Heinrich Jacoby

Erkenntnisse der Woche – mein ganz normales Kind

IMG_0793Am Dienstag war ich mit Herrn Klein auf einem Kindergeburtstag hier im Haus eingeladen. Wir waren etwas spät dran, weil ich unterwegs ein paar Fahrradkomplikationen hatte und dazu in starken Regen gekommen war. Die meisten Kinder waren also schon da, als wir ankamen, und Herr Klein tat sich – wie so oft – sehr sehr schwer, sich den Kindern zu nähern. Nun, eigentlich näherte er sich überhaupt kein bisschen den anderen Kindern.

Stattdessen klebte er an mir, wollte stets und ständig auf meinen Schoß oder Arm. Zwei Stunden lang hing er nur an mir, wich nicht von meiner Seite und wagte sich kaum in die Nähe der Kinder. Da ich Frau Klein auch dabei hatte, war das etwas anstrengend. Die anderen Eltern warfen mir hier und da müde Lächeln zu. Und ich begann mal wieder zu zweifeln. Schüchternheit ja. Aber so extrem? Mehr noch diese Verschwiegenheit dabei. Egal was ich sagte, was ich fragte – es kam so gut wie nichts. Er kommunizierte fast ausschließlich durch Nicken oder Kopfschütteln. Oder weinerliches leises Reden. Überhaupt begann er recht schnell zu weinen, wenn etwas war oder ich mich zu weit entfernte.

An diesem Tag fragte ich mich mal wieder aufs Neue „Ist mein Kind normal?“ Ist diese verschwiegene, ängstliche Schüchternheit normal? In dem Alter und der Umgebung, die er doch kennt? Diese scheinbare Unselbständigkeit und Abhängigkeit? Vor allem natürlich in dem direkten Vergleich mit all den anderen Kindern dort, die so viel Spaß zu haben schienen. Ja, er mag hochsensibel sein, aber immer alles nur darauf abzuwälzen, schien mir auch zu einfach. Und wo ist da die Grenze zur Normalität und zum ungesunden Extrem?

Auch auf Twitter begann eine Diskussion darüber und es kamen ein paar Erfahrungsberichte zu Tage, die mich etwas beruhigten. Was mich jedoch immer wieder zwickte waren Aussagen wie „Was ist schon normal?“ und „Wer will schon ein normales Kind?“

Meine Gegenfrage ist: Wer will ein extremes, in eine Richtung unnormal, vielleicht ungesund krankhaftes Kind? Denn was liegt dazwischen? Wo ist die Grenze und wann beginnt das eine, wo hört das andere auf? Normal ist eine Frage der Definition. Für mich ist es eine sehr breite Hängematte. Ich kann mich darin bewegen wie ich mag, kann es mir bequem machen, mich hineinsetzen oder -legen. Kann wild oder leise schaukeln und dabei den Himmel beobachten. Wenn ich mich zu weit auf den Rand hin zubewege wird es unbequem und die Gefahr, dass ich kippe oder rausfalle immer größer. So, wie ich dann auch aus der Norm kippe.

Ich glaube ja, dass wir uns viel öfter „normale“ Kinder wünschen, als wir zugeben. Viel öfter wünschen wir uns, dass sie „normal“ essen, schlafen, spielen oder reden. Viel zu oft fragen wir „Ist das normal?“ und sind besorgt. Sind erst beruhigt, wenn drei andere Eltern sagen „Ja, kenne ich. War bei uns auch so.“ Was ist also so schlimm an normal?

Ist es nicht viel schöner, wenn unsere Kinder normal sein können? Natürlich wünschen wir uns, dass sie sie selbst sind. Individuell und vielleicht auch etwas außergewöhnlich. Aber wer sagt, dass das nicht im Rahmen des Normalen liegt? Und was, wenn sie aus der Norm kippen? Dann werden sie viel zu oft an dem festgemacht, was sie so außergewöhnlich macht. Dann sind die „nicht normalen“ Kinder immer die, die so unnormal laut, wild oder aggressiv sind. Dann sieht man in ihnen längst nicht mehr, was sie eigentlich sein können. Erkennt ihre positiven Besonderheiten nicht mehr. Verdammt dazu, unnormal zu sein. Wer mal einen schlechten Ruf hatte, weiß, was das bedeutet, diesen wieder los zu werden. Und was ist mit denen, die positiv unnormal sind? Die sind dann so besonders einfühlsam, besonders musikalisch oder besonders früh entwickelt. Wollen diese Kinder, dass man in ihnen immer nur diese Besonderheit sieht? Gerade hochbegabte Kinder können ein Lied davon singen, was es heißt, besonders unnormal zu sein. Die wünschen sich, mal in der Masse unterzugehen.

Ich wünsche mir für unsere Kinder, dass sie viel mehr normal sein dürfen. Dass wir als Eltern keine Angst vor dem Normalen haben, sondern offen genug, um darin das Besondere zu sehen. Besondere Momente. Besondere Eigenheiten, die nur hier und da mal auftauchen. Besondere Besonderheiten.

Heute sehe ich diesen Kindergeburtstag aus einem ganz anderen Licht und es ist mir ganz klar, was in Herrn Klein vorging. Ich finde sein Verhalten heute auch viel normaler. Er war müde, er hatte sich auf das Geburtstagskind, aber nicht auf die vielen anderen Kinder gefreut. (das sagte er mir dann später) Er hatte ein Bild gemalt und eine selbst gepflückte Tomate vom Morgen aufgehoben, um sie mit dem Geburtstagskind zu teilen. Das mag für viele nicht normal klingen. Aber ich denke es ist einfach ein besonderes Geschenk an einem ganz normalen Geburtstag.

 

Sind Eure Kinder ganz normal? Oder fragt Ihr Euch auch manchmal, ob sie da nicht etwas unnormal sind? Wann ist das? Was haltet Ihr für nicht so ganz normal?

Flattr this!

Podcast #3 – Hochsensibilität

Bildschirmfoto 2014-04-09 um 21.23.13Nach viel zu langer Pause gibt es endlich mal wieder einen Podcast. Und nicht nur das. Es gibt sogar eine kleine Gesangseinlage von mir! Ha! Das ist für mich eher unglaublich, weil ich eigentlich nicht singen kann und auch nie viel gesungen hab. Aber es überkam mich, und da müsst Ihr also durch.

 

Inhaltlich geht es dieses Mal um das Thema Hochsensibilität. Weil es immer mehr in den Medien auftaucht, weil ich es für sehr wichtig halte, vor allem auch, weil es irgendwie zu einer Modeerscheinung zu werden scheint. Was ich für sehr schade halte. Hier geht es also darum – was ist Hochsensibilität? Wie sind Hochsensible? Dabei erzähle ich ein wenig von mir, wie ich erkannt habe, hochsensibel zu sein und wie ich damit lebe.

Darüber hinaus geht es um das Thema Hochsensibilität bei Kindern. Was es bedeutet und wie man damit umgeht.

download: Podcast Folge 3

Ich hoffe es ist etwas für Euch dabei. Über Feedback, Fragen und Anregungen freue ich mich wie immer hier und auf allen anderen Kanälen.

weiterführende Links zum Thema:
Mit viel Feingefühl – Webseite eines ganz wunderbaren Buches von Ulrike Hensel, einer Hochsensiblen, die Hochsensible coacht.
zart besaitet – Die Seite zum Thema mit Online Test
HSP – Die webseite von Elaine Aaron, der HS Forscherin und Buchautorin. All ihre Bücher empfehle ich auch sehr.

Flattr this!

Latest from Instagram

Copyright © 2018 · Theme by 17th Avenue