Die eigenen Kinder spüren und ernst nehmen

Seitdem die Spielplatz- und Draußensaison in vollem Gange ist, begegne ich auch wieder mehr anderen Eltern und Müttern. Dabei fällt mir in letzter Zeit vermehrt auf, wie wenig Eltern sich in ihre Kinder einfühlen, sich auf sie einlassen und ihren Bedürfnissen nachgehen. Dabei weiß ich oft nicht, ob sie es nicht so recht können oder nicht so recht wollen.

Nur führt dieses Nichteinfühlen, dieses permanente Ignorieren oder gar Nichterkennen von den eigentlichen Bedürfnissen langfristig dazu, dass Kinder ihre Bedürfnisse noch vehementer einfordern oder irgendwann aufgeben und verlernen sich selbst zu spüren. Beides halte ich für sehr dramatisch und es macht mich wütend und traurig zugleich. Warum aber ist es so, dass Eltern sich so wenig in ihre Kinder einfühlen können?

Unsicherheit
Eltern sind – das erkenne ich immer wieder – vor allem in der Umgebung anderer Eltern verunsichert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Mütter am Spielplatz gar nicht sie selbst sind. Sie fühlen sich beobachtet und womöglich spricht dauernd eine Stimme aus einer Facebookgruppe, aus Twitter oder aus einem Elternforum zu ihnen. Sie sind im Zwiespalt zwischen ihrem Bauchgefühl und dem, was „die anderen“ sagen.

Angst zu verwöhnen
Vielleicht ist das noch immer ein großer Motivator für die eigene Zurückhaltung. Ich kann doch nicht sofort reagieren. Wo führt das hin, wenn ich bei jedem Piep antworte und meinem Kind jeden Wunsch erfülle? Da schreit das Kind und streckt die Arme hoch, beugt sich der Mama entgegen und die feuert es noch immer an, weiter zu probieren und zu üben.

Leistungsdruck und Vergleiche
Immer wieder schauen Eltern als erstes auf das, was die anderen Kinder schon können. Der nächste Entwicklungsschritt, der ihnen bevorsteht. Egal, was das eigene Kind schon kann und beherrscht, was es ausmacht, was an ihm besonders ist. Umgeben von anderen zählt nur, was als nächstes kommt und wann. Wir sind so getrieben von der Leistungsgesellschaft, dass wir unserem Kind keine Ruhe und keine Zeit lassen, sich ganz im eigenen Tempo zu entwickeln. Natürlich ist das manchmal schwierig, aber anstatt solche schwierigen Phasen mit Worten der Liebe und Zuneigung zu begleiten, wird angefeuert, erklärt und im schlimmsten Fall nachgeholfen. Und in all diesem Vorankommenwollen (der Eltern, mehr denn der Kinder) werden die Bedürfnisse, die das Kind dazwischen äußert übersehen oder schlichtweg ignoriert. Denn dazwischen lauern Erschöpfung, Müdigkeit, das Bedürfnis nach Nähe und dem Mitteilen der Erfahrungen, die es gerade macht. Wenn wir dabei immer nur davon reden, wann es denn nun bald schon und wie nahe es schon dran ist dieses und jenes zu schaffen, verpassen wir die emotionalen Zwischenschritte, die ein Kind macht, während es sich permanent weiterentwickelt.

fehlende Selbstwahrnehmung
Manchmal möchte ich eine Mutter gern an der Hand nehmen und sie fragen, was mir ihr selbst gerade los ist, dass sie so wenig auf ihr Kind eingeht, so wenig ihr Kind spürt. Denn häufig spüren diese Eltern sich selbst nur sehr wenig. Vielleicht wurden sie als Kinder ebenfalls wenig wahrgenommen, vielleicht sind ihre Eltern wenig auf sie eingegangen. Dann haben sie das nie gelernt, wieder verlernt und kennen diese breiten Facetten an Gefühlen und Emotionen gar nicht, die ein Kind äußern kann, äußert und beachtet haben möchte. Überlegt doch selbst einmal, wenn euch jemand fragt, welche Gefühle gerade in Euch sind: habt Ihr darauf eine Antwort ? Und wie viele Gefühle kennt Ihr überhaupt abgesehen von Wut, Ärger, Neid und Liebe? Die Palette ist breit, aber wenn wir uns selbst so wenig spüren, vielleicht auch, weil wir so oft über unsere eigenen Grenzen gehen und gar nicht mehr wissen, was eigentlich persönliche Grenze ist und was „halt eben so und nicht anders geht“, dann können wir natürlich auch unsere eigenen Kinder wenig spüren und ihnen wenig einfühlsam begegnen.

Desinteresse
Naja, und leider ist auch das ein Punkt, den ich immer wieder beobachte. Das Desinteresse am eigenen Kind. Das Handy ist wichtiger, wir sind versunken in einer anderen Welt. Versteht mich nicht falsch – wir alle haben solche Tage und sind mit dem Kopf ganz woanders. Wir freuen uns, wenn das Kind am Spielplatz selig spielt und wir eine Pause haben. Aber man spürt eben auch, ob Eltern prinzipiell wenig Interesse an dem, was ihr Kind tut und äußert, zeigen oder ob sie einfach einen schlechten Tag haben.

Es ist natürlich nicht immer leicht das eigene Kind zu spüren, seine Bedürfnisse zu erkennen und wahrzunehmen. Wir müssen auch gar nicht auf jedes Bedürfnis so eingehen, dass wir jeden Wunsch jederzeit erfüllen. Ein „Ich sehe, das macht dich wütend, aber es gibt jetzt kein Eis.“ ist auch ein Eingehen auf ein Bedürfnis oder Wunsch, auf ein Gefühl oder vielmehr Gefühlsausbruch, ohne dass wir hier „nachgeben“.

So lange die Kinder noch nicht reden können, ist es natürlich immer eine Herausforderung, jammern und weinen bis hin zum schreien sind nicht immer gut auszuhalten. Aber Ablenken, Ignorieren oder Zurückschimpfen signalisieren dem Kind: Was du eigentlich willst, ist falsch.

Was aber kann man tun, damit man das eigene Kind besser erkennen und wahrnehmen kann? Dass man sich besser einfühlen kann?

Zeit nehmen und Beobachten
Es klingt so banal und es ist so banal. Nehmen wir uns Zeit für unsere Kinder. Nicht von früh bis spät bis zur Erschöpfung, nicht wie ein Alleinunterhalter am Spielplatz, der wir nicht sind. Eine Stunde qualitative Zeit mit dem Kind. Eine Stunde ohne Handy, ohne Arbeit, ohne Haushalt ohne ohne ohne… Und dann fragt Euch „Was macht mein Kind? Was beschäftigt es gerade? Wo schafft es alles? Was interessiert es im Moment?“ Seid offen für das, was Euer Kind Euch zeigen und mitteilen will. Durch das Beobachten lernen wir unser Kind besser kennen. Und damit meine ich kein Bespielen, kein „Komm machen wir jetzt…“, keine Ausflüge oder Playdates mit anderen Müttern. All das kann auch Zeit haben und möglich sein, aber wenn es um qualitative Zeit geht, so sollte die möglichst fokussiert sein. Und je mehr wir uns so dem Kind zuwenden, umso besser verstehen wir ihre Kommunikation. Apropos…

Kommunizieren
Die Kommunikation mit Kindern ist ein großes Thema. Kleinkindern werden oft die Sätze in den Mund gelegt. Da werden Annahmen getroffen und von denen aus weitergegangen. Selten wird Kindern gesagt, was gerade passiert, was war und was mit ihnen geschehen wird. Es wird ihnen nicht vermittelt, wo sie sich gestoßen haben, dass sie gerade traurig oder frustriert sind, dass es sie ärgert, weil sie noch nicht auf das Klettergerüst hinaufkommen. „Da bist du noch zu klein.“ und schon gehts weiter zur Schaukel. Nehmen wir uns Zeit für Kommunikation und geben wir den Gefühlen und Bedürfnissen der Kinder Wörter. Das hilft nicht nur uns selbst besser zu verstehen, sondern auch den Kindern, sich selbst besser kennenzulernen.

ernst nehmen
Die Gefühle der Kinder sind so echt und ernst wie unsere eigenen. So, wie wir uns wünschen von unseren Partnern, Eltern, Freunden und sonstigen Menschen, mit denen wir uns umgeben, ernst genommen zu werden, so sollten wir das auch mit unseren Kindern tun. Denn was sie äußern, ist da, das spüren sie. Sie sind sogar häufig besser darin zu äußern, was in ihnen ist. Wenn wir darauf nicht oder immer wieder unzureichend eingehen, dann verlernen sie auf das zu hören, was sie bewegt. Und das ist ein fataler Verlust, den wir selbst oft erlebt haben und der uns häufig daran hindert, wir selbst zu sein.

Selbstachtsamkeit
Wenn wir gut auf uns schauen und uns immer wieder fragen: Wie geht es mir? Was brauche ich gerade? Was ist los in mir? Was bewegt und beschäftigt mich im Moment?“, dann lernen auch wir selbst uns besser kennen und nehmen uns besser wahr. Wir entdecken die vielen Facetten an Gefühlen, die in uns leben und sich regen, die möglich sind. Die können uns helfen auch zu verstehen, wie es unseren Kindern in so mancher Situation geht. Vielleicht ist es nicht mein Kind, das heute einen schlechten Tag hat, weil die Nacht so schlecht war – vielleicht bin ich es? Vielleicht ist es aber auch mein Kind, das heute überreizt ist, weil wir den ganzen Tag in der Stadt unterwegs waren?

Nein, auch mir gelingt es nicht immer die Bedürfnisse meiner Kinder zu erkennen und ihnen ausreichend nachzukommen. Es ist nicht immer leicht und fordert uns an allen Ecken und Enden. Aber wenn wir es gar nicht erst versuchen, weil wir glauben zu verwöhnen, weil wir meinen motivieren und antreiben zu müssen, weil wir glauben zu wissen oder weil die anderen da draußen doch auch immer… dann verlieren wir nach und nach den Kontakt zu uns selbst und zu unseren Kindern. Und damit auch die Fähigkeit, zumindest darüber nachzudenken und zu reflektieren, was vielleicht mal nicht so gut gelaufen ist. Und dann ist es auch egal, welchen Stilen und Trends wir folgen, wenn wir mit unserem Kind in einem Bett schlafen, es viel tragen und dann doch nicht auf sein Weinen eingehen, wenn es seine Verzweiflung äußert, weil die Bewegungsentwicklung manchmal einfach frustrierend ist, dann ist das nicht ganzheitlich einfühlsam. Dann fehlt ein Eck im großen bunten Kuchen der Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Wichtig ist, dass wir unser eigenes Kind sehen und lesen lernen. Und das geht nur, indem wir uns ihm immer wieder liebevoll und offen zuwenden, uns Zeit nehmen zu beobachten und mit ihm von Anfang an kommunizieren. 

 

 

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5 Wege mit dem Gefühl des Neids umzugehen

Neid ist ein furchtbar unbrauchbar und unnötiges gelbes Gefühl. Dennoch schlägt es immer wieder zu. Meist ganz unverhofft und ohne Voranmeldung. Was seine Wirkung natürlich verstärkt. Auch mich überkommt immer wieder dieses Gefühl. Das Internet hilft dabei sehr – es zeigt mir sehr oft Menschen, die etwas haben, was ich gern hätte, etwas tun, was ich so gern tun oder gern können würde. Und dann werde ich furchtbar unruhig. Meine heile Welt, in der ich mich eben noch befand, bröckelt und bröselt, es wackelt alles, wie bei einem Erdbeben und wenn ich Pech habe und nicht aufpasse, dann bricht das Haus über mir zusammen und Schutt und Geröll lagern schwer und unsanft auf mir. Mein Leben. 

Klar, da sind die Blogger*innen mit so viel mehr Followerzahlen. Da sind die Kursleiter*innen mit ausgebuchten Kursen. Da sind die Autor*innen mit ihren veröffentlichten Büchern. Da sind die Kreativen mit ihren unfassbar schönen Werken. Und ach, wer da nicht alles auftaucht und das Gefühl des Neides in mir hervorruft.

Aber in letzter Zeit macht mir das immer weniger aus. Darüber bin ich sehr froh und es hat mich dazu bewogen mal zu hinterfragen, warum ich mit Neid besser umgehen kann. Denn das ist es ja, was wir brauchen: eine Strategie. Denn der Neid, der wird immer wieder zuschlagen.

Anerkennen, dass ich neidisch bin
Anfangs haben mich diese Gefühle des Neids eben wirklich ausgehebelt und das Haus über mir zum Einstürzen gebracht. Keine Frage hat es immer wieder viel Kraft und Energie gekostet, es wieder aufzubauen. Doch schon als ich begonnen habe zu erkennen, dass es einfach Neid ist, der mich da heimgesucht hat, fühlte sich die Situationen leichter und greifbarer an. Es war nicht mehr das komplett überrumpelnde Gefühl der Hilflosigkeit, sondern ein Benennen und Erkennen. Ich habe mich dann oft gefragt: Was macht mich dabei so hilflos? Ist es Wut? Ist es Angst? Was genau in mir? Ich habe in mich hinein gespürt und ganz genau versucht zu differenzieren und dann die tatsächlichen Gefühle zu benennen. Das ist heilsam, denn es hilft uns all das wirre Chaos in Kopf und Herz zu sortieren und zu ordnen. Und das dann zu richten und zurechtzurücken.

Vor allem ist es wichtig diese Gefühle anzunehmen. Denn Widerstand bedeutet immer, dass wir das Gefühl verstärken und dazu noch destruktive Gefühle zulassen. Das bedeutet: Leiden. Christopher Germer hat in seinem Buch „Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl“ eine Formel für Leiden genannt:

Schwierige Gefühle x Widerstand = Destruktive Gefühle

Es ist also besser das Gefühl zu benennen, es anzunehmen und dadurch zu reduzieren.

Hinterfragen
Dann stellte ich mir meist die Frage: Was genau macht mich jetzt so neidisch? Diese hohe Followerzahl? Wirklich? Was sagt die schon aus? Die ausgebuchten Kurse? Wer weiß, ob das nicht ein Marketingtrick ist. Die Kreativität der anderen? Ja aber das heißt doch nicht, dass ich unkreativ bin. Ich stehe nur ganz woanders und vielleicht bin ich in anderen Bereichen viel kreativer. Da sieht man, wie schnell man durch Hinterfragen den Neid schon etwas ins eigentliche (und oft gar nicht so helle) Licht richten kann.

Eigene Fähigkeiten ins Licht rücken
Das führte unweigerlich eben dazu, dass ich meine eigenen Fähigkeiten mal ins rechte Licht gerückt habe. Worauf bin ich hier wirklich neidisch? Und wenn ich das wirklich nicht so gut hinbekomme wie der oder die da, was kann ich denn besonders gut? Was macht mich aus? Was sind meine Besonderheiten? Wieso werfen wir immer alle unsere eigenen Stärken über Bord, nur weil da jemand ist, der in einem Bereich erfolgreicher scheint? Das führt ja nur dazu, dass wir uns generell kleiner machen, als wir sind, und das dient uns natürlich nicht.

Und darüber hinaus sind wir ja ganz individuell und anders als alle anderen Menschen. Das Vernetzen und Verkaufen ist eben nicht mein Ding und deshalb muss ich eben andere Wege gehen. Das heißt ja nicht, dass ich nicht ans Ziel komme. Das heißt, dass ich meinem eigenen Selbst folge. Und das ist wichtiger, als zu schauen, was andere machen und das zu kopieren. Denn das führt dann wieder unweigerlich nur zu Neid.

Erkennen, was ich eigentlich schon geschafft habe
Und falls uns schwer fällt diese Fähigkeiten zu benennen, weil das Gefühl des Neides so unfassbar stark ist, dann hilft es einmal in Ruhe zu überlegen, was wir selbst eigentlich schon geschafft und erreicht haben. Und das ist egal welchen Bereich das abdeckt, denn was auch immer wir geschafft haben im Leben zeigt uns: Wir haben Stärke. Wir haben Mut. Wir haben Kraft. Wir sind jemand, der etwas erreicht, der seinen Zielen folgt. Wie kann es also sein, dass da jemand daher kommt und all das zunichte macht?

Für mich ist das der kraftvollste Schritt den Neid nach Hause zu schicken. Erst neulich habe ich mir wieder eine Liste erstellt an den Dingen, die ich im Leben einfach angepackt und erreicht habe. Danach war ich ziemlich stolz auf mich. Denn das war einiges und hat mich wirklich etwas beeindruckt. Manches hatte ich sogar schon vergessen bzw. ins Unterbewusstsein gerückt. Und da schlummerte es ganz einsam. Wie schade. Wir sind so viel mehr. Wir können und schaffen so viel mehr. Und ich wette du kannst das auch!

Träume und Ziele klar vor Augen halten
Und wenn ich den Neid dann schon ein wenig verkleinert und zurechtgerückt habe, dann halte ich mir wieder meine ganz eigenen und individuellen Träume und Visionen vom Leben vor Augen. Denn die sind es doch, für die ich tue, was ich tue. Und vielleicht muss ich da etwas stärker kämpfen als andere – gut. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht schaffen kann. Aber vielleicht gehe ich auch einfach ganz andere Wege, weil ich ja schließlich ein ganz eigenes individuelles Ziel habe. Also sollte ich mich auch nicht auf meinem Weg von jemand anderem in falsche Richtungen lenken lassen.

Ich denke, dass diese Schritte sehr wirkungsvoll sein können, wenn uns das gelbe Gefühl mal wieder überrannt. Vor allem, weil sie den Blick zurück auf uns lenken, auf unser Inneres. Und damit weg von dem, was uns neidisch macht und zurück zu uns selbst und in unsere innere Kraft. Früher habe ich eher versucht mir das, was die Person tut oder die Person selbst schlecht zu reden und mir glaubhaft zu machen, dass das ja so alles nicht stimmt oder nicht gut ist. Aber das hat mich negativ gestimmt auf die andere Person hin anstatt mich positiv auf mich zu besinnen. Aber bei mir zu bleiben ist einfach so viel kraftvoller.

Worauf oder auf wen seid ihr immer wieder neidisch? Wie geht ihr damit um?

 

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Geschwister – von Liebe, die wachsen muss

Heute ist der Tag der Geschwister. Ein Tag, an dem ich mich natürlich an meinen Bruder erinnern könnte und traurig sein könnte, dass es ihn für mich nicht mehr anders gibt als in meiner Erinnerung. Aber ich denke so oder so jeden Tag an ihn, erinnere mich gern an ihn und bin natürlich immer wieder traurig. Aber das bin ich, wenn ich es einfach so aus tiefstem Herzen empfinde. Aber heute nicht. Heute bin ich dankbar, dass ich ihn hatte und lenke meine Aufmerksamkeit auf die Geschwister, die hier neben mir heranwachsen. Herr Klein, Frau Klein, Miniklein.

Dieser gebündelte Haufen Freude, Lachen, Streiten, Schreien, Zwicken, Kichern. Dieser irre Haufen Liebe.

Was diese drei Nasen hier vereint ist tatsächlich eine wunderbare Geschwisterliebe. Natürlich nicht täglich. Nein, natürlich können sie sich auch so richtig schön streiten, anschreien, treten, kratzen, beißen, hauen… Das volle Programm. Egal, wie oft ich sage, dass körperliche Gewalt nicht ok ist. Und letztendlich bleibt dann immer noch die verbale. „Du blöde Scheißkuh!“ Kinderkram, ja. Aber im Moment verletzt es doch.

Doch darüber hinaus gibt es unzählige Momente des plüschigsten Miteinanders. Wenn Herr Klein morgens für Frau Klein ein Frühstück richtet. Wenn sie ihre Spielsachen ausverhandeln wer wann wie damit spielen darf. Wenn sie kichernd „Mutter, Vater, Kind“ spielen. Aber natürlich war das nicht von Anfang an so.

Herr Klein tat sich anfangs sehr sehr sehr schwer mit seiner kleinen Schwester. Natürlich. Er hatte sie nicht bestellt. Doch sobald sie gehen und reden konnte, wurden sie ein Herz und eine Seele. Wir haben ihn nie zu irgendetwas gezwungen. All die romantischen Vorstellungen von dem großen Bruder, der seine Schwester unterhält, der hilft sie zu wickeln oder zu füttern – nichts. Heute sitzen sie kichernd in der Badewanne und setzen das Bad unter Wasser.

Frau Klein kämpft noch immer mit ihrem kleinen Bruder Miniklein. Er ist noch sehr auf uns fixiert und natürlich – da er noch nicht gehen kann – sehr abhängig von uns. Das gefällt ihr gar nicht, das lässt sie sowohl uns als auch ihn spüren. Da drückt sie hier einmal fester zu, alle Spielsachen, die er sucht, entreißt sie ihm gern empört, da beißt sie ihm dort in den Zeh. Und in den Momenten, in denen er schläft und wir Zeit für sie hätten, schreidiskutiert sie um Süßigkeiten. Es ist nicht leicht, es ist offensichtlich, dass es um Miniklein geht. Aber tun können wir nichts. Denn dass sie ihn ja doch mag, dass sie ihn akzeptiert und ihn auch irgendwann herzlich lieben wird – das spüren wir in winzig kleinen Momenten zwischendurch. Dann, wenn wir es nicht merken sollen. Wenn sie mit ihm ihr Eis teilt zum Beispiel.

Geschwisterliebe ist nichts, was man erzwingen kann. Geschwisterliebe muss wachsen und von ganz tief innen heraus gedeihen. Ein „Es ist doch Dein Bruder, Du musst doch lieb zu ihm sein.“ Oder „Jetzt bist Du eine große Schwester, da musst Du ein Vorbild sein.“ bringen rein gar nichts. Im Gegenteil, sie bewirken oft, dass Kinder das Gefühl bekommen, dass sie nicht so sein und empfinden dürfen, wie sie das eben tun. Hingegen kann ein „Es nervt dich, dass wir uns immer so viel um Deine Schwester kümmern müssen.“ Wunder bewirken. Wenn Kinder einmal merken: Sie sehen mich, sie verstehen mich, es ist okay, dass ich so empfinde.“ Dann fühlen sie sich in sich selbst wieder etwas besser und das kann ihnen helfen, auch mit der Situation besser umzugehen zu lernen.

Das wirklich anstrengende und schwere erste Jahr mit Herrn und Frau Klein hat mich gelehrt, dass nur eines hilft: Geduld. Dass dann eine wundervolle Geschwisterliebe heranwachsen kann, die so intensiv und langlebig ist, wie keine andere. Auch über den Tod hinaus. Denn wenn ich an meinen Bruder denke, da spüre ich noch immer die tiefe Verbundenheit. Ich sehe sofort uns zwei Lachen und Kichern. Ich spüre den Zusammenhalt. Das macht das Vermissen nicht leichter. Aber ich bin auch so unendlich dankbar dafür, dass ich ihn hatte in meiner Kindheit. Wir hatten so viele schöne Jahre umgeben von so viel Humor und Blödsinn. Er ist und bleibt in vielerlei Hinsicht mein Vorbild. Aber vor allem mein Bruder, den ich liebe. Immer und immer.

Dass meine Kinder so etwas haben, das finde ich wundervoll. Und ich habe tiefstes Vertrauen, dass sie es sich bewahren können, so wir sie gut begleiten und ihnen immer wieder vermitteln: Das, was ihr empfindet, ist ok. Wie ihr es äußert – da müssen wir manchmal einfach ein Auge drauf haben.

Bei drei Kindern wird sich diese Liebe sicher immer wieder verschieben, verlagern und mal nach hier und mal nach da mehr sein. Aber ich wünsche ihnen, dass sie schlussendlich wissen, dass sie sich haben und aufeinander bauen können. Und ich freue mich unendlich, ihnen dabei zusehen zu dürfen.

Mehr über Geschwisterliebe und vor allem auch den Umgang mit schwierigen Geschwistersituationen könnt Ihr in meinem Buch „Hand in Hand – Geschwisterbeziehungen verstehen und begleiten“ lesen. Und wer es schon hat, der darf mir gern eine Rezension auf amazon schreiben.

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