Donnerstagsrealitäten :: Grenzüberschreitungen

Gestern im mbsr Kurs ging es um das Thema Grenzen. Körperliche Grenzen aber auch empfundene Grenzen. Wann tut etwas weh, wann tut mir etwas nicht gut? Wann stresst mich etwas und wie gehe ich damit um?

Mir ist dabei aufgefallen, dass ich sehr häufig erst dann zufrieden bin, wenn ich über meine Grenzen hinausgehe. Yoga muss in allen Körperteilen ziehen. Laufen muss totale Erschöpfung und Muskelkater mit sich bringen. Und ein Tag war ein guter Tag, wenn ich 67 ToDos abgehakt habe. Das alles hat mich sehr erschreckt, denn hier überschreite ich Grenzen, die ich mir selbst auferlege. Das ist fatal. Denn immerhin haben wir vor allem als Mutter sehr viele Grenzüberschreitungen im Alltag. Wir können nicht immer sofort aufs WC, wenn wir müssen. Und wenn, dann nicht immer allein. Wir können nicht in Ruhe duschen, wenn uns danach ist, sondern wenn es sich einrichten lässt. Wir können nicht in Ruhe essen, wenn daneben immer wieder jemand nach uns verlangt. Wenn wir stillen geben wir viel von uns, aber das auch selbst wieder aufzutanken, dazu kommen wir nicht immer ausreichend. Wir vergessen zu trinken, vom Schlafmangel ganz zu schweigen. Wir arbeiten abends noch weit über unsere Müdigkeitsgrenze hinaus. Und körperliche Nähe wird oft auch mehr eingefordert, als wir geben wollen würden. Weil auch das seine Grenzen hat – mir zumindest geht das oft so.

Und dann gehe ich dann, wenn es meine eigene Entscheidung ist, auch noch über meine Grenze hinaus. Eigentlich ziemlich blöd. Und deshalb möchte ich da nun mehr drauf achten. Heute habe ich gemerkt, wie schwierig das ist. Denn so ein Tag nimmt schnell seinen Lauf und schubst uns ganz unbewusst hier und da über unsere Grenzen hinaus.

Nach dem Kindergarten waren wir auf dem Spielplatz, dort tauchte dann auch Herr Klein auf mit seiner Klasse. Praktisch, ersparte mir den Weg zur Schule. Also blieben wir dort hängen. Irgendwann merkte ich, dass ein WC bald mal praktisch wäre, also erklärte ich den Kindern, wir müssten gehen. Sie waren mässig begeistert. Als wir vom Spielplatz wegkamen, merkte ich, wie sehr mich der Lärm dort angestrengt hatte. Der Weg geht dann kurz eine große Straße entlang und der Straßenlärm kam mir heute unerträglich vor. Ich war definitiv zu lange am Spielplatz, meine Nerven waren dünn und angespannt. Also nichts wie heim. Leider musste ich noch zum Supermarkt, eine Einkaufstour begleitet von Fluchen und Schimpfen. Die Gänge zu eng, man findet nichts, an der Kassa zu viel los und überall steht lästige Werbung und Süßkram, den die Kinder wollen. Halleluja. Die Kinder waren selbst auch total durch, jammerten und konnten nicht mehr gehen. Auch ihre Grenzen sind oft überschritten, wenn sie nach einer Kindergarten- und Schulwoche noch so viel mit anderen Kindern am Spielplatz umhertoben. Ruhepausen sind wichtig. Genau die sind hier im Hause rar. Kaum daheim warten schon die ersten Spielgefährten und klopfen an die Tür. Herr Klein sagte mir, er wolle heute mit niemandem spielen. Aber das schafft er nicht, wenn die Freunde dann vor der Tür stehen. Und so geht auch er regelmässig über seine Grenzen hinaus. Da braucht es noch etwas Führung von uns, deshalb habe ich das Abendprogramm früher eingeläutet und alle Kinder etwas zeitiger heimgeschickt.

Miniklein ist dann am Esstisch schon halb eingeschlafen – auch seine Grenze weit überschritten durch die Umstellung von zwei auf einen Tagschlaf.

Nun sitzen wir noch auf dem Sofa herum, Herr Klein malt, Frau Klein schaut Bücher an. Entspannungspause, bevor Zähneputzen und Umziehen anstehen. Ich spüre obendrein den Drang aufzuräumen, denn unordnungsmässig ist auch meine Grenze mal wieder überschritten. Ach und getrunken habe ich natürlich auch viel zu wenig heute. Und das bei 28Grad Außentemperatur.

Ich will nun versuchen am Abend öfter mal meinen Umgang mit meinen Grenzen zu reflektieren. Denn es hat mich wirklich erschreckt, wie ich bisher damit umgegangen bin. Und wie oft ich sie automatisch einfach so überschreite.

Schön, was dieser mbsr Kurs alles so bewirkt und beleuchtet.

Wie geht es Euch mit Euren Grenzen? Überschreitet Ihr sie sehr oft? Spürt Ihr das, oder passiert das auch so unbewusst? Wie geht Ihr damit um?

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Das muss er doch lernen. Da muss er durch.

IMG_9078Nicht alles haben können. Teilen. Warten. Ein- und durchschlafen. Grüßen. Bedanken. Leise sein. Ruhig sein. Brav sein. Empathie. Die Klobenutzung. All diese und viele andere Dinge muss ein Kind doch lernen.
Zumindest ist das oft die weitreichende Meinung. 

Zweifelsohne müssen Kinder gewisse Dinge lernen. Vielmehr wollen sie diese Dinge lernen. Was wir als Erwachsene lernen müssen, ist, ihnen zu vertrauen. Denn zwischen „Das muss er lernen.“ und „Das muss er lernen.“ liegen Welten. Große, weite Welten.

Kinder lernen von früh bis spät. Sie lernen beim Aufstehen, dass Mama morgens anders tickt als Papa. Sie lernen, dass der Lieblingskäse mal aus ist. Und sie lernen, dass sie die festen Schuhe anziehen müssen, weil es regnet, obwohl sie die Sandalen wollen. Sie lernen beim Spielen unterschiedliche Farben, Formen, Materialien, auch, wenn ich das nicht bewusst fördere. Sie lernen beim Mittagessen heiß und kalt zu spüren und unterschiedliche Geschmäcker. Nachmittags auf dem Spielplatz lernen sie das Teilen oder Nichtteilen und dessen dazugehörige Gemütszustände. Im Supermarkt lernen sie das Habenwollen und nicht alles haben Können. Auf dem Heimweg lernen sie das schnelle Laufenwollen und Nochnichtkönnen, Sie Lernen Hinfallen und Schmerzen – die Schwerkraft und ihre Folgen. Am Abend erfahren sie Müdigkeit und ihre Facetten.

All das und vieles mehr lernen sie Tag für Tag. Jeden Tag. Immer wieder neu.

Wir können uns nun hinstellen, und immer wieder betonen, dass das nun der Lauf der Dinge ist, das Leben, und man dieses und jenes eben lernen muss. Eine schmerzhafte Impfung. Dass Mama kurz allein aufs Klo will. Da muss er durch. Nur stelle ich mich als Erwachsener dabei drei Stufen über die Gefühle des Kindes. Und fahre brachial mit der Eisenbahn darüber hinweg. Ja, das ist das Leben. Doch anstatt das zu betonen, kann ich vermitteln: Das ist schwer. Das tut weh. Das ist unangenehm. Es macht wütend. Traurig. Manchmal Angst. Der Lerneffekt bleibt der Gleiche. Vielmehr noch: Er wird intensiver. Weil die Gefühle eben wahr- und ernstgenommen werden. Weil eine Situation viel intensiver erlebt wird. Weil sich liebevoller, sicherer Halt auf eine Lernerfahrung positiv auswirkt.

Häufig spielen Angst und Unsicherheit beim Erwachsenen mit. Angst, dem Kind nicht rechtzeitig genügend zu vermitteln. Egal ob Wissen, Sozialverhalten, Wahrnehmung. Nicht genug auf das Leben da draußen vorzubereiten. Also berufen wir uns auf ein „Das muss er doch lernen.“ Und dann lehren wir das Teilen. Dann forcieren wir ein „Hallo“ oder „Danke“. Dann wischen wir ein vermeintlich kleines Aua mit einem „Das is ja nix, is gleich vorbei.“ weg und glauben, so lerne er Aufzupassen.

Aber dieses Lehren, dieses überfahrende Abwinken unter dem Deckmantel des Lerneffekts, ist schmerzhafter als ein geklemmter Zeh. Natürlich muss man durch einen gebrochenen Arm durch. Auch durch eine kurze Trennung von der Mama oder die vom Papa verweigerte Schokolade. Durch die vielen Geschenke beim Geburtstag des jüngeren Bruders, die dem älteren nicht gehören. Aber mit liebevoller Begleitung ist es nicht mehr so ein „Durchkommenmüssen“ sondern ein Hindurchbegleitetwerden und dabei erfahren, wie es sich wirklich anfühlt. Ein Gestärktwerden für weitere solcher Erfahrungen. Ein gemeinsames Lernen von Strategien und Möglichkeiten, die Situationen angenehmer zu durchleben. Ist es nicht das, was wir uns für unsere Kinder wünschen?

Ich wünsche mir dazu mehr Vertrauen in die Kinder. In ihre Aufmerksamkeit und Beobachtung des Lebens, in ihr Bestreben danach, so sein zu wollen wie wir und unser Verhalten zu Imitieren. Darin, dass sie von und mit uns lernen. Denn dann lernen sie, wann wir Bitte oder Danke sagen, Hallo oder Tschüß. Sie lernen um etwas zu bitten, statt wegzunehmen. Sie lernen ihren Körper und ihre Wahrnehmung kennen und ihre Grenzen ernst zu nehmen. Sie lernen mit Schmerz und Wut umzugehen. Sie lernen uns zu vertrauen. Und sich selbst. Und das ist die beste Vorbereitung auf dieses Leben da draußen. Auf die große, weite Welt.

 

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Freudvolles Zähneputzen

zahnHerr Klein war heute beim Zahnarzt. Zum ersten Mal überhaupt. Das mag für manche recht spät erscheinen, vor allem gemessen an der Tatsache, dass die Zähne nicht nur alle schon da sind, sondern sich bereits wacklig wieder auf den Auszug vorbereiten. Aber Herr Klein hatte bis vor einem halben Jahr eine unglaubliche Arztphobie und war bis dahin genug weißen Kitteln begegnet, dass ich ihm das nicht auch noch antun wollte.

 
Heute aber war es soweit und das Ergebnis war durchweg positiv. Seine Zähne sind gut, es gibt keinen Handlungsbedarf und die wackligen werden noch eine Weile bleiben, weil sie noch sehr lange Wurzeln haben. Auch das Daumenthema hat sie angesprochen, da man bereits eine leichte Fehlstellung vorn sieht, die aber noch nicht bedenklich ist. Sie meinte, man könnte das Thema dann einmal angehen. Ohne Stress. Das hat mir sehr gefallen.

Was mich aber besonders freute, war die Tatsache, dass Herr Klein gute Zähne hat. Denn wir haben ihm nie die Zähne geputzt. Jedenfalls nie auf Druck, nie durch Machtkämpfe oder Zwang. Er hat sich vom ersten Zahn an seine Zähne selbst geputzt.

Das Zahnputzthema ist immer wieder ein großes, weil viele Eltern aus der Angst und Verantwortung heraus hier besonders akribisch sind. Sie wollen natürlich, dass ihre Kinder gesunde Zähne haben und beim Zahnarzt nicht leiden müssen. Abgesehen davon ist eine gesunde Zahnhygiene auch eine Grundlage für das Gesamtwohlbefinden des Körpers.

Ich fand den Gedanken jedoch, meinem Kind mit der Bürste von außen durch den Mund zu fahren, vor allem, wenn es sich dagegen wehrt, immer abstoßend. Und unnötig.

Zähneputzen ist auch Vorbildsache
Anfangs hat sich der Liepste immer mit Herrn Klein gemeinsam die Zähne geputzt, auch wenn er selbst noch gar nicht ins Bett gehen wollte anschließend. Weil sich die Kinder das natürlich von uns abschauen, weil sie das machen wollen, was wir tun und wie wir das tun. Auch heute putzen wir morgens noch gemeinsam die Zähne, abends putzen wir nicht mehr mit, sind aber noch dabei.

Zahnen tut weh
Solange ein Kind noch nicht alle Zähne hat, wissen wir nicht genau, welche Zähne gerade wo einschießen oder dabei sind durchzubrechen. Das ist ein schmerzhafter, unangenehmer Prozess, den wir alle durch schlaflose Nächte oder unrunde Tage kennen. Wenn wir uns vorstellen, wie es uns beim Zähneputzen geht, wenn wir eine Blase im Mund haben oder Zahnschmerzen, so können wir vielleicht nachvollziehen, wie es unseren Kindern geht, wenn wir ihnen die Zähne putzen, während sie zahnen.

Fremdkörper im Mund
Der Mund ist ein äußerst sensibler Bereich, die Schleimhäute sind sehr empfindlich. Es ist sehr sehr schwer hier ohne zu verletzen bei jemandem anderen im Mund herumzufahren. Vor allem bei Kindern, die nicht unbedingt still halten. Wie weit eine Zahnbürste in den Mund hinein kann, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Welcher Druck aufs Zahnfleisch gut tut, ebenfalls. Es gibt Experimente in Elternkursen, in denen sich Paare gegenseitig die Zähne putzen sollen. Sie sind dann oft entsetzt, wie schmerzhaft das ist, wie anders sich das anfühlt, wenn jemand anderer mit diesem Fremdkörper im eigenen Mund herumfährt.

Ich selbst habe eine große Zahnarztphobie und eine enorme Abneigung gegen Zahnpasta. Ich akzeptiere nur wenige Sorten und die auch nur in Maßen. Ich ertrage die Zahnbürste nur bis zu einem gewissen Punkt im Mund und nicht weiter. In der Schwangerschaft habe ich beim Zähneputzen oft würgen müssen. Vielleicht fällt es mir deshalb so leicht, mich auf die kindlichen Empfindungen einzulassen. Weil meine für viele Menschen auch so kindisch erscheinen.

Fragen statt Machen
Als Herr Klein dann älter wurde und mehr und mehr Zähne hatte, vor allem Backenzähne, die Zahnbürste jedoch nur ansatzweise die Lippen berührt hatte und dann zurück ins Waschbecken flog, habe ich manchmal gefragt, ob ich sie ihm nachputzen dürfe. Manchmal sagte er nein, manchmal ja. Ich folgte den Antworten entsprechend. Das führte dazu, dass er hin und wieder selbst vom Bad durch die Wohnung geflitzt kam und fragte, ob ich ihm die Zähne nachputzen könnte. Dabei war ich sehr vorsichtig und hörte sofort auf, wenn er sagte, es sei genug.

Gesundes Essen und Naturjoghurt
Natürlich hilft es auch, bei der Ernährung darauf zu achten, dass nicht allzu viele Süßstoffe an die Zähne gelangen. Und dass es nach dem Zähneputzen wirklich nichts mehr gibt. Weder fest noch flüssig. Im Kinderheim Loczy, das Emmi Pikler leitete, hat man den Kindern in den ersten drei Lebensjahren abends nur Naturjoghurt gegeben vor dem Schlafengehen. Die Zähne wurden erst geputzt, als die Kinder die motorische Fähigkeit dazu besaßen.

Heute hat Herr Klein eine elektrische Zahnbürste, mit der er selbst putzt. Wenn er ganz müde ist, müssen wir das für ihn tun. Es gibt fast nie den Unwillen oder ein Drama.
Der Liepste hatte hin und wieder Bedenken, dass Herr Klein die Zähne nicht gründlich genug putzt, doch jedesmal, wenn er dann begann Druck auszuüben, kam es zu einer Verweigerung oder wirklich hartnäckigen Unwillen.

Zähneputzen ist wichtig, daran zweifle ich nicht und das sehe ich an meinen eigenen Zähnen. Aber wenn es zu Machtkämpfen im Bad führt, dann zielen sie in die falsche Richtung ab. Dann entsteht ein Unwille, eine starke Abneigung gegen das Zähneputzen an sich. Die dazu führen kann, dass die Kinder, wenn man sie dann endlich sich selbst überlässt, dank dieser Freiheit, nicht mehr gründlich putzen.

Darüber hinaus haben wir nur bedingt Einfluss auf den Zustand der Zähne. Zahnsubstanz und Zahnstellung sind auch Erbsache. Es gibt Menschen, die sich nur unregelmässig und wenig die Zähne putzen, und dennoch keine Probleme haben. Es gibt die, die immer brav drei Minuten putzen, die regelmässig Geld für eine Mundhygiene ausgeben und dennoch kariöses Zahngut haben. Es liegt nicht nur an uns selbst und schon gar nicht nur an uns Eltern. Es liegt jedoch an uns unseren Kindern eine gute und gesunde Einstellung zu ihrem Körper zu ermöglichen. Und das geschieht nicht durch das Bestehen auf eigenmächtiger Zahnputzerei im Mund unseres Kindes, sondern durch eine gute Vorbildwirkung, durch die Vermittlung der Notwendigkeit einer guten Zahnhygiene und durch das Respektieren der Grenzen, die sie uns im Bezug auf ihren Körper aufweisen.

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