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Die vielen Facetten von (Un)Geduld

In meiner Umfrage letztlich fragte ich, welche Themen Euch besonders interessieren. Eines, das immer wieder auftauchte, fast bei jedem zweiten Kommentar hindurchschien, war das Thema Geduld. Geduldiger im Umgang mit den Kindern, geduldiger in Alltagssituationen.

Ich habe immer geglaubt, dass ich nicht sonderlich geduldig bin. Bin ich wohl auch nicht, bei mir müssen Ideen am liebsten immer gleich vorgestern umgesetzt werden. Gestern habe ich eine Immobilienfirma wegen eines Geschäftslokales angeschrieben und möchte heute die Wände hochgehen, weil ich noch keine Antwort habe. Aber mein Jahresmotto lautet Geduld und ich übe mich erstaunlich gut darin. Und merke immer wieder, wie wertvoll das ist, weil sich Dinge dann ergeben, wenn die Zeit reif dafür ist. Oder dass sie sich dann einfach nicht ergeben, was dann aber auch gut so ist und seinen Grund hat.

Im Umgang mit den Kindern hält man mich in meinem Umfeld für recht geduldig. Ich lächle da immer drüber. Denn man hält mich da für so einiges, was ich hinter meiner Wohnungstür manchmal gern hätte. Ruhig, gelassen, organisiert, achtsam… und geduldig eben. Aber natürlich läuft es auch bei mir zuweilen drunter und drüber. Und natürlich reißt auch mir hin und wieder dieser goldene Geduldsfaden, von dem alle reden.

Das hat dann aber nicht immer etwas damit zu tun, dass ich nicht geduldig genug bin. Geduld hat verschiedene Facetten und die sollten wir besser kennen.

Geduldswollknäuel

Es ist nämlich gar nicht so, dass wir Eltern immer zu ungeduldig sind. Es ist eher so, dass wir zu lange unklar sind. Das können ein paar Minuten sein, in der wir nicht klar sagen, was wir wollen. Das können aber Jahre sein, in denen wir nicht klar geäußert haben, was wir erwarten. Und irgendwann flippen wir aus. Und dann reißt uns der Geduldsfaden, dabei ist das schon ein langes Knäul geworden, das wir nicht mehr durchblicken.

Ich bin zum Beispiel schon immer relativ schlecht darin gewesen die Kinder zum Händewaschen zu bringen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich da einfach nicht dran denke, wenn wir heimkommen. Da verstaue ich den Einkauf, da müssen alle aufs Klo, da braucht ein Kind ne frische Windel, da haben alle Hunger, da klopfts schon wieder an der Tür… Wenn ich dann aber mal einen recht organisierten und ruhigen Tag habe und das Händewaschen einfordere, die Kinder sich aber dagegen wehren oder zögerlich ihre Hände dem Wasserhahn vorstellen, dann kann es sein, dass ich total ausflippe. Weil mich das nervt, dass sie nicht einsehen, wie viel angenehmer gewaschene Hände sind Gleichzeitig spielt da aber auch der Ärger über mich selbst, dass ich das nicht regelmässig auf die Reihe kriege, mit rein.

Wenn Miniklein auf den Balkon geht und ein bisschen mit der Erde spielt, ist das eigentlich nicht okay für mich. Gut, ist er fünf Minuten beschäftigt. Also kann es passieren, dass ich ihn lasse und denke: Kehre ich dann halt nachher wieder alles zusammen. Wenn ich dann aber nach fünf Minuten wiederkomme und die Erde ist überall, auch in ihm und fliegt bereits vom Balkon, dann kann ich ausflippen. Dabei hätte ich schon viel früher eingreifen können und sollen.

Wenn die Kinder streiten, dann kann es schon einmal passieren, dass ich das nicht gut aushalte. Das passiert meist dann, wenn ich zu lange zugesehen habe und mir gedacht habe: „Ich lasse sie mal machen. Ich mische mich da jetzt nicht ein.“ Das kann gut gehen. Das kann aber auch gewaltig daneben gehen. Das hängt von der Situation ab und eigentlich weiß ich im Nachhinein sofort, dass es keine Situation war, die sie hätten allein klären können. Weil beide schon viel zu müde waren, weil die Stimmung schon vorher aggressiv war oder weil es einfach ein Konflikt war, der von mir ein klares Wort gebraucht hätte.

Wir glaube dann, die Geduld zu verlieren, dabei haben wir viel zu viel davon, die schlummert in uns und brodelt vor sich hin, weil wir meinen gelassen zu sein und geduldiger sein zu wollen. Aber irgendwann ist der Topf zu klein und das heiße Wasser schießt kochend nach oben – wir flippen aus.

 

Grenzüberschreitung

Wenn mein Sohn mit dem Essen herum manscht, dann schaue ich mir das oft eine Weile an. Aber hier genau ist es eben wichtig, dass ich mir selbst klar bin: Was halte ich aus? Wo ist meine Grenze? Wenn dann batziges Essen herumfliegt, ist bei mir der Ofen aus. Im Moment lernt er eben mit Besteck zu essen. Das finde ich spannend, aber es ist dabei wichtig den Moment zu erwischen, wo ich klarstelle: Das will ich nicht. Er darf natürlich gern eine Sauerei machen dabei, weil ihm Essen vom Löffel fällt oder tropft, weil ihm Dinge von der Gabel hüpfen. Aber wenn er dann mit den Löffel in der Schüssel herumklopft, so dass alles fliegt, ist Schluss. Das kann ich aber im Vorfeld sehen, dass das kommt. Dazu muss ich eben nur anwesend, achtsam und beobachtend sein. Wenn ich das nicht bin, kann ich schon mal die Geduld verlieren, die ich zu lange hatte.

Die Stimmen der anderen

Was uns auch oft dazu bringt, dass wir meinen ungeduldig zu sein, ist wenn wir die Stimmen anderer im Kopf haben. Wenn wir einen Artikel gelesen haben, wo eine Mutter etwas ganz anders macht und behauptet, wie gut oder schön das wäre. Wenn wir im Gespräch mit anderen Eltern erfahren haben, wie die Situationen handhaben und was die ausprobieren und meinen: Das teste ich jetzt auch mal. Und dann merken wir, dass das vielleicht gar nicht unser Fall ist. Dass wir das gar nicht so wollen. Aber andere machen das ja auch und das soll ja angeblich so gut fürs Kind sein. Und bei denen da funktioniert das doch auch. Und die ist doch sonst auch so gelassen und entspannt, vielleicht hilft das ja was. Aber dann sind wir nicht wir selbst, dann agieren wir als jemand anderes und tragen aber unsere eigene Erwartung in uns und das kracht dann irgendwann. Also müssen wir uns immer fragen: Was passt zu mir? Wo kann ich mitgehen und wie weit?

Mir kann es passieren, dass ich eine Situation, zu der ich andere Eltern schon hilfreiche Tips und Ratschläge geben habe, selbst nicht auf die Reihe bekomme. Da verliere ich dann viel schneller die Geduld, weil ich zum einen verärgert bin oder überfordert mit der Situation selbst und zum anderen denke „Das kann doch nicht sein, ich kann das doch nicht anderen sagen, wie es geht und kriege es selbst nicht gebacken!!!“ Hilft eigentlich gar nichts, letztendlich bin ich auch nur ein Mensch.

Haltungsschäden

Ein weiterer Grund, warum wir die Geduld verlieren, ist of die innere Haltung, die etwas in Schieflage ist. Wenn ich nämlich mein Kind bitte, die Schuhe auszuziehen und ins Regal zu räumen, weil ich gemerkt habe, dass ich in der Hinsicht ein wenig konsequenter sein will und soll, mir aber gleichzeitig denke „Das macht er doch eh nicht.“ dann wird er das auch nicht tun. Und dann werden wir vermutlich noch zweimal nachfordern, weil wir ja jetzt da konsequent sein wollen. Und dann werden wir die Geduld verlieren. Also ist es sinnvoll, zuerst unsere Erwartung und die entsprechende Haltung zu richten und gerade zu rücken.

5 Sekunden

Wo wir Eltern wirklich keine Geduld haben ist im Zeit geben und Abwarten. Wenn wir unsere Kinder um etwas bitten, dann tun wir das oft, wenn wir etwas wollen, aber selten in Momenten, in denen die Kinder darauf eingestellt sind. „Komm jetzt, wir müssen los.“, „Geh bitte Zähne putzen.“, „Komm Essen!“
Und wenn die Kinder das nicht gleich tun, dann werden wir ungeduldig. Dabei haben unsere Kinder ja oft vor zu tun, worum wir sie bitten, nur wollen sie noch schnell etwas fertig machen. Wenn wir ihnen hier 5 Sekunden schenken und ihnen dabei zutrauen, dass sie reagieren werden, dann können wir uns viel Ärger ersparen. Denn Kinder können ebenfalls recht genervt sein, wenn wir sie um etwas dreimal bitten, was sie sowieso tun wollten, als wir zu ungeduldig waren es ihnen zuzutrauen und abzuwarten.

Selbstgeduld

Naja und letztendlich sollten wir auch geduldig mit uns selbst sein. Wir sind einfach nur Menschen. Wir haben gute und schlechte Tage. Wir tun unser bestes. Wir geben oft viel und manchmal viel zu viel. Da darf man auch mal erschöpft die Geduld verlieren. Es tut gut eine Weile zu beobachten, wann und in welchen Situationen wir ungeduldig werden und was der eigentliche Auslöser dahinter ist. Der ist nämlich gern eine perfektionierte Erwartungshaltung an uns selbst. Und das tut uns und unseren Kindern nicht gut.

Empfindet Ihr Euch auch zu ungeduldig mit den Kindern? Welche Situationen sind das? Ich freue mich auf Kommentare, denn ich würde gern noch mehr Alltagsbeispiele dazu beleuchten in weiteren Artikeln!

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Donnerstagsrealitäten :: Die streiten ja nur! (stimmt ja gar nicht)

In der Früh erwache ich vom Kreischen und Schreien der beiden Großen. Ich liege im Bett bei Miniklein, der in der Nacht wieder raufgefiebert hat. „Wieso müssen die schon wieder streiten und so lärmen??“ denke ich müde und verdrehe meine noch geschlossenen Augen. So fängt doch kein guter Tag an, dröhnt mein Kopf.

Um 8 Uhr sind die großen Leut hier alle aus dem Haus und ich mit Miniklein allein. Etwas Ruhe. Um 9 Uhr schlummert Miniklein im Träumeland und ich sitze mit Kaffee auf dem Sofa. Ich könnte arbeiten, aber ich bin fertig. Von der Nacht. Von den letzten Tagen. Und von diesem lauten Morgen. Was ist nur los mit den beiden Großen? denke ich. Und überlege ein bisschen. Dauernd streiten sie. Lärmen. Kreischen. Warum warum warum? Was ist da los?

Und während ich müde meinen mittlerweile kalten Kaffe schlürfe, muss ich lächeln. Stimmt ja alles gar nicht. Die streiten ja nicht nur.

Gestern erst haben sie in innigster Einigkeit und größter Freude gemeinsam das Bad geflutet. Da waren sie quietschvergnügt zu zweit. Beim Abholen von Herrn Klein läuft Frau Klein ihm oft entgegen und winkt ihm fröhlich zu.

Herr Klein war heute auf einem Kindergeburtstag. Quasi Ruhe mit nur zwei Kindern bis 17:30Uhr. Kaum treffen die zwei aufeinander, kracht es wieder. Wer im Lastenrad neben Miniklein sitzen darf führt fast zu einer Prügelei. Ich warte, seufze und warte, bis sie sich einig sind. Dann radel ich los. Herr Klein wirkt gereizt. Angespannt. Kein Wunder. Lange Schultage, Berlin sitzt ihm noch in den Knochen, dann ein Kindergeburtstag. Alles ist viel. Und überhaupt ist die Welt aggressiv heute. Da hupt schon wieder ein Autofahrer. Der Bus hat heute einen halben Meter neben Frau Klein Gas gegeben, weil sie ihm zu langsam über die Straße ging. Und zwei Autofahrer haben mich angehupt, weil ich bei rotgrün noch knapp auf der Straße war. Die Hitze macht die Menschen aggressiv. Wieso also nicht auch die Kinder?

Mit einer Mutter rede ich über die Kinder. Ihr Sohn sei auch gerade so anhänglich. Da klickert es wieder in mir. Herr Klein ist momentan selig, wenn er meine vollste Aufmerksamkeit hat. Sein Wechsel zwischen „Ich will allein in die Schule gehen“ und „Nein, lieber doch nicht.“ zeigt mir, wie es ihn ihm grad zugeht. Frau Klein wünscht sich, dass ich sie mal wieder in den Kindergarten bringe, statt immer nur der Papa gemeinsam mit dem Bruder…

Es sind nicht die Geschwister, die sich dauernd streiten und nicht mögen. Es sind die Kinder, die jeder für sich ihre Aufmerksamkeit suchen, ihre Portion Mama und Papa, ihre Erholung, die sie allein schwer finden. Und wenn beide gesättigt sind, dann finden sich auch wieder untereinander zueinander. Weil sich dann neue Türen öffnen und neue Wege bahnen. Und irgendwie geht es mir doch auch so. Wenn ich Ruhe und Zeit mit dem Liepsten habe, kann ich mich besser auf Freunde und Bekannte einlassen, wenn ich gute Gespräche mit Freunden geführt habe, bin ich wieder mehr bei mir und aufmerksamer für die Kinder. Ein ewiger Kreislauf. Ein guter Tag mit den Kindern führt zu einem guten Abend mit dem Liepsten, weil ich zufrieden und glücklich bin mit diesem wuseligen Haufen hier.

Wie immer hilft also mal wieder die Umkehrsicht. Also statt „die streiten ja nur“ zu fragen: „Wann streiten sie eigentlich nicht?“ Das hilft mir in vielen Situationen. Auch bei mir selbst. Von „nichts funktioniert hier“ über „ich kann überhaupt nichts“ bis hin zu „ich bin immer nur genervt“ hilft das Umkehren dieser Aussagen. Im Kinderbuchworkshop letztes Mal haben wir das als Schreibaufgabe gehabt. Beschreibe einen starken Charakter, eine besondere Eigenheit. Und dann: Beschreibe eine Situation, in der die Person nicht so ist. Ist sehr augenöffnend. Spannend und interessant.

 

Probiert das mal aus! Demnächst schreibe ich mal wieder darüber, wie ich am besten mit solchen Situationen, in denen sie sich eben doch streiten, umgehe. Aber dabei hilft mir eben als erster Schritt zu sehen, dass es nicht immer so ist. Das macht schon sehr viel, findet Ihr nicht?

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Save the date – Achtsamkeit im Alltag

Seit fast einem Jahr trage ich diese Idee mit mir spazieren. Jetzt ist sie ausgereift und ich fühle mich bereit für meinen ersten Präsenzworkshop zum Thema Achtsamkeit. 

Der Alltag beherrscht uns oft mehr als wir ihn. Stress, Termine, ToDos, Hektik und grundsätzlich zu wenig Zeit. Es ist nicht leicht dem ganzen zu entfliehen und Ruhepausen zu finden…

Doch Ruhe und Entspannung bedeuten nicht immer eine einstündige Meditation auf der Matte. Wir können uns viel mehr kleine Oasen der Achtsamkeit im Alltag schaffen, wenn wir nur einige Dinge bewusst beachten und steuern. Das können kleine Atemübungen sein, bewusstes Innehalten, Gefühle spüren, eine Dankbarkeitspraxis, Gehmeditationen auf dem Weg zur Arbeit und Achtsamkeit in alltäglichen Tätigkeiten. Aber auch die Themen Selbstfürsorge und Selbstachtsamkeit spielen hier eine große Rolle.

In diesem 3-tägigen Workshop widmen wir uns all diesen Themen, wir machen kleine Übungen und reflektieren in der Gruppe, diskutieren, was uns beschäftigt und nehmen einen Rucksack voller Erfahrungen und Stille mit nach Hause.

Ich freue mich, wenn du dabei bist. Bis zum 24.7.2017 gilt der Frühbucherpreis.

Für mehr Infos und zur Anmeldung geht es hier entlang. 

Ich freue mich auf Euch!

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