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Hausgeplauder :: Manchmal verfluche ich dieses Haus

Es ist Wochenende. Die Zeit, wo wir alle daheim sind. Familienzeit. Zeit, wo ich mal in Ruhe etwas für mich tun kann und der Liepste bei den Kindern bleibt. Zeit, um auch mal ungeplant einfach nichts zu tun. Auf dem Sofa sitzen. Den Tag Tag sein lassen. Aber auch die Tage, an denen der Liepste mal so Sprüche fallen lässt wie: „Am Sonntag geh ich um 10Uhr mit G. noch die Lüftungen in den letzten zwei Wohnungen einstellen.“ Ich kann mich darauf einstellen, dass er ein bis zwei Stunden verschwunden ist. Das kann aber auch passieren, wenn er einfach nur mal in den Keller geht, um „nur schnell was zu holen.“

Es ist Wochenende. Großgruppentreffen steht an. Einmal im Monat ist somit ein Wochenendtag der Gemeinschaft gewidmet. Wir sitzen und hören aktuelle Infos aus den Arbeitsgruppen, wir diskutieren brennende Themen, wir treffen so manche Entscheidung. Die Kinder sind währenddessen in der Kinderbetreuung oder bei uns. Oder hier und da und stets nicht weg und nicht da. „Ich hab mich für die Moderation gemeldet.“ sagt der Liepste und ist somit fix im Projekt, raus aus sämtlichen Familienverpflichtungen. Nicht nur von 10-13Uhr – die Dauer des Treffens. Sondern Tage vorher, während er die Agenda vorbereitet, ab 9Uhr, weil der Flips schreibt und den Raum herrichtet, bis mindestens 14Uhr, weil er mit aufräumen hilft.

Ja, das sind Momente, an denen ich das Haus verfluche. Wenn unser wertvolles Wir in meinen Augen genommen wird. Wenn der Liepste wieder einmal die Zuckungen in der Hand nicht im Zaum halten kann und sie hochschnellen lässt, noch bevor ein Arbeitsauftrag ausgesprochen ist. Wenn am Wochenende schon vor 9Uhr morgens und damit vor meiner Ansprechzeit die ersten Kinder klopfen und sich in unserem Kinderzimmer stapeln.

Letzte Woche hatten wir das Open House und haben in Summe in 9 Führungen ca. 200 Menschen durch unser Haus gelassen. Haben erzählt, wie es entstanden ist, wie wir hier leben und wie alles so funktioniert. „Und ist das wirklich immer alles so harmonisch und schön?“ werden wir oft gefragt. Und sind erstaunt. Natürlich gibt es Baustellen, hier und da zwickt es und quietscht. Aber im Großen und Ganzen haben wir das große Haus mit all seinen Räumlichkeiten und Verantwortungen sehr gut im Griff. Das bedeutet aber auch: Viel Arbeit. Viel Aufgabe von privater Zeit. Nicht selten spontan. Und ja, es bedeutet, dass ich manchmal denke „Dieses Haus macht mich fertig.“

Aber dann

  • sitze ich mittags mit Miniklein in der Wohnung einer Nachbarin, die heute mit Kochen dran ist und genieße ein warmes Mittagessen an gedecktem Tisch mit anderen lieben Nachbarinnen und deren Kindern.
  • bekomme ich auf dem Heimweg aus dem Urlaub die Nachricht: „Zur Info: Morgen ist Grillen angesetzt. Gehe jetzt einkaufen, soll ich Euch was mitbringen?“
  • kann ich das fiebernde Kind bei einer Nachbarin lassen, während ich das große Kind vom Fußball abhole.
  • kann ich am Samstag mittendrin für eine ruhige Stunde Yoga und Meditation in unseren Meditationsraum am Dach gehen und in Stille und Abgeschiedenheit die Ruhe auftanken, die mir seit Tagen fehlt.
  • kann ich mit dem Liepsten in die Oper gehen und eine Nachbarin als Babysitterin engagieren, mit der noch ein Glas Wein trinken beim Heimkommen.
  • kann ich bei plötzlichem Wintereinbruch auf die Tafel im Foyer schreiben: Hat wer Schlittschuhe in Größe 41 und 44? und eine Stunde später Eislaufen gehen.
  • kann ich in den Ferien mal ein Kind mehr mit Baden nehmen, dafür mal eins woanders mit Baden schicken.
  • kann ich – wenn mir die Decke auf den Kopf fällt – immer einen Ort finden, an dem sie höher hängt
  • ist so eine Arbeitsgruppensitzung, die ich im Vorfeld verflucht habe, unterhaltsam, witzig und bereichernd.

Dann fallen mir so viele verschiedene „Wohnprojekt Momente“ ein, die all die anderen Momente, an denen mir der Liepste oder Zeit mit ihm, mit der Familie, Zeit für mich oder überhaupt Zeit geraubt wird, dankbar hingeben. Dann fühle ich mich so reich beschenkt dafür, dass ich in diesem Haus wohne. Viele sagen, das wäre für sie nichts. Und ich verstehe das auch. Man muss es wirklich wollen. Und man muss bereit sein, dafür zu geben. Und auch mal zu fluchen. Aber ich für meinen Teil kann sagen: Es ist all das tausendmal wert. Die Lebensqualität, die ich hier lebe, kann und will ich in meiner derzeitigen Lebenslage nicht missen.

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Hausgeplauder :: Siebenstockdorf – ein Buch über unser Haus. Mit Verlosung!

Jetzt ist alles raus. Alles gesagt. Auweia. Jetzt wissen alle Bescheid. Denn jetzt gibt es ein Buch über unser Haus. Darüber, wie alles begann, wie alles entstand, wie aufregend alles war, wie wir hier leben, wie wir entscheiden, wie wir diskutieren und streiten, was wir tun. Jawohl, jetzt ist es raus.

Meine Nachbarin Barbara Nothegger hat im letzten Jahr ein Buch geschrieben. Sie erzählt darin aus ihrer Sicht wie es sich hier so lebt im Haus. Sie erzählt, wie alles begann. Und das tut sie einerseits sachlich fundiert , andererseits humorvoll und echt. So, wie das Leben eben ist hier im Haus.

„Welche Uni besuchen? Welche Karriere verfolgen? Wen heiraten? Alles wichtige Fragen – aber keine so bedeutend wie die wichtigste Entscheidung, die du jemals zu treffen hast: wo du leben sollst.“
– Richard Florida, Who’s your city?

Barbara beginnt die Erzählung vor 5 Jahren, in dem Moment, als sie schwanger wird. Und sie sich fragt, wie und wo sie mit ihrer Familie dann leben will. Was ist wichtig? Wo und wie soll ein Kind aufwachsen?

Es gibt Momente im Leben, in denen die großen Fragen auftauchen. Jahrelang leben wir dahin, ohne uns näher Gedanken über das Wie, Wo und Warum zu machen. Wir richten uns ein, arrangieren uns mit den Gegebenheiten. Die Erfüllung der Träume, die wir irgendwann mal vom Leben hatten, verschieben wir auf später. Und dann, ganz unvorbereitet, passiert es: Das Leben klopft plötzlich an die Tür und will wissen, wie es weitergehen soll.

Auf ihrer Suche stößt sie auf das Wohnprojekt Wien, sie bewirbt sich und wird mit ihrer Familie Teil dieser Gemeinschaft, in der wir nun seit 3 Jahren leben. Die wir vor mehr als 7 Jahren begonnen haben aufzubauen, zu planen, zu überdenken, zu vertiefen. In einem Haus, in dem wir sämtliche Entscheidungen von der Fassade bis hin zu den Türklinken (oder Türknäufen?) gemeinsam getroffen haben.

Im Buch hat sie nun all das aufgeschrieben, auch die Gedanken, die manchmal nicht so leicht sind zu ertragen, in diesem Haus, in dem es so oft nach Fröhlichkeit und Leichtigkeit aussieht.

Das erste Jahr im Haus hat mir diese Fülle an neuen Gefühlen gebracht. Nähe, Distanz, Ausschluss, Abgrenzung. Alles durcheinander und gleichzeitig.

Denn nein, wir tanzen nicht von früh bis spät im Kreis und haben uns alle lieb. Hier geht es auch mal rund. Aber eine Gemeinschaft ist eben auch ein Haufen Vielfalt mit vielfältigen Gedanken und Meinungen. Diese unter ein Dach zu bringen, auf 7 Stockwerke aufgeteilt, ist eine große Herausforderung. Aber eine, der wir uns gern stellen. Und Barbara hat es, wie ich finde, geschafft, diese Gemeinschaft ganz wunderbar in Worte zu fassen. Authentisch, ehrlich und echt.

Am 6.4.2017 wird Barbara das im Residenzverlag erschienene Buch „Siebenstockdorf – Wohnexperimente für eine bessere Zukunft“ in unserem Haus, in diesem Siebenstockdorf vorstellen. Erhältlich ist das Buch bereits in allen Buchhandlungen.

Und Ihr könnt jetzt hier ein signiertes Exemplar gewinnen. Alles, was Ihr dafür tun müsst, ist in den Kommentaren erzählen: Welche Frage brennt Euch bei dem Gedanken an ein gemeinschaftliches Leben auf den Lippen? Was sind Eure Zweifel? Was wären Eure Wünsche? Was könnt Ihr Euch so gar nicht vorstellen? Oder wie stellt Ihr Euch das Leben hier so vor? Erzählt! Und ich werde in den nächsten Hausgeplaudern dazu ein bisschen was schreiben.

Buchvorstellung: 6.4.2017, 19Uhr, Krakauer Straße 19, 1020 Wien

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Hausgeplauder I Bitte nicht ansprechen.

IMG_5001Vor einer Weile war ich an einem Samstag allein auf dem Weg zu einem Workshop. Der Morgen verlief samstäglich chaotisch, ich war ein wenig spät dran und wollte nichts als davon. Gedanklich war ich schon im Workshop, körperlich hing mir noch eines der Kinder am Bein. Und die Laune war entsprechend.

Und so stand ich endlich vor dem Lift und hielt den Finger über dem Rufknopf. ‚Nein‘, dachte ich. ‚Ich lauf lieber die Stiegen runter, das geht schneller.‘ In dem Moment hörte ich ein paar Stiegen weiter unten eine vertraute Stimme mit jemandem Reden. Auf Begegnung hatte ich im Moment keine Lust. Überhaupt keine Lust. Ich war nicht in Stimmung für Smalltalk oder bereit zu erklären, wohin ich unterwegs war. Außerdem musste ich wirklich los. Also drückte ich doch den Liftknopf. In eben diesem Moment hörte ich ein oder zwei Etagen tiefer Menschen samstäglich redend in den Lift steigen. Das nun noch. Natürlich. Will ich einmal ungesehen, unredsam und schnell aus dem Haus! Blieb mir nur zu wählen, welche Begegnung mir von beiden nun am unliebsamsten war. Denn aus dem Fenster springen konnte ich nicht.

Und so sauste ich doch die Stiegen hinab, konnte ja so der Begegnung dort noch schnell mit dem Satz „Bin spät drahan!“ ausweichen und mich wieder meiner Unredsamkeit widmen. Und der komischen Laune, die in mir schlummerte.

Ja, auch das ist das Leben im Wohnprojekt. Es ist nicht immer leicht, sich den eigenen Rückzug zuzugestehen, aber manchmal ist es noch schwieriger, ihn auch wirklich leben zu können. In Ruhe sein zu können und in Ruhe gelassen werden.

Aber auch das ist in Ordnung. Das sind Tage. Momente. Augenblicke. Und dann kommen wieder Tage, an denen man den letzten Rest Müll in der Wohnung zusammenfegt, um sich selbst einen Gang zum Müllraum zu rechtfertigen. Und so vielleicht einem Menschen und einem kleinen Gespräch zu begegnen. Im Übrigen ist es hier wahrscheinlicher, dass man durch ein stilles Stiegenhaus steigt und niemanden trifft. Das wiederum hat Murphy zu verantworten.

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