Stur wie eine Bohrmaschine

Als ich klein war, wurde mir immer gesagt ich sei stur wie eine Bohrmaschine. Das hätte ich von meinem Vater, der sei auch so gewesen als Kind. Wenn Frau Klein bei jeder Bitte von mir mit „Nein!“, „Ich will aber…“ oder einfachem Nichttun reagiert, muss ich oft an den Satz mit der Bohrmaschine denken. Denn Frau Klein ist auch sehr stur. So wie ich. So wie mein Vater. Liegt wohl in den Genen.

 

Ist aber eigentlich egal wo das liegt. Sturheit ist eine Charaktersache. Bei den einen weniger ausgeprägt, bei den anderen mehr. Und Sturheit ist in unserer Gesellschaft etwas negatives. „Sei nicht so stur!“ oder „Herrje bist Du aber stur wie ein Esel!“

Wenn man das als Kind hört, fühlt man sich damit nicht besser. Im Gegenteil. Es vermittelt das Gefühl von: Du bist falsch. Du musst anders sein. Und weil das selten dem eigenen Ich entspricht, führt es zu Ablehnung und noch mehr Sturheit. Ein Teufelskreis.

Im Leben mit Kindern ist Sturheit nun aber einmal anstrengend. Das ist leider so. Und so kam es, dass wir mit Frau Klein wirklich nicht mehr weiter wussten. Wir waren am Limit, wir wurden oft laut, wir fürchteten jegliche Auseinandersetzung, weil sie oft im Kampf endete. Ist ja nur ne Phase, kann man meinen. Aber wenn diese Phase anhält und man die Freude an gemeinsamer Zeit und gemeinsamen Begegnungen verliert, wird es nicht nur anstrengend, sondern auch traurig irgendwie. Denn dann geht Leichtigkeit verloren und gemeinsamer Spaß. Aber genau das sollte doch Kindheit sein. Leicht. Spaßig. Fröhlich.

Im monatlichen Gesprächskreis brachte ich das Thema auf den Tisch. Und wurde gefragt, was denn Sturheit für positive Seiten habe. Nun, das konnte ich gut beantworten, lebe ich ja selbst ein Leben als Bohrmaschine. Ich zählte sofort auf:

  • Zielstrebigkeit
  • Fokussiertheit
  • Willensstärke

Und als wir so darüber sprachen in wieweit sich diese Eigenschaften bei Frau Klein zeigten, da spürte ich eine innere Wärme. Denn da war plötzlich nicht mehr nur Frust und Ärger. Da sah ich sie in einem anderen Licht und vor allem: Ich sah sie wieder. Vorher hatte ich einfach ein Bild von ihr im Kopf und das trug ich mit mir herum. Das ließ mich tief durchatmen, bevor ich sie vom Kindergarten abholte. Das ließ mich in die Luft gehen bei jedem kleinen Nein von ihr. Das ließ mich morgens schon in den Kaffee stöhnen, wenn ich merkte dass es Zeit war ihr zu sagen sie solle sich fertig machen. Plötzlich sah ich Frau Klein wieder. Ja, das sture kleine Wesen. Aber auch die Person, die sie war, wenn sie einfach sie selbst war. Klar, stark, eigenständig, fröhlich, interessiert und so vieles mehr.

Natürlich – die Sturheit ist geblieben und steckt in ihr so wie in mir. Sie fordert uns. Täglich. Aber wenn wir es schaffen hin und wieder abzurücken von unseren zurechtgesteckten Schubladen, wenn wir unsere Bilder von unseren Kindern von diesen ablösen und den Film abstreifen, den wir über sie gelegt haben, dann können wir wieder klarer sehen, so viel mehr sehen und uns wieder mehr an ihnen erfreuen. Und dann können wir ihnen wieder neu begegnen. Offener. Leichter. Achtsamer. Und sie werden entsprechend reagieren. Probiert es aus!

 

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Comments

  1. Zu diesem Thema gab es hier ein Forum. Was die Bilder, die wir von unseren Kindern haben mit uns machen. Das klang spannend, aber ich konnte nicht hingehen. Schön, dass du den Blickwinkel ändern konntest.

    • Das ist wirklich ein großes Thema, denn da steckt schon ganz viel in uns drin wenn sich ein Bild mal verfestigt hat…

  2. Wie wahr!
    So oft habe ich schon bei jedem der drei gedacht, ach, könnte es nicht so und so sein, könnte es nicht einfach mal…
    Nein, oft können sie genau dies nicht.
    Besonders unsere Jüngste ist sehr willensstark.
    Jetzt in der 3. Klasse macht sie endlich im guten Tempo mit, denn „jetzt gibt es ja endlich Zahlen und keine Buchstaben mehr“ – scheinbar hat sie die Beurteilungen nicht ernst nehmen wollen, findet echte (gute) Noten aber erstrebenswert.
    Es ist soooo anstrengend, aber innerlich grinse ich oft über ihre besondere Art.

    • Ja, eigentlich freue ich mich ja wirklich über ihre Art, lächle dabei mein eigenes Ich, das in ihr steckt, an und wünsche ihr damit einen wirklich guten Weg. Aber hin und wieder… puh.
      Danke fürs Vorbeischauen!

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