Leib

Jetzt bin ich ein Schulkind – Vom Loslassen und Vertrauen

Es ist geschafft. Herr Klein ist ein Schulkind und von nun an ist unser Alltag bestimmt von Stundenplänen, Lernzielen und Ferienzeiten. Das ist ein großer Schritt, nicht nur für Herrn Klein, sondern auch für uns Eltern.

Die Schulwahl war einfach. Nach jahrelangem Gependel mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Kindergarten war uns vor allem eins wichtig: Die Schule musste nahe sein. Dennoch kam für uns nach einer Besichtigung die Schule vor der Haustür nicht in Frage. Keiner weiß, welche Schule die beste ist für das eigene Kind, letztendlich hängt alles vom Lehrpersonal ab und womit die Kinder zurecht kommen oder nicht, über- und unterschätzen wir Eltern gern. Weil unsere eigene Schulzeit uns hier stark geprägt hat. Wir sind deshalb unserem Bauchgefühl gefolgt und haben die Schule gewählt, in der wir uns am wohlsten gefühlt haben. Dort geht Herr Klein nun in eine Mehrstufenklasse, weil ich das Lernkonzept sehr schlüssig finde und ich weiß, dass er gern mit und von anderen lernt, als von uns Erwachsenen.

Eine Einschulung gibt es in Österreich in dem Sinne, wie ich es aus dem Osten kenne, nicht. Hier gehen die Kinder am ersten Schultag nach den Sommerferien für eine Stunde in die Schule und die Eltern sind je nach Lehrer mit dabei oder warten vor der Tür. Herr Klein war nervös, sehr nervös. Natürlich. Seit Wochen drehte sich alles um die Schule und jeder sprach ihn darauf an: „Freust Du Dich schon? Bist Du schon aufgeregt?“ Trotz einem Schnuppertag in der Klasse, den er sehr genossen hat, wusste er nicht so recht, was ihn nun erwarten würde. Und so standen wir alle sehr nervös am Montagmorgen vor dem Klassenzimmer und warteten. Als die Tür auf ging, schnappte Herr Klein seine Schultasche und marschierte, ohne sich umzudrehen, hinein. Die Lehrerin lud uns ein noch kurz hineinzukommen. Dort sah ich dann mein Kind in Tränen aufgelöst auf seinem Stuhl sitzen. Alle Anspannung schien sich nun aufzulösen und floss aus ihm heraus. Der Liepste ging zu ihm und redete mit ihm, ich verdrückte draußen meine eigenen Tränen.

Als Herr Klein nach der Stunde aus der Schule kam, strahlte er übers ganze Gesicht. „Das ist schön da in der Schule.“

Am zweiten Tag „habe ich gar nicht geweint.“ und schön war es angeblich auch wieder, obwohl sie noch immer nicht lesen gelernt haben.
Ein großer Bub aus seiner Klasse nahm ihn morgens an der Hand und sagte „Komm, ich zeig Dir wo Dein Spint ist!“ und er lief mit. Das ist glaube ich genau das, was ich an der Mehrstufenklasse so mögen werde.

Und nun heißt es Loslassen, Vertrauen und Dasein. Denn so vieles liegt nun nicht mehr in unserer Hand. Es überwältigt mich noch zu wissen, dass Herr Klein nun da auf seinem Platz sitzt in dieser neuen Umgebung und sicher trotz aller Überzeugung aufgeregt ist und nervös. Aber das ist der Punkt, an dem ich loslassen muss und ihn sich selbst überlassen. Und vertrauen, dass er das machen wird. Auf seine Art, so wie er ja doch immer alles macht. Ganz für sich. Ich kann nur da sein und warten, was er mir erzählt von seinem Tag und von allem, was ihn so beschäftigt und bewegt. Und wenn er nichts erzählt, dann muss ich das auch akzeptieren.

Letztendlich hilft uns zu sehen, wie sehr er gewachsen ist. Er ist groß und selbständig. So selbständig, dass ich manchmal in seine alte Krippe marschieren möchte und den PädagogInnen dort zeigen: Schaut, was aus dem Kind geworden ist, an dem Ihr von früh bis spät herumzupfen wolltet! Er ist selbstbewusst geworden und so über sich hinaus geschossen, dass wir mit dem Mitwachsen gar nicht hinterher kommen. Aber wir geben uns Mühe ihn dort gut loszulassen, so dass er sicher und stolz seinen Weg gehen kann.

Was ich ihm wünsche ist viel Freude, wundervolle Erinnerungen, neue Herausforderungen und tolle Freunde. Was ich uns wünsche ist Geduld und Gelassenheit und das Vertrauen, dass er seine Sache machen wird. Auf seine Weise, wie immer. Ich möchte so offen sein wie er, unvoreingenommen und neugierig. Das Schulsystem generell kann man hinterfragen so viel man möchte, doch wenn man sein Kind hierzulande in die Schule schickt, dann muss man mit dem System arbeiten und nicht dagegen. Diese Erkenntnis hatte ich nicht immer aber ich bin froh, dass sie rechtzeitig gekommen ist.

Am liebsten wäre mir gewesen, er müsste gar nicht in die Schule. Ich bin überzeugt, dass sowohl das Freilernen als auch das Homeschooling eine wunderbare Sache sind. Aber ich habe erkannt, dass es dafür die entsprechenden Eltern braucht, die das in die Hand nehmen. Und das bin ich nicht. Es hat mich einige Zeit gezwickt, dass ich, obwohl so überzeugt davon, dass Kinder auch ohne Schule genug lernen, mein Kind zur Schule schicken. Doch heute bin ich froh. Die Verantwortung und die Energie, die es braucht, die habe ich nicht. Und zu sehen, wie er stolz und glücklich in die Schule marschiert, erleichtert mich da sehr. Auch das war ein Prozess des Loslassens – Lolassen von unrealistischen Erwartungen an mich selbst.

Ich hoffe, dass ihm die Freude an der Schule noch eine Zeit erhalten bleibt. Und wir ein gutes Maß an Begleitung und Loslassen finden, so dass er sich weiterhin frei und wunderbar entfalten kann. Wie aufregend das alles ist !

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Der Geruch von Leder

FullSizeRender-3Es war 1986 und ich freute mich wie Bolle auf die Schule. Ich war bereit. Im Kindergarten liebte ich die Vorschulstunden, lernte heimlich mit meiner Mama, meinen Namen zu schreiben und konnte es nicht erwarten, endlich lesen zu lernen und all das.

An meinen ersten Moment im Klassenzimmer erinnere ich mich ganz genau. Wenn ich die Augen schließe, rieche ich das Leder der neuen Federmäppchen und Schulranzen, frisch gespitzte Bleistifte und wahnsinnig viel Aufregung. Es war ein Samstag. Draußen wartete die Familie mit der großen Schultüte. Ich wäre gern länger im Klassenzimmer geblieben und hätte gelernt, wie man all die großen Buchstaben, die an der Wand hingen, schreibt.

Auf dem Klassenfoto halte ich stolz meine Schultüte vor mir und grinse meine Zahnlücken breit in die Kamera. Endlich war mein Tag gekommen.

Auf dem Arm konnte ich meine Schultüte nicht lange halten, dazu war sie zu schwer und bestätigte, was mir monatelang vorher prophezeit wurde: dass ich sie nicht halten könnte, wenn ich nicht aufessen würde… Zum Glück stand mein Bruder mir zur Seite.

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Und dann begann der Schulalltag. Ich saugte alles auf. Sehnte mich nach jedem neuen Buchstaben, neuer Zahl und wollte immer mehr. Zu Hause langweilte ich mich mit den Leseaufgaben, weil ich Mama und Mimi längst beherrschte. Ich spielte mit einer Freundin, die ein Jahr jünger war als ich, Schule auf einer alten kleinen Spieltafel. Leider teilte sie meine Leidenschaft nicht.

Ich erinnere mich an den Geruch von Vanillemilch aus Flaschen, die wir im Kasten über den Schulhof schleppten. Milchdienst, nannte sich das. Ich erinnere mich an den Werkraum in einer Baracke, doch nicht daran, was ich dort gewerkelt habe. Ich erinnere mich an das lachende Winken meines Bruders aus einem großen Fenster im Hauptgebäude, in dem die Oberstufe saß. Ich erinnere mich an die aufgemalte Schnecke auf dem Schulhof, in der wir fangen spielten, an die Fußballtore ohne Netz, um deren Stangen wir uns drehten, bis wir Blasen auf den Fingern hatten. Ich hatte ein schönes erstes Schuljahr, das viel zu schnell und zu endgültig endete. Mit einem Zeugnis voller Einsen verabschiedete ich mich aus dieser Schule und wir zogen um.

Von nun an wurde alles anders und ernster. Die Schule – in typischer DDR Bauweise modern eng. Die Lehrer an den Lehrplan gepresst und die Schüler gebeten zu folgen, zu lernen, was im Plan stand, zu sagen, was gefragt und zu schreiben, was diktiert wurde. Nach der Wende war Hinterfragen erwünscht, Verstehen aber ich wusste nicht, wie das geht. Kannte nur hören, mitschreiben und auswendig lernen. Die Noten gingen bergab aber mit etwas eingeflößtem Eifer schaffte ich die Schule mit akzeptablen Noten und ging meinen Weg… Einen steinigen, von dem ich Euch an anderer Stelle erzählen werde.

Herr Klein ist 5,5 Jahre alt und im letzten Kindergartenjahr. Er wird nächstes Jahr in die Schule kommen, die ersten Zähne sind gefallen, die nächsten kommen. Wir müssen eine Schule für ihn aussuchen und so Dinge wie Schulranzen und Co besorgen.

Aber was ich nun als erstes tun muss, bevor wir alles andere tun: Loslassen. Den Gedanken loslassen, dass Herr Klein so vorfreudig ist wie ich, dass er sich so auf die Schule freut, wie ich es getan habe. Denn ich merke, wie sehr ich mich auf dieses Ereignis freue und es öfter anspreche, als notwendig. Ein Thema gestalte, was ich damit eventuell größer mache, als es für ihn ist. Weil ich es so erlebt habe, weil ich es so wollte. Und wer weiß, vielleicht ist er auch gar nicht so lerneifrig wie ich. Und vielleicht geht er auch gar nicht so gern in die Schule wie ich. Ich muss nicht nur mein kleines Kind ins große Gefüge loslassen – und oh boy, davon habe ich mir heute zwei angeschaut… – ich muss auch wieder mal meine eigene Geschichte loslassen und lösen von seiner eigenen. Aber hin und wieder schließe ich einfach die Augen, atme den Geruch von neuem Leder und frischer Vanillemilch. Ach, war das schön.

Wie war das bei Euch? Seid Ihr gern in die Schule gekommen und gegangen? Welche Erinnerungen habt Ihr an Eure Schulzeit?

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