5 Wege mit dem Gefühl des Neids umzugehen

Neid ist ein furchtbar unbrauchbar und unnötiges gelbes Gefühl. Dennoch schlägt es immer wieder zu. Meist ganz unverhofft und ohne Voranmeldung. Was seine Wirkung natürlich verstärkt. Auch mich überkommt immer wieder dieses Gefühl. Das Internet hilft dabei sehr – es zeigt mir sehr oft Menschen, die etwas haben, was ich gern hätte, etwas tun, was ich so gern tun oder gern können würde. Und dann werde ich furchtbar unruhig. Meine heile Welt, in der ich mich eben noch befand, bröckelt und bröselt, es wackelt alles, wie bei einem Erdbeben und wenn ich Pech habe und nicht aufpasse, dann bricht das Haus über mir zusammen und Schutt und Geröll lagern schwer und unsanft auf mir. Mein Leben. 

Klar, da sind die Blogger*innen mit so viel mehr Followerzahlen. Da sind die Kursleiter*innen mit ausgebuchten Kursen. Da sind die Autor*innen mit ihren veröffentlichten Büchern. Da sind die Kreativen mit ihren unfassbar schönen Werken. Und ach, wer da nicht alles auftaucht und das Gefühl des Neides in mir hervorruft.

Aber in letzter Zeit macht mir das immer weniger aus. Darüber bin ich sehr froh und es hat mich dazu bewogen mal zu hinterfragen, warum ich mit Neid besser umgehen kann. Denn das ist es ja, was wir brauchen: eine Strategie. Denn der Neid, der wird immer wieder zuschlagen.

Anerkennen, dass ich neidisch bin
Anfangs haben mich diese Gefühle des Neids eben wirklich ausgehebelt und das Haus über mir zum Einstürzen gebracht. Keine Frage hat es immer wieder viel Kraft und Energie gekostet, es wieder aufzubauen. Doch schon als ich begonnen habe zu erkennen, dass es einfach Neid ist, der mich da heimgesucht hat, fühlte sich die Situationen leichter und greifbarer an. Es war nicht mehr das komplett überrumpelnde Gefühl der Hilflosigkeit, sondern ein Benennen und Erkennen. Ich habe mich dann oft gefragt: Was macht mich dabei so hilflos? Ist es Wut? Ist es Angst? Was genau in mir? Ich habe in mich hinein gespürt und ganz genau versucht zu differenzieren und dann die tatsächlichen Gefühle zu benennen. Das ist heilsam, denn es hilft uns all das wirre Chaos in Kopf und Herz zu sortieren und zu ordnen. Und das dann zu richten und zurechtzurücken.

Vor allem ist es wichtig diese Gefühle anzunehmen. Denn Widerstand bedeutet immer, dass wir das Gefühl verstärken und dazu noch destruktive Gefühle zulassen. Das bedeutet: Leiden. Christopher Germer hat in seinem Buch „Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl“ eine Formel für Leiden genannt:

Schwierige Gefühle x Widerstand = Destruktive Gefühle

Es ist also besser das Gefühl zu benennen, es anzunehmen und dadurch zu reduzieren.

Hinterfragen
Dann stellte ich mir meist die Frage: Was genau macht mich jetzt so neidisch? Diese hohe Followerzahl? Wirklich? Was sagt die schon aus? Die ausgebuchten Kurse? Wer weiß, ob das nicht ein Marketingtrick ist. Die Kreativität der anderen? Ja aber das heißt doch nicht, dass ich unkreativ bin. Ich stehe nur ganz woanders und vielleicht bin ich in anderen Bereichen viel kreativer. Da sieht man, wie schnell man durch Hinterfragen den Neid schon etwas ins eigentliche (und oft gar nicht so helle) Licht richten kann.

Eigene Fähigkeiten ins Licht rücken
Das führte unweigerlich eben dazu, dass ich meine eigenen Fähigkeiten mal ins rechte Licht gerückt habe. Worauf bin ich hier wirklich neidisch? Und wenn ich das wirklich nicht so gut hinbekomme wie der oder die da, was kann ich denn besonders gut? Was macht mich aus? Was sind meine Besonderheiten? Wieso werfen wir immer alle unsere eigenen Stärken über Bord, nur weil da jemand ist, der in einem Bereich erfolgreicher scheint? Das führt ja nur dazu, dass wir uns generell kleiner machen, als wir sind, und das dient uns natürlich nicht.

Und darüber hinaus sind wir ja ganz individuell und anders als alle anderen Menschen. Das Vernetzen und Verkaufen ist eben nicht mein Ding und deshalb muss ich eben andere Wege gehen. Das heißt ja nicht, dass ich nicht ans Ziel komme. Das heißt, dass ich meinem eigenen Selbst folge. Und das ist wichtiger, als zu schauen, was andere machen und das zu kopieren. Denn das führt dann wieder unweigerlich nur zu Neid.

Erkennen, was ich eigentlich schon geschafft habe
Und falls uns schwer fällt diese Fähigkeiten zu benennen, weil das Gefühl des Neides so unfassbar stark ist, dann hilft es einmal in Ruhe zu überlegen, was wir selbst eigentlich schon geschafft und erreicht haben. Und das ist egal welchen Bereich das abdeckt, denn was auch immer wir geschafft haben im Leben zeigt uns: Wir haben Stärke. Wir haben Mut. Wir haben Kraft. Wir sind jemand, der etwas erreicht, der seinen Zielen folgt. Wie kann es also sein, dass da jemand daher kommt und all das zunichte macht?

Für mich ist das der kraftvollste Schritt den Neid nach Hause zu schicken. Erst neulich habe ich mir wieder eine Liste erstellt an den Dingen, die ich im Leben einfach angepackt und erreicht habe. Danach war ich ziemlich stolz auf mich. Denn das war einiges und hat mich wirklich etwas beeindruckt. Manches hatte ich sogar schon vergessen bzw. ins Unterbewusstsein gerückt. Und da schlummerte es ganz einsam. Wie schade. Wir sind so viel mehr. Wir können und schaffen so viel mehr. Und ich wette du kannst das auch!

Träume und Ziele klar vor Augen halten
Und wenn ich den Neid dann schon ein wenig verkleinert und zurechtgerückt habe, dann halte ich mir wieder meine ganz eigenen und individuellen Träume und Visionen vom Leben vor Augen. Denn die sind es doch, für die ich tue, was ich tue. Und vielleicht muss ich da etwas stärker kämpfen als andere – gut. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht schaffen kann. Aber vielleicht gehe ich auch einfach ganz andere Wege, weil ich ja schließlich ein ganz eigenes individuelles Ziel habe. Also sollte ich mich auch nicht auf meinem Weg von jemand anderem in falsche Richtungen lenken lassen.

Ich denke, dass diese Schritte sehr wirkungsvoll sein können, wenn uns das gelbe Gefühl mal wieder überrannt. Vor allem, weil sie den Blick zurück auf uns lenken, auf unser Inneres. Und damit weg von dem, was uns neidisch macht und zurück zu uns selbst und in unsere innere Kraft. Früher habe ich eher versucht mir das, was die Person tut oder die Person selbst schlecht zu reden und mir glaubhaft zu machen, dass das ja so alles nicht stimmt oder nicht gut ist. Aber das hat mich negativ gestimmt auf die andere Person hin anstatt mich positiv auf mich zu besinnen. Aber bei mir zu bleiben ist einfach so viel kraftvoller.

Worauf oder auf wen seid ihr immer wieder neidisch? Wie geht ihr damit um?

 

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Verschlungen: 4 Minus 3 (und meine Version vom Sterben)

IMG_3797Den eigenen Mann oder ein Kind zu verlieren, ist für viele grausame Vorstellung genug. Alles auf einmal, Mann und zwei Kinder von jetzt auf gleich ist wohl die grausamste Vorstellung und eine, vor der man sich nur winden und drücken möchte. Weshalb ich wohl auch so lange Zeit das Buch „Vier minus drei“ von Barbara Pachl-Eberhart gemieden habe. 

Wenn ich es im Buchladen sah, traf mich sofort ein Stich in Herz und Magen. Da lag sie: Die Hölle in Buchform. Ich konnte und wollte mich nicht mit ihr befassen. Wozu auch? Wieso sollte ? Lieber froh und dankbar sein für das, was ich habe: Einen Mann und zwei Kinder. Doch die Trauer ist etwas, was mich beschäftigt. Begleitet. Seit ich 14 bin. Seit mein Bruder bei einem Autounfall gestorben ist. Seitdem unsere Familie nicht mehr die gleiche war. Seitdem ich meine Eltern trauern gesehen habe. Und meine eigene Trauer erst viele Jahre später begriff und eigentlich auch begann. Denn jahrelang habe ich sie einfach in mir drin schlafend getragen. Habe funktioniert und das Leben so hingenommen, wie es war. Jetzt eben allein. Doch irgendwann kam sie und holte mich ein. Die Trauer, die gelebt werden wollte. Von da an war sie mein wacher Begleiter.

Vor ein paar Tagen kaufte ich dieses Buch als Geschenk. Es mag etwas makaber klingen – wieso würde man jemandem damit zu Weihnachten eine Freude machen wollen? Aber ich habe es vorher abgesprochen und mir das „Ok“ für dieses Geschenk geholt. Weil ich ahnte, dass es helfen könnte. Der Person, die da so tief in der Trauer steckt. Und als ich es heim trug, es plötzlich meine Welt betrat, da ahnte ich, dass es vielleicht auch mir helfen könnte. Und am Abend nahm ich es einfach so, ganz selbstverständlich und angstlos in die Hand und begann zu lesen. Und zu weinen. Beides gleichzeitig. Unaufhörlich.

Das tut man ungefähr die erste Hälfte des Buches durch. Die Geschichte ist so nah, so ehrlich und offen erzählt, dass man nicht anders kann, als heulen heulen heulen. Aber es waren andere Tränen. Es waren heilsame. So empfand ich es. Die Worte und Sätze, die Bilder und Gedanken von Barbara sind so ehrlich, so klar und vor allem so: warm und weich. Es hat gut getan zu weinen. Es hat mich erleichtert. Und es tat hinterher nicht in den Augen weh, wie sonst, wenn ich weine.

Ich möchte nicht sagen, dass das Buch etwas ist für jeden, der trauert. Aber es ist etwas für alle, die offen genug an das Buch gehen können und verstehen, dass jeder anders trauert. Denn die Art und Weise, wie Barbara Pachl-Eberhart mit dem Tod ihrer Familie umgeht, ist ganz und gar nicht konventionell. Sie mag für einige unverständlich scheinen.

Mir hat sie vor allem eines wiedergegeben: Den Glauben daran, dass die Toten uns näher sind, als wir glauben mögen. Dass es ein Danach gibt. Eine Welt, in der sie uns empfangen, wenn wir einmal gehen. Ich habe das selbst lange geglaubt, habe mich mit 14 mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt und Bücher dazu gelesen. Und war überzeugt. Überzeugt, dass es mehr gibt, es einen Sarg und kühle Erde. Irgendwann unterwegs kam mir das Leben und die Wissenschaft in den Weg. Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. So malte ich mir eine Welt aus, die ich mir für alle Toten wünschte. So, wie ich sie mir vorstellen wollte. Und jetzt, dank diesem Buch, male ich sie weiter. Male bunter. Und glaube fester daran. Das ist es vielleicht, was mir gerade so gut tut. Und was ich womöglich auch gerade brauche. Man kann das belächeln und versuchen naturwissenschaftlich zu widerlegen. Man kann aber den Menschen auch ihren individuellen Weg und ihre Gedanken lassen.

Trauer ist unterschiedlich. Sie ist mal eine Kettensäge, mal ein weicher Watteball. Sie begegnet uns immer wie sie will, und nicht wie wir es gern hätten. Wir müssen ihren Wegen folgen. Sie zu blockieren, ihr auszuweichen, sie zu verdrängen oder zu fest halten zu wollen, gelingt nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer.

Mir tut es gut, mit diesem Thema offener umzugehen. Und genau das hat auch Barbara Pachl-Eberhart getan. Auf wundervolle Weise. Ich denke, dass Ihr Buch sehr hilfreich sein kann. Und bin ihr unsagbar dankbar für ihre Worte und die wundervollen Bilder, die sie gemalt hat um ausdrücken zu können, was und wie sie gefühlt hat.

Was und wie ich fühle ist immer wieder unterschiedlich. Vor allem jetzt, zur Weihnachtszeit. Umso mehr verkrieche ich mich manchmal in mich selbst und male wieder einmal weiter an der Welt, die ich nicht kenne, herum. Das hier, war mein letzter Versuch:

Auf der anderen Seite

Das erste, was er sah, als er erwachte, waren seine Füße. Seine Nackten Füße. Die Haare auf dem großen Zeh. Ein Muttermal direkt über dem rechten Knöchel.

Er wackelte mit den Zehen, als würde er sich zuwinken. Wie beweglich sie waren. Und wie perfekt geschnitten die Zehennägel waren. Wann hatte er… ? Bevor er zu Ende denken konnte, spürte er einen stechenden Schmerz im Brustkorb. Er hielt inne und schloss die Augen. Er krümmte sich. Er hörte laute Sirenen in seinem Kopf wie knallendes Hämmern und blaues Licht blendete seine Augen. Sein Kopf wand sich und sein Körper verkrampfte. Dann war der Schmerz verschwunden, der Kopf ruhig und still. Der Gedanke an seine perfekt geschnittenen Zehennägel vergessen. Ruhig schaute er sich an. Seine Zehen. Seine Füße und die gesamte Nacktheit seines Körpers, der hier in dieser Badewanne lag.

Im Augenwinkel sah er jemanden aufstehen. Einen Mann mit grauen Haaren und einer sehr großen Nase. Er beobachtete, wie der Mann einen weinroten Leinenumhang mit einer gelben Schnur fest um sich schnürte und, ohne sich umzublicken, langsam davon ging. Dann schaute er zurück auf seine Füße. Seine Zehen. Wackelte noch einmal kurz und hatte schon vergessen, worüber er sich gerade noch gewundert hatte.
Er betrachtete seine Finger. Dass auch diese Nägel perfekt und rund geschnitten waren, bemerkte er nicht mehr. Stattdessen strich er langsam mit dem rechten Zeigefinger über die Rostflecken der alten Badewanne, in der er lag. Sie waren orange-braun. Und bröselig. Die Badewanne war einmal silbern, aber überall blätterte die Farbe ab und die Rostflecken übernahmen die Farbherrschaft.

Neben ihm stand die leere Badewanne des Mannes mit den grauen Haaren und der großen Nase. Der Mann war bereits verschwunden und er wunderte sich nun, wohin er wohl gegangen sei. Er schaute sich um aber er konnte ihn nirgends entdecken. Da spürte er plötzlich wieder diesen stechenden Schmerz, schloss wieder die Augen für ein paar Sekunden und sah grelles blaues Licht schimmern. Immer und immer wieder. Das Hämmern wurde schwächer, sein Körper leichter. Dann war es ruhig in seinem Kopf und in seiner Brust. Er öffnete die Augen und schaute sich um.
Um ihn herum standen noch unzählige Badewannen. So weit er schauen konnte, standen unendlich viele Badewannen in scheinbar perfekt gerader Anordnung. Alle silbern. Alle rostig. Alt irgendwie. Manche waren leer. In anderen schliefen Menschen. Tief und fest.

Hier und da hingen ein paar Füße über den Rand, weil die Wannen zu klein waren für diejenigen, die in ihnen lagen.
Neben jeder Badewanne stand ein Holzhocker, weiß lackiert. Auf jedem Hocker lagen ein weinrotes Stück Stoff und eine gelbe Schnur.

Weit entfernt sahen die weinroten Stoffstücke nur noch aus wie Punkte in diesem weiten Grau. Denn obwohl er kein Fenster erblicken konnte, war dieser Raum hier, dieser Saal, dieses riesige Etwas, hell. Weit und hell. Die Decke des Raumes war ungreifbar hoch oben. Es hingen Farbstücke herab, kurz davor, jeden Moment laut scheppernd zu Boden zu fallen. Doch nichts fiel. Und nichts schepperte. Überhaupt war kein Geräusch zu hören. Und noch bevor er sich wundern konnte, wie er hier her in diese Ruhe und Stille, diesen Raum aus Nichts aus so vielen Menschen und Badewannen und sonst nichts gekommen war, spürte er wieder einen Schmerz in seiner Brust. Diesmal hielt er nur kurz inne, ließ die Augen offen und spürte das Flackern des blauen Lichtes nur noch in seinen Augenwinkeln. Kurz darauf war der Schmerz verschwunden und mit ihm die Frage nach dem Wie und Warum.

Er stand auf und stieg aus der Badewanne. Seine Füße berührten den grauen Fliesenboden, der sich weich anfühlte. Und warm. Angenehm warm.
Er nahm die gelbe Schnur vom Hocker und legte sie vorsichtig auf den Badewannenrand. Dann wickelte er sich in den weinroten Umhang, so, wie er es bei dem Mann mit den grauen Haaren und der großen Nase aus der Nachbarbadewanne gesehen hatte. Er knotete die gelbe Schnur um seine Taille und hielt mit der linken Hand das Ende der Schnur fest. Dann trat er auf den Gang zwischen zwei Badewannenreihen hinaus und blickte reglos in die Weite dieses Raumes. Dieses Saales. Dieses endlosen Nichts. Ohne Anfang, ohne Ende. Und ohne sich weiter darüber zu wundern, ging er ein paar Schritte. Er schaute nicht auf die Menschen in den Badewannen. Er wunderte sich nicht über sie und beachtete auch kaum die, die gerade, so wie er selbst, erwachten und aufstanden. Und sich nicht über ihn wunderten. Sie schnürten sich ebenfalls ihre roten Umhänge um und gingen scheinbar ziellos auf ein unscheinbares Ziel zu. So wie er.

Mit jedem Schritt sah er nach und nach eine Tür aus Metall im Nebel der Weite auftauchen. Eine Tür, die sich immer wieder öffnete und durch die immer wieder ein Mensch, der zuvor aus einer Badewanne entstiegen war, verschwand.
Er wusste nicht, was hinter der Tür war, doch jedes Mal, wenn er sich fragte, was dort sein könnte, warum die Menschen dort hin strebten, schmerzte es in seiner Brust und er musste kurz innehalten. Auch die anderen schienen hin und wieder stehen zu bleiben. Um dann, wie von fremder Hand geschoben, weiterzugehen.

Die Tür in der Ferne quietschte jedes Mal, wenn sie sich öffnete oder schloss. Das Quietschen wurde lauter mit jedem Schritt, den er sich der Tür näherte.

Und mit jedem Quietschen wurde der Schmerz in der Brust immer schwächer und immer seltener. Und mit jedem Schritt schwand das Wundern über das, was war und was ist. Er wollte nur noch auf diese Tür zu und durch sie hinaus. Wollte weg aus diesem Raum und weg von dem Schmerz, der immer wieder leise, ganz leise auftrat. Doch das ohrenbetäubende Quietschen der Tür zog ihn an, es übermalte die Schmerzen, die er trug und irgendwann stand er vor keiner Tür, sondern einem riesigen Tor aus Metall. Ein letztes Mal schaute er sich um und sah in die Weite all dieser Badewannen und roten und gelben Punkte, sah all die Menschen und die Füße, die über die Wannenränder hinausragten.

Dann trat er einen Schritt nach vorn und die Tür öffnete sich mit lautem Quietschen. Was vor ihm lag war nichts, was er hätte erwarten können. Nichts, was er sich je hätte vorstellen können. Und jetzt, da er ohne Schmerzen und ohne Fragen war, konnte er hinaustreten.

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Willst Du mit mir gehen? Ja / Nein (Vielleicht ist abgeschafft)

IMG_5097Unlängst hatten Herr Groß und ich eine eher bescheiden gute Woche. Bei ihm in der Firma ging es drunter und drüber, was uns beide ziemlich beschäftigte. Obendrein waren die Abende von einigen Wohnprojekt Sitzungen „geblockt“, so dass wir uns etwas abhanden kamen. Ich wartete sehnlichst auf Freitag und etwas Gemeinsamkeit. Doch Freitagabend rief ein Kollege von Herrn Groß an und wollte spontan mit ihm auf ein Bier gehen. Ich war nur wenig begeistert, aber ein Satz sagte mir deutlich, dass ich Herrn Groß nicht hätte abhalten können: „Das ist mir jetzt wirklich wichtig.“
Denn das war es ihm. Dringend wollte er mit dem Kollegen die Geschehnisse in der Firma besprechen. Er sagte das auch gar nicht genervt oder rechtfertigend. Einfach nur bestimmt. Es war ihm wichtig. Punkt.

Ich bin diese Art von Kommunikation aus meiner Familie nicht gewohnt. Was ich kenne, sind ewiges Betteln und mehrmaliges Nachfragen. „Na was ist nun. Sollen wir das machen?“ Anstatt zu sagen: „Ich möchte gern… Weil…“ „Ich würde mir wünschen dass… Weil…“
Aber so sind die Reaktionen dann meistens ein langfristiges Grummeln, unzufriedenes Brummen und ein am Ende genervtes „Ok dann.“ Anstatt zu sagen: „Nein, ich würde gerade lieber… Weil…“

Diese Art von Nicht-Kommunikation wird in meiner Familie heute noch so gelebt. Und sie ist mühsam. Zermürbend. Wie oft denke ich mir „Kannst Du nicht einfach sagen was Du willst??? Oder was nicht???“
An dem besagten Abend mit Herrn Groß fiel mir auf, dass viel zu viele Ängste unsere Kommunikation bewachen. Dass wir uns nicht klar ausdrücken aus Angst andere zu verletzen. Oder selbst verletzt zu werden. Abgelehnt zu werden. Und Ablehnung ist etwas, was uns verletzt. Weil wir nie gelernt haben, damit umzugehen. Dabei geht es doch gar nicht immer um uns und die Ablehnung unserer Person. Es geht – wieder einmal – um die Wahrung der eigenen Grenzen. Um das Erkennen und Akzeptieren der eigenen Bedürfnisse. Gegenseitig. Im Wechselspiel.

Kinder sind dabei – wieder einmal – die wunderbare Möglichkeit, genau daran zu arbeiten. Denn auch sie brauchen eine klare – gewaltfreie – Kommunikation. Herr Klein lieferte dafür neulich das Paradebeispiel: Wir waren am Land bei den Schwiegereltern. Er wollte, dass ich mit ihm mitkomme nach draußen. Ich hatte überhaupt keine Lust und obendrein gerade Frau Klein im Arm. Ich war dabei, sie ins Bett zu legen, stattdessen nutzte ich sie als Vorwand und sagte „Du ich muss erst noch mit Frau Klein brabbel brabbel.“ Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich sagte. Er fragte wieder „Mama, kannst Du mitkomm?“ wieder sagte ich: „Ich hab grad noch Frau Klein…“ Als er zum dritten Mal fragte, merkte ich schon, dass ich mich hier nur selbst hinters Licht führte und sagte einfach: „Nein.“ Er antwortete fröhlich „Ok.“, drehte sich um und lief allein nach draußen. So klar. So einfach.

Wir scheuen uns vor Ablehnung und trauen sie deshalb auch unseren Kindern oft nicht zu. „Ich muss aufs Klo.“ „Ich muss noch Wäsche machen.“ „Ich will erst…“ All das, was ich im Post über die Erleuchtung schon beschrieb. Ausreden und Hinhalten, statt Klarheit und Ehrlichkeit. Dabei würde es uns auch im Leben so viel weiterbringen. Den Freunden mal zu sagen, dass es uns wirklich viel bedeuten würde, wenn sie an diesem Ereignis dabei wären. (Ich denke da z.B. an meine Diplomverteidigung, zu der ich meine engsten Freunde als mich ermutigend anlächelnden Balsam einlud). Wenn wir Kollegen sagen könnten, dass wir leider wirklich keine Zeit / Ressourcen haben, ihnen einen Teil Arbeit abzunehmen, anstatt uns selbst noch mehr aufzuladen. Wenn wir akzeptieren könnten, dass unser Partner uns immer noch liebt, auch wenn er den 4. Abend die Woche lieber unterwegs ist, als bei uns daheim.

Aber auch wenn wir das wissen, so fehlt uns oft das Handwerk dazu. Gerade Sätze wie „Ich würde mir wünschen, dass…“ oder „Es ist mir wichtig, dass…“ fehlen so oft in unserer heutigen Kommunikation untereinander. Da wird Ablehnung verletzt hingenommen. Persönliche Grenzverletzungen weggeschwiegen. Aber diese Sätze kann man niemanden lehren und auch nicht auswendig lernen. Da hilft nur sie immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Diese Sätze bewusst einzusetzen, so, wie eine neue Vokabel in einer anderen Sprache. Bis sie ganz automatisch Teil des Wortschatzes ist.

Und dann schaffen wir es auch, unseren Kindern diese Kommunikation, aber auch die innere Haltung dazu – nämlich das bewusste Beachten unserer Bedürfnisse und Grenzen – natürlich und authentisch vorzuleben. Eine Haltung, mit der sie gestärkt in die Welt gehen können. Durch die, begleitet durch die Kommunikation, die sie mittragen, sie die Möglichkeiten kennen, abzulehnen, was sich nicht gut anfühlt. Und damit umgehen können, abgelehnt zu werden. Wenn sie klar äußern können, was sie wollen. Und was nicht. Und dann brauche ich mich auch nicht zurückgewiesen fühlen, wenn Herr Klein morgens auf dem Stiegenabsatz ruft: „Mama ich brauch gar kein Bussi. Komm Papa, geht los!“ Dann kann ich nur lächeln und hoffen, dass er sich diese (noch kindliche) Klarheit und Ehrlichkeit bewahrt.

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