Neulich im Death Cafe

Gestern fand bei uns im Haus bzw. unten im Salon am Park das erste Death Cafe statt. Diese Death Cafes gibt es weltweit. Sie sind eine non-profit Initiative, damit Menschen sich treffen können um ohne Anlass offen über das große und oftmals schwere Thema Tod zu reden. Und weil mich das Thema privat sehr beschäftigt und mein Leben lang schon begleitet, habe ich mich aufgemacht, um so ein Death Cafe kennenzulernen.

Wir waren eine für mich recht große Runde. Ca. 15 Frauen und Männer, von denen ich einige persönlich kannte, einige flüchtig und andere gar nicht. Das macht natürlich was aus. Rede ich mit Fremden über den Tod, wenn da vielleicht Emotionen hochkommen? Oder ist es mit ihnen vielleicht sogar einfacher als mit Bekannten und Freunden? Ich ließ mich auf all das ein und fand es äußerst inspirierend und spannend. Es war traurig und tröstend zugleich.

Traurig war für mich das Thema, als es um das Abschiednehmen ging. Das war für mich ja nicht möglich damals, als mein Bruder starb. Ein Autounfall kann eben so ein Leben radikal beenden. Als mein Vater damals fragte, ob wir mitkommen würden, um uns meinen aufgebahrten Bruder noch einmal anzusehen, war ich schockiert. Allein die Vorstellung jagte mir Angst und Schrecken ein. Warum würde man das wollen? Und wie würde man so etwas überhaupt emotional schaffen? Bleibt das Bild nicht ewig im Kopf hängen? Später habe ich mit meinem Vater mal darüber geredet und verstanden. Er ist damit aufgewachsen, bei ihm war es üblich, wie bei so vielen anderen ländlichen Kulturen auch, dass die Toten zum Verabschieden noch einmal aufgebahrt werden. Diese Tradition geht mehr und mehr verloren. Die Krankenhäuser bieten das gar nicht alle an. Stirbt jemand daheim und man ruft den Notarzt, geht alles seine geregelten Wege, der Tote wird schneller abtransportiert, als den Menschen manchmal lieb ist und man kann, ja darf es teilweise sogar nicht verhindern. Andererseits scheuen sich viele – so wie ich auch damals – davor, einen Toten zu sehen. Da ist Angst. Angst vor den eigenen Emotionen. Angst vor dem Anblick. Angst davor, dass es grausam, gruselig oder einfach unfassbar traurig sein würde. Doch je mehr wir im Death Cafe über dieses Abschiednehmen gesprochen haben, umso trauriger wurde ich. Weil die Geschichten, die andere erzählt haben vom Abschied, so tröstlich und teilweise schön waren. Und weil ich diese Möglichkeit nie hatte. Deshalb versuche ich scheinbar seit Jahren durch das Schreiben in meinen Geschichten Abschied zu nehmen. Stück für Stück. Heilsam, aber eben auch schmerzhaft.

Tröstend waren auch die Geschichten von Sterbenden, die der Tatsache, dass sie im Sterben liegen, ins Auge geblickt haben. Die akzeptiert haben, dass er unausweichlich kommen wird, der Tod. Die weniger ängstlich, eher leise und leicht in den Tod gegangen sind. Und dass es nicht immer das unfassbar grausame Ende sein muss, das für uns Menschen so ungreifbar scheint. Und so angsteinflößend.

Es hat mir wieder einmal gezeigt, dass es auch wichtig ist, mit Kindern offen diesem Thema gegenüber zu sein. Und vielleicht kann das für uns auch wertvoll sein, uns selbst dem etwas mehr zu nähern. Als ich mit 14 zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Begräbnis meines Bruders war, hatte ich keine Ahnung was auf mich zukommen würde. und ich war allein. Alle waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ich nicht nur schockiert, sondern auch verunsichert war. Der Sarg erschlug mich mit seiner Wucht, wie er da groß, gewaltig und hölzern stand. Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Und darin sollte er liegen. Das Loch in der Erde war tief. und was tat man nun? Was taten die anderen? Die Rose da rein, eine Handvoll Sand hinterher und Erde. Es ist sicher nicht das Ziel, Kinder so früh wie möglich mit auf eine Beerdigung zu nehmen, aber wenn man es tut, sollte man schon vorher viel mit ihnen darüber reden, sie darauf vorbereiten. Auf die vielen Tränen der Menschen dort, auf all die Dinge, die gesagt werden, den Ablauf. und wenn uns die Kinder über den Tod ausfragen, sollten wir das Thema nicht verdrängen, sondern offen sein. Offen für die Fragen und offen für die Antworten, die in uns auftauchen. Oder die wir gemeinsam suchen können.

Bei einem meiner letzten Besuche am Grab meines Bruders waren die Kinder mit dabei und haben mir Fragen gestellt. Das war sehr tröstlich und ein schöner Moment an einem traurigen Ort.

Unlängst fragte Herr Klein mich abends: „Mama, woran merkt man, dass man Krebs hat?“ Die Fragen der Kinder sind oft groß und weit. Aber ich glaube, dass sie uns selbst helfen können, auch für uns ein paar Antworten zu finden. Und auch den schweren Themen gut und weniger bedrohlich begegnen zu können.

 

 

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5 Wege mit dem Gefühl des Neids umzugehen

Neid ist ein furchtbar unbrauchbar und unnötiges gelbes Gefühl. Dennoch schlägt es immer wieder zu. Meist ganz unverhofft und ohne Voranmeldung. Was seine Wirkung natürlich verstärkt. Auch mich überkommt immer wieder dieses Gefühl. Das Internet hilft dabei sehr – es zeigt mir sehr oft Menschen, die etwas haben, was ich gern hätte, etwas tun, was ich so gern tun oder gern können würde. Und dann werde ich furchtbar unruhig. Meine heile Welt, in der ich mich eben noch befand, bröckelt und bröselt, es wackelt alles, wie bei einem Erdbeben und wenn ich Pech habe und nicht aufpasse, dann bricht das Haus über mir zusammen und Schutt und Geröll lagern schwer und unsanft auf mir. Mein Leben. 

Klar, da sind die Blogger*innen mit so viel mehr Followerzahlen. Da sind die Kursleiter*innen mit ausgebuchten Kursen. Da sind die Autor*innen mit ihren veröffentlichten Büchern. Da sind die Kreativen mit ihren unfassbar schönen Werken. Und ach, wer da nicht alles auftaucht und das Gefühl des Neides in mir hervorruft.

Aber in letzter Zeit macht mir das immer weniger aus. Darüber bin ich sehr froh und es hat mich dazu bewogen mal zu hinterfragen, warum ich mit Neid besser umgehen kann. Denn das ist es ja, was wir brauchen: eine Strategie. Denn der Neid, der wird immer wieder zuschlagen.

Anerkennen, dass ich neidisch bin
Anfangs haben mich diese Gefühle des Neids eben wirklich ausgehebelt und das Haus über mir zum Einstürzen gebracht. Keine Frage hat es immer wieder viel Kraft und Energie gekostet, es wieder aufzubauen. Doch schon als ich begonnen habe zu erkennen, dass es einfach Neid ist, der mich da heimgesucht hat, fühlte sich die Situationen leichter und greifbarer an. Es war nicht mehr das komplett überrumpelnde Gefühl der Hilflosigkeit, sondern ein Benennen und Erkennen. Ich habe mich dann oft gefragt: Was macht mich dabei so hilflos? Ist es Wut? Ist es Angst? Was genau in mir? Ich habe in mich hinein gespürt und ganz genau versucht zu differenzieren und dann die tatsächlichen Gefühle zu benennen. Das ist heilsam, denn es hilft uns all das wirre Chaos in Kopf und Herz zu sortieren und zu ordnen. Und das dann zu richten und zurechtzurücken.

Vor allem ist es wichtig diese Gefühle anzunehmen. Denn Widerstand bedeutet immer, dass wir das Gefühl verstärken und dazu noch destruktive Gefühle zulassen. Das bedeutet: Leiden. Christopher Germer hat in seinem Buch „Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl“ eine Formel für Leiden genannt:

Schwierige Gefühle x Widerstand = Destruktive Gefühle

Es ist also besser das Gefühl zu benennen, es anzunehmen und dadurch zu reduzieren.

Hinterfragen
Dann stellte ich mir meist die Frage: Was genau macht mich jetzt so neidisch? Diese hohe Followerzahl? Wirklich? Was sagt die schon aus? Die ausgebuchten Kurse? Wer weiß, ob das nicht ein Marketingtrick ist. Die Kreativität der anderen? Ja aber das heißt doch nicht, dass ich unkreativ bin. Ich stehe nur ganz woanders und vielleicht bin ich in anderen Bereichen viel kreativer. Da sieht man, wie schnell man durch Hinterfragen den Neid schon etwas ins eigentliche (und oft gar nicht so helle) Licht richten kann.

Eigene Fähigkeiten ins Licht rücken
Das führte unweigerlich eben dazu, dass ich meine eigenen Fähigkeiten mal ins rechte Licht gerückt habe. Worauf bin ich hier wirklich neidisch? Und wenn ich das wirklich nicht so gut hinbekomme wie der oder die da, was kann ich denn besonders gut? Was macht mich aus? Was sind meine Besonderheiten? Wieso werfen wir immer alle unsere eigenen Stärken über Bord, nur weil da jemand ist, der in einem Bereich erfolgreicher scheint? Das führt ja nur dazu, dass wir uns generell kleiner machen, als wir sind, und das dient uns natürlich nicht.

Und darüber hinaus sind wir ja ganz individuell und anders als alle anderen Menschen. Das Vernetzen und Verkaufen ist eben nicht mein Ding und deshalb muss ich eben andere Wege gehen. Das heißt ja nicht, dass ich nicht ans Ziel komme. Das heißt, dass ich meinem eigenen Selbst folge. Und das ist wichtiger, als zu schauen, was andere machen und das zu kopieren. Denn das führt dann wieder unweigerlich nur zu Neid.

Erkennen, was ich eigentlich schon geschafft habe
Und falls uns schwer fällt diese Fähigkeiten zu benennen, weil das Gefühl des Neides so unfassbar stark ist, dann hilft es einmal in Ruhe zu überlegen, was wir selbst eigentlich schon geschafft und erreicht haben. Und das ist egal welchen Bereich das abdeckt, denn was auch immer wir geschafft haben im Leben zeigt uns: Wir haben Stärke. Wir haben Mut. Wir haben Kraft. Wir sind jemand, der etwas erreicht, der seinen Zielen folgt. Wie kann es also sein, dass da jemand daher kommt und all das zunichte macht?

Für mich ist das der kraftvollste Schritt den Neid nach Hause zu schicken. Erst neulich habe ich mir wieder eine Liste erstellt an den Dingen, die ich im Leben einfach angepackt und erreicht habe. Danach war ich ziemlich stolz auf mich. Denn das war einiges und hat mich wirklich etwas beeindruckt. Manches hatte ich sogar schon vergessen bzw. ins Unterbewusstsein gerückt. Und da schlummerte es ganz einsam. Wie schade. Wir sind so viel mehr. Wir können und schaffen so viel mehr. Und ich wette du kannst das auch!

Träume und Ziele klar vor Augen halten
Und wenn ich den Neid dann schon ein wenig verkleinert und zurechtgerückt habe, dann halte ich mir wieder meine ganz eigenen und individuellen Träume und Visionen vom Leben vor Augen. Denn die sind es doch, für die ich tue, was ich tue. Und vielleicht muss ich da etwas stärker kämpfen als andere – gut. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht schaffen kann. Aber vielleicht gehe ich auch einfach ganz andere Wege, weil ich ja schließlich ein ganz eigenes individuelles Ziel habe. Also sollte ich mich auch nicht auf meinem Weg von jemand anderem in falsche Richtungen lenken lassen.

Ich denke, dass diese Schritte sehr wirkungsvoll sein können, wenn uns das gelbe Gefühl mal wieder überrannt. Vor allem, weil sie den Blick zurück auf uns lenken, auf unser Inneres. Und damit weg von dem, was uns neidisch macht und zurück zu uns selbst und in unsere innere Kraft. Früher habe ich eher versucht mir das, was die Person tut oder die Person selbst schlecht zu reden und mir glaubhaft zu machen, dass das ja so alles nicht stimmt oder nicht gut ist. Aber das hat mich negativ gestimmt auf die andere Person hin anstatt mich positiv auf mich zu besinnen. Aber bei mir zu bleiben ist einfach so viel kraftvoller.

Worauf oder auf wen seid ihr immer wieder neidisch? Wie geht ihr damit um?

 

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Verschlungen: 4 Minus 3 (und meine Version vom Sterben)

IMG_3797Den eigenen Mann oder ein Kind zu verlieren, ist für viele grausame Vorstellung genug. Alles auf einmal, Mann und zwei Kinder von jetzt auf gleich ist wohl die grausamste Vorstellung und eine, vor der man sich nur winden und drücken möchte. Weshalb ich wohl auch so lange Zeit das Buch „Vier minus drei“ von Barbara Pachl-Eberhart gemieden habe. 

Wenn ich es im Buchladen sah, traf mich sofort ein Stich in Herz und Magen. Da lag sie: Die Hölle in Buchform. Ich konnte und wollte mich nicht mit ihr befassen. Wozu auch? Wieso sollte ? Lieber froh und dankbar sein für das, was ich habe: Einen Mann und zwei Kinder. Doch die Trauer ist etwas, was mich beschäftigt. Begleitet. Seit ich 14 bin. Seit mein Bruder bei einem Autounfall gestorben ist. Seitdem unsere Familie nicht mehr die gleiche war. Seitdem ich meine Eltern trauern gesehen habe. Und meine eigene Trauer erst viele Jahre später begriff und eigentlich auch begann. Denn jahrelang habe ich sie einfach in mir drin schlafend getragen. Habe funktioniert und das Leben so hingenommen, wie es war. Jetzt eben allein. Doch irgendwann kam sie und holte mich ein. Die Trauer, die gelebt werden wollte. Von da an war sie mein wacher Begleiter.

Vor ein paar Tagen kaufte ich dieses Buch als Geschenk. Es mag etwas makaber klingen – wieso würde man jemandem damit zu Weihnachten eine Freude machen wollen? Aber ich habe es vorher abgesprochen und mir das „Ok“ für dieses Geschenk geholt. Weil ich ahnte, dass es helfen könnte. Der Person, die da so tief in der Trauer steckt. Und als ich es heim trug, es plötzlich meine Welt betrat, da ahnte ich, dass es vielleicht auch mir helfen könnte. Und am Abend nahm ich es einfach so, ganz selbstverständlich und angstlos in die Hand und begann zu lesen. Und zu weinen. Beides gleichzeitig. Unaufhörlich.

Das tut man ungefähr die erste Hälfte des Buches durch. Die Geschichte ist so nah, so ehrlich und offen erzählt, dass man nicht anders kann, als heulen heulen heulen. Aber es waren andere Tränen. Es waren heilsame. So empfand ich es. Die Worte und Sätze, die Bilder und Gedanken von Barbara sind so ehrlich, so klar und vor allem so: warm und weich. Es hat gut getan zu weinen. Es hat mich erleichtert. Und es tat hinterher nicht in den Augen weh, wie sonst, wenn ich weine.

Ich möchte nicht sagen, dass das Buch etwas ist für jeden, der trauert. Aber es ist etwas für alle, die offen genug an das Buch gehen können und verstehen, dass jeder anders trauert. Denn die Art und Weise, wie Barbara Pachl-Eberhart mit dem Tod ihrer Familie umgeht, ist ganz und gar nicht konventionell. Sie mag für einige unverständlich scheinen.

Mir hat sie vor allem eines wiedergegeben: Den Glauben daran, dass die Toten uns näher sind, als wir glauben mögen. Dass es ein Danach gibt. Eine Welt, in der sie uns empfangen, wenn wir einmal gehen. Ich habe das selbst lange geglaubt, habe mich mit 14 mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt und Bücher dazu gelesen. Und war überzeugt. Überzeugt, dass es mehr gibt, es einen Sarg und kühle Erde. Irgendwann unterwegs kam mir das Leben und die Wissenschaft in den Weg. Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. So malte ich mir eine Welt aus, die ich mir für alle Toten wünschte. So, wie ich sie mir vorstellen wollte. Und jetzt, dank diesem Buch, male ich sie weiter. Male bunter. Und glaube fester daran. Das ist es vielleicht, was mir gerade so gut tut. Und was ich womöglich auch gerade brauche. Man kann das belächeln und versuchen naturwissenschaftlich zu widerlegen. Man kann aber den Menschen auch ihren individuellen Weg und ihre Gedanken lassen.

Trauer ist unterschiedlich. Sie ist mal eine Kettensäge, mal ein weicher Watteball. Sie begegnet uns immer wie sie will, und nicht wie wir es gern hätten. Wir müssen ihren Wegen folgen. Sie zu blockieren, ihr auszuweichen, sie zu verdrängen oder zu fest halten zu wollen, gelingt nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer.

Mir tut es gut, mit diesem Thema offener umzugehen. Und genau das hat auch Barbara Pachl-Eberhart getan. Auf wundervolle Weise. Ich denke, dass Ihr Buch sehr hilfreich sein kann. Und bin ihr unsagbar dankbar für ihre Worte und die wundervollen Bilder, die sie gemalt hat um ausdrücken zu können, was und wie sie gefühlt hat.

Was und wie ich fühle ist immer wieder unterschiedlich. Vor allem jetzt, zur Weihnachtszeit. Umso mehr verkrieche ich mich manchmal in mich selbst und male wieder einmal weiter an der Welt, die ich nicht kenne, herum. Das hier, war mein letzter Versuch:

Auf der anderen Seite

Das erste, was er sah, als er erwachte, waren seine Füße. Seine Nackten Füße. Die Haare auf dem großen Zeh. Ein Muttermal direkt über dem rechten Knöchel.

Er wackelte mit den Zehen, als würde er sich zuwinken. Wie beweglich sie waren. Und wie perfekt geschnitten die Zehennägel waren. Wann hatte er… ? Bevor er zu Ende denken konnte, spürte er einen stechenden Schmerz im Brustkorb. Er hielt inne und schloss die Augen. Er krümmte sich. Er hörte laute Sirenen in seinem Kopf wie knallendes Hämmern und blaues Licht blendete seine Augen. Sein Kopf wand sich und sein Körper verkrampfte. Dann war der Schmerz verschwunden, der Kopf ruhig und still. Der Gedanke an seine perfekt geschnittenen Zehennägel vergessen. Ruhig schaute er sich an. Seine Zehen. Seine Füße und die gesamte Nacktheit seines Körpers, der hier in dieser Badewanne lag.

Im Augenwinkel sah er jemanden aufstehen. Einen Mann mit grauen Haaren und einer sehr großen Nase. Er beobachtete, wie der Mann einen weinroten Leinenumhang mit einer gelben Schnur fest um sich schnürte und, ohne sich umzublicken, langsam davon ging. Dann schaute er zurück auf seine Füße. Seine Zehen. Wackelte noch einmal kurz und hatte schon vergessen, worüber er sich gerade noch gewundert hatte.
Er betrachtete seine Finger. Dass auch diese Nägel perfekt und rund geschnitten waren, bemerkte er nicht mehr. Stattdessen strich er langsam mit dem rechten Zeigefinger über die Rostflecken der alten Badewanne, in der er lag. Sie waren orange-braun. Und bröselig. Die Badewanne war einmal silbern, aber überall blätterte die Farbe ab und die Rostflecken übernahmen die Farbherrschaft.

Neben ihm stand die leere Badewanne des Mannes mit den grauen Haaren und der großen Nase. Der Mann war bereits verschwunden und er wunderte sich nun, wohin er wohl gegangen sei. Er schaute sich um aber er konnte ihn nirgends entdecken. Da spürte er plötzlich wieder diesen stechenden Schmerz, schloss wieder die Augen für ein paar Sekunden und sah grelles blaues Licht schimmern. Immer und immer wieder. Das Hämmern wurde schwächer, sein Körper leichter. Dann war es ruhig in seinem Kopf und in seiner Brust. Er öffnete die Augen und schaute sich um.
Um ihn herum standen noch unzählige Badewannen. So weit er schauen konnte, standen unendlich viele Badewannen in scheinbar perfekt gerader Anordnung. Alle silbern. Alle rostig. Alt irgendwie. Manche waren leer. In anderen schliefen Menschen. Tief und fest.

Hier und da hingen ein paar Füße über den Rand, weil die Wannen zu klein waren für diejenigen, die in ihnen lagen.
Neben jeder Badewanne stand ein Holzhocker, weiß lackiert. Auf jedem Hocker lagen ein weinrotes Stück Stoff und eine gelbe Schnur.

Weit entfernt sahen die weinroten Stoffstücke nur noch aus wie Punkte in diesem weiten Grau. Denn obwohl er kein Fenster erblicken konnte, war dieser Raum hier, dieser Saal, dieses riesige Etwas, hell. Weit und hell. Die Decke des Raumes war ungreifbar hoch oben. Es hingen Farbstücke herab, kurz davor, jeden Moment laut scheppernd zu Boden zu fallen. Doch nichts fiel. Und nichts schepperte. Überhaupt war kein Geräusch zu hören. Und noch bevor er sich wundern konnte, wie er hier her in diese Ruhe und Stille, diesen Raum aus Nichts aus so vielen Menschen und Badewannen und sonst nichts gekommen war, spürte er wieder einen Schmerz in seiner Brust. Diesmal hielt er nur kurz inne, ließ die Augen offen und spürte das Flackern des blauen Lichtes nur noch in seinen Augenwinkeln. Kurz darauf war der Schmerz verschwunden und mit ihm die Frage nach dem Wie und Warum.

Er stand auf und stieg aus der Badewanne. Seine Füße berührten den grauen Fliesenboden, der sich weich anfühlte. Und warm. Angenehm warm.
Er nahm die gelbe Schnur vom Hocker und legte sie vorsichtig auf den Badewannenrand. Dann wickelte er sich in den weinroten Umhang, so, wie er es bei dem Mann mit den grauen Haaren und der großen Nase aus der Nachbarbadewanne gesehen hatte. Er knotete die gelbe Schnur um seine Taille und hielt mit der linken Hand das Ende der Schnur fest. Dann trat er auf den Gang zwischen zwei Badewannenreihen hinaus und blickte reglos in die Weite dieses Raumes. Dieses Saales. Dieses endlosen Nichts. Ohne Anfang, ohne Ende. Und ohne sich weiter darüber zu wundern, ging er ein paar Schritte. Er schaute nicht auf die Menschen in den Badewannen. Er wunderte sich nicht über sie und beachtete auch kaum die, die gerade, so wie er selbst, erwachten und aufstanden. Und sich nicht über ihn wunderten. Sie schnürten sich ebenfalls ihre roten Umhänge um und gingen scheinbar ziellos auf ein unscheinbares Ziel zu. So wie er.

Mit jedem Schritt sah er nach und nach eine Tür aus Metall im Nebel der Weite auftauchen. Eine Tür, die sich immer wieder öffnete und durch die immer wieder ein Mensch, der zuvor aus einer Badewanne entstiegen war, verschwand.
Er wusste nicht, was hinter der Tür war, doch jedes Mal, wenn er sich fragte, was dort sein könnte, warum die Menschen dort hin strebten, schmerzte es in seiner Brust und er musste kurz innehalten. Auch die anderen schienen hin und wieder stehen zu bleiben. Um dann, wie von fremder Hand geschoben, weiterzugehen.

Die Tür in der Ferne quietschte jedes Mal, wenn sie sich öffnete oder schloss. Das Quietschen wurde lauter mit jedem Schritt, den er sich der Tür näherte.

Und mit jedem Quietschen wurde der Schmerz in der Brust immer schwächer und immer seltener. Und mit jedem Schritt schwand das Wundern über das, was war und was ist. Er wollte nur noch auf diese Tür zu und durch sie hinaus. Wollte weg aus diesem Raum und weg von dem Schmerz, der immer wieder leise, ganz leise auftrat. Doch das ohrenbetäubende Quietschen der Tür zog ihn an, es übermalte die Schmerzen, die er trug und irgendwann stand er vor keiner Tür, sondern einem riesigen Tor aus Metall. Ein letztes Mal schaute er sich um und sah in die Weite all dieser Badewannen und roten und gelben Punkte, sah all die Menschen und die Füße, die über die Wannenränder hinausragten.

Dann trat er einen Schritt nach vorn und die Tür öffnete sich mit lautem Quietschen. Was vor ihm lag war nichts, was er hätte erwarten können. Nichts, was er sich je hätte vorstellen können. Und jetzt, da er ohne Schmerzen und ohne Fragen war, konnte er hinaustreten.

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