Warum wir keinen Lernturm haben

In den letzten Jahren hat sich ein Möbelstück in die Wohnungen und Häuser von Familien eingeschlichen, das ich immer mit skeptischem Blick und gerunzelter Stirn betrachtet habe: Der Lernturm. Der Lernturm ist ein oft selbst gebautes Ding, eine Art Hocker mit Rundumgeländer, in das man Kinder hineinstellen kann und von wo sie aus gewisser Höhe am Küchenleben teilhaben können.

Je öfter ich diese Lerntürme gesehen habe und je mehr Kinder ich hier ohne Lernturm begleite, umso unnötiger und gleichzeitig auch bedenklicher finde ich das Möbelstück und die Entwicklung, die die scheinbar kindgerechte Wohnungseinrichtung heutzutage nimmt.

Noch einmal kurz zum Lernturm: Ich halte nichts davon Kinder in eine Höhe zu heben, die sie selbst nich erreichen können. Ausgeschlossen ist der Wickeltisch, den brauche ich für meinen Rücken und meine Haltung. Dort oben passiert aber nichts als Wickeln, danach bringe ich die Kinder wieder auf den Boden. In der Küche sind die Kinder natürlich gern mit dabei. Aber ehrlich gesagt ist mein 16 Monate alter Sohn, der seit Neuestem freudvoll auf den Tripp Trapp klettert, weniger am Kochen als am Greifen und Anschauen und Chaos machen interessiert. Wenn ich nicht in der Küche bin, hat er dort oben gar nichts verloren. Die Küche kann er noch sein ganzes Leben erkunden und erforschen, kochen kann er noch endlos. Ich denke nicht, dass er etwas verpasst, wenn ich ihn dort nicht von Anfang an integriere.

Im Bad haben wir besagtes Stockerl vom Möbelschweden stehen, auf das er ebenfalls seit geraumer Zeit klettert. Das ist natürlich nicht das sicherste Möbelstück, weshalb ich ihn im Bad nicht allein lasse. Er putzt sich aber dort oben in meiner Anwesenheit die Zähne und strahlt von Ohr zu Ohr.

Den Lernturm finde ich bedenklich, weil wir hier dem Kind zwei Dinge gleichzeitig vermitteln: „Sei dabei und mach mit!“ und gleichzeitig „Ich habe kein Vertrauen, dass du dort sicher bist.“ Und während ich ihm ein Stück Freiheit im Küchendasein schenken will, nehme ich ihm Unabhängigkeit sich frei zu bewegen (denn ich muss das Kind dort rein- und rausheben nein ich habe heute gelernt, dass die Kinder da selbst rein- und rausklettern!) und vermittle gleichzeitig eine Sicherheit, die er doch selbst erforschen und für sich begreifen soll.

Gestern hat Frau Klein auf ihrem Tripp Trapp stehend beim Kochen geholfen. Sie ist 4,5 Jahre alt und steht da oben sicher, sie hilft auch mittlerweile sinnvoll mit, das heißt was sie tut, ist brauchbar beim Kochen und nicht nur Verschnitt oder Kunst. Miniklein wollte natürlich auch hoch hinauf. Also ließ ich ihn auf seinen Tripp Trapp steigen und neben ihr mit Kochgeschirr hantieren. Dann war sie weg, er beugte sich nach etwas anderem und trat neben seinen Stuhl. Er rutschte ab, fiel recht spektakulär und ich hielt ihn an einem Arm. Der Grund, warum ich ihn dort nicht allein lasse. Und auch der Grund, warum ich ihm kein Geländer drumherum baue. Denn dieser Sturz war Teil des Lernens. Er weiß nun, dass er da oben auf sich achten muss. Natürlich werde ich ihn dennoch nicht allein damit lassen. Vorerst. Fallen und Stürzen gehören zum Klettern dazu. Wenn ich den Kindern ein Gerüst um sie baue, gebe ich ihnen ein falsches Gefühl von Sicherheit. Und ehrlich gesagt sehen diese Türme teilweise für mich gar nicht so sicher aus. Aber das ist nur aus der Ferne beurteilt.

Darüber hinaus finde ich den vor allem in Montessori Haushalten sehr verbreitete Anspruch von „Miteinbeziehen“ und „Selbstständigkeit“ der Kinder tatsächlich immer wieder bedenklich. Da wird gewerkelt und gebaut, damit Kinder auf ihrer Höhe alles tun können, was wir Erwachsenen tun. Vom Waschtisch über die Garderobe bis hin zur Küche. Das ist wohlwollend gemeint, aber für mich wirkt das oft alles sehr pädagogisch. Ein „Hilf mir, es selbst zu tun“ steckt meiner Ansicht nach auch in einem ausgestreckten Arm nach der Zahnbürste, die ich ihm dann reiche. Letztendlich bin ich bei all diesen Dingen ja doch anwesend, ich schicke mein 2-jähriges Kind nicht allein Zähne putzen und gehe davon aus, dass das gründlich, richtig und von Anfang bis Ende erledigt wird. Und wenn ich schon dabei bin, warum kann ich kleine Handgriffe nicht aushelfen. Ich helfe doch auch meinem Mann, wenn er sagt „Kannst du mir bitte ein Messer geben?“ weil ich neben der Bestecklade sitze.

Ich möchte den Eltern, die ihre Wohnungen rundum nach Montessori und auf die Selbständigkeit des Kindes ausrichten, nicht vorwerfen, sie würde da etwas falsch machen. Aber es ist für mich gefühlsmässig oft zu sehr auf der pädagogischen Seite als auf der Beziehungsseite. Aber Beziehung ist doch das, was Selbständigkeit fördert und bedingt. Natürlich haben meine Kinder eine Garderobe auf ihrer Höhe, haben einen Kleiderschrank, den sie selbst bedienen können. Aber Tassen und Gläser zum Beispiel sind sehr hoch im Hängeschrank. Herr Klein klettert da mittlerweile mit dem Stuhl rauf. Frau Klein fragt mich eh noch immer, wenn sie etwas essen oder trinken will und Miniklein sowieso. Und wenn sie etwas von mir wollen, dann kommen wir in Kontakt, dann sind wir in Beziehung. So auch im Bad.

Und schlussendlich sind all diese Vorkehrungen nur temporär, in wenigen Jahren erreichen die Kinder so vieles im Haushalt, werden durch Aufgaben integriert, müssen sich in Kindergarten und Schule so oder so selbst an- um- und ausziehen und schaffen das auch erstaunlich gut. Wenn mein 7-jähriger Sohn sagt, er möchte mit der Nachbarstochter baden fahren, ich ihm den Schlüssel in die Hand drücke, weil ich gerade im Park bin und sage: „Okay, hol dir Rucksack und pack deine Badesachen.“ und er geht los, holt alles inklusive Sonnencreme, dann denke ich, dass Selbständigkeit im Kleinkindalter wirklich überbewertet werden kann. Und dass manchmal ein „Komm, ich helf dir.“ auch wohltun kann. Die Kinder deuten sowieso an, wenn sie das alles „leine“ machen wollen und können.

Und so oft, wie ich mir die Füße am Tripp Trapp grün und blau stoße, will ich um Himmels Willen nicht noch so ein Möbelmonster in der Wohnung stehen haben.

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Die Kinder sehen und kennenlernen

Seit Tagen liegt mir ein Beitrag auf der Zunge, der sich einfach nicht schreiben lässt. Weil jedes Wort überlegt gehört, jeder Satz dreimal verdreht gelesen werden kann.

Auslöser war eine Frage in einer Facebookgruppe, in der es wieder einmal darum ging, welcher Erziehungsansatz denn nun der richtige sei. Da fielen wieder alle Namen – von Pikler über AP bis hin zu artgerecht und unerzogen. Ja und hier und da auch Montessori und Waldorf.

Mich machen diese Diskussionen und Debatten ja oft wahnsinnig. Zum einen wird da Zeit damit verbracht etwas zu propagieren, was einfach nicht für alle passt und zum anderen hagelt es da Missverständnisse. Und außerdem muss man ja, um das eine zu beurteilen, das andere verurteilen.

Ich halte mich hier auf dem Blog immer sehr bedeckt, was meine Meinung zu AP, artgerecht und Co angeht. Ich will da nie ins Detail gehen, weil ich generell ungern über Dinge schreibe, die ich nicht lebe und nicht propagiere. Gleichzeitig will ich hier kein Piklerfest veranstalten, weil ich in meiner Arbeit als Familienbegleiterin einfach mit sämtlichen Ansätzen und Strömungen konfrontiert bin und diese auch achte und respektiere – so sie denn authentisch und achtsam gelebt werden. Natürlich hat alles mit Pikler begonnen, aber mein Weg ist ein weiterer und er beinhaltet einfach mehr als das.

Was ich nach all diesen Jahren in der Erziehung oder Nichterziehung – da wird ja schon über einzelne Wörter diskutiert – am wesentlichsten halte ist das Sehen und Kennenlernenwollen des eigenen Kindes. Das geht nur über eine gute Beobachtung und Offenheit, durch Neugier und die immer wieder neue Frage: Wer bist du? Was interessiert dich? Was beschäftigt dich? Das sind die Fragen, die ich meinen Kindern immer wieder schweigend stelle, wenn ich neben ihnen sitze und sie mein Programm im Fernseher sind. Fragen, die ich mir am Abend stelle, wenn sie schon längst schlafen. Fragen, die ich mir selbst stelle, wenn ich mal nicht so recht weiter weiß. Und das sind auch die Fragen, die ich meinem Mann im Zwiegespräch stelle. Und in all diesen Momenten ermöglichen sie das Gleiche: Beziehung, Kontakt, Nähe und Zuneigung. Weil sie Offenheit suggerieren und Interesse am Gegenüber. Viel mehr ist eigentlich nicht notwendig.

Vielleicht sollten wir viel öfter, wenn solche Diskussionen in irgendwelchen Gruppen und Foren auftauchen, das Internet ab- und das Kinderprogramm daheim aufdrehen. Und uns offen und wohlwollend dem widmen, was uns direkt umgibt und was das eigentliche Zentrum dieser Diskussionen ist: Das eigene Kind. Dann würden wir viel öfter alle mit unseren Kindern in Kontakt sein anstatt mit fremden Menschen im Netz.

Und so werde ich weiterhin nicht darüber debattieren, was ich tue oder nicht und warum ich es tue oder nicht. Und das tut mir gut.

 

 

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Podcast Folge 8 – Achtsamkeit in der Partnerschaft

Egal ob als Eltern oder in einer Beziehung ohne Kinder – wenn die anfängliche Verliebtheit verflogen ist, dann heißt es: dranbleiben. An der Beziehung, an dem uns. An dem, was uns verbindet. Keine Beziehung plätschert glücksselig dahin, es gibt immer wieder Phasen, in denen wir an uns arbeiten müssen, auf uns achten müssen. Das kann uns gut gelingen, wenn wir dabei gewisse Dinge beachten und uns mit einer gewissen Achtsamkeit begegnen.

Podcast in itunes hören

Ich habe in der heutigen Podcastfolge die 3 Pfeiler einer achtsamen Beziehung für Euch zusammengetragen.

Achtsames Wahrnehmen

Achtsames Kommunizieren

Achtsames Zuhören

Denn wenn wir diese drei Pfeiler als Grundlage gut verinnerlicht haben, dann können wir einfach auch durch stürmische Zeiten schiffen. Dann bringt uns so schnell nichts aus der Ruhe. Dann können wir es gut schaffen achtsam und liebevoll miteinander zu leben.

Ich freue mich über Bewertungen auf itunes oder sonstiges Feedback hier in den Kommentaren.

Weiterführende Links für diese Folge sind:

Online Kurs „Paar sein und bleiben“

6 Elemente des Einsichtdialoges

Zwiegespräche

Holt Euch die Anleitung für Zwiegespräche als pdf, um gleich durchzustarten: 

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