst ausgelöst wie ein Zahnarztbesuch. Aber es musste sein und mir war klar, dass es etwas zu tun gab, sonst wäre ich ja auch nicht „freiwillig“ hingegangen. 

 

Und so begann Frau Doktor am oberen Backenzahn herumzuwerkeln, erst ohne Betäubung, denn der ist ja sowieso schon tot. Als ich dann doch was spürte – es sei dahingestellt ob echt, oder rein aus Panik – gab sie mir die erlösende Spritze und ich wartete auf den erhofften Effekt. Während sich mein Mund also immer mehr meiner Kontrolle entzog, kehrte Frau Doktor zurück und begann weiter an dem toten Zahn herumzuwerkeln. Dazu hatte ich in meinem Mund ein Kabel hängen, einen Sauger und die Finger der Frau Doktor. Und während sie so werkelte kamen immer wieder Assistentinnen herein und besprachen mit ihr die Vorgehensweise bei Patient X. Und wenn die wieder draußen waren, so besprach sie mit der anwesenden Assistentin den Fall Patient X. Ach ja und nicht zu vergessen das Telefonat bezüglich Patientin Y. Ganz wichtig. Und manchmal wusste ich nicht, ob sie eigentlich noch mit mir beschäftigt war, oder andere Dinge tat. Weil ich die Augen ja auch ganz entspannt zusammengekniffen hatte.

Ich fühlte mich deplatziert und ausgeliefert. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir geschah und wie lange das noch dauern würde. Ich fühlte mich als Belastung, obwohl das ja ihr Job war und sie auf ihrer Homepage damit wirbt jedem Patienten seine individuelle Behandlung zu geben. Am Ende war ich äußert überrascht, als sie ihre Hände von mir nahm, sämtliche Kabel aus meinem Mund entfernte und mir die Hand zur Verabschiedung gab. Weil ich eben noch halb kopfüber auf ihrem Sessel hing und nicht ahnte, dass ich (fürs erste) fertig war.

Als ich dann so taub und benommen nach Hause ging, kam mir der Gedanke, dass es unseren Kindern wohl nicht selten genau so geht.. Wenn wir sie wickeln, und uns dabei mit anderen unterhalten. Wenn wir stillen und dabei nur ins Handy schauen, die Brust nur hier und da zurechtrücken, ohne das Baby anzusehen. Wenn wir dem Baby Essen geben und uns dann wieder unseren Gesprächen oder dem Kochen zuwenden, wenn wir unsere Kinder anziehen und dabei mit dem Partner oder der Partnerin die Einkaufsliste besprechen, wenn wir mit ihnen spielen und dabei Gespräche führen, wenn… wenn wir viel zu oft da, aber nicht bei ihnen sind.

Es geht so schnell, der Alltag hat uns so oft so fest im Griff und wir versuchen alles gleichzeitig unterzubringen. Wir wickeln automatisiert ein Kind, rufen dem anderen etwas zu, sind in Gedanken schon zwei Stunden weiter. Vieles ist normal und lässt sich nicht immer ganz exklusiv abwickeln. Das Leben in einer Familie ist auch zuweilen chaotisch. Aber wiederum gibt es so viele Momente und Situationen, die wir viel liebevoller und achtsamer erleben können. Wenn wir uns einfach unseren Kindern für einen Moment ganz zuwenden und ihnen eine Minute lang die volle Aufmerksamkeit schenken, als zehn Minuten nur die halbe.

Mir fällt so immer wieder auf, was dann plötzlich möglich ist:

Dann kooperieren sie sehr zufrieden und freudvoll,

dann fühlen sie sich gesehen und wahrgenommen,

dann reden sie und erzählen von ihrem Tag, ganz von allein,

dann umarmen sie mich, ich bekomme Bussis und Liebeserklärungen,

dann lachen wir gemeinsam,

dann sehe ich, was sie alles schon können oder versuchen,

dann sind wir in Kontakt und haben für einen Moment das Gefühl, uns wieder nahe zu sein. Und können uns gestärkt und aufgetankt wieder unserem Tun widmen. 

Diese Dinge bewusster zu erleben und zu begehen ist enorm wertvoll für die Beziehung miteinander. Dann empfinden wir alltägliche Dinge nicht als lästig und anstrengend und unsere Kinder sich nicht als belastend. Denn das tun sie, wenn wir diese gemeinsamen Momente nebenher und automatisiert mitmachen und sie quasi abfertigen. So wie ich gestern beim Zahnarzt abgefertigt wurde.

Ein einfaches „Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“ hätte mir gereicht, wenn sie es dann auch gewesen wäre. So wie unsere Kinder mit einem „Ich kläre das kurz, dann bin ich wieder bei Dir.“ besser umgehen können, als mit einer Mutter, die ihnen die Schuhe anziehen will, während sie mit einer Freundin telefoniert.

Es braucht nicht immer viel. Es sind die kleinen versteckten Möglichkeiten im Alltag, die wir nicht nutzen. Viel zu selten nutzen.

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